Vor fast 20 Jahren standen wir vor einem Jahr, das die beiden deutschen Staaten und ihre zwei völlig unterschiedlichen Gesellschaften tiefgreifend verändern sollte. Im November 1989 fiel die Mauer. "Wiedervereinigung" war dafür das Schlagwort aus dem politischen Wörterbuch der BRD. Es ist irreführend, weil es diese Staaten und ihre Gesellschaften zuvor nie gegeben hatte, und gewissermaßen richtungslos, weil es keine Hinweise dazu hergibt, wohin sich die "neue" Gesellschaft entwickeln sollte.

Willy Brandts oft verstümmelte Formel gibt dagegen wichtige Hinweise: "Aber mit Achtung und Respekt vor dem Selbstgefühl der bisher von uns getrennten Landsleute wird es möglich sein, dass ohne entstellende Narben zusammenwächst, was zusammengehört." Daraus ergeben sich aus wissenschaftlicher Perspektive mehrere Fragen, die auf die Integration beziehungsweise Desintegration in der "neuen" Gesellschaft, auf das Verhältnis zwischen Ost und West, auf die Zustimmung zur Demokratie, auf Demokratie gefährdende rechtspopulistische Einstellungen sowie auf die Abwertungen und Diskriminierungen von schwachen Gruppen zielen.

Worum geht es? Die Integration in einer Gesellschaft wird nicht nur von der objektiv gegebenen Gelegenheit des Zugangs zum Arbeitsmarkt, der Teilnahmemöglichkeiten an öffentlichen Auseinandersetzungen, also politischer Partizipation, um soziale Gerechtigkeit, Solidarität et cetera zu erstreiten, sowie der stabilen Zugehörigkeit zu Familien oder Milieus bestimmt, sondern auch von der Anerkennung, die die Menschen subjektiv erfahren.

Hat diese Gesellschaft diese Aufgaben gelöst? Wenn sie nicht gelöst werden, ist zu erwarten, dass Desintegrationsängste, Benachteiligungsgefühle und Anerkennungsdefizite auch die Abwertung und Diskriminierung schwacher Gruppen nach sich ziehen. Dafür haben wir empirische Belege. Die offene Frage ist, wo sich diese Ursachen der Anerkennungsverluste mit Blick auf das vereinigte Deutschland besonders finden und für wen sie negative Konsequenzen haben.

Betrachtet man nun zuerst die Situation zwischen Ost- und Westdeutschen im Sinne Willy Brandts, dann ist Skepsis gegenüber einer gelungenen Integration geboten, denn das Gefühl der Benachteiligung ist in Ostdeutschland weit verbreitet.

Die gegenseitige Anerkennung der Bürger in den alten und neuen Bundesländern ist nicht besonders ausgeprägt. Zwei Drittel der Ostdeutschen sind in 2008 der Meinung, dass sich Westdeutsche zu wenig um Verständnis für ihre Situation bemühen und ihre Leistungen unzureichend würdigen. Umgekehrt hat aber auch gut die Hälfte der Westdeutschen das Gefühl, ihre Leistungen würden nicht angemessen anerkannt, und knapp die Hälfte der Befragten ist der Ansicht, die Ostdeutschen bemühten sich zu wenig um Verständnis für ihre Situation. Diese Zahlen deuten auf gespannte Ost-West-Beziehungen hin. Insgesamt betrachtet, zeigen die Daten, dass das Gefühl der Benachteiligung in der ostdeutschen Bevölkerung deutlich stärker ausgeprägt ist. Die positive Perspektive: Bei den Jüngeren aus Ostdeutschland zeigen sich weniger Benachteiligungsgefühle.

Auch die individuelle Integration in die gesellschaftlichen Institutionen ist prekär, denn es stieg der Anteil derer, die in den nächsten fünf Jahren eine Verschlechterung ihrer eigenen wirtschaftlichen und sozialen Situation erwarteten – schon vor der Finanzkrise –, von fast 28 Prozent in 2007 auf fast 42 Prozent in 2008. Anerkennungsbedrohungen und Benachteiligungsgefühle gegenüber anderen sind verbunden mit der Abwertung und Diskriminierung schwacher Gruppen. Gleichwohl vollzieht sich dies in unterschiedlichen Entwicklungen, wie die Daten zu ausgewählten Syndromelementen zwischen 2002 und 2008, also über die letzten sieben Jahre zeigen.