Literarisches Leben Advent, Advent
Lebenshilfe zur Finanzkrise: Die Literatur soll uns in schwerer Zeit ein Lichtlein anzünden
Sergej Eisenstein, lesen wir auf dieser Seite, wollte mitten in der Wirtschaftskrise von 1929 das Kapital von Karl Marx verfilmen. Krisen, deren Ausmaß und Ursache die dickbäuchigen Begriffe der theoretischen Vernunft übersteigen, verlangen nach der weit beweglicheren Sprache der Kunst und der Literatur. So war es damals, so ist es heute.
In den ersten Wochen der jüngsten Wirtschaftskrise hat die Kulturkritik noch versucht, der Ereignisse mit den handelsüblichen literaturkritischen Bordmitteln Herr zu werden. In aller Behaglichkeit erwog man die weitreichenden Bezüge des Bankencrashs zum zweiten Teil des Faust, zog gelehrte Vergleiche zwischen der Krise und irgendwelchen Allegorien auf alten Wandgemälden oder enteigneten Schafherden im Lothringischen zur Zeit Ludwigs XVI.
Nach diesen ersten, noch tastenden und traditionsverhafteten Versuchen einer literaturkritischen Überwölbung des bedrohlichen wirtschaftlichen Geschehens befinden wir uns seit Kurzem in der zweiten Phase des ideologischen Krisenmanagements. In dieser gerade beginnenden Phase wird die Literatur wieder wie ein kostbares Überlebensmittel in einer geistigen Hungersnot wahrgenommen. Die Lebensstilkrise, als die man die Wirtschaftskrise durchaus verstehen kann, sei, so die Hoffnung, therapierbar durch die schönen Künste. Gefragt seien im Augenblick nach Auskunft der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wieder Bücher, die uns sagen, »wer wir sind und wie wir leben wollen«. Gefragt sei das Buch als ein Medium, das »die Krise auf ganz neue Weise auslotet: indem es sich unseren metaphorischen Kontostand ansieht«.
Das ist die Stunde der Literatur als Lebenskunst. Ein schönes Plus für unseren metaphorischen Kontostand ist deshalb fraglos ein Buch wie das von Brigitte Landes in der »Bibliothek der Lebenskunst« herausgegebene Lesebuch Leben (Suhrkamp Verlag), dessen Qualitäten in den vergangenen Tagen in derselben Zeitung gleich zweimal wortgleich ausgelotet wurden. Ein weiteres Plus im geistigen Katastrophenschutz, den die Literatur gewährt, ist natürlich auch der inzwischen legendäre Turm von Uwe Tellkamp.
Hier kann man lesend lernen, wie der literaturinteressierte Bürger zwar hungern, frieren, nackt im Dunkeln eingesperrt werden, das Recht aufs eigene WC und den eigenen Lebensplan verlieren kann, aber alles mit Würde übersteht, wenn er nur Obdach findet unter den weit ausgebreiteten Fittichen der deutschen Klassiker. Lebenskunst, das kann man am Beispiel der tapferen Tellkampschen Literaturliebhaber studieren, ist auch und vor allem Lesekunst.
Das ist eine Einsicht, tröstend wie ein Adventslichtlein im Schnee. Wer künftig seine Arbeit verliert oder auch nur den Zweitwagen für den kleinen Einkaufshunger zwischendurch, kann sich an ihr die klammen Finger wärmen. Er wird einsam durch kalte Gassen streifen und sich die entgangenen materiellen Freuden durch geistige Wonnen im Taschenbuchformat ersetzen. So hat die Literatur, die uns das Leben so oft schwer und undurchschaubar macht, endlich wieder eine wohltuende, herzensgute Aufgabe.
- Datum 07.12.2008 - 12:44 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.12.2008 Nr. 50
- Kommentare 10
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irgend etwas sagen, Frau Radisch?
beispielsweise, dass manche bildungsbürger ziemlich bleed scheinen...
beispielsweise, dass manche bildungsbürger ziemlich bleed scheinen...
beispielsweise, dass manche bildungsbürger ziemlich bleed scheinen...
nicht kurz, knapp und prägnant.
nicht kurz, knapp und prägnant.
nicht kurz, knapp und prägnant.
