Schicksal In Schönheit gestorben

Warum stürzte das Topmodel Ruslana Korshunova in den Tod? Eine Spurensuche in New York.

Von Kerstin Kohlenberg Fotos Erika Larsen

Neben der Balkontür steht immer noch die Umzugskiste. Unnütze Kleidung, Cowboystiefel und leichte grüne Schuhe, steht drauf. Ein unausgepackter Rollkoffer liegt in der Ecke, auf der Heizung stapeln sich Zigarettenschachteln, die Water Street liegt neun Stockwerke tiefer.

Es ist der frühe Nachmittag des 28. Juni, ein Samstag, die Gegend an der Spitze von Manhattan ist wie ausgestorben. Vor drei Monaten ist Ruslana Korshunova hier eingezogen. Auf dem Boden liegen Bücher, frische Wäsche, eine grüne Plüschschildkröte. Im Kleiderschrank stehen hohe weiße Keilabsatz-Schuhe, die sie auf dem Laufsteg getragen hat. Die Wände sind kahl.

Am Montag ist sie von einem fünftägigen Fototermin in Paris wiedergekommen. Dann war sie in Atlanta, am Mittwoch wieder New York, eine Werbekampagne, Freitag Fotos für das Luxuskaufhaus Neiman Marcus. Am Montag soll der Job weitergehen. Ruslanas Tagessatz beträgt 7500 Dollar. Es sind noch vier Tage bis zu ihrem 21. Geburtstag.

Ruslana öffnet die Balkontür. Vor dem Balkon hängt ein schwarzes Schutznetz, nebenan wird gebaut. Ruslana schneidet das Netz mit einem Messer auf, guckt hinunter auf ein großes hölzernes Dach über dem Gehweg. Wird sie darauf landen? Sie ändert ihren Plan, zerschneidet auch das orangefarbene Plastiknetz zum benachbarten Rohbau, steigt auf das Geländer und springt auf das Gebäude. Dann stürzt sie sich hinab. Ohne Schuhe, in Jeans und lila Trägerhemdchen, mit ihrem Schlüsselbund in der Hosentasche liegt sie um 14.30 Uhr vor dem Nachbarhaus. Ein Straßenverkäufer hat sie die letzten Meter fallen sehen.

So rekonstruiert die Polizei die Ereignisse und schließt den Fall am nächsten Tag ab. Selbstmord. In den Medien steht, dass Ruslana depressiv und überarbeitet war. Es heißt, sie habe aus dem Modelgeschäft aussteigen wollen. Sie soll Geldprobleme gehabt haben, und es tauchen Übersetzungen von ihrer russischen Social-Networking-Seite Odnoklassniki (Klassenkameraden) auf: Texte, in denen sie am Sinn des Lebens zweifelt. Ruslana erscheint als eines dieser ausgebeuteten spindeldürren Mädchen, die das harte Modelgeschäft nicht überlebt haben.

Anderthalb Wochen nach Ruslanas Tod steht die Tür zum Balkon wieder offen. Der Verkehr ist so laut, dass man sich kaum unterhalten kann. Auf dem Sofa sitzen Ruslanas Exfreund Artem, 24, ihre beste Freundin Kira, 23, und ihr Manager. Der Manager, Ende 30, sein genaues Alter will er nicht sagen, lässt sich von einem stummen Model begleiten und telefoniert. Auch seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, ein totes Model ist nicht gut fürs Geschäft. Kira hat ihre langen Beine überkreuzt und blättert in einem von Ruslanas Büchern. Sie wäre auch gerne Model geworden, aber sie ist nicht so schön, wie Ruslana es war. Jetzt makelt sie Wohnungen. Artem, der den beiden Frauen nur bis zum Kinn reicht, wandert mit geschorenem Kopf durch das Apartment und greift nach der grünen Plüschschildkröte, "die hab ich ihr in unserem ersten Urlaub gekauft", nach einem Bewerbungsbogen für die Columbia University, "sie wollte studieren". Er geht zur Balkontür, "Ruslana hatte doch Höhenangst. Sie rauchte noch nicht einmal auf dem Balkon."

