Ostsee Eiskaltes Vergnügen
Winterschwimmen macht die Haut rosa, hält den Körper fit und ist nichts für Weicheier. Ein Besuch im Ostseebad Düsternbrook.
Sind die noch ganz dicht? Die zwölf Nackedeis, die samstags in der Frühe bei vorwinterlichen Temperaturen und steifem Nordost über einen Holzsteg laufen und dann ins eiskalte Ostseewasser springen, müssen Fanatiker sein, Sektierer. Womöglich Unverbesserliche, hart wie Kruppstahl. Aus dem Inneren eines knuffig warmen Autos betrachtet, gibt es kein absurderes Wintertreiben.
Kiel, Hindenburgufer. Hier weitet sich die Förde langsam zum Meer. Linker Hand ein paar graue Kriegsschiffe. Vis-à-vis im Dunst das Ostseebad Laboe. Ein Containerschiff passiert in weitem Abstand. Blesshühner schaukeln auf den Wellen, tauchen ab, tauchen auf, machen klickende Geräusche. Das Wasser schwappt gegen eine gut 70 Jahre alte Holzkonstruktion, die zwischen dem Schiffsanleger Bellevue und dem Privatsteg des ehemaligen Arbeitgeberpräsidenten und großen Kielers Klaus Murmann in die Förde ragt: Stege, ein Badehaus, Umkleidekabinen – und Treppen ins Wasser. Das ist das Seebad Düsternbrook. Winters geschlossen. Doch rund 150 Personen haben einen Schlüssel.
Zum Beispiel Hans-Jürgen Schmedding, schlank, sportlich, mittleres Alter, nackt im Wind wie seine Frau, die bloß eine weiße Badekappe trägt. Er nutzt den Schlüssel, der im Jahr 120 Euro kostet, seit vier Jahren täglich. Sie wurde in diesem Jahr ebenfalls vom Winterschwimmfieber infiziert. Beider Haut leuchtet rosig. Ihre Augen leuchten auch. Sie kommen soeben aus dem Wasser.
Die Luft hat zehn Grad, gefühlte drei, das Wasser sieben – den Schwimmern geht es gut. »Das ist das Wohlfühlgefühl!«, schwärmt Herr Schmedding nach langen fünf Minuten im kühlen Nass. »Wie neu geboren«, bestätigt seine Frau beim Abtrocknen. Sie hat es drei Minuten lang ausgehalten. Kalt? »Überhaupt nicht!« Tatsache, sie hat keine Gänsehaut. Fellstiefel an, Handschuhe an, Cappuccino aus der Thermoskanne ausgeschenkt – das tägliche Ritual. »Der ganze Stress der Woche bleibt im Wasser zurück.« Stattdessen Wohlfühlgefühl: »Das prickelt so schön. Als hätte man in Champagner gebadet!«
Das Ringen um passende Metaphern bleibt erfolglos. Wer kennt schon das Neugeborenengefühl? Wer hätte je in Champagner gebadet? Doch genau diese Formulierungen hört, wer mit Winterschwimmern spricht, immer wieder. Hilfloser Ausdruck für etwas offenbar Überwältigendes, von dem Nichtwinterschwimmer nichts ahnen.
Winterschwimmer schwimmen im Winter, meist in Flüssen oder im Meer. Wenn die Gewässer zufrieren, heißen die Sportler Eisschwimmer. Diese werden wegen der globalen Erwärmung aber immer seltener. Manche Leute springen nur ins kalte Wasser und kommen gleich wieder raus – die Winterbader. Wer aber vor dem Bad erst ein Loch ins Eis hacken muss, ist ein Eisbader. Alle eint die hemmungslose Begeisterung für ihr extremes Hobby.
