Ehedrama Ihr Glück hielt drei TageE

Melanie und Leo haben gerade geheiratet, da wird ein Tumor in Leos Kopf entdeckt. Schleichend verwandelt er sich in einen Menschen, der Monströses tut – und den Melanie versucht weiter zu lieben

Von Erwin Koch Illustrationen Gregory Gilbert-Lodge

Ein Mann sitzt im Edelweiß und redet wenig, Leo ist kein Schwätzer, Leo sei ein Lieber, sagt die Chefin. Und Melanie bringt ihm Bier, Leo schaut nicht auf. Das wär doch einer, flüstert die Chefin.

Melanie G. ist zweiundzwanzig, morgens Briefträgerin in ihrem Dorf, abends Serviertochter in Flüelen, Uri, Gasthof Edelweiß. Melanie flüstert: Wer mich will, muss auch mein Kind wollen.

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Leo W., Heizungs- und Sanitärinstallateur, fünfundzwanzig, Oberturner im Turnverein, hat noch nie mit einer Frau geschlafen. Du bist doch die Melanie, sagt er.
Ja.
Bei euch zu Hause baute ich vor Jahren das Bad, sagt er.
Sie könne sich an ihn nicht erinnern, sagt Melanie.
Aber umgekehrt.
Sie lachen.

Melanie G. hat langes dunkles Haar, ein schwereloses Gesicht. Nun kommt er, wenn sie im Edelweiß ist, Abend für Abend und sieht ihr bei der Arbeit zu.
Ich habe ein Kind, sagt Melanie, Anna, zwei Jahre alt.
Macht nichts, sagt Leo.

Er stellt sie seinen Eltern vor, sie bringt ihn ins Haus der Mutter, Gotthardstraße 133, das Postamt, es ist Sommer 2002, tausend Menschen leben im Dorf, Bauern, Handwerker, Arbeiter, das Tal ist eng und flach, belegt mit Straßen und Gleisen, schon Melanies Großvater machte hier die Post.

An schönen Tagen setzen sie sich auf Leos Motorrad und fahren auf den Klausenpass, er vorn, sie hinten, Melanie denkt, wie kann man nur so glücklich sein?
Wie lustig er mit Anna ist, lobt die Mutter.
Ich glaube, sagt Melanie, irgendwann will ich ein Kind von dir.
Einverstanden, sagt Leo.

Zum Beginn der Fastnacht, in der Nacht des Schmutzigen Donnerstags, am 27. Februar 2003, ist es so weit.
Leo haucht: Wenn das Kind nur keine roten Haare hat.
Seit Jahren färbt Leo W. seine roten Haare schwarz.

Melanie G. wechselt vom Edelweiß in Flüelen nach Amsteg in die Kantine der Neuen Eisenbahnalpentransversale NEAT, bedient Tunnelbauer, Chauffeure, Geologen.

Am 9. März 2003, Leos Geburtstag, begleitet sie ihn nach Flüelen zur Generalversammlung des Turnvereins, man isst, man trinkt, lacht, lärmt, dann steht Leo auf, steigt auf die Bühne der Schützenstube und stellt sich ans Mikrofon, er bittet um Ruhe und ruft Melanie zu sich, Leo sagt, niemanden liebe er mehr als sie, Melanie G., willst du meine Frau werden? Melanie weint, die Wirtin fotografiert, Leo trägt eine Krawatte, eine helle wollene Mütze, im linken Ohr einen Ring, seine Hände sind doppelt so groß wie ihre, Melanie, die Augen rot, umfängt seinen Nacken.

Leo W. zieht ins Dorf von Melanie, zu ihrer Tochter und ihrer Mutter, die Post steht zwischen Eisenbahn und Gotthardstraße, ein Sitzplatz hinter dem Haus, ein Kaninchenstall, der Gartengrill.

Leo, als er einmal abends von der Arbeit kommt, sagt: Heute fiel mir die Zange aus der Hand.
Sie streichelt sein Gesicht: Du arbeitest zu viel.
Sie setzen die Hochzeit fest, 19. September 2003.
Heute war mir schwindelig, sagt Leo, heute sah ich doppelt.
Was doppelt?, fragt Melanie, wenn sie abends auf dem Sofa sitzen und fernsehen.
Verschwommen, antwortet er.
Du musst zum Arzt, bittet Melanie.
Das geht vorbei, sagt Leo.
Manchmal streichelt er ihren Bauch, legt seinen Kopf darauf und horcht. Melanie ahnt, ihr Kind wird männlich, sie möchte, dass es Max heißt, er Manuel.
Er möchte, dass sie ihr Schamhaar rasiert.

Im Juli 2003, Samstag, ist Polterabend in Flüelen. Leos Kollegen, die meisten Handwerker, stellen eine alte Badewanne auf Räder, setzen Leo hinein und fesseln ihn mit Kabelbindern aus Plastik, ziehen das Fahrzeug von Restaurant zu Restaurant, betrinken sich, füllen Leo, der nicht aus der Wanne kann, mit Bier, Leo lacht, weil alle lachen, er möchte zur Toilette, sie lassen ihn nicht, er bettelt, und als sie ihn befreien, kann Leo kaum gehen, das rechte Bein lahmt, knickt ein, Leo schwankt, hält sich an Tischen und Wänden.
Geh zum Arzt, sagt sie.

Melanie G. kauft ein Brautkleid, weiß und schleierlos. Sie drucken eine Hochzeitskarte, ihre Gesichter darauf und ihre Hände, Melanies Finger, verschränkt in seinen, "Miär nämed z’Läbe gmeinsam i d’Händ", wir nehmen das Leben gemeinsam in die Hände.
Sie reservieren den Saal im Restaurant Bahnhof, Leo bestellt einen Priester, Melanie, einverstanden, hält wenig von der Kirche.

