Auch Gangster sind Meister der Imagepflege. "Wir sind hier die Küstenwache", erklärte Sugule Ali, der Anführer der somalischen Seeräuber, die Ende September den ukrainischen Frachter Faina entführt hatten, in einem Interview mit der New York Times : "Wir sind keine Piraten. Wir schützen nur unsere Gewässer. Als Piraten betrachten wir die Kerle, die ihren Müll vor unserer Küste versenken und hier illegal fischen."

Eine groteske Situation: Da hocken somalische Banditen in Badelatschen auf einem gekaperten Schiff, das 33 T-72-Panzer russischer Bauart geladen hat, feilschen um 20 Millionen Dollar Lösegeld, sprechen per Satellitentelefon mit der Weltpresse, heizen damit eine politische Krise weiter an, die längst globale Dimensionen erreicht hat – und inszenieren sich als Öko-Freibeuter. "Ocean Salvation Corps" nennt sich zum Beispiel eine der Banden, "Truppe zur Rettung des Meeres". Es ist die denkbar schillerndste Rechtfertigung für ein Verbrechen, das nach allen Regeln des Völkerrechts unter schwerer Strafe steht. Aber sie hat einen wahren Kern.

Die Fischgründe vor der 3000 Kilometer langen Küste zählten traditionell zu den reichsten in Ostafrika. Vor allem Thunfisch gab es im Überfluss. Westliche Hilfsorganisationen glaubten, mit der eiweißreichen Nahrung aus dem Meer den Hunger in dem von Bürgerkriegen und Clankonflikten zerrissenen Land bekämpfen zu können. Doch seit 1991 die letzte zentralstaatliche Autorität in Somalia zerfallen ist, haben die einheimischen Fischer vor ihrer Küste eine übermächtige Konkurrenz bekommen.

Fangflotten aus Asien und Europa jagen seither in den ungeschützten Hoheitsgewässern vor allem Thunfisch, dessen Bestände mittlerweile massiv bedroht sind. Etwa 700 Schiffe, so schätzt die FAO, die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen, fischen jedes Jahr ohne Lizenz vor Somalia. Nach Schätzungen von Clive Schofield, Forscher am Australian National Centre for Ocean Resources and Security und Autor einer Studie über die Plünderung der somalischen Fischbestände, haben die fremden Fangflotten erheblich mehr Protein aus Somalias Gewässern entnommen, als die Welt dem Land in Gestalt von humanitärer Hilfe zur Verfügung gestellt hat. "Piratenfischer" nennt deshalb die Umweltorganisation Greenpeace die asiatischen und europäischen Hochseetrawler mit ihren riesigen Schlepp- und Treibnetzen. Es sei schon "ausgesprochen ironisch", sagt Clive Schofield, "dass viele der Nationen, deren Kriegsschiffe derzeit am Horn von Afrika patrouillieren oder auf dem Weg dorthin sind, unmittelbar mit den Fischereiflotten verbunden sind, die geschäftig Somalias Meeresschätze plündern".

Wobei so manche ausländischen Schiffe gar nicht am Thunfisch interessiert sind. Als der Tsunami im Dezember 2004 die somalische Küste erreichte, spülte er radioaktiv verseuchten Unrat, Chemikalien und Schwermetalle an die Strände im Norden des Landes – Giftmüll aus den Industrieländern, der nach Angaben der UN-Umweltorganisation Unep jahrelang vor der somalischen Küste illegal verklappt worden war.

Piraterie erzeugt Piraterie: Die somalischen Fischer bewaffneten sich, griffen die großen Fischtrawler an, verlangten "Zölle" und "Steuern" und kaperten die ersten Boote, die gegen Lösegeld wieder freigegeben wurden. Eine Geschäftsidee war geboren. Aus Fischern wurden Seeräuber.

Ähnlich wie in der Seestraße von Malakka, dem anderen großen Beutefeld der Seeräuberei, ist Piraterie vor der Küste Somalias längst zu einem Millionengeschäft geworden – mit angetrieben von der organisierten Kriminalität, von reichen Hintermännern im Ausland, die gezielt Aufträge zur Kaperung von Schiffen vergeben. Und wie die meisten Banditen investieren die somalischen Piraten ihre Profite natürlich nicht ins Gemeinwohl, das sie gegenüber der internationalen Presse so wortreich verteidigen.

