Medizin Ein ganz, ganz übles Thema

Seekrankheit ist ein Albtraum. Manche Menschen lassen sich dagegen sogar Psychopharmaka verschreiben. Der Wiener Arzt Reinhart Jarisch will beweisen, dass es auch sanfter geht

Vitamin C könnte Seekranken Linderung verschaffen - oder einfach viel Schlaf

Vitamin C könnte Seekranken Linderung verschaffen - oder einfach viel Schlaf

Donnernd rollen die Brecher heran – wie bei einem Sturm auf hoher See. Die Rettungsinsel tanzt auf den Wellen. Es ist heiß und stickig im Schutzraum. Verzweifelt versuchen die sieben Testpersonen das Gleichgewicht zu halten. Am Rand des Wellenbeckens blickt der Marinestabsarzt auf die Stoppuhr. »Fünf Minuten!«, brüllt er, um das Rauschen der Wogen zu übertönen. Eine Viertelstunde noch. Werden sie durchhalten? Oder sich im Dienste der Wissenschaft doch noch übergeben?

Knapp zwei Minuten später kapituliert der Erste. Ein junger Bursche winkt panisch aus der Luke. Der Versuchsleiter schaltet die Wellenmaschine aus, der Proband darf die Rettungsinsel verlassen. Sein Gesicht ist weiß wie Schafskäse. Die Experimente im Trainingsbecken der Deutschen Marine in Neustadt (Holstein) haben ein ehrgeiziges Ziel: Der Mediziner Reinhart Jarisch will beweisen, dass sich Seekrankheit mit simplem Vitamin C in den Griff bekommen lässt.

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Il mal di mare, die Seekrankheit, ist eine höllische Pein: Kalter Schweiß dringt aus den Poren, die Haut erblasst, das Herz rast, der Magen rebelliert. Viele Erkrankte wollen nur noch sterben. Cicero etwa ließ einst, auf der Flucht vor den Schergen des Marcus Antonius, sein Schiff wenden, da er die Übelkeit nicht länger ertragen konnte. Lieber wollte er an Land zurückkehren, in den sicheren Tod. Auch Matrosen, Kapitäne und Weltumsegler bleiben nicht verschont. Und selbst dem berühmten britischen Admiral Lord Nelson wurde übel auf See.

Die Menschheit hat fast alles probiert, um diese Plage zu besiegen. Bei den alten Griechen galt ein Cocktail aus Wein und Meerwasser als Gegengift; die Römer schmierten sich in Essig gelöstes Flohkraut unter die Nase. Im mittelalterlichen England hatte ein Diener, der königliche »Kopfhalter«, ausschließlich die Aufgabe, das Haupt des Monarchen auf See zu stützen und die Schiffsbewegungen auszugleichen. Das funktionierte ganz gut – solange der Kopfhalter selbst nicht seekrank wurde.

Heute setzen manche auf Salzbrezeln und warme Cola. Andere tragen Spezialbrillen mit Horizontbalken in den Gläsern oder versuchen es mit Akupressur-Armbändern oder Ingwer. Allein in Deutschland verkaufen Apotheker jährlich mehr als fünf Millionen Mal rezeptfreie Mittel gegen die Reisekrankheit und erreichen damit einen Umsatz von 26,5 Millionen Euro. Nicht selten verschreiben Mediziner auch Psychopharmaka. Mit reichlich Nebenwirkungen.

Eines der bekanntesten Seglermedikamente ist Scopoderm TTS. Ein Pflaster, das den Wirkstoff Scopolamin abgibt. Es kann Unkonzentriertheit, Irritationen der Sehkraft und Verlust von Erinnerungen auslösen. Als potenziell wirksam gelten darüber hinaus das Antidepressivum Doxepin sowie das Medikament Selegilin, das ursprünglich gegen Parkinson entwickelt wurde. Im fortgeschrittenen Stadium der Seekrankheit kann jedoch schon das Schlucken einer solchen Pille erneutes Erbrechen auslösen.

Reinhart Jarisch, der in Wien eine Spezialklinik für Allergiemedizin leitet, vertritt einen neuen Ansatz. »Wie Sie vielleicht wissen«, holt er aus, »werden Schweine nicht seekrank.« Das geht aus Aufzeichnungen der k. u. k. Kriegsmarine Österreich-Ungarns hervor, die diese Tiere einst als lebende Nahrungsmittel mit an Bord nahm. Der Grund für die angeborene Seefestigkeit der Schweine? »Histaminabbau«, sagt der Mediziner knapp. Histamin ist ein Gewebshormon und Botenstoff des Nervensystems, der beim Menschen maßgeblich an allergischen Reaktionen beteiligt ist.

