Die populistischen Regierungen, die seit 1990 in vielen lateinamerikanischen Ländern an die Macht gekommen sind, verdanken ihren Erfolg nicht zuletzt den hohen Rohstoffpreisen vergangener Jahre. Doch jetzt fallen die Preise für Öl, Gas und Metalle in aller Welt. Was bedeutet das für die Populisten?

Die meisten Länder Lateinamerikas – mit den Ausnahmen Mexiko und Brasilien – sind trotz einiger Diversifizierungsversuche von ihren Rohstoffexporten abhängig geblieben. Zwischen 2003 und 2008 erlebten diese Länder einen zweifachen ökonomischen Stimulus: Zum einen kamen aus der Exportwirtschaft und von ausländischen Investoren viele Dollar herein, zum anderen flossen dank der Exporte und Auslandsinvestitionen im Lande die Einnahmen der Regierungen reichlich, was auch ihnen hohe Ausgaben erlaubte.

Dieser ökonomische Doppelbonus nährte die populistischen Kräfte. Führer wie Hugo Chávez in Venezuela, Evo Morales in Bolivien, Rafael Correa in Ecuador, Daniel Ortega in Nicaragua, Néstor Kirchner und seine ihm nachfolgende Frau Cristina Fernández in Argentinien traten mit Programmen an, die sich gegen die klassischen Parteien und die freien Märkte richteten, und gewannen die Macht. Im Amt nutzten sie die gewachsenen Ausgabemöglichkeiten des Staates, um Ressourcen im Sinne ihrer politischen Bewegungen umzulenken. Politisch geprägte Staatsausgaben halfen, solide Koalitionen zu zimmern, die Opposition zu schwächen und die politische Kontrolle einzuschränken. Doch mit dem Kollaps der Rohstoffpreise und dem Beginn einer globalen Wirtschaftskrise haben sich die Bedingungen grundlegend verändert.

In Venezuela zum Beispiel machen die Ölexporte 94 Prozent aller Ausfuhren aus, sie finanzieren fast die Hälfte des Etats. In den Boomjahren von 2003 an nutzte die Chávez-Regierung ihre üppigen Einnahmen, um nahezu jede soziale Gruppe im Lande einzubinden. Für die Ärmsten gab es innovative Sozialprogramme. Für die reichen Unternehmer Staatsaufträge. Die Mittelschicht profitierte vom importierten Warenangebot. Gewerkschaften freuten sich über mehr Jobs im öffentlichen Dienst, die mit dem Verstaatlichungsprogramm einhergingen. Die Militärausgaben versiebenfachten sich. Es gab Geld für jedermann.

Die Krise dürfte Venezuela besonders schwer treffen, denn es hat zusätzliche, hausgemachte Probleme. Erstens hat Chávez den Ölsektor schlecht gemanagt: Er hat zugelassen, dass das Staatsunternehmen PDVSA seine Betriebskosten vervielfachte und zugleich seine Produktionsmenge verringerte. Chávez ist jetzt nicht einmal in der Lage, zum Auffüllen seiner Staatskasse viel mehr Öl fördern zu lassen.

Zweitens hat er für die Geschäftswelt unfreundliche Regeln erlassen, die Kapitalflucht begünstigte und Investitionen sinken ließ. Dies führte dazu, dass viele Verbrauchsgüter knapp wurden. Drittens hat Chávez die Verwaltung verkommen lassen, sodass es mit der Qualität öffentlicher Dienstleistungen bergab ging. So kann die desolate Polizei die Sicherheit nicht mehr aufrechterhalten, eine Verbrechenswelle war die Folge.

Venezuela hat den größten Schaden – aber auch die meisten Optionen

Venezuelas Regierung steht unter Druck. Bei einer Regionalwahl Ende November erzielte die Opposition ihr bestes Resultat seit dem Jahr 2000, sie wird künftig Regionen des Landes regieren, in denen mehr als 40 Prozent der gesamten Bevölkerung leben und der Großteil der wirtschaftlichen Wertschöpfung stattfindet.