Allein in diesem Jahr dürften ihre Einnahmen mindestens 50 Millionen Dollar erreichen, erzielt zum Teil auch mit der Entführung von UN-Hilfsschiffen, die dringend benötigte Nahrungsmittel für hungernde Flüchtlinge anliefern. Da ist die zu erwartende Rekordsumme für den gekaperten saudischen Öltanker Sirius Star noch gar nicht eingerechnet. Ein Drittel des Geldes, so heißt es, behielten die Piraten in der Regel selbst, 20 Prozent gingen an ihre Hintermänner, ein Drittel an Mitwisser in der Regierung, oder was davon übrig ist, der Rest werde investiert in Panzerfäuste, Treibstoff, neue Boote.

Der bitterarmen Region Puntland, die sich im Verlauf des ewigen Bürgerkrieges eine Teilautonomie erkämpfte, hat die Piraterie nun einen kleinen Boom beschert: In heruntergekommenen Kleinstädten entstehen hinter hohen Mauern Villen, deutsche Luxuswagen brettern über die Schotterpisten. Der Heiratsmarkt ist wieder in Schwung gekommen, weil junge Männer plötzlich mit Dollarbündeln üppige Hochzeitsfeiern bezahlen können. Kleinhändler und Handwerker profitieren, weil Piraten bei ihnen ihre Schnellboote reparieren lassen, Diesel und Zigaretten kaufen. Kleinküchen, so berichten somalische Journalisten in der puntländischen Hauptstadt Garoowe, spezialisieren sich auf die Versorgung von Piraten und Geiseln. Doch was immer noch an legalem Handel über Somalias Häfen möglich war, hat die Piraterie endgültig zerstört.

Mit der Entführung der Sirius Star haben Somalias Piraten nun offenbar das provoziert, was Hilfsorganisationen mit ihren Meldungen über die horrende humanitäre Katastrophe in diesem Land nie erzeugen konnten: eine gewaltige internationale Intervention – wenn auch nur auf dem Wasser.

Die großen Reedereien, angeführt vom dänischen Giganten Maersk, wollen ihre langsameren Schiffe nun auf den sehr viel längeren Kurs rund ums Kap der Guten Hoffnung schicken, was die Transportkosten enorm verteuert. Ägypten fürchtet um seine Einnahmen aus der Sueskanalpassage; Versicherungsprämien für Frachtschiffe und Öltanker schießen in die Höhe, weiter befeuert von der Angst vor Al-Qaida-Anschlägen auf den internationalen Seewegen. Russland und die USA verkünden plötzlich in größter Harmonie und mit markigen Worten die gemeinsame Jagd auf Piraten zu Wasser und zu Land; Reeder fordern eine Seeblockade der somalischen Küste; Dänemark setzt schon länger Kampfschwimmer ein; die indische Marine hat gerade ein Piratenboot versenkt und das Bundesverteidigungsministerium überraschend schnell 1400 Soldaten in Aussicht gestellt – unter anderem für "Sicherungskommandos" auf deutschen Frachtern; private Sicherheitsfirmen wie Blackwater Worldwide oder Drum Resources konkurrieren um den neuen Absatzmarkt. Sogar islamistische Milizen haben sich der Koalition gegen den neuen globalen Hauptfeind angeschlossen und machen derzeit in Somalia Jagd auf die Entführer der Sirius Star.

Abschreckung kann funktionieren, das hat das Beispiel Indonesien gezeigt. Als dort unmittelbar nach dem Tsunami eine internationale Armada von Kriegsschiffen an der Küste der Provinz Aceh vor Anker ging, um Hilfsgüter zu liefern, sank die Zahl der Piratenangriffe gen null. Dann zogen die Marineverbände ab, und prompt tauchten die Piraten wieder auf. Inzwischen gilt die Straße von Malakka, durch die jährlich ein Fünftel aller auf dem Seeweg beförderten Handelsgüter und ein Drittel aller Rohöllieferungen transportiert werden, wieder als Risikogebiet – allerdings derzeit mit deutlich rückläufiger Zahl von Piratenattacken. Denn die Anrainerstaaten Malaysia, Indonesien und Singapur koordinieren inzwischen die Aktivitäten ihrer Polizeikräfte und Küstenwachen sehr viel effizienter.

Amerikanische, europäische, russische, indische Militärschiffe werden nicht ewig vor der somalischen Küste patrouillieren können. Die einzig wirkliche Lösung des Problems liege nicht auf dem Wasser, sondern an Land, schreibt der Afrika-Experte Roger Middleton in einer Studie über somalische Piraterie. "Die wirksamsten Waffen gegen Piraterie sind Frieden und ökonomische Perspektiven in Somalia."