Die Substanz entsteht aber auch in Lebensmitteln, wenn Bakterien darin die Aminosäure Histidin abbauen. Besonders hoch ist die Histaminkonzentration in verdorbenem Fleisch. Menschen würden sterben, wenn sie Aas verzehrten. Schweine, Löwen und Hyänen hingegen vertragen verdorbenes Fleisch problemlos. Sie können Histamin ausreichend abbauen. »Daher sind diese Tiere auch gegen die Seekrankheit immun«, sagt Jarisch. Seine verblüffende These: Bei der Seekrankheit handelt es sich im Kern um eine leichte Histaminvergiftung.

Die genauen Ursachen der Seekrankheit waren der Wissenschaft lange ein Rätsel. Irgendwie scheinen die Turbulenzen auf hoher See den menschlichen Organismus zu überfordern. Beim Betrachten von Filmen, in denen Sturmszenen auf dem Meer vorkommen, wird manchen Leuten sogar im Kinosessel übel. Die optische Wahrnehmung müsse also entscheidend sein, folgerten die Forscher. Doch auch Blinde werden seekrank.

Im Gegenzug fanden britische Mediziner heraus, dass gehörlose Menschen, bei denen das Innenohr geschädigt ist, gegen Seekrankheit gefeit sind. Das Gleichge-

wichtsorgan im Innenohr scheint also von zentraler Bedeutung zu sein. Und daraus leitet sich die gängige These ab. Die Lymphflüssigkeit in den Bogengängen des Innenohrs reagiert auf die Bewegungen des Schiffs. Haarzellen in diesem Gleichgewichtsorgan melden dem Gehirn die jeweilige Richtung der Flüssigkeitsströmung und geben so Hinweise auf die Bewegung des Körpers im Raum. Gleichzeitig treffen im Hirn aber auch Signale aus dem Sehapparat ein und aus sogenannten Propriozeptoren in Muskeln und Gelenken, die ebenfalls Informationen zur Bewegung des Körpers im Raum liefern. Unter Deck beispielsweise nimmt ein Passagier über das Auge keine Schiffsbewegungen wahr. Das Innenohr aber meldet Schaukelbewegungen, und der Passagier muss sich mit den Füßen gegen das Schwanken stemmen. Die widersprüchlichen Signale lösen im Hirn eine Art Kurzschluss aus – und der Organismus reagiert mit Brechreiz und Schweißausbrüchen.

Der Mediziner rät: An Bord keine Salami essen und viel schlafen

Die Histamin-These, betont Jarisch, stehe nicht im Widerspruch zu dieser gängigen Theorie. Sie sei lediglich eine »wichtige Ergänzung«. Bei Stress, Angst, unkoordinierten Körperbewegungen und widersprüchlichen Sinneseindrücken würde im Gehirn vermehrt Histamin ausgeschüttet, sagt Jarisch. Erst dadurch würden die Symptome der Seekrankheit ausgelöst.

Der Arzt greift noch einmal das Thema Schweine auf. Diese neutralisieren Histamin mit Hilfe eines körpereigenen Enzyms, so Jarisch, der sogenannten Diaminoxidase. »Und auch der Mensch kann die Seekrankheit besiegen«, sagt der Forscher, »sobald es ihm gelingt, Histamin im Gehirn abzubauen oder dessen Produktion und Freisetzung zu verhindern.« Die simplen Gegengifte: Vitamin C und Schlaf. Auch Untersuchungen an Ratten haben Jarisch überzeugt. Diese Tiere werden – im Gegensatz zu Schweinen – zwar seekrank, ihr Körper gewöhnt sich jedoch bereits nach kurzer Zeit an die Bedingungen, und die Symptome klingen ab. Ratten setzen unter Stress im Gehirn genau wie der Mensch Histamin frei. Sie können aber im Körper selbst Vitamin C synthetisieren und damit das überschüssige Hormon neutralisieren.

Der menschliche Organismus benötige für den Histaminabbau ebenfalls Vitamin C, glaubt Jarisch. An Patienten mit chronisch erhöhtem Histaminspiegel hat er seine Theorie bereits überprüft. Bei dieser Erkrankung vermehren sich die Mastzellen im Körper und setzen gewaltige Mengen Histamin frei, was unter anderem Durchfall und Übelkeit auslöst. Jarisch stellte fest, dass bei diesen Patienten, wenn sie täglich zwei Gramm Vitamin C schlucken, der Histaminspiegel sinkt und die Übelkeit verschwindet.