Ende August 2003, an einem frühen Sonntagnachmittag, als Melanie im Wohnzimmer sitzt, ihre Mutter und ihr Kind schlafen, brennt in der Küche der Fenstervorhang. Leo füllt einen Topf mit Wasser und löscht den Brand, vielleicht ein Kurzschluss. Eine halbe Stunde später brennt der Abfall im Eimer, Leo schreit und löscht. Dann brennt ein Kleiderkasten, Leo löscht. Man ruft den Elektriker. Der entdeckt nur Gewöhnliches und holt die Polizei.
Mit deinem Leo, flüstert der Elektriker, stimmt etwas nicht.
Was soll mit ihm nicht stimmen?, fragt Melanie.
Dein Leo sitzt im Wohnzimmer und heult und zittert, sagt er.
Leo, fragt der Polizist, hast du die Brände gelegt?
Ich war es nicht, mein Ehrenwort.
Nur du kommst infrage.
Ehrenwort, ich war es nicht, es war ein anderer, sagt Leo W.
Wer?
Melanie, sagt der Polizist, als er mit ihr allein ist, Melanie, überleg dir gut, wen du heiratest.
Meine Sache, sagt sie.
Stimmt, sagt der Polizist.

Abends gehen Melanie und Leo spazieren, sie wandern über die Felder hinüber zum Fluss, Hand in Hand, Leo stolpert und fängt sich auf, er sagt, er sei müde, sonst nichts.

Sie ruft den Hausarzt an, begleitet Leo nach Altdorf, 16. September 2003, drei Tage vor der Hochzeit. Der Arzt nickt und schweigt, schickt Leo noch am selben Tag nach Schwyz in den Computertomografen, 17 Uhr, Kantonsspital.

Am Vormittag ihrer Hochzeit, Freitag, 19. September 2003, gehen beide zum Coiffeur, er in Flüelen, sie in Erstfeld, Leo hat kaum geschlafen, Melanie denkt, wärs etwas Schlimmes, hätte der Arzt sich gemeldet. Bei einer Freundin ziehen sie ihre Hochzeitskleider an, Melanie strahlt in Weiß, Leo steht und schweigt, Melanie denkt, was ist los mit ihm? Man geht in einen Park und stellt sich vor den Brunnen, der Fotograf sagt, was zu tun ist, Leo, das Gesicht steif und müde, umfasst Melanie mit den Armen, sie dreht ihr Gesicht zu seinem, lächelt, Blumen in der Hand, weiße Nägel, was ist los mit dir?

Trauung im Standesamt, ein heißer Nachmittag im September.
In einem weißen VW Käfer verlassen Melanie und Leo das Dorf, Konservendosen hinter sich, die laut scheppern. Leo schweigt und quält sich aus dem Auto, die kleine Anna, die Mutter, seine Eltern, Verwandte, Freunde, Turner warten vor der Kapelle der Vierzehn Nothelfer, ein Pfarrer spricht.

Ja, sagt Leo W.
Ja, sagt Melanie G.
Der Kuss, das Ave Maria, Rahmschnitzel im Restaurant Bahnhof, Tanz.
Sie sieht, dass er schluckt, leer und immer wieder, sie sieht sein weißes, hartes Gesicht: Bisch ä Liäbä.
Du auch, sagt er leise.

Am anderen Tag, Samstag, mag er nicht aufstehen, auch am Sonntag nicht, am Montag ruft der Hausarzt an und bestellt das Paar nach Altdorf, er hoffe, sagt er, sie hätten ein schönes Fest hinter sich. Er hat ein Computertomogramm auf dem Tisch, Leos Kopf, der Arzt schweigt und hustet, hält das Bild ins Licht, und Melanie ahnt, jetzt wird alles anders.

Hirnstammgliom.
Sie haben einen Tumor im Bereich des Hirnstamms, an einer blöden Stelle, wahrscheinlich nicht operierbar.
Leo sitzt und schweigt.
Melanie fragt: Wie groß?
Sieben Zentimeter lang und drei dick.
Was bedeutet das?, fragt sie.
Das wissen die Spezialisten, sagt der Arzt, die Professoren in Zürich, Sie müssen nach Zürich, morgen bereits.

Melanie und Leo W., verheiratet seit drei Tagen, verlassen den Arzt, sie halten sich an den Händen und schweigen, Melanie ruft ihre Mutter an, dann fahren sie nach Flüelen zu Leos Eltern, man sitzt am Tisch, Leo schweigt.
Leo, sag bitte du deinen Eltern, was du hast.
Man schweigt.
Ach, sagt der Vater, das wird wieder gut.

In der Gotthardstraße 133 wartet Melanies Mutter, Anna auf dem Schoß, dreijährig, Melanie sieht das Gesicht der Mutter, das ihrer Tochter, sie haben geweint.
Die Mutter sagt: Die Reisetasche liegt auf dem Bett.

Um fünf Uhr stehen sie auf, um sechs fahren sie los, Melanie am Steuer, Leo neben ihr, es ist noch dunkel, um halb acht sind sie im Universitätsspital Zürich, 23. September 2003.
Der Spezialist, sagt jemand, reise erst morgen aus Japan an.
Melanie fährt in ihr Dorf zurück, enges, flaches Tal, Leo bleibt in einem weißen Bett, Kopfschmerzen, Paracetamol.

Das Gliom, sagt der Spezialist, ist nicht operabel. Wir raten zur Entfernung eines Stücks der Schädeldecke, um dem Tumor, falls er wächst, Platz zu schaffen.
Was bedeutet das?, fragt Melanie.
Der Eingriff kann gelingen oder nicht. Wenn nicht, bleibt Ihr Mann gelähmt, vielleicht stirbt er.
Vergessen Sies, sagt Leo, ich sterbe nicht, ich sterbe nicht.
Leo, hast du verstanden, was der Professor sagt?
Ich sterbe nicht, unmöglich!

Donnerstag, 25. September 2003, die Operation dauert vier Stunden.
Leo W. liegt auf der Intensivstation, sein Kopf ist in weiße Binden geschlagen, er sagt: Schau, ich kann die Zehen bewegen.
Melanie streichelt Leos Hand, den Arm, bleibt zehn Minuten, streichelt.
Immer klarer spürt sie das Kind im Bauch.
Das Gliom Ihres Mannes ist niedergradig.
Was heißt das?
Von mittlerer Bösartigkeit, eher langsam wachsend.
Er wird nie mehr gesund?
Ja, sagt der Spezialist.
Alles wird gut, sagt Leos Vater.

