Es ist eine vorbildliche Karriere, die Cihan Batman hingelegt hat: Seine Eltern kamen als Gastarbeiter in den sechziger Jahren nach Deutschland, auf dem Gymnasium in Echterdingen bei Stuttgart war er der erste und einzige Türke, er machte ein gutes Abitur, studierte an der Universität Stuttgart technische Betriebswirtschaftslehre, arbeitete danach bei KPMG, bei der DaimlerChrysler Bank, jetzt ist er Senior Manager bei Vodafone. Gelegentlich geht er zu einem Stammtisch, dort kommen Gleichgesinnte zusammen, Deutsche türkischer Abstammung, hoch qualifiziert die meisten. Um die 300 Leute gehören zu dieser Runde, eine Gruppe, auf die Deutschland stolz sein könnte: Deutsche mit dem sperrigen Etikett »Migrationshintergrund«, die es zu etwas gebracht haben.

Der Haken dabei ist – sie sind nicht mehr in Deutschland. Sie treffen sich regelmäßig in einem Café in Istanbul, es ist ein Rückkehrerstammtisch für Deutschtürken. Sie haben Deutschland verlassen, weil sich ihnen in der Türkei die besseren Karrierechancen bieten, so wie Cihan Batman, oder weil sie in Berlin oder Köln nie heimisch wurden, sich nicht anerkannt fühlten.

Sie könnten in Zukunft viele Nachahmer finden. Sagt der Sozialwissenschaftler Kamuran Sezer. Er wertet gerade eine Umfrage unter 250 türkischstämmigen Akademikern aus, die in dieser Woche veröffentlicht wird. Mit seinem Forschungsinstitut futureorg hat er sie nach ihrer Situation in Deutschland befragt. Wie sie denken, was sie wollen, wie sie leben. Eine Gruppe, über die man bisher wenig wusste, sagt Sezer, obwohl hierzulande die Zahl der Studierenden mit türkischem Hintergrund bei ungefähr 24.000 liegt.

Die Forscher wollten herausfinden, wie sehr diese sich mit Deutschland identifizieren können, und stellten dabei unter anderem die Frage: »Beabsichtigen Sie, zukünftig in die Türkei zurückzukehren?« Sie bekamen eine Antwort, die zu denken gibt: 38 Prozent antworteten darauf mit Ja. Als Grund nannten 21 Prozent berufliche Perspektiven, 42 Prozent gaben an, dass sie sich in Deutschland nicht heimisch fühlen. Dabei ist der Wunsch nach Rückkehr bei den Jüngeren, die in Deutschland geboren wurden, genauso ausgeprägt wie bei den Älteren, in der Türkei Geborenen und bei Gutverdienenden genauso groß wie bei Geringverdienern, berichtet Sezer. Und sagt: »Bildung führt also nicht automatisch zu gelungener Integration, sie erhöht nur deren Wahrscheinlichkeit.« Dazu passt, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten die deutsche Integrationspolitik als unglaubwürdig einstuft.

Dass es Deutschland nicht gelingt, die gebildeten Deutschtürken für sich zu gewinnen, zeigte auch eine Emnid-Umfrage im Auftrag der ZEIT von diesem Frühjahr (ZEIT Nr. 12/08). Demnach hielt nur jeder fünfte Befragte mit Hochschulreife Deutschland für ein Land der Chancen.

Dieser Wunsch, auszuwandern, ist im Hinblick auf den Fachkräftemangel in Deutschland bedenklich. Im Jahr 2020 sollen rund 230.000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker fehlen, heißt es in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Aus dem Ausland wird Deutschland diesen Bedarf nicht decken können, 2007 wanderten gerade einmal 466 »Hochqualifizierte« ein. Dabei wären genügend Talente im Land, Deutschland versteht es nur nicht, um sie zu werben, sie zu entdecken. Es sind nicht nur die deutschtürkischen Akademiker, die es zu pflegen gilt – unter den Einwanderern aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion gibt es viele hoch qualifizierte Ärzte oder Ingenieure. Aber die Spätaussiedler müssen erleben, dass ihre Abschlüsse hierzulande wenig wert sind. Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte des Bundes, spricht von einer »nicht hinnehmbaren Verschwendung von Talenten und Ressourcen«.

Hart arbeiten allein ist für Migranten in Deutschland keine Erfolgsgarantie