Der Manager hat jetzt zu Ende telefoniert und übernimmt sofort das Gespräch. "Ruslana war super im Geschäft. Sie war kurz davor, eine Million im Jahr zu machen. Bringt man sich da um? Und warum war sie barfuß? Wer springt barfuß in einen Rohbau, wo Nägel auf dem Boden liegen? Warum hat sie keinen Abschiedsbrief hinterlassen? Warum hat die Polizei keinen von uns ausführlich befragt? Und warum ist der leitende Polizist am Tag nach ihrem Tod in Urlaub gefahren?"

Artem war der Letzte, der Ruslana lebend gesehen hat. "Sie hat über Bauchschmerzen geklagt, aber sonst war sie wie immer", sagt er. Er hatte sie am Freitagabend gegen 23 Uhr zu Hause abgeholt. Sie sahen bei seinen Eltern fern. Ruslana schlief vor dem Fernseher ein, er weckte sie und fuhr sie nach Hause. Da war es vier Uhr morgens.

Auch Kira kann sich an nichts Ungewöhnliches erinnern. Sie hat Ruslana das letzte Mal am Donnerstag gesehen, zwei Tage vor ihrem Tod, im Central Park. "Sie kam von einem Shooting, ihre Haare waren ganz lockig." Und dann sagt Kira den Satz, der in den nächsten Stunden das Mantra der drei auf dem Sofa wird: "Sie hätte sich nie das Leben genommen."

Verdrängen hier drei Leute etwas, weil Selbstmord ein schlechtes Licht auf sie werfen würde? Die Rabenfreunde, die nur die Märchenfigur Ruslana sehen wollen? Ruslana, die Schöne, Ruslana, die Umsatz macht, Ruslana, die um die Welt reist, Ruslana, die aus Tokyo lustige Handyanhänger mitbringt, Ruslana, die zu Hause in Dior-Anzeigen zu sehen ist, in Shampoowerbung und Parfümclips, während Kira ins Büro geht und Artem Feuerlöscher installiert und der Manager Prozente kassiert?

Oder sind ihre Zweifel berechtigt, und wenn sie jetzt Reiseführer, Französisch- und Englischbücher, russische Gedichte, Kants Metaphysik der Sitten und das Buch It’s not how good you are, it’s how good you want to be in einen Karton stopfen, packen sie dann ein Leben ein, das, wie sie sagen, glücklich war?

Ruslana ist nie eines dieser russischen Mädchen ohne Zukunft gewesen. Sie ist ein Stadtkind, das im Zentrum von Almaty aufwächst, der ehemaligen Hauptstadt von Kasachstan, einer Großstadt, umringt von schneebedeckten Bergen. Der Vater stirbt, als sie sechs ist, aber der Familie geht es finanziell gut; die Mutter arbeitet als Kosmetik-Vertreterin. Ruslana geht in eine Begabtenschule, lernt Deutsch, spielt Klavier, nimmt Gesangsstunden. Und sie hat diese bodenlangen Haare. Sie sind der Traum ihrer Mutter, und die pflegt ihn. Bis Ruslana 16 ist, hat sie ihre Haare kein einziges Mal selbst gewaschen.

Es sind diese Haare, die ihr den ersten Job als Model verschaffen. Einer Lehrerin, die nebenbei für das Bordmagazin Asia arbeitet, fallen sie auf, und so posiert Ruslana mit 15 für das Magazin in freizügiger Tarzanverkleidung unter einer Palme, die offenen kastanienbraunen Haare fast bis zum Boden.