Leo W., sechsundzwanzig Jahre alt, bleibt zwei Wochen lang im Universitätsspital Zürich, Melanie, dreiundzwanzig, schwanger im siebten Monat, holt ihn nach Hause, bringt ihn nach Luzern zur Rehabilitation, 13. bis 31. Oktober 2003, Kantonsspital, es regnet.
Bist ein Lieber, sagt sie.
Du auch, sagt er. Wie gehts dem Kind?
Es freut sich auf dich.
Wenn es nur keine roten Haare hat.
Ist das wichtig?
Ja, sagt er.

Am Morgen des 3. November 2003 steht das Rote Kreuz vor der Post, Leo steigt in den Wagen, lächelt und winkt, reist nach Luzern zur ersten Bestrahlung.
Fast täglich reist er nun zur Bestrahlung, dreißigmal, Leo kann nachts nicht schlafen, er wandert durch die Wohnung, setzt sich in die Küche, ins Wohnzimmer, schaut Fernsehen, geht in die Küche und beginnt zu essen, Brot, Käse, Wurst, Joghurt, Tomatenpüree, manchmal, beim Mittagessen, erbricht er in den Teller.
Novalin, je zwei Tabletten morgens, mittags, abends, nachts.
Sie fragt: Warum ausgerechnet du? Warum wir?
Warum nicht?, sagt er.
Bist du nicht wütend?
Auf wen?
Sie will, dass er dabei ist, wenn sie gebärt.

Sie bespricht sich heimlich mit ihrem Arzt, gibt Leo vor, sie müsse nach Altdorf zur Kontrolle, das Fruchtwasser, sie rufe ihn an, 28. November 2003.
Die Hebamme leitet die Geburt ein, Melanie W. bekommt keine Wehen, bleibt über Nacht, sie denkt, der Bub will nicht ans Licht. Am nächsten Morgen, acht Uhr, ahnt sie die Geburt, die Hebamme ruft Leo an, Leo wankt und schweigt, die Schwiegermutter hilft ihm in die Jacke, bindet seine Schnürsenkel, eine Bekannte fährt ihn ins Kantonsspital Uri, 29. November 2003.

Leo W., das Gesicht weiß und alt, setzt sich im Gebärsaal auf einen Stuhl, Melanie steht neben ihm, streichelt seinen Kopf.
Bald bist du Vater.
Ja.
Freust du dich?
Schon.

Max erscheint um 11.55 Uhr, 3100 Gramm schwer und 48 Zentimeter lang, schwarzes Haar.
Leo zittert vor Freude, reist weiter zur Bestrahlung, die drittletzte, es wird Winter, Frühling.
Die Schweizerische Krebsliga schenkt Melanie und Leo W. eine Reise ins Tessin, drei Tage, Melanie, Leo zuliebe, rasiert ihr Schamhaar, Sommer.

Sie schläft jetzt nicht mehr neben ihm. Melanie W. hat Angst, im Schlaf Leos Kopf zu treffen. Sie legt sich im Wohnzimmer aufs Sofa, manchmal auf die Bank in der Küche, erwacht um fünf. Am Morgen bringt sie die Post in die Häuser des Dorfes, am Abend steht sie in der Kantine der NEAT, verdient im Monat 2250 Franken. Leo isst und schläft, erbricht in den Teller, wird schwer und dick, immer dicker, XXL, manchmal spricht er nicht mehr, knurrt nur, tagelang. Ab und zu, wenn Max schläft, stellt er sich mit dem Handy neben das Kind und schreit ins Gerät. Einmal stellt er das Tomatenpüree statt in den Kühlschrank in den Backofen.

Leo, das Tomatenpüree gehört doch nicht in den Backofen.
Das war ich nicht.
Wer denn?
Anna.
Du spinnst doch.
Leo schlägt Melanie ins Gesicht.

Leo W. zieht nach Flüelen zu seinen Eltern, kommt zwei Monate später ins Dorf zurück, Gotthardstraße 133, Herbst.
Melanie weint, sie weiß nicht, weshalb, sie weint.
Am 21. September 2004 bringt sie Leo nach Leukerbad zur Erholung, drei Wochen, manchmal ruft er an, sagt, er vermisse sie sehr, die Kinder, alles.

Hoffentlich will er kein Grab hier im Kaff, denkt sie. Die Leute reden, quatschen darüber, wie oft man am Grab steht und wie lange, ob man weint oder betet, ich bin hier fehl am Platz, fehler am Platz kann man nicht sein.
In der Kantine sagt einer: So jung und so traurig.
Melanie lässt sich streicheln.
Am 12. Oktober 2004 holt sie Leo in Leukerbad ab.
Jetzt wird alles gut, sagt Leo.
Ja, sagt sie.

Leo schläft und isst und schläft, er klagt nicht. Tritt jemand ins Haus, wird er gesprächig und froh. Einmal sagt er, er bringe sich um, er hinkt in die Garage, Melanie ruft den Hausarzt. Der kommt sofort, gibt Leo eine Spritze und bringt ihn ins Haus. Manchmal setzt sich Leo auf sein Motorrad und fährt los, schwankend in Richtung Gotthardpass, zu Fuß kommt er nach Hause, nass vom Schweiß, die Maschine steht irgendwo.
Sie denkt, wenn er doch statt zu schweigen schriee.

Eines Abends verlässt Melanie W. das Haus an der Gotthardstraße, niemand weiß, wo sie ist, Melanie vergisst sich unter den Küssen des anderen. Nach einer Woche kehrt sie zurück und sieht den Tisch, den Leo geschmückt hat, brennende Kerzen, Blumen, Fotos, Melanie im Kindergarten, Melanie mit dem Hund, Melanie auf einem Berg, Melanie, Melanie, Melanie, Leo will sie umarmen, Melanie flieht.

Einmal überlegt sie, die Kinder ins Auto zu laden, auf den Berg zu fahren und sich über einen Hang zu stürzen.
Anna, fünfjährig, beginnt sich zu schlagen und zu kratzen, sie schreit, will ständig duschen, sie sagt: Ich bin eine Blöde. Fährt Melanie zur Arbeit, weint das Kind: Mama, nimm mich mit, Mama.
Anna fragt: Möchtest du, dass ich tot wäre?
Sie fragt: Würdest du weinen, wenn ich tot wäre?

Leo W. geht mit den Kindern spazieren, steuert den Kinderwagen, in dem Max liegt, gegen eine Blumenkiste. Einmal nimmt er den Hund mit und passt nicht auf, der Hund liegt überfahren im Blut. Einmal, im Einkaufszentrum von Schwyz, lässt Leo, als er auf der Rolltreppe fährt, sein Kind fallen.
Nicht meine Schuld, sagt Leo W.

