Auch beim »Holzklotzprozess« wird es nicht ohne den Rechtspsychologen gehen. Das Landgericht Oldenburg muss in diesen Tagen klären, ob es tatsächlich der Angeklagte Nicolas H. war, der das sechs Kilogramm schwere Pappelstück am Abend des vergangenen Ostersonntags von einer Autobahnbrücke auf einen fahrenden Pkw fallen ließ und damit eine Frau tötete.

Als der rauschgiftsüchtige H. von der Polizei festgenommen worden war, hatte er zunächst ein Geständnis abgelegt. Später widerrief er seine Aussage mit der Begründung, er habe bei der Vernehmung unter Entzugserscheinungen gelitten und deshalb alles Gewünschte zugegeben. Was die Wahrheit ist, Geständnis oder Widerruf, soll jetzt im Auftrag des Gerichts der bekannteste Aussageanalytiker Deutschlands, der Rechtspsychologe Max Steller, herausfinden.

Steller ist Wissenschaftler am Institut für Forensik der Berliner Charité und der einzige deutsche Professor für Rechtspsychologie. Bei den Gerichten gilt er in Fragen der Aussage- und Glaubhaftigkeitspsychologie als kompetentester Fachmann im Land. 1999 beriet er als Sachverständiger den Bundesgerichtshof bei der Entwicklung von Standards für Glaubhaftigkeitsgutachten, die den Instanzgerichten helfen sollen, gute von schlechten Gutachten zu unterscheiden.

Auch in vielen spektakulären Strafprozessen spielten Stellers Expertisen eine entscheidende Rolle, so in den berühmten »Wormser Prozessen«, bei denen in den Jahren 1994 bis 1997 ganzen Familien aufgrund falscher Aussagen schwerster Kindesmissbrauch vorgeworfen worden war. Alle 24 Angeklagten wurden schließlich freigesprochen, eine weitere Angeklagte war in der Untersuchungshaft verstorben. Auch beim Vergewaltigungsprozess gegen den TV-Moderator Andreas Türck, der im Sommer 2005 vor dem Landgericht Frankfurt am Main stattfand, trug Steller zur Klärung der Schuldfrage und zum Freispruch des Angeklagten bei.

Die Bedeutung der forensischen Glaubhaftigkeitsgutachten wächst unentwegt. Opferentschädigungsstellen, die sich nicht sicher sind, ob sie es mit echten Opfern zu tun haben, suchen den Sachverstand des Rechtspsychologen ebenso wie Familiengerichte, die entscheiden müssen, ob sie ein Kind aufgrund bestimmter Vorwürfe in Obhut nehmen lassen.

Vor allem aber setzen Staatsanwaltschaften und Strafgerichte auf die Aussageanalyse. Mehr als 150 Anfragen erreichen Steller und seine Mitarbeiterin Renate Volbert mittlerweile pro Jahr – weit mehr, als die beiden bewältigen können. Die Strafjustiz will wissen, ob Zeugen, die jemanden eines Mordes oder einer Sexualstraftat beschuldigen, wissentlich oder unwissentlich lügen, möglicherweise von interessierten Dritten beeinflusst worden sind oder die Wahrheit sagen.

In ihren Expertisen decken die Sachverständigen immer wieder Falschaussagen auf und verhindern so, dass Unschuldige verurteilt werden. Weit häufiger jedoch verhelfen sie tatsächlich Geschädigten zu ihrem Recht. Auf die Unterstützung von Aussagepsychologen sind vor allem jene Verbrechensopfer angewiesen, die selber hilflos sind: Kinder, die missbraucht wurden; minderbegabte Frauen, die vergewaltigt wurden; psychisch Kranke, die einem Verbrechen zum Opfer fielen, deren Berichte aber zunächst als Fantasiegespinste abgetan wurden.