Bad Sex Awards Was flattert da im Schoß?
In London ein Ereignis: Seit 15 Jahren werden dort geschmacklos geschriebene Sexszenen in Romanen ausgezeichnet. Die Sieger nehmen es sportlich
Der Abend gehört dem Misslingen, ausdrücklich. Wenn sich Londons intellektuelle Elite einmal im Jahr zur Verleihung des Bad Sex Award trifft, dann legen die Schriftsteller, Journalisten, Literatur- und Theaterkritiker ihren bürgerlichen Ernst ab und plaudern genüsslich über das Liebesleben anderer Leute. Dann tritt ein paar Stunden lang das Intime aus dem Schatten des Privaten und wird zum gesellschaftlichen Ereignis.
Seit fünfzehn Jahren vergibt die angesehene Zeitschrift Literary Review den Bad Sex Award an Autoren »achtbarer zeitgenössischer Romane«, um die Aufmerksamkeit »auf die kruden, geschmacklosen, oft nachlässig geschriebenen sexuellen Passagen« darin zu lenken. Insoweit darüber hinaus die Absicht besteht, solche Stellen künftig zu verhindern, muss man sagen: Das hat auch fürs Jahr 2008 nicht recht geklappt.
Vergangene Woche war es wieder so weit. Gut 400 Gäste drängen sich in das majestätische Stadthaus des Naval & Military Club am St. James’s Square und machen einen der prächtigsten Salons des 18. Jahrhunderts zum Boudoir. Der ehrwürdige Club wurde nicht nur gewählt, weil seine Aura schneidiger Militärtradition einen hübschen Kontrast zur Freizügigkeit des Anlasses bietet, sondern auch, weil der Naval & Military salopp als »In and Out Club« bezeichnet wird. »Rein und raus« – bei dieser Gelegenheit kann es gar nicht plump genug sein.
Zwei Schauspielerinnen im Röckchen treten ans Mikrofon und lesen die nominierten Passagen. Eine halbe Stunde lang darf nun teilnahmsvoll aufgestöhnt werden: »Ihr Blut raste mit solcher Geschwindigkeit durch ihre Venen, dass sie sich die Kleider vom Leib riss und er auch.« Das ist aus Brida von Paulo Coelho. – Oder dies, aus The Gate of Air von James Buchan:
»Sie stand im Nachmittagslicht, als ob das Licht aus ihrem eigenen Körper käme, aus ihren Brüsten und Augen und von da, wo sie angezogen gewesen war. (…) Seine Arme und Beine waren so leblos wie abgefallene Äste. Er verstand, dass die Liebe eine Kraft anderer Ordnung war, anders als irgendetwas sonst unter dem Himmel, und dass sie nicht nur Familien zerstören konnte oder das Gefühl für richtig und falsch, sondern auch das Gefühl für das, was wirklich war, und das, was nicht. (…) Sie wandte sich ihm zu. Ihr Gesicht hatte ihre Nacktheit angenommen oder, mehr noch, hatte einen Schleier abgeworfen, den es für die Welt trug. Sie sagte: ›Vielleicht magst du deine Shorts ausziehen.‹«
Die Präsentation ist theatralisch, die Gäste reißt es zwischen echtem Schauder und amüsiertem Gelächter hin und her. Und in manch einem Gesicht lässt sich Bedauern erkennen: »Wenn’s bei mir doch nur halb so aufregend wäre!«
Zur Preisverleihung besteigt Dominic West die Bühne. Der englische Schauspieler hat sich in den vergangenen Jahren über die amerikanische Fernsehserie The Wire einen Namen als Polizeioffizier und Frauenschwarm gemacht. Zur Einstimmung erzählt er von seinen Bettszenen. Und nun, der Preis geht an…
…Rachel Johnson, Journalistin, Schwester des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson und 43-jährige, blonde Supermami aus dem schicken Notting Hill. In ihrem dritten Roman hat sie die Kaschmirsocken- und Biocappuccino-Welt der übersättigten Londoner Mittelklasse hochgenommen, die sich am Wochenende in die Grafschaften zurückzieht und das ländliche Idyll mit ihren Großstadtneurosen aufmischt.