Am Mittag des 9. Juni 2005, zufällig, findet Melanies Mutter ihren Schwiegersohn Leo im Wohnzimmer, er liegt auf dem Sofa, der Fernseher läuft, Anna liegt auf Leo, ihr Gesicht auf seinem, Leo stöhnt.
Sie erzählt, was sie gesehen hat, ihrer Tochter Melanie.
Anna, fragt Melanie das Kind, als sie mit ihm allein ist, Anna, was machst du mit Leo auf dem Sofa?
Nichts, schreit Anna.

Am frühen Abend, Leo in der Ergotherapie, fragt Annas Großmutter: Änneli, was ist das für ein Spiel, das ihr da auf dem Sofa spielt, der Leo und du?
Das darf ich nicht sagen.
Warum denn nicht?
Sonst muss ich sterben und Mama auch.
Ein seltsames Spiel, sagt die Großmutter und wartet.
Ich spiele mit dem Dädi seinem Schwänzchen, sagt Anna.
So, sagt die Großmutter, mit Dädis Schwänzchen.
Das Schwänzchen wird ganz lang und groß, und vorne kommt dann etwas raus, das putzt er mit dem Nastuch ab oder tut es in ein Glas.
Das ist aber kein Spiel für kleine Mädchen.
Sag es niemandem, bittet Anna.
Ich sage es niemandem, sagt die Großmutter. Und dann geht das Spiel noch weiter?
Manchmal will er sein Schwänzchen in mein Schlitzchen tun, und das tut weh.
So, sagt die Großmutter.

Melanie ruft den Hausarzt an, es ist Freitag.
Tun Sie, als wüssten Sie von nichts, sagt der Arzt, spielen Sie Alltag, damit Ihr Mann nichts merkt, und melden Sie sich in Altdorf bei der Opferhilfestelle, möglichst bald.
Samstag, Sonntag, setzt Leo sich neben sie, steht Melanie auf.

Am Montag, 13. Juni 2005, 17.05 Uhr, teilt die Opferhilfe Schwyz/Uri im Auftrag von Melanie W. und ihrer Mutter, Gotthardstraße 133, dem Urner Verhöramt mit, man verdächtige Leo W. des sexuellen Missbrauchs von Anna und Max.

Es ist Abend, als das Telefon schellt, die Polizei. Leo sitzt vor dem Fernseher und schläft. Die Großmutter, befiehlt der Polizist, spaziere genau um halb acht in Richtung Amsteg, so lange, bis ein Auto neben ihr halte, sie steige ein, unterrichte den Beamten, der darin sitze, wie man am leichtesten ins Haus komme, Melanie, zehn Minuten später, fahre mit den Kindern talabwärts, nach Seedorf, warte dort im Seerestaurant, bis alles vorüber sei, Leos Verhaftung, sagt der Polizist, müsse überraschend sein, man könne nie wissen.

Melanie sitzt mit den Kindern im Seerestaurant und wartet zwei Stunden lang, Max weint. Dann fährt sie nach Hause, sieht drei gepanzerte Fahrzeuge vor der Post, Polizisten mit Gewehren, die Leo zu einem Auto führen, gefesselt, sein Gesicht weiß und leer.
Melanie W. kann nicht weinen.

Sie darf nicht weinen, als sie drei Tage später ihr Kind nach Altdorf zur Befragung bringt, Anna darf nicht wissen, was die Reise soll.
Wohin gehen wir?
Wir besuchen eine Frau. Danach kaufen wir ein.
Eine liebe Frau?
Eine ganz liebe Frau.
Kennst du sie?
Ja, lügt Melanie.

Melanie und ihre Anwältin, eine Psychologin, der Staatsanwalt und Leos Verteidiger sitzen in einem Raum, der Bildschirm leuchtet, zeigt Anna, fünfjährig, die im Nebenzimmer ist und einer Fachfrau ihr Leben ausbreitet. Melanie sieht, wie Anna ihr Röckchen hebt, sie hört, wie sie der Fremden erzählt, bei dem Spiel, das sie mit Leo gespielt habe, müsse man mit dem Finger so hineingehen und dann so streicheln, Anna nimmt das Lineal, das vor ihr liegt, streichelt es, wie sie Leos Schwänzchen streichle, nimmt das Ende des Lineals in den Mund, Dädi sage dann, äs tuät guät.
Melanie weiß nicht, wie sie nach Hause kommt.

20. Juni 2005, Leo W., festgehalten in der Psychiatrischen Klinik des Kantonsspitals Luzern, sagt, es sei unmöglich, dass er an Kindern sexuelle Handlungen vorgenommen habe, absolut unmöglich.
21. Juni 2005, Haftentlassungsgesuch.

Die Polizei bringt Leo nach Altdorf, setzt ihn an einen Tisch mit Melanie, Leo will sie küssen, Melanie dreht sich weg, Leo sagt, er sei es nicht gewesen, wenn jemand, dann ein anderer.

Leo sagt: Ich bin ein Lieber, alle wissen das, dass ich ein Lieber bin, sogar im Bus wissen sie es, im Restaurant Bahnhof sowieso, überall.
Er will sie küssen, sie dreht sich weg.

13. Juli 2005, Verlängerung der Untersuchungshaft.
Melanie denkt, sollen die Leute reden, sollen sie ihre Hälse drehen, leckt mich alle am Arsch, das ganze verdammte Tal.
Der Hausarzt gibt Tabletten.
Wozu?, fragt sie.
Für die Seele.

19. Juli 2005, Gesuch um Aufhebung des ehelichen Haushalts.
22. Juli 2005, Entlassung aus der Untersuchungshaft.
Leo W. mietet eine Wohnung in Erstfeld. Täglich kommt eine Pflegerin ins Haus, hilft Leo beim Waschen, beim Anziehen, beim Kochen.

Melanie fährt Anna nach Goldau zur Psychotherapie.
28. September 2005, die Anwältin schickt Melanie einen Brief, Strafuntersuchung 244/2005, die forensisch-psychiatrische Begutachtung ihres Mannes umfasse 31 Seiten, es sei schwierig, diese zusammenzufassen, kurz gesagt hat Ihr Mann eine Persönlichkeitsstörung. Zusammenfallend mit der Tumorerkrankung habe dies sehr viel Stress ausgelöst, und es sei möglich, dass dies der Auslöser für sexuelle Handlungen mit den Kindern war.