Jetzt will Manfred Holzhüter (69, »gefühltes Alter 60!«) ins Wasser. Bärtig, bestens durchblutet, auch er einer mit diesem Glücksblick. Der informelle Vorsitzende des informellen Winterschwimmerclubs, 15 Jahre dabei, erklärt die Regeln. Nie unvorbereitet ins kühle Nass. Am besten vom Sommer an einfach »durchschwimmen«. Morgens gleich ans Baden denken – das macht innerlich warm. Gut ist, wie er mit dem Rad zu kommen, er hat dann schon fünf Kilometer hinter sich. Vor dem Bad empfehlen sich kleinere Turnübungen oder ein bisschen Joggen. Dann weg mit den Klamotten und vorsichtig – besonders bei Glatteis – die Badetreppe runter. Und nun ohne Zögern und Nachdenken ab ins Kalte. »Winterschwimmen beginnt im Kopf«, sagt Holzhüter. Kreischen, Quietschen, Hyperventilieren machen nur morgendliche Kaltduscher. Der Winterschwimmer gleitet mit Selbstverständlichkeit ins Wasser, dreht seine Runde und kommt wieder an Land. Joggen. Abtrocknen. Anziehen. Die sogenannte Morgengruppe macht das um sieben in der Frühe, täglich, vor der Arbeit. Die anderen kommen tagsüber und am Wochenende.
Die schockartige Konfrontation des Körpers mit viel Kälte nennt man medizinisch »roborieren« und im Volksmund »abhärten«. Schon die Germanen sollen ihre Babys regelmäßig in eiskaltes Wasser getaucht haben. Wie abgehärtet die Jäger und Krieger aus dem Norden waren, fiel auch den verweichlichten Römern auf. So berichtet Cäsar einigermaßen neidisch, dass die Germanen »trotz des kalten Himmelsstrichs außer Fellen, die wegen ihrer geringen Größe einen beträchtlichen Teil des Körpers unbedeckt lassen, keine Kleidung trugen und in den Flüssen badeten«. Karl der Große soll regelmäßiger Eisbader gewesen sein, ebenso Goethe. Sebastian Kneipp behandelte seine Tuberkulose mit winterlichem Donauschwimmen – offenbar erfolgreich. Nach dieser Erfahrung entwickelte er eine ganze Therapierichtung, die auf Kaltwasseranwendungen aufbaut.
Die Schulmedizin ist sich gar nicht einig, wie gesund der Eiswasserschock wirklich ist. Epidemiologische Untersuchungen zum Kältereiz fehlen. Wie Haut, Herz und Gefäße genau auf das Winterschwimmen reagieren, ist nicht ganz geklärt. Nach eigenen Erhebungen kommt der Internist und Naturheilkundler Rainer Brenke (Das Buch vom Winterschwimmen) zu der Ansicht, dass regelmäßige Winterschwimmer deutlich seltener grippale Infekte haben. Die kräftige Durchblutung der Schleimhäute scheint dabei eine Rolle zu spielen. Es bekommt den Schwimmern anscheinend gut, dass Herz und Kreislauf stark gefordert werden. Der Körper reagiert jedenfalls heftig auf das Eintauchen ins kalte Wasser.
Jetzt steigt aus den Wogen Frau Behrens. Mit 84 ist sie die älteste Winterschwimmerin in Kiel. Ihre Haut ist ein bisschen zerknittert, doch ihr Auftritt beinahe juvenil. Nichtbader blickt sie aus eisblauen Augen spöttisch an und schimpft sie »Weichei!«. Die Dame betreibt den Abhärtesport seit 40 Jahren. Im Bad wird sie nur »Neptuns Tochter« genannt.
Neptuns Tochter hat noch die Zeiten miterlebt, da die Förde im Winter zufror. Damals hackte man ein Loch ins Eis und stieg an der Badeleiter abwärts ins kühle Nass. »Das war wunderschön«, sagt sie, »und das Wasser war gar nicht kalt!« Alles ist relativ: Es war jedenfalls wärmer als die Luft. Ebendarum sagen die härtesten Winterschwimmer, dass sie im Sommer nicht so leicht ins Wasser kommen. Wenn es draußen warm ist, muss man sich überwinden, ins vergleichsweise kalte Wasser zu steigen. Bei kaltem Wind und scheußlichem Wetter ist das Wasser die Rettung!