"Sie war schüchtern, aber sie hat gut gearbeitet", erinnert sich der Fotograf Boris Brul. Auf einem Flug nach Moskau sieht Talentscout Tatiana Cherednikova das Magazin im Juni 2003. Aber Ruslanas Mutter ist nicht an einer Modelkarriere für ihre Tochter interessiert, sagt Brul. Sie will, dass Ruslana studiert. Cherednikova weiß, was man in solchen Fällen macht. Sie fliegt nach Almaty und überredet die Mutter, zumindest Probeaufnahmen von Ruslana zuzustimmen.

Danach geht es ganz schnell. Mitte November zeigt Cherednikova die Bilder einer englischen Agentur. Im Januar 2004 fliegt Ruslana alleine nach Moskau, wird für die russische Cosmopolitan fotografiert. Sie trägt noch Zahnspange und ist nur 1,74 Meter groß. Alles egal. Sie fliegt nach Paris, macht Fotos für das Magazin L’Officiel. Sie hat jetzt eine Agentur in Moskau, London und Paris. Im Frühling kehrt sie nach Almaty zurück, macht Abitur, lässt ihre Spange entfernen. Im September 2004 läuft sie auf der Fashion Week in London für Paul Smith, Kenzo und Preen. Sie spricht fließend Deutsch, aber kein Wort Englisch. Sie ist jetzt 17.

Und macht Schulden. Für eine Magazinstrecke steht sie tagelang in einem dünnen Kleid im Schneesturm. "Geld gibt es für solche Magazingeschichten wenig, der Flug kostet fast immer mehr, als man verdient", sagt Tatiana Cherednikova am Telefon in Moskau. "Aber solche Editorials sind wichtig für den Start."

Die Agentur legt die Kosten für Setbilder, Reisen, Unterkunft aus, Ruslana muss sie von ihren späteren Gagen zurückzahlen. Jedes neue Setbild, jeder Kurierdienst wird dazugerechnet. Das ist Standard in der Branche. Zusätzlich nehmen die Agenturen Kommissionen auf die Verdienste der Models. Agenturen in London und New York behalten 20 Prozent, in Mailand 40, manchmal 50 Prozent, in Paris behalten fast alle 70 Prozent des Honorars.

Ruslana hat Glück, sie bekommt einen gut bezahlten Werbevertrag mit Clarins, im November 2005 ist sie auf dem Titel der französischen Elle, die sie als neues Gesicht feiert. Sie erzählt dem Magazin, dass sie die Welt entdecken will. Sie pendelt jetzt zwischen London und Paris. Sie ist für ein paar Wochen in Tokyo, dann wagt sie den Sprung nach New York. Dort, wo das meiste Geld ist, wo die größten Kunden sind, das beste Geschäft. Sie ist jetzt 18.

Katerena sitzt an einem langen Holztisch in einem belgischen Restaurant in der Nähe des Union Square in Manhattan. Im Umkreis von wenigen Hundert Metern sind hier alle großen New Yorker Modelagenturen angesiedelt. Auch Marilyn, die Agentur, bei der Ruslana in den ersten beiden Jahren in New York war.

Katerena trägt Chucks, ihre dünnen Beine stecken in karierten Hosen. Auch sie arbeitet als Model, auch sie fing mit 15 an. Katerena kennt Ruslana aus ihrer alten WG in Brooklyn. Bevor Ruslana dort einzog, hatte sie in einigen Modelapartments gewohnt, die von den Agenturen gegen eine hohe Miete zur Verfügung gestellt werden. Es gibt Etagenbetten, die Mädchen wechseln wöchentlich. Von dort aus schickt die Agentur die Models auf unzählige Castings.

"In den ersten Jahren ist es für ein Model wichtig, dass es sich einen Namen macht, ansonsten wird es immer älter und geht unter in der Flut neuer junger Gesichter", sagt Katerena. Wichtig sind Titelbilder, Magazinstrecken von bekannten Fotografen und Werbung für große Marken. Ruslana war unter Vertrag für Pantene-Haarpflegeprodukte, Dior-Make-up, Paul Smith, DKNY, Moschino, kein schlechter Anfang.

