Ich kann im Traum unter Wasser atmen. Das habe ich irgendwann mal herausgefunden, seitdem geht es. Beim ersten Mal tauchte ich im Traum in einem Bach in Bayern. Ein ganz normaler Bach, aber erstaunlich tief. Und gar nicht kalt. Ein Strudel zog mich in die Tiefe, aber ich hatte gehört, man soll sich nicht wehren und einfach unten rausschwimmen.

Zunächst machte ich mir noch Sorgen, die Oberfläche schien so weit weg. Dann atmete ich einfach ein und schwamm. Stundenlang. Die Sonnenstrahlen fielen schräg ins Wasser. Die Oberfläche glitzerte in den schönsten Hellgrün- und Blautönen. Wunderschöne Schlingpflanzen wiegten sich in der Strömung. Ich ließ mich dahintreiben. Ein Schwarm Fische nahm mich in die Mitte und schwamm dicht bei mir.

Es ist etwa zwölf Jahre her, dass ich diesen Traum zum ersten Mal hatte. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Umstände. Das liegt auch daran, dass ich irre viel träume. Ich habe einen leichten Schlaf und bewundere es, wenn Menschen sich einfach ausknipsen können.

Vor einigen Jahren besuchte ich meine Schwester in Australien und machte dort einen Tauchkurs. Ich war nie zuvor getaucht. Aber beim ersten Mal schien mir, ich hätte das schon erlebt.

Meine Träume erscheinen mir oft sehr real. Vielleicht weil man am Theater auch oft im Dunkeln arbeitet. Da ist schon eine Nähe zur Nacht, wenn die Lichter angehen und die Grenzen verwischen. Wenn man nicht klar sagen kann: Ist das jetzt Vorstellung oder schon eine andere Wirklichkeit? Manchmal weiß man nicht mehr, wo hört das Meer auf und wo fängt der Himmel an? Wo ist noch Wasser, wo ist Luft? Auch die Grenzen zwischen Körper und Geist sind nicht klar auszumachen. Wo dockt der Geist an, wo die Gedanken, welche Kraft haben sie? Welche Kraft hat die Fantasie? Welche Wahrheit kann sie schaffen?

Als Kind habe ich mich oft im Freien aufgehalten. Wir hatten so eine Art Ferienhaus auf dem Land. Das Wochenende war vollkommen frei für uns. Nach dem Frühstück gingen wir raus in den Wald und blieben dort, bis es dämmerte. Das war für mich die Zeit der Abenteuer, des Träumens. Wir waren zu Hause zehn Geschwister und lebten in einem kleinen Reihenhaus. Die Fantasie war immer mein Rückzugsort. Wenn man vom Wort Traum das T wegnimmt, bleibt: Raum.

Als Künstler versucht man so durchlässig zu werden wie Wasser. Ich glaube, es hat viel mit meinem Beruf zu tun, dass ich die Grenzen zwischen Realität und Fantasie auflösen möchte. In der Fantasie oder in der Kunst gibt es eine Wahrheit, die fast plastischer ist als das eigentliche Leben. Da ich mittlerweile weiß, dass ich unter Wasser atmen kann, habe ich keine Angst mehr beim Eintauchen.