Meinungsfreiheit "Der Tod gehört dazu"

Skandal um das freie Wort: Wie die Schwedische Akademie mit den verfolgten Autoren Salman Rushdie und Roberto Saviano umging

Roberto Saviano (li.) und Salman Rushdie

Roberto Saviano (li.) und Salman Rushdie

Eine Minute. So lange hatte es gedauert, bis die 450 Eintrittskarten für den Besuch Salman Rushdies und Roberto Savianos in Stockholm vergriffen waren. Der Kampf um Meinungsfreiheit scheint doch noch zu mobilisieren, auch die sonst nicht zu überstürzten Reaktionen neigenden Schweden. Thema der beiden Schriftsteller im Börsensaal der Svenska Akademien, also der Institution, die jährlich über den Nobelpreisträger für Literatur entscheidet, war »Das freie Wort und die gesetzlose Gewalt«. Was es bedeutet, Letzterer ausgesetzt zu sein, erfährt der gerade einmal 29 Jahre alte Roberto Saviano seit der Veröffentlichung seines Romans Gomorrha, mit dem er sich nicht nur einen Platz in den internationalen Bestsellerlisten, sondern auch auf der Todesliste der italienischen Mafia gesichert hat.

Rushdie erzielt Heiterkeitserfolge mit seinem Leben unter steter Bedrohung

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Er hat seit zwei Jahren umfangreichen Personenschutz, kann sich kaum frei bewegen, jeder Platz, den er besuchen will, wird vorher untersucht, Auslandsreisen müssen beim jeweiligen Land angemeldet und genehmigt werden. Dazu die ständige Angst: »Der Tod gehört zum Beruf«, bemerkte der in der Nähe von Neapel geborene Saviano, womit er jedoch keinesfalls den Abgebrühten geben wollte. Was ihn mindestens so getroffen habe wie die Drohungen der Mafia seien die Anfeindungen ganz normaler Mitbürger seiner Heimat gewesen, die ihm Geltungssucht unterstellten. Er wolle mit seiner Literatur dem gesunden Teil Italiens helfen, stellte Saviano klar: »Die Mafia mag zwar in der Lage sein, mich zu töten. Aber sie ist nicht in der Lage, meine zahlreichen Verbündeten zu töten, nämlich meine Leser. Deswegen ist ihre Furcht vor der Literatur so groß.« Seine Worte seien die Worte vieler Leser geworden, nur dass er den Preis dafür zu zahlen habe: »Ist es möglich, dass ein Autor für sein Schreiben verantwortlich gemacht wird, die Täter aber leer ausgehen?«

Das klang dem anderen Gast des Abends dann doch eine Idee zu pessimistisch. Die Macht der Mafia sei zwar groß, so Salman Rushdie, habe aber auch ihre Grenzen. Dem Mann war anzumerken, dass die Todesdrohungen gegen ihn das Verfallsdatum zwar noch nicht überschritten haben, aber doch schon länger zurückliegen. Rushdie erzielte fast schon Heiterkeitserfolge, wenn er von den Beschwernissen eines Lebens unter ständiger Bedrohung erzählte. Dass er keine Wohnung bekam, weil er zur Besichtigung immer mit seinen Leibwächtern erschien und sich die Vermieter fragten, was wollen all die ausgewachsenen Kerle gemeinsam in dieser Wohnung. Die Identität preisgeben ging aber auch nicht. Oder dass für ihn bei einem Besuch in Paris extra die Place de la Concorde gesperrt wurde. Doch Rushdie wurde auch immer wieder ernst, die Wunden säßen noch tief, sagte er, nicht nur die, die ihm seine Gegner zugefügt hätten. »Auch ich musste mich immer wieder mit dem Vorwurf auseinandersetzen, mir gehe es nur um Geld und Ruhm. Das ging sogar so weit, dass man der Regierung in London vorwarf, sie würde für meine Sicherheit Steuergelder verschwenden.« Der Westen, so Rushdie, habe leider das Bewusstsein dafür verloren, wie wichtig die Freiheit des Wortes sei. Dass die freie Rede auch im angeblich freien Westen bedroht sei, zeige sich für ihn am Bedeutungswandel des Begriffs Respekt: »Früher hieß Respekt, dass ich dich ernst nehme, auch wenn ich nicht deiner Meinung bin. Wenn ich heute eine Meinung nicht teile oder sogar bekämpfe, wird mir vorgeworfen, ich verweigere dem anderen Respekt. Wer so argumentiert, will das freie Wort verbieten.«

Wie belebend Meinungsfreiheit sein kann, hatten die für schwedische Verhältnisse ungewöhnlich scharfen Kontroversen in den Tagen vor dieser Veranstaltung gezeigt. Dass sie überhaupt zustande kam, war das unfreiwillige Verdienst von Horace Engdahl. Der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, der einmal im Jahr seinen großen Auftritt hat, wenn er vor die Tür seines Arbeitszimmers tritt und den Nobelpreisträger für Literatur verkündet, hatte wieder einmal der Lust an der Provokation nicht widerstehen können. Konnte er seine abfälligen Bemerkungen über die amerikanische Literatur in einem Zeitungsinterview kurz vor der Bekanntgabe des diesjährigen Preisträgers noch als Missverständnis einigermaßen relativieren, so brachte ihn sein Standpunkt zum »Fall Saviano« in größere Bedrängnis. Hierbei, so Engdahl, handele es sich nicht um Fragen der Meinungsfreiheit, sondern um eine rein polizeiliche Angelegenheit. Mit dieser Einschätzung löste der Ständige Sekretär einen mittleren Tumult in den Feuilletons aus.

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