Shire Hell ist die Geschichte der Supermami Mimi Flemming, deren Leben so belanglos ist, dass sie sich nur noch über die Nacktschnecken in ihrem Salatbeet erregen kann und dann mit dem hinreißenden Jesse Marlon, Sohn der befreundeten Familie Bryanston und halb so alt wie Mimi, eine glühende Affäre beginnt:
»JMs Hände streicheln meine Brüste, jetzt, und ich darf seine Küsse erwidern, aber nur für einen Augenblick, da er mich unterbricht, um jeder Brust die Aufmerksamkeit zu schenken, die ihr gebührt. Und während er mit seinem Mund knabbert und zieht, finden seine Hände meinen Busch, und mit leichten Fingern flattert er dort umher, als sei er eine Motte, die in einem Lampenschirm gefangen ist.«
Rachel Johnson kümmert die Blamage nicht. »Meine Verlegerin hat mir schon versprochen, dass der Preis die Auflage um bis zu 50000 Exemplare steigern kann«, sagt sie und bedankt sich bei den Preisrichtern. Immerhin befindet sie sich nun in illustrer Gesellschaft. Vor ihr hatten Autoren wie Norman Mailer oder Sebastian Faulks die Ehre, und an diesem Abend geht ein weiterer Preis an John Updike, der sich mit seinem neuesten Werk, Die Witwen von Eastwick, zum vierten Mal auf die Nominierungsliste schrieb und nun für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird. Leider wurde Mr. Updike kurzfristig von einer derart schweren Grippe heimgesucht, dass er nicht einmal für eine telefonische Danksagung erreichbar war. Darin ähnelt er Tom Wolfe, der den Preis vor vier Jahren für seinen Roman Ich bin Charlotte Simmons erhielt und ihn einfach ignorierte.
Die Neue Welt ist um einiges eitler als die Alte. In England gilt der Bad Sex Award als eine Auszeichnung, die man – wenn sie einen denn ereilt – sportlich nehmen sollte.
Alle preisverdächtigen Stellen, in schönstem Englisch, unter www.literaryreview.co.uk/badsex_11_08.html
- Datum 04.12.2008 - 13:21 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.12.2008 Nr. 50
- Kommentare 4
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mit meinen "Benni & Mark" Geschichten in so illustrer Gesellschaft professioneller Schriftsteller befinde, die ebenfalls unfreiwillige Komik produzieren, muss ich mich wohl nicht ganz so sehr schämen.
In Bereich der privaten Mails bekomme ich auf meine "Ergüsse" ja immer die besonders interessanten Reaktionen. Die reichen von "möchte nicht ständig mit Sexualität konfrontiert werden" über "Sie bauen nur neue Hürden auf und schaden ihrem Anliegen" bis zu "hier finden Sie nicht die Zielgruppe, die Sie ansprechen wollen".
Es sind aber natürlich auch die äußeren Umstände, die Texte formen. Professionelle Schriftsteller können dann noch eher "Bilder im Kopf" entstehen lassen, ohne anzuecken (bis auf die "Preisträger" für die schlechtesten Sex-Szenen). Als Amateur befindet man sich dann auf "schlüpfrigem Boden" und rutscht gelegentlich aus.
Da ich es gewohnt bin sehr offen mit Sexualität umzugehen und über sie zu sprechen, würde ich wahrscheinlich, wenn es keine Verhaltensregeln in einem Internet-Forum gäbe, sehr schnell "pornografisch" schreiben. So bleiben dann eben nur Umschreibungen, wenn man Sexualität ansprechen will (wie in meinen Beiträgen zum Welt-AIDS-Tag und meinen Coming-Out Geschichten).
Als ich vor Jahren einmal (für den Bekanntenkreis) eine pornografische Kurzgeschichte geschrieben hatte, wurde ich aufgefordert sie zu veröffentlichen. Und dann passierte mir folgendes: Der angeschriebene Porno-Verlag bat mich um "Entschärfung", um sie veröffentlichen zu können. Das habe ich nicht gemacht, weil ich den Text nicht "kastrieren" wollte und so blieb er eben unveröffentlicht.
Vielleicht ist ja dieses (künstliche) Trennung von seriöser Kunst (Filme, Literatur, Bildhauerei usw.) und "Schweinkram" die Ursache vieler Neurosen. Wer Sexualität ständig abdrängt in eine "Schmuddelecke" oder in die "Heimlichkeit"; wer sich und anderen "Klartext" und "eindeutige Darstellungen z.B. in Filmen" verbietet, schafft der nicht erst diese verklemmt übersexualisierte "Schattenwelt" von Werbung (Sex sells), mit Pornografie überschwemmtem Internet und milliardenschwerer Sex-Industrie?
Knüppel
Schade, auf diesen Bericht haette die Zeit auch verzichten koennen. Was soll das ? Welches Publikum liest sowas ?
und ich.
...
Man kann "Fick und Fotzi" natürlich nicht einladen, auch wenn sie aller Welt verkünden, das sie unter www.burnyourmony.ru ständig nass und feucht dem nächsten Besucher entgegentropfen. Aber als leuchtendes Vorbild taugt das Zeugs allemal.
Die Grossen lobt man wieder mal um die Kleinen laufen zu lassen, ich find das ungerecht.
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