Ansätze von Waffenruhe und legalen wirtschaftlichen Aktivitäten haben die Somalis nach 17 Jahren Bürgerkrieg, 14 Übergangsregierungen, diversen Hunger- und Flüchtlingskatastrophen nur einmal kurz erlebt: zwischen Frühjahr und Dezember 2006, als die Union islamischer Gerichtshöfe (UCI) die völlig zerstrittene Übergangsregierung unter dem vom Westen unterstützten Präsidenten Abdullahi Yusuf vertrieb und die Kontrolle über Mogadischu und weite Teile des Landes übernahm. Die UCI war ursprünglich ein Netzwerk lokaler Gerichte, entstanden mit der Unterstützung reicher Geschäftsleute, die in einem Land ohne Staat ein Mindestmaß an "staatlichem Recht und staatlicher Ordnung" suchten. Nach ihrer Machtübernahme löste die UCI, zu der auch religiöse Extremisten gehörten, Straßenbarrikaden auf, entwaffnete Clanmilizen, öffnete Schulen, Kliniken, Häfen und den Flughafen. Piratenverstecke wurden ausgehoben, das Geschäft der Seeräuber kam fast völlig zum Erliegen.

Als Verhandlungen der UCI mit dem erklärten Anti-Islamisten Abdullahi Yusuf über eine Koalitionsregierung scheiterten, marschierte Ende Dezember 2006 die äthiopische Armee unter dem Banner des "Krieges gegen den Terrorismus" und mit der tatkräftigen Unterstützung der USA nach Mogadischu, setzte Yusuf wieder ein – und den Teufelskreislauf von Clanmilizen, islamistischer Rebellion, Häuserkämpfen, Flüchtlingsströmen und Hungersnöten wieder in Gang. "Als Katastrophe in jeder Hinsicht" bezeichnet Anette Weber, Expertin für die Region bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, diese Intervention.

Piraten auf der gekaperten "MS Faina": Die Situation an der somalischen Küste wird sich auch in naher Zukunft nicht entspannen © Jason Zalasky/U.S. Navy via Getty Images

Afghanistan gewinnen die Islamisten militärisch an Boden, unter ihnen befinden sich inzwischen Fraktionen, die weitaus brutaler und fanatischer vorgehen als 2006. Außer dem Handel mit Kat, Kalaschnikows und Satellitentelefonen boomt vor allem die Piraterie. Als Profiteure gelten einzelne islamistische Fraktionen, während andere zum Kampf gegen die Seeräuber blasen. Als Profiteur gilt aber auch der von der internationalen Gemeinschaft anerkannte Übergangspräsident Abdullahi Yusuf, der aus der Region Puntland stammt.

Derzeit ist fast die Hälfte der rund acht Millionen Somalis von Hunger bedroht. Mogadischu ist eine zerschossene Geisterstadt, Flüchtlinge werden von allen Kampfparteien gleichermaßen terrorisiert. Ähnlich wie in

Afghanistan nimmt sich im Vergleich dazu überschaubar aus. Das entschuldigt nach Auffassung von Weber aber nicht die laxe Gangart der EU gegenüber jenen Kriegsparteien, auf die Europa und auch Deutschland Einfluss haben: Äthiopien und die somalische Übergangsregierung. Ersteres ist Schwerpunktland der deutschen Entwicklungshilfe; Letztere ist auf die finanzielle Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft angewiesen.

Verhandlungen mit den Islamisten, Waffenruhe, Versorgung der Flüchtlinge – das sind nach Meinung der meisten Somalia-Experten die dringendsten ersten Schritte, ohne die sich keines der anderen Probleme wie zum Beispiel die Piraterie wirklich lösen lässt. Ob Somalia und seiner Bevölkerung darüber hinaus wirklich mit einem Staatsaufbau nach westlichem Vorbild gedient ist, glauben die wenigsten. Das Land ist de facto bereits in drei Regionen geteilt: das autonome, aber international nicht anerkannte Somaliland im Nordwesten, das halb-autonome Puntland und die Region um die Hauptstadt Mogadischu im Süden. "Unsere Vorstellungen von Staatlichkeit", sagt Tobias Hagmann, Somalia-Experte an der Universität Zürich, "haben mit der Realität dort nichts zu tun." Lokale Verwaltungsgremien stärken, statt zentrale Geisterministerien zu finanzieren: Building block approach heißt dieser Ansatz im Fachjargon. Aber auch der kann nur funktionieren, wenn nicht mehr – oder nur noch möglichst wenig – geschossen wird.

An der Notwendigkeit schneller Maßnahmen gegen Piraterie ändert das nichts. Schon seit einiger Zeit kursiert der Vorschlag, mit internationaler Hilfe und unter internationaler Verwaltung eine somalische Küstenwache einzurichten. Die Frage, wer das finanzieren soll, ist schnell beantwortet: all jene Länder, die ihre Fischfangflotten in die somalischen Gewässer schicken.