Auch Katerena war einmal an diesem Punkt, aber es ging nicht weiter. Sie litt unter der ständigen Diät, unter den Reisen, immer im Flugzeug, immer neue Leute, keine Freunde, sie vermisste ihr Zuhause. "Ich bin jetzt 25 und empfinde mich als eine Überlebende des Business", sagt sie. Sie modelt nur noch manchmal, versucht nebenbei, eine Modelinie aufzuziehen.

"Wenn wir anfangen, sind wir Kinder, die aussehen wie Erwachsene", sagt Katerena, "da soll man nicht überrascht sein, wenn wir wie Kinder reagieren." Ruslana sei ein Kind gewesen, "schüchtern und immer etwas ernster als alle anderen". An ihre Tasche steckte Ruslana bunte Buttons, wie sie Schulkinder an ihren Rucksäcken haben. Sie weinte schnell, sie war emotional, verletzlich.

Ein paar Tage später sitzt Artem auf dem roten Sofa seines Garagenbüros. Er hat sich vor zwei Jahren mit einem Installationsbetrieb selbstständig gemacht. Es ist schwer, mit ihm über Ruslana zu reden. Immer wieder kommt er auf die Polizei zurück. Er glaubt, sie habe den Tod nur so schnell zum Selbstmord erklärt, um zu sparen. Er habe gehört, sagt Artem, dass Wochen vor Ruslanas Unfall einige Stockwerke tiefer eingebrochen worden sei. Jemand sei auf den Balkon geklettert und von dort in die Wohnung. So sei das bestimmt auch bei Ruslana gewesen.

Weder die Polizei noch der Hausmeister oder die Hausverwaltung können das bestätigen. Es gab keinen Einbruch. Artem glaubt dennoch daran. Denn Wut ist besser als Trauer.

Wie fast alle von Ruslanas Freunden ist Artem Russe, der Einzige von ihnen, der in New York aufgewachsen ist. Er wollte Ruslana heiraten. Ein Jahr nachdem sie sich in Ruslanas WG kennengelernt hatten, waren die beiden in einen brandneuen Wolkenkratzer in Queens mit Blick auf die Skyline gezogen. "Die Katze, die ich ihr geschenkt habe, haben wir unser Kind genannt", sagt Artem. Die beiden gehen zelten, fischen, machen viel allein. Aber meist ist Ruslana unterwegs.

Anfang letzten Jahres ist sie vier Wochen in Tokyo, sie ruft ihn an, weint, weil sie am Valentinstag alleine ist. Artem kauft ein Paar Diamantohrringe und fliegt nach Tokyo. Er bleibt zwei Wochen. Nachdem er wieder abgefahren ist, schreibt Ruslana ihm auf seiner MySpace-Seite: "welcome back home my love, miss you soooooooooooo much, from first minute, it’s so empty here without you.. why we are so silly? you and me.. last days."

Ruslana ist angespannt. Sie hat Sorge, nicht genug Arbeit zu bekommen. Die Agentur hat ihr den Flug und die Unterkunft finanziert, sie aber ist mitten in eine Ferienwoche in Japan geraten, es ist nichts los. Sie ruft ihre Entdeckerin Tatiana Cherednikova an. Tatiana erledigt ein paar Anrufe und beruhigt Ruslana. Die Agentur bucht einen Job für sie, der die Ausgaben ausgleicht. Am Ende bleibt Tokyo ein finanzieller Misserfolg. Sie ist jetzt 19.

Zu Hause redet sie nicht über das Modeln. "Wir ließen die Arbeit vor der Tür", sagt Artem. Mehr kann er nicht sagen. Er hat sie doch immer beschützt. Er hat doch nichts falsch gemacht. Als sie letztes Jahr im Urlaub in Mexiko wegen einer Hurrikanwarnung nach Mexico City ausgeflogen werden sollen, reagiert Ruslana panisch. Artem besticht das Bodenpersonal mit 400 Dollar, um mit ihr noch in ein Flugzeug nach New York steigen zu können.

