Atelierbesuch "Ich male für die Ewigkeit"

Uwe Kowski will sich nicht nach den Moden richten. Sein Werk lebt von Widersprüchen

Wer in der virtuellen Welt etwas über Uwe Kowski herausfinden möchte, kommt nicht allzu weit. Es existiert kein Wikipedia-Eintrag über ihn, und bei Google erhält man nur 3000 Treffer, zum Vergleich: Auf Daniel Richter verweisen mehr als 200.000 Links.

Wer in der realen Welt etwas über ihn erfahren will, steigt am Berliner S-Bahnhof Ostkreuz aus, der auch "Rostkreuz" genannt und gerade saniert wird, geht vorbei an endlosen Baustellen, auf denen alte Arbeiterhäuser durch gigantische Wohnblocks ersetzt werden. Passiert ein aufgegebenes Gefängnis, von dessen Mauern Stacheldraht herabhängt. Hinter der ebenfalls leer stehenden Fabrik der VEB Kunststoffwerke Aceta ist es so weit: Hoch oben in einem ehemaligen Relais-Werk zweigen erst Toiletten und Duschen von einem düsteren Gang ab, dann auch das Atelier von Uwe Kowski.

"Ich lebe damit", sagt der 45-Jährige auf die Frage, ob er zu wenig Aufmerksamkeit bekomme. Er sagt es mit einem feinen Lächeln, das offenhält, ob er am medialen Desinteresse leidet oder froh darüber ist, nicht permanent unter Beobachtung zu stehen. Dann stellt er eine Flasche Wasser auf einen Tisch an einem der Fenster, dazu zwei Gläser. Der Blick aus dem Fenster lässt den tristen Anfahrtsweg vergessen. Zum Greifen nah ist plötzlich das knallblaue Wasser der Rummelsburger Bucht. Zwischen Bäumen ragt ein stillgelegtes Riesenrad empor. Es ist eine solitäre Aussicht. "Nicht ganz billig", sagt Kowski, wieder mit diesem Hauch von Lächeln, und schenkt ein. Der Blick ändert tatsächlich alles. Er verwandelt die 190 Quadratmeter der Werkstatt in einen Ballungsraum an Widersprüchen. Industrie und Idyll, Sozialismus und Kapitalismus, Vergangenheit und Zukunft, Arbeit und Spaß – all das spürt man in diesem Raum. Und Kowskis sanfte Reaktion sagt nur: passt schon.

Der Fotograf kommt. Kowski stellt sich vor eine weiße Leinwand. Auf der Aufnahme wird das, was Kowskis Markenzeichen ist, das vor Farbe fast platzende Bild, nicht zu sehen sein. Das Wort "Markenzeichen" würde Kowski sicher nicht benutzen. Zum einen, weil er kein besonders guter Verkäufer ist: "Ich kann nicht den Meese machen." Zum anderen, weil sich sein Stil alle paar Jahre recht grundsätzlich ändert: "Strategisch, also nach Plan malen ist langweilig."

Während seines Studiums galt er als Spezialist für Porträts. Sein Diplombild von 1989 zeigt dagegen eine Mai-Kundgebung der DDR in Öl – als Blick von oben auf zahlreiche graunasse Regenschirme. Nach der Wende, an der er besonders die regierungsfreie Zeit schätzte, hörte er ganz auf zu malen, konzentrierte sich auf Skulpturen. Als er feststellte, dass seine "Formensprache zu beschränkt ist", arbeitete er verstärkt mit dem Gegensatzpaar Präzision und Abstraktion. Wie Gerhard Richter fügte er Farbschichten übereinander, legte sie mit dem Spachtel teilweise wieder frei – dann aber noch eine technische Zeichnung oder ein Maschinenbild darüber.

Der sichere Strich dieser Millimeterarbeit verweist auf das inzwischen ausgestorbene Handwerk des Schriftenmalers, das Kowski vor dem Studium gelernt hat. Noch heute haftet seiner Arbeitsroutine etwas Proletarisches an: Er trifft frühmorgens im Atelier ein und malt stets in weißer Latzhose. Auch seine Maulfaulheit beim Erklären der eigenen Werke scheint typisch: "Könnte ich meine Bilder gut beschreiben", sagt er, "wäre ich Schriftsteller."

Dass sich in den Räumen unter ihm kleine Handwerksbetriebe angesiedelt haben, gefällt ihm. "Die Bedingungen hier sind ideal. Ich habe Platz, in meinem Atelier in Leipzig musste ich die Bilder immer auf Armeslänge beurteilen. Und ich habe Ruhe, es sei denn, bei den Schlossern unten wird die Blechstanze angeschmissen. Hier wird noch richtig gearbeitet."

Man könnte Kowski, der ja in Leipzig angefangen hat zu malen, zur Neuen Leipziger Schule zählen. Doch mit dem, was man darunter versteht – Kühle, Gegenständlichkeit, Neorealismus –, hat er wenig zu tun. Wie sein Atelier sind auch seine Bilder, oft nach Aquarellvorstufen entstanden, wandelnde Widersprüche: Sie wirken spontan, sind aber präzise komponiert. Sie wirken bunt, kommen aber meist mit weniger als sechs Farben aus. Sie wirken abstrakt, enthalten aber Schriftzeichen, Akte, Landschaften. Und wie bei Vexierbildern gibt es Teile, die nach längerem Betrachten kippen: Regentropfen auf einer Wasseroberfläche ähneln plötzlich Schießscheiben.

Am ehesten lassen sich Kowskis Bilder wohl mit Meditationen vergleichen – mit jener Phase, in der Ruhe und Konzentration heftige Gedankenströme auslösen. "Mir geht es um Zwischenräume", sagt Kowski. "Der Anteil des Gedanklichen darf nie größer sein als der des Ästhetischen, dann wird es grobschlächtig. Sonst könnte ich auch Plakate entwerfen."

Die Gefahr besteht wohl nicht. Kowski, der sich für einen Spätzünder hält und mit der Frau, deretwegen er nach Berlin zog, eine dreieinhalbjährige Tochter hat, stellte in diesem Jahr dreimal aus. Seine große Retrospektive in der Kunsthalle Emden zeigte zudem eine stete Weiterentwicklung – vom Flimmern der Impressionisten über die Dynamik des Futurismus hin zum Dialog mit Paul Cézanne und Willem de Kooning. Dass er Werken dann Titel wie "Wildern", "Import" und "Parasit" gibt, ist seine Art des Humors. Man könnte Uwe Kowski also einen artist’s artist nennen. Damit kann er leben. Seine Bilder erzielen Preise bis zu 35 000 Euro. Davon kann er leben. "Nicht, dass ich keinen Erfolg haben will", sagt er, auf die Eingangsfrage zurückkommend und die Ateliertür abschließend, "aber der Anspruch lautet schon: Ich male für die Ewigkeit." Diesmal ist kein Lächeln in seinem Gesicht.

Uwe Kowski wurde 1963 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Schriftenmaler studierte er von 1984 bis 1989 Grafik und Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Zuletzt stellte er unter anderem bei Mary Boone in New York aus, die Kunsthalle Emden widmete ihm gerade eine große Retrospektive. Kowski lebt mit Frau und Tochter in Berlin und liest sich mit großem Vergnügen durch die 75 Maigret-Romane von George Simenon.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 04.12.2008 Nr. 50
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    • Schlagworte Google | Paul Cézanne | DDR | Planet | Emden | New York | Berlin
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