Darum empfiehlt der Mediziner aus Wien Seekranken, Vitamin-C-Tabletten zu kauen. Über die Mundschleimhaut gelangt die lindernde Substanz besonders schnell ins Gehirn. Darüber hinaus solle man »Histaminschleudern« wie Rotwein, Hartkäse, Salami, Schokolade und Tomaten meiden. Und noch einen Tipp hat der Mediziner: »An Bord möglichst viel schlafen!« Im Schlaf sinkt der Histaminspiegel im Blut nämlich automatisch gegen null.

Andrew Clarke, Professor für Physiologie an der Charité in Berlin und Experte für Seekrankheit, ist skeptisch. »Das sind interessante Spekulationen«, sagt er, »mehr nicht.« Schlafen habe in der Tat eine lindernde Wirkung bei Seekrankheit, sagt Clarke. Jarischs Vitamin-C-These hingegen sei »gewagt und unbewiesen«. Edgar Pinkowski sieht das anders. Der Schmerzmediziner aus Pohlheim bei Gießen ist seit 17 Jahren Schiffsarzt auf Großseglern. Seit er von der Histamin-These gelesen hat, empfiehlt auch er Vitamin-C-Kautabletten. »Besonders bei Menschen, die sehr stark anfällig für Seekrankheit sind, habe ich mit Vitamin C gute Erfahrungen gemacht.«

Die Marine will ihren Soldaten künftig Vitamin-Pillen anbieten

Im Wellenbecken der Marine in Neustadt wollte Reinhart Jarisch die Skeptiker nun endgültig überzeugen. Insgesamt 70 Versuchspersonen schickte er bei einem künstlichen Orkan zweimal für 20 Minuten in die Rettungsinsel. Eine Stunde vor den Tests mussten sie jeweils eine weiße Pille einnehmen: ein Placebo oder aber reines Vitamin C. In Fragebögen sollten sie hinterher ankreuzen, welcher Durchlauf leichter zu ertragen war. Und vor und nach den Schaukelexperimenten wurden Blutproben genommen.

Eine Frage hat die Studie wohl endgültig geklärt. Es besteht in der Tat ein Zusammenhang zwischen Seegang und Histaminspiegel. Bei fast allen Probanden stieg der Pegel im Blut während der Schaukelei deutlich an. Doch hilft Vitamin C dagegen? 15 Probanden stellten keinen Unterschied fest zum Placebo. 33 der verbleibenden 55 Probanden fühlten sich unter Vitamin C besser, hatten also weniger Übelkeit und Schwindelgefühle. Bei 22 Probanden siegte hingegen das Scheinmedikament. Ein Verhältnis von 36 zu 19 hätte aus statistischer Sicht genügt, um die Wirksamkeit von Vitamin C zu beweisen. »Es fühlt sich an wie ein vierter Platz bei den Olympischen Spielen«, seufzt Jarisch. »Ein gutes Resultat, aber für eine Medaille hat es nicht ganz gereicht.«

Eine kleine Ehrenrettung aber gab es dennoch. Von den 24 Testpersonen, die die Rettungsinsel bereits während des Experiments wegen akuter Übelkeit fluchtartig verließen, hatten 17 ein Placebo geschluckt und nur 7 Vitamin C. »Aus meiner Sicht ist auch das ein deutlicher Hinweis auf die Wirksamkeit«, sagt Jarisch. Und bei Männern unter 28 Jahren und Frauen schnitt Vitamin C ebenfalls signifikant besser ab als das Scheinmedikament.

Bei der Deutschen Marine glaubt man seit dieser Pionierstudie an das Potenzial der neuen Methode. In Zukunft sollen auf Marineschiffen Vitamin-C-Pillen angeboten werden. »Wir überlegen außerdem, eine Langzeitstudie auf See durchzuführen«, sagt Andreas Koch, Forschungsleiter am Schifffahrtsmedizinischen Institut der Marine in Kiel. Gut möglich, dass die den endgültigen Nachweis für die Wirksamkeit von Vitamin C und Schlaf gegen Seekrankheit erbringen wird.

Anderenfalls bleibt weiterhin die bewährte Faustregel alter Seebären in Kraft: »Am besten hilft Vorbeugen – und zwar über die Reling.«

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