Nicht immer kommt Artem an Ruslana heran. Er weiß, dass es Gesprächsgrenzen gibt. So regt sie sich immer auf, wenn er sie nach dem Tod ihres Vaters fragt. Also lässt er es irgendwann sein. Sie behält viel für sich. Vielleicht weil sie den Traum von so vielen ihrer Freunde lebt. Weil es so viele gibt, die sie bewundern, ihr Aussehen, ihre Karriere. Vielleicht denkt sie, dass ihr niemand abnimmt, dass sie unglücklich ist. Dass es vermessen wäre, wenn sie sich beschwert. Wenn sie etwas sehr bedrückt, erzählt sie es der Mutter. Die beiden telefonierten fünf Mal am Tag. "Danach konnte man ihr immer ansehen, wie erleichtert sie war", sagt Artem.

Auf der Hochzeit seiner Cousins fängt Ruslana den Brautstrauß und er das Strumpfband der Braut. "Alle dachten, dass wir als Nächstes heiraten, wir waren glücklich", sagt Artem, und man muss wohl annehmen, dass er damit meint: Er war glücklich. Im Herbst trennt Ruslana sich von ihm. Auf seiner MySpace-Seite postet sie am 12. Oktober 2007: "it says 'simple' on your page, why its not simple with you?" Er will dazu nichts sagen. Er gibt ihr alle Möbel und hilft ihr beim Umzug. In der Nacht nach Ruslanas Tod lässt Artem sich ihren Namen über die Pulsadern tätowieren.

Ruslana besitzt zum Schluss zwei Wohnungen in Almaty und knapp 300.000 Dollar auf zwei Konten der Chase Manhattan. Dennoch ist die Angst um den nächsten Job eine Konstante in ihrem Leben. "Ruslana war besessen von der Arbeit", sagt ihr Manager. "Sie wollte ständig mehr, mehr, mehr."

Eine ihrer engen Modelfreundinnen ist Vlada Roslyakova. Vlada ist aus Omsk in Sibirien, sechs Tage jünger als Ruslana, vier Zentimeter größer und extrem gut im Geschäft. Auch weil sie eines der dünnsten Models ist, die zu haben sind. Im Gegensatz zu Ruslana hat sie eine extrovertierte, komische Art. "Sie schafft es, Kunden auf sich aufmerksam zu machen", sagt eine Kollegin. Und während in einer Vielzahl von Blogs darüber diskutiert wird, ob Vlada Essstörungen hat oder ob sie von Natur aus knochig ist, wird sie rund um die Uhr gebucht.

Inwieweit Ruslana diese Konkurrenz zu schaffen machte, kann man nur vermuten. Im März 2007 wechselt sie zu IMG New York, der vielleicht besten Agentur im Geschäft. Auf der Hochzeit von Artems Cousin bemerkt eine Freundin, dass Ruslana abgenommen hat. Sie macht die South-Beach-Diät, isst kein Fleisch und bekommt schließlich ihre Tage nicht mehr. Artem sagt sie, dass sie froh darüber sei. Im Frühjahr 2008 lässt sie sich einen Schönheitsfleck im Gesicht wegoperieren. Als sie am 7. Juli 2008 in Moskau beerdigt wird, steht Vlada am Flughafen und wartet auf das Flugzeug zum nächsten Job.

Auch die Agentur zeigt sich von ihrer geschäftstüchtigsten Seite. Als dort die Nachricht von Ruslanas Tod eintrifft, noch bevor sie in allen Zeitungen steht, ruft jemand beim Produzenten des Neiman-Marcus-Kataloges an und bittet um eilige Bezahlung für Ruslana, erzählt eine der Make-up-Frauen. Die Agentur will wohl sichergehen, dass sie auch ihren letzten Anteil an Ruslana bekommt.

