Martenstein Euphoriker sterben jung
Unser Kolumnist wird Opfer der Wirtschaftskrise, obwohl er breit aufgestellt ist
Am Morgen schlug ich die Zeitung auf und las, dass ich einen Job los war. Ein Videoportal, für das ich regelmäßig Beiträge lieferte, war eingestellt worden, Knall auf Fall, eine Folge der Wirtschaftskrise und der sinkenden Werbeeinnahmen. Das ist der Klassiker, dachte ich. Man liest in der Zeitung, beim Frühstück, dass man sich die Mühe, zur Arbeit zu fahren, ab heute sparen kann. Wer behauptet, dass er dann zuerst an die Kollegen denkt und nicht zuerst an sich selber, lügt.
Für mich ist das keine Katastrophe, dachte ich. Der Videojob war ein Zubrot, so blöd, alle Eier in einen Korb zu legen, bin ich zum Glück nie gewesen. Ich bin breit aufgestellt, mache dies, mache jenes, da kann auch noch eine zweite Säule wegbrechen, ohne dass es wirklich existenziell wird. Trotzdem, ich muss alles neu durchrechnen. Einnahmen, Ausgaben, Zinsen.
Euphorie macht mich misstrauisch. Euphoriker sterben jung. Ans Internet habe ich deswegen eh nicht geglaubt. Ein Milliardengeschäft, alles aus Werbeeinnahmen finanziert, na bravo. Das ist die nächste Blase, die platzt.
Ein Freund ist gekündigt worden. Ich hätte das nie für möglich gehalten, er ist jung, er hat studiert, er ist gut. Dann wurde mir klar, dass überall die Jüngeren, die Fleißigen und Engagierten, also die sogenannten Leistungsträger, als Erste draußen sind. Zeitverträge. Kurz im Betrieb. Man wird sie leicht los. Darüber wird viel diskutiert. Wie ungerecht das ist. Es stellt das Leistungsprinzip auf den Kopf.
Ich stelle mir das umgekehrte Prinzip vor, bei dem die kraftstrotzenden jungen Tiger drin bleiben und die müden Alten rausfliegen. Das ist vielleicht besser für das Unternehmen, aber nicht unbedingt menschlicher. Entscheidend ist, dass es überhaupt ein scheinbar objektives Kriterium gibt beim Sortieren. Es ist das System, es sind die Regeln, die bestimmen, wer gehen muss. Das macht es für beide Seiten leichter.
Der Unternehmer muss nicht darüber nachdenken, wen er kündigt und wen er behält. Es ergibt sich irgendwie automatisch. Der Gekündigte muss sich nicht sagen, dass er den Job verliert, weil er schlecht gearbeitet hat. Es gibt keine Schurken und keine Versager. Es gibt nur die Logik des Systems. Zeitvertrag, kurz im Betrieb, und du bist draußen. Vielleicht ist das die menschenfreundlichere Variante.
Ich checke nach längerer Pause E-Mails und finde einen Brief von einer Autorin, die ich nur flüchtig kenne und die für einen anderen Laden arbeitet, in dem ich auch hin und wieder veröffentlicht habe. Sie sei gekündigt. Ich solle mich, bitte, für sie verwenden, ich sei doch ein bekannter Autor, und ich wisse doch, dass sie gut sei. Wie naiv kann man sein?, denke ich. Wenn ein Unternehmen, das Leute kündigt, die Kündigung zurücknimmt, nur weil ein Typ wie ich irgendeine Meinung hat, dann ist dieses Unternehmen doch zum Tode verurteilt.
Ich weiß nicht, was ich antworten soll, ehrlich. Am besten antworte ich gar nicht, der entscheidende Tag ist sowieso schon vorbei. Dann klingelt das Telefon, meine Frau ist dran. Das Haus, in dem sie wohnt, sei an eine Investorengruppe verkauft worden. Die bisherigen Besitzer, eine süddeutsche Familie, brauchen wegen der Krise Geld. Die neuen Besitzer haben als erste Tat die Hausverwalterin gekündigt. Die Verwalterin, eine nette ältere Dame, hat sich von den Mietern verabschiedet und war den Tränen nahe. Das macht jetzt alles eine Firma in Düsseldorf. Entweder Mieterhöhung oder Umwandlung in Eigentumswohnungen.
Ausgerechnet jetzt. Was für ein Tag, denke ich. Es liegt was in der Luft. Man muss ernsthafter schreiben, man muss sich neu aufstellen, noch breiter.
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 18.03.2009 - 13:10 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.12.2008 Nr. 50
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:
Man könnte doch vielleicht auch bei den jungen Leistungsträgern nochmal Unterschiede machen. Da gibt es ja auch die eine Sorte, die perfekte Zeugnisse und Empfehlungsschreiben hat, rein logisch würde man, wenn man von diesen jungen Leuten welche behält, diese behalten. Die anderen sind dann die Typen, die eher zweifelhaften Ruf haben, die auch Mißerfolge und Lücken in ihrem Lebenslauf zu verbuchen haben, und die würden dann eher aussortiert.
Aber genaugenommen sollte man grade die behalten. Denn die haben nämlich Angst. Angst, dass sie wieder Mist bauen, dass sich ihre schlechten Leistungen wiederholen könnten. Während die Vorzeigefrischlinge sorglos in ihren Büros sitzen und ohne Anschiss zu fürchten mit ihrer Freundin telefonieren, "Ja Schatz, ich kann mir heute sicher eine Stunde frei nehmen und eher nach Hause kommen, dann gehen wir noch ins Kino...".
Eigentlich sollte man die doch rauswerfen, so gut ihre Referenzen auch sein mögen. Bei ihnen ist einfach weniger Leistung garantiert. Im Gegensatz zu den Versagern, die brav darauf achten, ja keinen Fehler zu machen, die untertänigst katzbuckeln und bis ins kleinste Detail alles zur völligen Zufriedenheit ihrer Chefs zu erledigen wollen.
Aber auch hier denkt man eben nicht nach, sondern handelt rein nach der Logik, automatisch werden die aussortiert, die auf dem Papier weniger gelten. Auch wenn das vielleicht in Wirklichkeit anders aussähe.
Tja, kann man eben nichts machen.
________________________________________________________________
Man sollte auch bei Rot über die Ampel gehen dürfen, zumindest wenn kein Auto kommt und auf der anderen Straßenseite jemand Hilfe braucht.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren