Neben der Balkontür steht immer noch die Umzugskiste. Unnütze Kleidung, Cowboystiefel und leichte grüne Schuhe, steht drauf. Ein unausgepackter Rollkoffer liegt in der Ecke, auf der Heizung stapeln sich Zigarettenschachteln, die Water Street liegt neun Stockwerke tiefer.

Es ist der frühe Nachmittag des 28. Juni, ein Samstag, die Gegend an der Spitze von Manhattan ist wie ausgestorben. Vor drei Monaten ist Ruslana Korshunova hier eingezogen. Auf dem Boden liegen Bücher, frische Wäsche, eine grüne Plüschschildkröte. Im Kleiderschrank stehen hohe weiße Keilabsatz-Schuhe, die sie auf dem Laufsteg getragen hat. Die Wände sind kahl.

Am Montag ist sie von einem fünftägigen Fototermin in Paris wiedergekommen. Dann war sie in Atlanta, am Mittwoch wieder New York, eine Werbekampagne, Freitag Fotos für das Luxuskaufhaus Neiman Marcus. Am Montag soll der Job weitergehen. Ruslanas Tagessatz beträgt 7500 Dollar. Es sind noch vier Tage bis zu ihrem 21. Geburtstag.

Ruslana öffnet die Balkontür. Vor dem Balkon hängt ein schwarzes Schutznetz, nebenan wird gebaut. Ruslana schneidet das Netz mit einem Messer auf, guckt hinunter auf ein großes hölzernes Dach über dem Gehweg. Wird sie darauf landen? Sie ändert ihren Plan, zerschneidet auch das orangefarbene Plastiknetz zum benachbarten Rohbau, steigt auf das Geländer und springt auf das Gebäude. Dann stürzt sie sich hinab. Ohne Schuhe, in Jeans und lila Trägerhemdchen, mit ihrem Schlüsselbund in der Hosentasche liegt sie um 14.30 Uhr vor dem Nachbarhaus. Ein Straßenverkäufer hat sie die letzten Meter fallen sehen.

So rekonstruiert die Polizei die Ereignisse und schließt den Fall am nächsten Tag ab. Selbstmord. In den Medien steht, dass Ruslana depressiv und überarbeitet war. Es heißt, sie habe aus dem Modelgeschäft aussteigen wollen. Sie soll Geldprobleme gehabt haben, und es tauchen Übersetzungen von ihrer russischen Social-Networking-Seite Odnoklassniki (Klassenkameraden) auf: Texte, in denen sie am Sinn des Lebens zweifelt. Ruslana erscheint als eines dieser ausgebeuteten spindeldürren Mädchen, die das harte Modelgeschäft nicht überlebt haben.

Anderthalb Wochen nach Ruslanas Tod steht die Tür zum Balkon wieder offen. Der Verkehr ist so laut, dass man sich kaum unterhalten kann. Auf dem Sofa sitzen Ruslanas Exfreund Artem, 24, ihre beste Freundin Kira, 23, und ihr Manager. Der Manager, Ende 30, sein genaues Alter will er nicht sagen, lässt sich von einem stummen Model begleiten und telefoniert. Auch seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen, ein totes Model ist nicht gut fürs Geschäft. Kira hat ihre langen Beine überkreuzt und blättert in einem von Ruslanas Büchern. Sie wäre auch gerne Model geworden, aber sie ist nicht so schön, wie Ruslana es war. Jetzt makelt sie Wohnungen. Artem, der den beiden Frauen nur bis zum Kinn reicht, wandert mit geschorenem Kopf durch das Apartment und greift nach der grünen Plüschschildkröte, "die hab ich ihr in unserem ersten Urlaub gekauft", nach einem Bewerbungsbogen für die Columbia University, "sie wollte studieren". Er geht zur Balkontür, "Ruslana hatte doch Höhenangst. Sie rauchte noch nicht einmal auf dem Balkon."

Der Manager hat jetzt zu Ende telefoniert und übernimmt sofort das Gespräch. "Ruslana war super im Geschäft. Sie war kurz davor, eine Million im Jahr zu machen. Bringt man sich da um? Und warum war sie barfuß? Wer springt barfuß in einen Rohbau, wo Nägel auf dem Boden liegen? Warum hat sie keinen Abschiedsbrief hinterlassen? Warum hat die Polizei keinen von uns ausführlich befragt? Und warum ist der leitende Polizist am Tag nach ihrem Tod in Urlaub gefahren?"