In den Monaten zuvor hatte es so ausgesehen, als plane Ruslana ein Leben nach dem Modeln. Sie denkt über Schauspielstunden nach und nimmt Sprechunterricht, um ihren russischen Akzent abzulegen, sie hat einen Französisch-Tutor und belegt einen Wirtschaftskurs an der NYU. Sie färbt sich die Haare schwarz. Als Tatiana Cherednikova sie Anfang dieses Jahres in Moskau auf einen Tee trifft, fragt Ruslana sie nach den besten Universitäten in Moskau. Die beiden sprechen über die Liebe, darüber, wie schwierig es ist, einen Seelenverwandten zu finden, über den Neid in der Branche. "Ich glaube, sie war sich ihrer Schönheit selbst nie ganz sicher", sagt Tatiana Cherednikova. "Sie sah aus wie eine wunderschöne Frau, aber innen drin war sie ein Teenager."

Ruslana ist jetzt 20. Am 1. Januar 2008 schreibt sie auf ihrer russischen Social-Networking-Seite Odnoklassniki: "Es tut so weh, als habe jemand einen Teil von mir genommen, ihn ohne Mitleid herausgerissen, sei dann darauf herumgetrampelt und habe ihn weggeworfen." Sie ist unglücklich verliebt. Wie alle Models hat sie im Winter 2007/08 wegen der schlechten Wirtschaftlage nicht gearbeitet und hat daher viel Zeit in Almaty und Moskau verbracht. Auf einer Party hat sie sich in einen jungen Moskauer, Vladimir Vorobeyv, verliebt, der jedoch eine Freundin hat, die ein Kind von ihm erwartet. Ruslana und Vladimir haben eine kurze Affäre, er küsst sie im Regen und zeigt ihr das Roza-Mira-Trainingscenter; dort werden Selbsterfahrungskurse für reiche Moskauer angeboten. Im Dezember beendet er die Affäre, im Januar belegt Ruslana einen Kurs im Roza-Mira-Center. Er ist der Manager dort.

Am 30. Januar schreibt sie auf ihrer Internetseite: "Wenn ich für andere da bin, wer ist dann für mich da? Und wenn ich nur für mich selbst da bin, wofür bin ich dann da?" Ist das ein Hilferuf? Oder sind das die Selbstzweifel, die jeder junge Mensch hat, der auf der Suche nach sich selbst ist?

Auf ihre beste Freundin Kira wirkt Ruslana in dieser Zeit alles andere als deprimiert. Zurück in New York, kommt Ruslana ihr sehr befreit vor. Kira hat einen ähnlichen Selbsthilfekurs in New York gemacht. Die beiden reden darüber, wie sehr ihnen klar geworden ist, dass sie selbst dafür verantwortlich sind, ob sie glücklich oder unglücklich sind. Ruslana ist seit dem Kurs offener, sie spricht über ihre Gefühle, darüber, was sie für ihre Freunde empfindet, sagt Kira. Vielleicht nimmt Kira deshalb auch nicht ernst, was Ruslana zur gleichen Zeit online schreibt. Oder es stimmt, was sie sagt, dass sie von der Existenz der Seite erst nach Ruslanas Tod erfährt.

Am 18. Februar schreibt Ruslana: "Überall ist Unordnung! Ich habe kein Zuhause. Ich brauche einen Boss, damit Ordnung ist." Und am 11. März: "Ich weiß, warum meine anderen Beziehungen nicht funktioniert haben. Weil ich unberechenbar bin. Warum hast du davor Angst?" – "Hass mich nicht. Ich bitte dich, ich fühle es mit meinem ganzen Herzen, dass wir einander nahe sind, so wie kein anderer Mensch auf dieser Erde (…). Sei nicht stumm (…). Ich bitte dich (…). Meine Seele vermisst dich (…). Komm zurück, dreh doch um, lächle (…). Meine liebe, helle Sonne, ich kann ohne dich nicht atmen, ich denke jede Minute an dich."