Glaubt man Manfred Holzhüter, ist Neptuns Tochter eine ganz Wilde. »Einmal kam ich her, Sturm, Riesenwellen, ich dachte, da geh ich nicht rein. Da tauchte plötzlich der Kopf von Neptuns Tochter aus den Wellen auf.« Vor 15 Jahren, erzählt er – sie ist da weniger gesprächig – war Frau Behrends so krank, dass die Ärzte ihr eine Zukunft im Rollstuhl prophezeiten. Doch was tat Neptuns Tochter? Schwamm weiter, als ob nichts wäre. Und hat heute kaum mehr Probleme.
Die Winterschwimmer im Seebad Düsternbrook braucht man nicht nach Zweifeln am medizinischen Nutzen ihres Sports zu fragen. Schon gar nicht Hans-Jürgen Schmedding, den Mann mit dem »Wohlfühlgefühl«. Der hat nämlich Multiple Sklerose. Da bleibt nicht mehr viel, was er sportlich noch tun kann. Winterschwimmen macht ihn gesünder – und glücklich.
Die zumindest subjektiv empfundenen positiven Effekte dieses Sports sind auf der ganzen Welt bekannt. Die härtesten Eisbader lebten in der Sowjetunion. Populär war dieser Wintersport auch in anderen Ostblockländern. Im DDR-Schwimmsportverband waren bis zu 1000 Winterschwimmer organisiert. In Neuruppin badeten die »Schneehühner«, auf Rügen die »Zitteraale«. Ungefähr zu der Zeit, als Neptuns Tochter mit dem Winterschwimmen anfing, erfasste die Bewegung auch die alte Bundesrepublik. Seit 1970 treffen sich die Abhärtungsjünger Ende Januar in Neuburg, zum traditionellen Donauschwimmen. Da kommen mittlerweile Tausende hin. Auch in Osteuropa ist Eisschwimmen nach wie vor beliebt.
Nur wenn man genau hinhört, gibt es auch Hinweise, die nicht zum Rundumglück passen. Der eine fühlt sich den ganzen Tag lang durchkühlt. Einer anderen bleiben über Stunden Hände und Füße taub. Der Wind kann einem übel zusetzen, wenn man aus dem Wasser steigt. Und hinter vorgehaltener Hand gibt mancher zu, dass es reichlich Überwindung kostet, in die Ostsee zu springen, bei minus 15 Grad kalter Luft.
Manchmal geht die Sache sogar übel aus. Das Gefühl der Euphorie kann Warnsignale des Körpers überdecken, der Schwimmer bemerkt dann nicht, dass die Ohren rauschen und die Muskeln erlahmen. Holzhüter war dabei, als einmal eine über 70-Jährige »aktive Winterbaderin« hinausschwamm. Viel zu weit. Er hatte ihr nicht mehr folgen können, sie kehrte nicht zurück.
Man kann nur hoffen, dass die Ärmste tatsächlich voll gepumpt war mit den körpereigenen Glückshormonen, von denen im Seebad Düsternbrook alle reden: Beim heißen Kräutertee erzählen sie vom »Kick«. Von unglaublichen Hochgefühlen. Auch von Sucht. Winterschwimmen – eine Rauscherfahrung. Gut, dass das niemand weiß.
Es wäre längst verboten.
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- Datum 27.11.2008 - 17:42 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.11.2008 Nr. 49
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Wenige Sekunden zweifelhaftes Badevergnügen, vorher langes Aufrüsten, Anfahren, Abfahren. Mit dem Auto womöglich? Und am besten splitternackt, ohne störende Badebekleidung, die das erwünschte Freiheitsgefühl behindert. Nun ja, die Menschen haben die unterschiedlichsten Schrulligkeiten. Und mit dem Älterwerden nehmen sie bekanntlich zu. Die Jungen wird man wohl am Steg eher nicht antreffen. Außerdem wollen die Urologen und verwandte Fachkollegen auch beschäftigt sein...
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