Melanie bringt Anna zur Psychotherapie, jeden Mittwoch.
Manchmal weiß sie nicht, ob sie geschlafen hat.
Lexotanil, je eine Tablette morgens und mittags.
Leos Verteidiger verlangt, zur Glaubhaftigkeit von Annas Aussagen sei ein Gutachten zu erstellen.

Wieder, vier Monate nach Leos Verhaftung, 12. Oktober 2005, 15 Uhr, sitzt Anna bei einer Fachfrau und erzählt. Die Frau aus Basel versteht Annas Sprache schlecht, Z’Mami, diä tuet miär niä az Fiddlä lange, Anna versteht die Frau schlecht, die Psychologin greift zum Intelligenztest, CPM, Raven Coloured Progressive Matrices.

Melanie denkt, schuld an allem bin ich, hätte ich doch nur öfter mit ihm geschlafen, hätte ich nur früher gemerkt, was hier geschieht.
Melanie bringt Max nach Erstfeld, übergibt ihn dort ihrer Schwägerin, die Schwägerin bringt das Kind zu seinem Vater, bleibt bei ihm von 14 bis 18 Uhr, zweimal im Monat.

Manchmal überlegt Melanie W., die Hochzeitsfotos zu verbrennen, jedes Bild von Leo, jedes Haar, das in den Kissen noch zu finden ist.

Die Psychologin aus Basel schreibt dem Verhörrichter I des Kantons Uri, 6. März 2006, eine Verwertung von Annas Aussagen als wesentliche Grundlage eines Strafverfahrens könne aus aussagepsychologischer Sicht nicht empfohlen werden, denn es sei möglich, dass einzelne Aussageinhalte auf suggestive Interventionen hin erfolgt sein könnten, es sei offensichtlich, dass das Kind nicht auf eigene Erinnerungsbilder einer Ejakulation zurückgreifen könne, sondern lediglich auf Vorstellungen von einem Geschehen, das es nicht selbst real wahrgenommen habe, einigen Aussageelementen mangele es an logischer Stimmigkeit, insgesamt sei die Aussagequalität als ungenügend zu beurteilen, und außerdem sei denkbar, dass die Diagnose eines Hirntumors und die Erfahrung, dass der Beschuldigte seltsame Handlungen, zum Beispiel Tomatenpüree in den Backofen stellen, begangen und Gedächtnislücken gezeigt zu haben scheine, bei der Frau und der Schwiegermutter des Beschuldigten eine grundlegende Verunsicherung ausgelöst haben könnte – auf dem Boden einer solchen Unsicherheit wäre dann zu erklären, dass sich bei ihnen, Frau und Schwiegermutter, die Palette, was man dem Beschuldigten zutrauen könnte, sehr erweitert haben könnte.

Manchmal, allein in der Küche, schreit sie: So ein Idiot! So ein Arschloch!
Melanie verlangt ein Gutachten über das Gutachten.
Der Verhörrichter lehnt ab.
Melanie legt Beschwerde ein.
Der Landgerichtspräsident lehnt ab.

Ich will kein Ketchup an meinem Schwänzchen, sagt Max.
Aber Max, du hast doch kein Ketchup an deinem Schwänzchen, sagt Melanie.
Aber Dädi strich Ketchup an mein Schwänzchen, sagt Max.

Melanie isst nicht mehr, und wenn doch, setzt sie sich auf ein Gerät im Schlafzimmer und strampelt eine Stunde lang. Nachts, wenn sie von der Arbeit nach Hause will, hat sie Angst vor Männern.

Manchmal geht sie mit hoch, wenn sie Max zu Leo bringt, sein Gesicht ist aufgeschwemmt, Leo kann kaum gehen, er lallt, schluckt leer, Leo setzt sich zu Max auf den Boden und spielt mit ihm, redet, als wäre er ein Kind.
Sie fragt: Wie gehts?

Am 7. November 2006, Dienstag, stellt die Staatsanwaltschaft I des Kantons Uri das Strafverfahren gegen Leo W., geboren am 9. März 1977, ein, es bestünden erhebliche Zweifel daran, dass der Beschuldigte Anna und Max sexuell missbraucht habe, in dubio pro reo, Dossier-Nummer 01061256.

Melanie W. verbrennt den Hochzeitsfilm.
Wir gehen in Berufung, sagt die Anwältin.
Nein, sagt Melanie W., es ist genug.
Ich verstehe Sie nicht.
Es ist genug. Leo wird sterben, sagt Melanie W.

Es ist Sommer, Herbst, Winter, Melanie bringt Anna zur Psychotherapie, schließlich auch Max, Max sagt, er hasse sein Schwänzchen, irgendwann schneide er es ab.
Du bist ein Bub, sagt Melanie, darfst stolz sein auf dein Schwänzchen.

Die Schwägerin teilt Melanie mit, Leo liege wieder im Spital, Leo gehe es ständig schlechter, Chemotherapie.
Melanie besucht Leo im Kantonsspital Uri, Sommer 2007, Leo lallt, sie setzt sich an sein Bett.
Ich kann nicht vergessen, sagt sie, was du den Kindern getan hast.
Er will schlafen.

Leo W. zieht wieder in seine Wohnung in Erstfeld. Eine Frau der Spitex umsorgt ihn täglich. Melanie bringt Max zu Besuch und bleibt, sie fährt, wenn sie Zeit hat, Leo zur Physiotherapie, zur Ergotherapie, hilft ihm in Kleider und Rollstuhl, holt ihn ab, bringt ihn zurück.

Sie fragt: Wäre es nicht besser, du würdest zugeben, was du getan hast?
Gar nichts habe ich getan, ich bin ein Lieber.
Manchmal schickt er Melanie eine SMS: Muss Therapie. Ein Uhr abholen. Leo.
Er kann nicht mehr gehen.

An einem Abend im Dezember 2007 bringt Melanie W. ihren Sohn, vierjährig, zu seinem Vater, es ist dunkel, die Tür nicht verschlossen, Leo liegt am Boden, rücklings aus dem Rollstuhl gekippt. Melanie ist zu schwach, Leo aufzurichten, hundert Kilo, sie ruft den Nachbarn, der Nachbar sagt: Das vierte Mal heute, dass er aus dem Rollstuhl fällt.