18. März: "Es tut weh, wenn jemand aufhört, dich zu lieben, aber du liebst weiter."

20. März: "Ich bin so verloren (…). Werde ich mich jemals finden?"

Die russisch-amerikanische Journalistin Veronika Belenkaya hat die Tagebucheinträge für die New York Daily News übersetzt. Was sie nicht übersetzt hat, sagt sie, sind die Songtexte, Gedichte und Witze, zwischen denen diese Grübeleien standen. Sie hätten dem Ganzen vielleicht einen anderen Ton gegeben. Mittlerweile wurde die Seite aus dem Netz genommen.

Es ist dunkel geworden vor dem Apartment in der Water Street. Kira und der Manager sitzen immer noch auf dem Sofa. Sie haben schon eine amerikanische Journalistin hier herumgeführt. Das Fernsehen soll auch noch kommen. Sie wollen, dass der Fall neu aufgerollt wird. Denn tatsächlich hat die Polizei einige grobe Ermittlungsfehler gemacht. So hat sie das Nachbargebäude, von dem Ruslana gesprungen sein soll, nie untersucht. Die Beamten haben sich den Balkon angeguckt, die Wohnung versiegelt, das war’s. Das hat einer der an der Untersuchung beteiligten Polizisten vor Ruslanas Manager, ihrer Mutter und einem Anwalt zugegeben. "Und weder ihr Handy noch ihr Computer wurden auf letzte Gespräche oder E-Mails untersucht", sagt der Manager. "Das Messer vom Balkon haben sie einfach in den Beutel zu ihren persönlichen Sachen gelegt. So geht man doch nicht mit Beweismitteln um!"

Der Sprecher der New Yorker Polizei sagt, auf Selbstmord habe man schnell schließen können, weil man in der Wohnung keine Anzeichen eines Kampfes gefunden habe. Auch seien unter Ruslanas Fingernägeln keine fremden Hautpartikel gewesen. Und sie habe nicht geschrien, als sie fiel. Drei Zeugen hätten bestätigt, dass Ruslana unglücklich war. Das alles genüge, um Selbstmord zu attestieren.

Als Ruslanas Mutter dennoch Einzelheiten wissen will, fragt der Polizist zurück: "Warum ist es wichtig, zu wissen, wie es genau passierte?" Wer würde nach so einer Respektlosigkeit der Polizei nicht gerne einen Fehler nachweisen? Und seien es auch nur Ermittlungsfehler, die am Ergebnis Selbstmord letztendlich wohl nichts ändern würden.

Im April 2008 lernt Ruslana den 32-jährigen russischen Autohändler Mark Kaminsky aus Staten Island kennen. Ruslanas Manager glaubt, Kaminsky sei ein schlechter Umgang gewesen. Auf Bildern seiner Internetseite kann man Kaminsky mit einem dicken Joint sehen. Tatiana Cherednikova sagt, er sei extrem eifersüchtig gewesen. Wenn ein anderer Mann Ruslana auf dem Handy angerufen habe, dann habe er es ihr einfach weggenommen, ins Handy geschrien: Ruf hier nicht mehr an, und es in die Ecke geschmissen. Nur Kira sagt, Ruslana habe sich mit Kaminsky wohlgefühlt. Sie habe sein Haus in Staten Island gemocht, das Grün dort, er habe ihr einen Angelschein besorgt. Kira ist die Einzige, die ihn persönlich kennt.

Der 28. Juni 2008. Gegen 10 Uhr verlässt Ruslana ihr Apartment, um nebenan Obst zu kaufen. Um 12 Uhr telefoniert sie mit Mark Kaminsky. "Wir wollten am Abend auf eine Party gehen", sagt er an ihrem Todestag einer Zeitung. Danach lehnt er jeden weiteren Kommentar ab.

