Es gibt Sternstunden der Kulturgeschichte, an die man nicht ohne Herzklopfen zurückdenkt. Am 30. November 1929 besuchte der sowjetische Filmregisseur Sergej Eisenstein in Paris den Romancier James Joyce – der Erneuerer der Filmsprache traf den Erneuerer der literarischen Prosa. Der Gesprächsstoff der beiden Großen war nicht eben klein. Sie sprachen über das Opus magnum eines Dritten: Das Kapital von Karl Marx. Eisenstein hatte den Plan, das Werk zu verfilmen, auch den Ulysses von Joyce, vielleicht sogar Das Kapital nach dem literarischen Verfahren des Ulysses – und das sechs Tage nach dem Börsenzusammenbruch des Black Friday.

Es waren die avanciertesten ästhetischen und soziologischen Erfindungen, um die es in diesem Pariser Dialog ging. Joyce hatte in seinem Roman nicht nur die homerische Ursprungsgeschichte des europäischen Subjekts im unheroischen Alltag des irischen Angestellten Bloom neu erzählt. Er hatte auch im Schlussmonolog seines Buches das allmächtige Subjekt und seinen Erzähler entmachtet und alles dem freien Strom des Erzählens überlassen. Etwas Ähnliches hatte Marx im Kapital, das man durchaus als eine Odyssee der Waren und des Geldes lesen kann, getan. Auch sein Buch entlarvte die vermeintlich geschichtsmächtigen Bourgeois und Proletarier als bloße Agenten ökonomischer Gesetze.

Beide Einsichten und Methoden wollte Eisenstein in seinem Kapital-Film kombinieren. Das ganze Marxsche Theoriegebäude sollte in einem einzigen Arbeiternachmittag Platz finden. Zu diesem Zweck wollte Eisenstein die Filmsprache, die er mit dem Montage-Prinzip ein erstes Mal revolutioniert hatte, ein zweites Mal umstürzen und es mit einem Film ohne lineare Handlung versuchen. Es ging ihm um nie Gesehenes, um – wie Alexander Kluge formuliert – »Filme wie Kugeln, also wie Sterne und Planeten, die sich in einem Raum frei bewegen und aus deren Gravitation ›kugelförmige Dramaturgien‹ entstehen«. Bald merkte er, »dass es dabei nicht um eine Abendvorstellung gehen könne, eher um vier Abende wie bei Richard Wagner«.

Alexander Kluge hat nun nichts Geringeres versucht, als dieses Projekt für die neu gegründete Filmedition des Suhrkamp Verlages fortzuführen. Herausgekommen sind beinahe vier durchaus wagnerianische Abende. Wagnerianisch nicht in den Bildern Eisensteins, denn den wollten weder die sowjetischen Kommunisten noch die westlichen Kapitalisten finanzieren, aber wagnerianisch in den Bildern Alexander Kluges. Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital heißt das neueste, drei DVDs von zusammen fast zehn Stunden Länge verschlingende Werk des Universalkünstlers Kluge, eine kühne Komposition aus stehenden Bildern, dokumentarischen und inszenierten Filmsequenzen, Interviews und Schrifttafeln, alles umspült von einem das träumerische Denken fördernden und tragenden Strom von Musik. Zur Vielfalt der Genres kommt die der Tonarten: Die virtuose ernste Komik Helge Schneiders in der Rolle des Hartz-IV-Anwärters Atze Mückert steht neben der blitzend hellen verspielten Intelligenz Dietmar Daths. Daths und Sophie Rois’ Diskurs über die Liebe schlägt um in Szenen aus Wagners Tristan, wie der (seinerseits mitsprechende) Regisseur Werner Schroeter ihn aus dem Geist von Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin neu interpretierte.

Wie geht das? Was hält es zusammen? Wie steht es zu Eisensteins Projekt? Und wie zum Kapital?

Kluge hat, um diese Hauptfrage gleich zu beantworten, weder Marxens Kapital verfilmt noch einen Film über das Kapital gedreht – er ist ja, wie bekannt, kein Guido Knopp der gebildeten Stände. Er hat auch Eisensteins Idee, alles anhand eines Arbeiternachmittages zu erzählen, nicht übernommen. Er startet seine Bilderreise bei Eisensteins Projekt, wir lesen – auf Tafeln mit sprechend variabler Schrift – Auszüge aus Eisensteins Arbeitsheften, wir hören seiner klugen Biografin zu und gewöhnen uns durch wundersame video-akustisch-dialogische Assoziationsschleifen allmählich an die Leitfrage dieser zehn Stunden: In welchen Bildern ist Das Kapital wiederzugeben?