Leo lallt: Hol ein Blatt Papier, hol einen Stift.
Das ist, sagt Leo.
Melanie wartet, Leo schluckt laut und leer, er weint.
Das ist mein Testament, sagt er, schreib auf.
Was er besitze, gehöre, wenn er tot sei, seinem Sohn Max, sagt Leo leise.
Meine Katze Noldi soll zu meinen Eltern, ich bitte sie, für Noldi zu sorgen bis an deren Ende. Meine Leiche soll verbrannt werden, meine Asche verstreut auf einem Berg, dessen Namen nur meine Frau Melanie W. kennt. Die Trauerfeier soll gehalten werden von dem Pfarrer, der mich mit Melanie W. verheiratet hat. Ich wünsche, dass dabei folgende Lieder gespielt werden, November Rain von Guns N’ Roses, Ein Stern von DJ Ötzi, Abschied von Baschi, das Ave Maria.

Melanie sitzt neben Leo und sucht ihn zu verstehen, sie schreibt auf, was er lallt und stöhnt, sie weint, er schluchzt, am Boden sitzt Max und schaut nicht auf, anderthalb Stunden lang.

Ich wünsche eine Todesanzeige mit einem Foto von mir. Ich will nicht, dass ein Leichenessen stattfindet. Ich halte fest, dass ich, was Max und Anna angeht, die Wahrheit gesagt habe. Ich liebe Melanie, Max und Anna nach wie vor.

14. Dezember 2007, erneute Einlieferung ins Kantonsspital Uri, Zimmer 204.
Leo schickt Melanie eine SMS: Komm.
Sie fährt zu ihm, fährt jetzt jeden Tag, mittags oder abends, setzt sich neben ihm und hält seine Hand, Leo hustet, Schleim bricht aus ihn, er kann die Arme kaum heben, Melanie füttert ihn, eine halbe Stunde für vier Löffel Brei. Einmal, als sie zu ihm kommt, sind Leos Eltern dort, Leo sagt: Geht!
Die Eltern bleiben.
Verschwindet!, sagt er, ich will mit ihr sein.

Sie füttert und streichelt.
Er hustet grauen Schleim.
Manchmal nimmt sie Max mit, den Vierjährigen, Anna sagt: Ich will auch. Vor dem Spital bleibt sie stehen: Ich will nicht.

An Weihnachten stellt Melanie ein Krippchen ins Zimmer 204. Sie schenkt Leo einen Trainingsanzug, adidas, schwarz, XL.
Den möchte ich tragen, wenn ich tot bin, sagt er.
Ja, sagt sie, das machen wir.
Und darunter, sagt er, das rosarote T-Shirt.
Versprochen, sagt sie.

Melanie erzählt vom plötzlichen Tod eines gemeinsamen Freundes, Genickbruch, Leo sagt, er wolle zur Beerdigung.
Das geht nicht, Leo, das kannst du nicht.
Ich will zu seiner Beerdigung, sagt er.
Das geht nicht, schau dich an, Leo, du kannst nicht gehen, kaum atmen, du bist krank.
Aber ich will, verdammt noch mal, ich will, schreit Leo W.
Endlich, sagt Melanie W., bist du wütend, so wütend, wie du längst hättest werden müssen.
Sie küsst ihn auf die Stirn.
Möchtest du, dass ich dir das Haar färbe?

Am 22. Januar 2008, Dienstag, fragt Leo W. den Arzt: Wie lange noch?
Das kann ich nicht sagen, sagt der Arzt. Wenn Sie aufhören zu trinken und zu essen, geht es schnell.
Leo hört zu trinken auf, zu essen, die Pflegerinnen netzen seine Lippen, sein Gesicht.
Melanie, haucht er, bring mir Rattengift.
Sie geht in den Flur, redet mit einer Pflegerin, die Pflegerin sagt, solange Leo sich noch habe bewegen können, hätte er sich selbst töten können.
Melanie setzt sich an sein Bett: Zu spät, Leo.
Morphium, Sauerstoff, Blasenkatheter.

Am 1. Februar 2008, mittags, bittet er Melanie, sie möge ihn waschen. Sie wäscht ihm Brust, Hals und Arme, reibt Creme in seine Haut und zeigt ihm drei T-Shirts, welches soll ich dir anziehen?
Das rosarote, flüstert Leo.
Das rosarote, sagt sie.
Ich habe wohl vieles falsch gemacht, sagt er.
Sie hält seine Hand.
Ich danke dir für alles, sagt er.
Ich dir auch.
Melanie sagt: Du wirst viel Arbeit haben, da drüben, da oben, im Himmel. Du wirst auf uns aufpassen müssen. Dass es uns gut geht. Dass Max, wenn er in der Schule ist, seine Aufgaben macht, zum Beispiel.

Leo W. heult und hustet, Melanie putzt den Schleim von seinen Lippen.
Ich möchte, dass du hier bist, wenn ich sterbe.
Es wäre mir eine Ehre, sagt sie.
Sie küsst ihn auf die Stirn, sieht den Tumor, der aus seinem Nacken dringt, mandarinengroß.

Leo W., einunddreißig, stirbt am Abend des 4.Februar 2008, seine Frau Melanie sitzt neben ihm, Zimmer 204, sie sieht, wie Leo erstickt, wie sein Gesicht blau und anders wird, sie sagt: Gute Reise, Leo.
Er will etwas sagen, kann nicht, schluckt dreimal und atmet aus.

Melanie W. bleibt eine Stunde neben ihm, vielleicht zwei, sie denkt, nun tut ihm nichts mehr weh, jetzt ist vieles gut. Sie sitzt und weiß nicht, was sie denkt, steht auf, holt den schwarzen Trainingsanzug aus dem Schrank, adidas, und legt ihn auf Leos Bett.

Nothing lasts forever and we both know hearts can change / and it’s hard to hold a candle in the cold.November Rain, 9. Februar 2008, 9.30 Uhr, Pfarrkirche Flüelen, die Trauerfeier, Guns N’ Roses.

