Architektur Die großen Unbekannten der Moderne

Mit den Faltplänen von Archimaps öffnen sich die Wege zur zeitgenössischen Architektur in Hamburg, Berlin und München

Eines schönen Sonntags steht man in Hamburg an der Elbe und sieht dieses merkwürdige Gebäude aus Glas, das wie ein verschobenes Rechteck auf einer künstlichen Insel nach Norden zeigt. Gerne wüsste man etwas über diesen Bau, diesen Ort. Im Stadtplan ist aber nicht einmal die künstliche Insel verzeichnet. Oder man erblickt in Berlin-Mitte eine halbrunde Hochhausscheibe, die nur aus Fenstern mit rosaroten Sonnenschutzlamellen zu bestehen scheint. Wissen Sie, was es damit auf sich hat, fragt man einen Passanten. »Weeß ick nich«, sagt der und geht weiter.

Jeder, der sich für Architektur interessiert, kennt das Problem: Die spannendsten Gebäude einer Stadt fehlen meistens im Reiseführer. Entweder sie sind zu jung, wie eben das gläserne, mitten in die Elbe gebaute Bürohaus von Bothe, Richter und Teherani (2006). Oder sie beherbergen eine untouristische Einrichtung, weshalb außer den einschlägigen Fachorganen keiner auf die Idee gekommen ist, darin eine Sehenswürdigkeit zu sehen. So wie im Fall der großartigen, rosarot changierenden Zentrale der kommunalen Wohnungsverwaltung von Sauerbruch und Hutton (1999) in der Berliner Kochstraße.

Glücklicherweise gibt es nun für Hamburg, München und Berlin die sogenannten Archimaps. Auf der vorderen Seite dieser postergroßen Faltpläne erläutern die Herausgeber Nils Peters und Sascha Wormuth in knappen Artikeln die ihrer Meinung nach wichtigsten neuen Gebäude der jeweiligen Stadt. Auf der Rückseite haben die beiden in Berlin und Paris ansässigen Architekten Spaziergänge zusammengestellt, bei denen man diese Gebäude in ihrer Umgebung erwandern kann.

Dass sie einen in Berlin noch einmal zu den Repräsentationsbauten der Berliner Republik führen, obwohl das Terrain rund um Reichstag, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz und Botschaftsviertel auch ansonsten hinreichend gewürdigt wird, ließ sich wohl nicht vermeiden. Schließlich wurde rund um die neue Mitte in den vergangenen zehn Jahren am meisten und am aufwendigsten gebaut. Interessanter wird es jedoch in abgelegeneren Ecken der Stadt, zum Beispiel in Dahlem rund um die Freie Universität. Dort hat Sir Norman Foster, der Architekt der Reichstagskuppel, im Jahr 2005 für die philologischen Fakultäten eine Bibliothek vollendet, die in einem merkwürdigen Kontrast zu den rechtwinkligen Hauptgebäuden aus den siebziger Jahren steht. Wegen seiner an ein Gehirn erinnernden Form nennen die Studenten diesen Bücherballon aus Glas und Aluminium angeblich the brain.

In München lotst einen die Archimap weg vom barocken Zentrum ins Forschungszentrum Garching und in die Gegend um den ehemaligen Flughafen Riem. Auch in Hamburg kommt man mit ihrer Hilfe an Orte, an denen man von sich aus nicht nach moderner Architektur suchen würde, nach Alsterdorf zum Beispiel, wo in fußläufiger Entfernung das »polizeisternförmige« Polizeipräsidium und die kreisrunde Bacardi-Zentrale von Bothe, Richter und Teherani zu bewundern sind. Oder nach Finkenwerder zu einem asymmetrischen, bootslackrot gestrichenen Werftgebäude, das sich keck über die hanseatischen Vorstellungen von Understatement hinwegsetzt. Doch wer sind die Eigentümer? Wer waren die Architekten?

Bei unbekannten Objekten unterschlagen die Archimaps leider die rudimentärsten Informationen. Bei bekannteren »Architektur-Sights« wie dem violett verkachelten, nach der Blumenfreundin Loki Schmidt benannten Nutzpflanzenmuseum von Schweger und Partner beschränken sie sich auf die Nennung des Architekturbüros. Entstehungsjahr, Öffnungszeiten und andere praktische Hinweise fehlen generell. Auch die Falttechnik der Archimaps ließe sich in der nächsten Auflage verbessern. Wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird es die bald geben. Denn an sich ist die Idee der Archimaps so gut, dass man sich fragt, warum früher noch keiner auf die Idee gekommen ist. Pläne für Barcelona, Paris und London sollen schon in Arbeit sein.

Nils Peters, Sascha Wormuth, Gerd Kaiser: Archimaps. Hamburg, München, Berlin. Verlag Peters und Wormuth, Berlin 2008; eine Seite zum Auffalten, 9,90 € pro Stück, zuzüglich Versand. Zu bestellen bei:www.archi-maps.com

 
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