Um 12.19 Uhr loggt Ruslana sich in ihre russische Website ein. Sie surft herum, schreibt aber nichts. Kurz zuvor hatte sie gepostet: "Ich weiß nicht, ob es wahre Liebe war, aber ich bin mir sicher, sie existiert irgendwo, vielleicht in meiner Nähe, vielleicht…" Ihre Gedanken drehen sich immer noch um den Moskauer. Sie loggt sich aus und ruft Vladimir Vorobeyv in Moskau an. Er hat seine schwangere Freundin mittlerweile geheiratet. Einer Journalistin wird er später erzählen: "Ruslana sagte, dass sie sich langweilte und am Abend mit ein paar Freunden ausgehen wollte. Es war ein ganz normales Gespräch." Um 14.30 Uhr ist sie tot.

Im Apartment in der Water Street nimmt Kira das letzte Buch, um es einzupacken. The Secret, ein Selbsthilfebuch, das dem Leser verspricht, dass er alles erreichen kann, was er möchte. Ein Kapitel ist mit der Visitenkarte eines Hairstylisten markiert. "Liebe: das größte Gefühl von allen."

 
Leser-Kommentare
  1. Wo viel Licht ... ist auch viel Schatten!

  2. Es ist schwierig, für diese traurige Geschichte passende Worte zu finden. Eine einzige Tatsache kann man herausfiltern. Die Mädchen sind in diesem Alter innerlich noch Kinder. Eines Tages, nach dem ersten erfolgreichen grösseren Auftritt, geraten sie praktisch über Nacht ins härteste Erwachsenen-Business und müssen selber ebenso rasch erwachsen sein.
    Sie werden kreuz und quer durch die Welt gehetzt und was vor allem tragisch ist, sie werden von vielen Agenturen gnadenlos ausgebeutet. Wenn man da von Agenturanteilen von 50 und gar 70 Prozent hört, kommt einem nur der Begriff Zuhälterei in den Sinn.
    Um solche Karrieren durchzustehen, braucht es sehr stark entwickelte Charakteren. Zu diesen gehörte Ruslana offenbar nicht. Zahllose andere zerbrechen ebenfalls, aber springen nicht gleich aus dem Fenster.
    Eine Frage bleibt im Raum. Die einzige Person, die ihr scheinbar immer wieder inneren Halt geben konnte, leider nur mittels Telefonaten, war ihre Mutter. Warum ist sie ihr nicht nachgereist nach New York, um ihr dort Halt und ein wenig heimische Geborgenheit zu geben? Viele andere Mütter tun das. Da gerät mir die ehemalige Schweizer Spitzentennisspielerin Martina Hingis in den Sinn. Sie stand bereits mit 14 Jahren auf der Bühne des Welttennis und hatte all die folgenden Jahre als Nr. 1 der Welt stets die Mutter an ihrer Seite.

  3. Es ist schon auffällig, mit wieviel Herzblut sich die Medien dem Modelbusiness widmen. Dieser tragische Selbstmord ist ja nur eine Geschichte unter vielen. Wie kommt es, dass viele Menschen sich für BMI-Grenzen bei Modeschauen etc. begeistern können. Warum konzentriert sich die Modelberichterstattung zu 100% auf Frauen? Bekleidung wird ja auch vom anderen Geschlcht gekauft, ergo gibt es sicher auch eine ganze Menge männlicher Models. Über die hört man aber garnichts.

    Es ist schon bizar, wenn sich Politiker für BMI-Grenzen auf Modeschauen engagieren, um die Jugend vor der Magersucht zu schützen. Als wenn unsere Gesellschaft keine anderen Probleme hätte...

    Könnte es nicht sein, dass ein erheblicher Teil der Frauen mit großem Neid auf die "Modelwelt" schaut? Vielleicht, weil dort ein Schönheitsideal propagiert wird, dem sie selbst nicht genügen? Vielleicht ist es deswegen so populär auf diese "Glitzerwelt" einzuprügeln?

    Grüße
    Trench

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  • Quelle DIE ZEIT, 27.11.2008 Nr. 49
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