Die Anzeige für Leos Tod macht Melanie am Kühlschrank fest, auch die Dankeskarte, darauf der Vierwaldstättersee im Abendrot, Leo, lächelnd, die Sonnenbrille in der Hand. Seine Asche stellt sie auf den Sitzplatz hinter dem Haus, Gotthardstraße 133.

Manchmal, nachts im Bett, berührt Leo ihr Haar, manchmal hört sie ihn lachen.
Sobald der Schnee geschmolzen ist, trägt sie seine Asche auf den Berg.

Der Redaktion sind die echten Namen der Personen bekannt, sie wurden zum Teil geändert. Auch unser Zeichner hat die Personen und Orte verfremdet.

 
Leser-Kommentare
  1. Niemandem solche Krankheit!

  2. Ein wirklich sehr, sehr bewegender Artikel der die harte Realität zeigt wie sie ist.
    Danke.

  3. # Silberschnur. Krankheiten sind manchmal der Weg, wie Menschen von heute aus dem Schlummer des Vergessens auf ihre Lebensaufgabe hin modifiziert werden können. Diese Geschichte atmet einen Hauch schweizerischer Typik. Obwohl nicht den landläufigen Auffassungen über die Paradigmen von Glück entsprechend, haben die daran beteiligten Personen vielleicht doch umso mehr an notwendigen Entwicklungen für die heute anstehenden kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen als ihr persönliches Lebensglück erfahren. Ich finde, bei aller Achtung vor dem Geschehenen, darin viel mehr Lernenswertes, als wenn diesem Paar nun für immer eitel Sonnenschein gewinkt hätte.

    Auf der Höhe bleibt, wen die Wellen der ZEIT erreichen.

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    • Gafra
    • 08.12.2008 um 7:43 Uhr

    für die beteiligten Erwachsenen gelten, Silberschnur; für die Kinder jedoch war das eine traumatisierende Erfahrung, an der sie lange, wenn nicht lebenslang zu beißen haben werden, gerade weil dem Mann kein Vorwurf zu machen ist. (auch wenn er offenbar schon vorher pädophil veranlagt war, nun aber alle Hemmungen wegfielen)
    Man kann nur hoffen, dass die therapeutische Hilfe wirkt.
    Ein sehr einfühlsamer und schön geschriebener Bericht.

    • Gafra
    • 08.12.2008 um 7:43 Uhr

    für die beteiligten Erwachsenen gelten, Silberschnur; für die Kinder jedoch war das eine traumatisierende Erfahrung, an der sie lange, wenn nicht lebenslang zu beißen haben werden, gerade weil dem Mann kein Vorwurf zu machen ist. (auch wenn er offenbar schon vorher pädophil veranlagt war, nun aber alle Hemmungen wegfielen)
    Man kann nur hoffen, dass die therapeutische Hilfe wirkt.
    Ein sehr einfühlsamer und schön geschriebener Bericht.

    • Gafra
    • 08.12.2008 um 7:43 Uhr

    für die beteiligten Erwachsenen gelten, Silberschnur; für die Kinder jedoch war das eine traumatisierende Erfahrung, an der sie lange, wenn nicht lebenslang zu beißen haben werden, gerade weil dem Mann kein Vorwurf zu machen ist. (auch wenn er offenbar schon vorher pädophil veranlagt war, nun aber alle Hemmungen wegfielen)
    Man kann nur hoffen, dass die therapeutische Hilfe wirkt.
    Ein sehr einfühlsamer und schön geschriebener Bericht.

  4. sind die Leut empfänglich für die traurigen Weihnachtsgeschichten.

  5. # Silberschnur. Diese Kinder werden über die Illusion Leo W.s hinauswachsen müssen, dass "ä Liäbä z'sii" - ein "Lieber zu sein" - nicht wie von selber alle denkbaren Wünsche miteinschliessen kann. Sie werden vielleicht in solche Situationen hineinfinden, wo sie mit stärkeren Kräften, als mit einer vermeintlichen Unschuld in allen Dingen aufgrund seiner Krankheit - , wie beispielsweise Trauer und Wut über das Geschehene hinauswachsen können.
    Es wird deshalb auch der in ihnen wahrscheinliche Konflikt zwischen ihrer Liebe zu Leo W. als ihrem Vater, und seinen mit der äusseren Realität nicht übereinstimmenden Auffassungen über das Lieben zu überwinden sein.
    Mögen sie ihre echte Chance darin sehen lernen.

    Auf der Höhe bleibt, wen die Wellen der ZEIT erreichen.

  6. Ein schwer zu ertragender Artikel, sowohl was den Inhalt, als auch was die journalistische Aufbereitung angeht. Das fängt schon bei der Kurzzusammenfassung an.

    Melanie und Leo haben gerade geheiratet, da wird ein Tumor in Leos Kopf entdeckt. Schleichend verwandelt er sich in einen Menschen, der Monströses tut.

    Die Zusammenfassung (und auch der Artikel) suggeriert, dass der Tumor im Hirnstamm den sexuellen Missbrauch verursacht hätte. Das widerspricht allerdings dem medizinischen Gutachten, das zu dem Schluss kommt, der Mann habe eine Persönlichkeitsstörung, die nicht ursächlich mit der Tumorerkrankung zusammenhängt. Die Tumorerkrankung hat lediglich "Stress" ausgelöst. Der sexuelle Missbrauch der Kinder wäre somit nicht die Folge einer krankhaften Veränderung des Verhaltens aufgrund des Gehirntumors, sondern auf eine krankhafte Persönlichkeit (oder Charakter) zurückzuführen (genau genommen heißt es in dem Artikel lediglich, sowohl die Persönlichkeitsstörung als auch die Tumorerkrankung hätten Stress ausgelöst, was als eigentliche Ursache für den sexuellen Missbrauch dargestellt wird, als würde Stress automatisch sexuellen Missbrauch an Kindern auslösen).

    Außerdem suggeriert die Zusammenfassung (und auch der Artikel), dass der sexuelle Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Ein Gericht und ein psychologisches Gutachten kommen allerdings zu einem ganz anderen Schluss.

