Donnernd rollen die Brecher heran – wie bei einem Sturm auf hoher See. Die Rettungsinsel tanzt auf den Wellen. Es ist heiß und stickig im Schutzraum. Verzweifelt versuchen die sieben Testpersonen das Gleichgewicht zu halten. Am Rand des Wellenbeckens blickt der Marinestabsarzt auf die Stoppuhr. »Fünf Minuten!«, brüllt er, um das Rauschen der Wogen zu übertönen. Eine Viertelstunde noch. Werden sie durchhalten? Oder sich im Dienste der Wissenschaft doch noch übergeben?

Knapp zwei Minuten später kapituliert der Erste. Ein junger Bursche winkt panisch aus der Luke. Der Versuchsleiter schaltet die Wellenmaschine aus, der Proband darf die Rettungsinsel verlassen. Sein Gesicht ist weiß wie Schafskäse. Die Experimente im Trainingsbecken der Deutschen Marine in Neustadt (Holstein) haben ein ehrgeiziges Ziel: Der Mediziner Reinhart Jarisch will beweisen, dass sich Seekrankheit mit simplem Vitamin C in den Griff bekommen lässt.

Il mal di mare, die Seekrankheit, ist eine höllische Pein: Kalter Schweiß dringt aus den Poren, die Haut erblasst, das Herz rast, der Magen rebelliert. Viele Erkrankte wollen nur noch sterben. Cicero etwa ließ einst, auf der Flucht vor den Schergen des Marcus Antonius, sein Schiff wenden, da er die Übelkeit nicht länger ertragen konnte. Lieber wollte er an Land zurückkehren, in den sicheren Tod. Auch Matrosen, Kapitäne und Weltumsegler bleiben nicht verschont. Und selbst dem berühmten britischen Admiral Lord Nelson wurde übel auf See.

Die Menschheit hat fast alles probiert, um diese Plage zu besiegen. Bei den alten Griechen galt ein Cocktail aus Wein und Meerwasser als Gegengift; die Römer schmierten sich in Essig gelöstes Flohkraut unter die Nase. Im mittelalterlichen England hatte ein Diener, der königliche »Kopfhalter«, ausschließlich die Aufgabe, das Haupt des Monarchen auf See zu stützen und die Schiffsbewegungen auszugleichen. Das funktionierte ganz gut – solange der Kopfhalter selbst nicht seekrank wurde.

Heute setzen manche auf Salzbrezeln und warme Cola. Andere tragen Spezialbrillen mit Horizontbalken in den Gläsern oder versuchen es mit Akupressur-Armbändern oder Ingwer. Allein in Deutschland verkaufen Apotheker jährlich mehr als fünf Millionen Mal rezeptfreie Mittel gegen die Reisekrankheit und erreichen damit einen Umsatz von 26,5 Millionen Euro. Nicht selten verschreiben Mediziner auch Psychopharmaka. Mit reichlich Nebenwirkungen.

Eines der bekanntesten Seglermedikamente ist Scopoderm TTS. Ein Pflaster, das den Wirkstoff Scopolamin abgibt. Es kann Unkonzentriertheit, Irritationen der Sehkraft und Verlust von Erinnerungen auslösen. Als potenziell wirksam gelten darüber hinaus das Antidepressivum Doxepin sowie das Medikament Selegilin, das ursprünglich gegen Parkinson entwickelt wurde. Im fortgeschrittenen Stadium der Seekrankheit kann jedoch schon das Schlucken einer solchen Pille erneutes Erbrechen auslösen.

Reinhart Jarisch, der in Wien eine Spezialklinik für Allergiemedizin leitet, vertritt einen neuen Ansatz. »Wie Sie vielleicht wissen«, holt er aus, »werden Schweine nicht seekrank.« Das geht aus Aufzeichnungen der k. u. k. Kriegsmarine Österreich-Ungarns hervor, die diese Tiere einst als lebende Nahrungsmittel mit an Bord nahm. Der Grund für die angeborene Seefestigkeit der Schweine? »Histaminabbau«, sagt der Mediziner knapp. Histamin ist ein Gewebshormon und Botenstoff des Nervensystems, der beim Menschen maßgeblich an allergischen Reaktionen beteiligt ist.

Die Substanz entsteht aber auch in Lebensmitteln, wenn Bakterien darin die Aminosäure Histidin abbauen. Besonders hoch ist die Histaminkonzentration in verdorbenem Fleisch. Menschen würden sterben, wenn sie Aas verzehrten. Schweine, Löwen und Hyänen hingegen vertragen verdorbenes Fleisch problemlos. Sie können Histamin ausreichend abbauen. »Daher sind diese Tiere auch gegen die Seekrankheit immun«, sagt Jarisch. Seine verblüffende These: Bei der Seekrankheit handelt es sich im Kern um eine leichte Histaminvergiftung.