Nimmt man sich ein winziges Stück dichterische Freiheit heraus und ersetzt das Wort "honneur" durch das Wort "littérature", so treffen Albert Camus' Worte aus Les Justes genau den Kern dieser Glosse: "Die Literatur ist der letzte Reichtum des Armen". Iris Radisch weist uns darauf hin, daß Literatur in Zeiten der Krise ein Lichtlein anzünden kann, nicht mehr und nicht weniger. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier --- und wer weiß, vielleicht steht dann tatsächlich ein Christkind vor der Tür... Dabei bleiben "Ehre" und "Literatur" verknüpft. Es geht letztlich darum, sich auch in Krisenzeiten ein Stückchen innere Freiheit zu bewahren, was immer das für den Einzelnen konkret bedeutet. In Mexiko-Stadt rettet man sich diese Tage in Krisenwitze, Krisenpreise und ähnliches... Auch das ist eine Möglichkeit, in dunklen Zeiten ein Lichtlein anzuzünden - und sei es nur in Form eines Lächelns... Gabrijela Mecky Zaragoza
@ Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza
*Und auch noch so treffend!
Die Erinnerung* ist das einzige Land, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
*oder: Die Phantasie...
@ Dr. Gabrijela Mecky Zaragoza
*Und auch noch so treffend!
Die Erinnerung* ist das einzige Land, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
*oder: Die Phantasie...
...zum Hartzler machte, bleibt dann vielleicht gerade noch das Window-Shopping am Bücherladen...
Und das Träumen.
Gute Wortschöpfung! Aber immerhin bleibt ihm, dem Hartzler, am Ende doch noch das Bücherlesen in der öffentlichen Bibliothek oder der Leseecke im Bücherladen und das Träumen. Keine Frage: Das ist sicherlich viel zu wenig, aber es ist ein Lichtlein, wie Iris Radisch geschrieben hat, an dem er sich die klammen Finger wärmen kann.
Gute Wortschöpfung! Aber immerhin bleibt ihm, dem Hartzler, am Ende doch noch das Bücherlesen in der öffentlichen Bibliothek oder der Leseecke im Bücherladen und das Träumen. Keine Frage: Das ist sicherlich viel zu wenig, aber es ist ein Lichtlein, wie Iris Radisch geschrieben hat, an dem er sich die klammen Finger wärmen kann.
Gute Wortschöpfung! Aber immerhin bleibt ihm, dem Hartzler, am Ende doch noch das Bücherlesen in der öffentlichen Bibliothek oder der Leseecke im Bücherladen und das Träumen. Keine Frage: Das ist sicherlich viel zu wenig, aber es ist ein Lichtlein, wie Iris Radisch geschrieben hat, an dem er sich die klammen Finger wärmen kann.
wonach die Leute mit den Stöcken immer in den öffentlichen Abfallkörben und Containern herumsuchen: nach Büchern, und nicht etwa nach Flaschen, mit deren Pfand sich magere Finanzen ersammeln oder aufbessern lassen. Und dass Container dann und wann in Flammen aufgehen, liegt wohl an der Adventshaltigkeit von Literatur. Woher stammt noch gleich der Begriff "Kande-Laber", oder was könnte er meinen: Sinnieren über Kerzen? Also nicht lange fackeln in stürmischen Zeiten. Auch ein Buch will geschenkt sein.
Gute Assoziationskette zum Kandelaber, die jedes sprachwissenschaftlich orientierte Herz vor Überraschung hüpfen läßt. Und wie geht es dann weiter? Was etwa hat der Kande-Laberer oder, pardon, -Leser, mit dem Armleuchter oder, pardon, dem armen Leuchter zu tun? Und wo nochmal bekommt man im kalten, krisengeschüttelten Deutschland Bücher geschenkt?
da gibt's schon ein paar orte. nur den, an dem auch neu-erscheinungen (vor allem die im FAZ-feuilleton abgehandelten) verschenkt werden, den haben ich noch nicht gefunden!
da gibt's schon ein paar orte. nur den, an dem auch neu-erscheinungen (vor allem die im FAZ-feuilleton abgehandelten) verschenkt werden, den haben ich noch nicht gefunden!
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