    Das alles lässt darauf schließen, dass es dem Artikel nicht um Wahrheitsfindung geht. Fakten wie die genannten Gutachten oder die Entscheidung des Gerichts werden zwar berichtet, man lässt sich von ihnen aber nicht irritieren. Stattdessen wird mehrmals auf die Intimrasur der Frau eingegangen, als wenn sich daraus etwas ableiten ließe! Natürlich, hier soll abseits der Fakten etwas suggeriert werden, es soll Suspense erzeugt werden. Der ganze Artikel zielt darauf ab, Emotionen zu provozieren. Aber wozu? Ich denke nicht, dass man aus der Geschichte etwas lernen kann. Dazu ist der Schreibstil zu subjektiv, zu reißerisch, zu sehr auf Emotionen aus.

    Auf weitere Beiträge der Zeitung mit den vier großen Buchstaben aus der Rubrik "Ehedrama" kann ich gerne verzichten.

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    Offen gestanden hätte mich der Text nicht weniger bewegt, wenn er eine fiktive Geschichte geschildert hätte. Wenn dem Verfasser ernsthafte Absichten der betrügerischen Art zu unterstellen sind, hat er zumindest bei mir die erwünschte Wirkung verfehlt.

    Für mich ist der Artikel ein emotionaler Bericht aus Sicht der Mutter. Dass Parteilichkeit dort nicht ausbleiben und auch gewisse Zweifel an gerichtlicher Praxis in Hilflosigkeit mittransportiert werden, halte ich für selbstverständlich. Der Text kommt offensichtlich zu einem sehr gefühlvollen, "versöhnlichen" Ende. Meinen Sie wirklich, dass man ihm guten Glaubens Reißerei unterstellen kann?

    Die Zusammenfassung (und auch der Artikel) suggeriert, dass der Tumor im Hirnstamm den sexuellen Missbrauch verursacht hätte.

    So einen Fall hat es tatsächlich mal gegeben.

    Ob das bei Leo auch so war, weiß man natürlich nicht. Völlig von der Hand zu weisen ist es aber nicht.

    Das widerspricht allerdings dem medizinischen Gutachten,

    in dem sich ein Gutachter zutraute, die Effekte eines weiter wachsenden Hirntumors, einer Bestrahlungstherapie, einer Hirnoperation und einer Persönlichkeitsstörung auseinander zu sortieren. Und das offenbar, ohne Leo gekannt zu haben, bevor die ersten Tumorsymptome auftraten. Ich bin kein Arzt, aber: Wie soll das gegangen sein?

    Außerdem suggeriert die Zusammenfassung (und auch der Artikel), dass der sexuelle Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Ein Gericht und ein psychologisches Gutachten kommen allerdings zu einem ganz anderen Schluss.

    Nein, das psychologische Gutachten kam zu dem Schluss, dass die Aussage des Mädchens nicht gerichtsfest war, weil der Gutachterin einige Details durch Mutter und Großmutter suggeriert erschienen. Das ist bei Aussagen so kleiner Kinder ein prinzipielles Problem, weil die naturgemäß ihre erste Aussage in der Regel nicht bei der Polizei oder Gutachtern machen, und man anschließend nicht mehr weiß, welcher Teil der Aussage von den Erwachsenen stammt, denen sie es zuerst erzählt haben. Zum Glück ist man sich dieses Problems heute bewusst.

    Das alles lässt darauf schließen, dass es dem Artikel nicht um Wahrheitsfindung geht.

    Hinsichtlich der Frage, ob der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat, kann es das m. E. auch gar nicht. Der einzige, der darüber möglicherweise kompetent eine Auskunft hätte geben können, ist tot. Das Kind war zu klein und wird sich heute womöglich gar nicht mehr erinnern. Auf welcher Basis will man da Wahrheitssuche betreiben?

    Also Reisserisches kann ich nicht erkennen. Eher ein durchaus klarer und nüchterner Beitrag der beide Seiten zu Wort kommen lässt. Ausserdem ist die andere Ebene, die Liebe und das Begleiten bis zum Tod die eigentlich rührende Geschichte.

    Und es gibt nunmal auch andere journalistische Spielarten als die des Aufdeckens/Wahrheit finden.

    Und so einen Blödsinn wie mit den "Vier grossen Buchstaben" hat weder die ZEIT noch der Kisch-Preisträger!!! Erwin Koch verdient.

    Offen gestanden hätte mich der Text nicht weniger bewegt, wenn er eine fiktive Geschichte geschildert hätte. Wenn dem Verfasser ernsthafte Absichten der betrügerischen Art zu unterstellen sind, hat er zumindest bei mir die erwünschte Wirkung verfehlt.

    Für mich ist der Artikel ein emotionaler Bericht aus Sicht der Mutter. Dass Parteilichkeit dort nicht ausbleiben und auch gewisse Zweifel an gerichtlicher Praxis in Hilflosigkeit mittransportiert werden, halte ich für selbstverständlich. Der Text kommt offensichtlich zu einem sehr gefühlvollen, "versöhnlichen" Ende. Meinen Sie wirklich, dass man ihm guten Glaubens Reißerei unterstellen kann?

    Die Zusammenfassung (und auch der Artikel) suggeriert, dass der Tumor im Hirnstamm den sexuellen Missbrauch verursacht hätte.

    So einen Fall hat es tatsächlich mal gegeben.

    Ob das bei Leo auch so war, weiß man natürlich nicht. Völlig von der Hand zu weisen ist es aber nicht.

    Das widerspricht allerdings dem medizinischen Gutachten,

    in dem sich ein Gutachter zutraute, die Effekte eines weiter wachsenden Hirntumors, einer Bestrahlungstherapie, einer Hirnoperation und einer Persönlichkeitsstörung auseinander zu sortieren. Und das offenbar, ohne Leo gekannt zu haben, bevor die ersten Tumorsymptome auftraten. Ich bin kein Arzt, aber: Wie soll das gegangen sein?

    Außerdem suggeriert die Zusammenfassung (und auch der Artikel), dass der sexuelle Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Ein Gericht und ein psychologisches Gutachten kommen allerdings zu einem ganz anderen Schluss.

    Nein, das psychologische Gutachten kam zu dem Schluss, dass die Aussage des Mädchens nicht gerichtsfest war, weil der Gutachterin einige Details durch Mutter und Großmutter suggeriert erschienen. Das ist bei Aussagen so kleiner Kinder ein prinzipielles Problem, weil die naturgemäß ihre erste Aussage in der Regel nicht bei der Polizei oder Gutachtern machen, und man anschließend nicht mehr weiß, welcher Teil der Aussage von den Erwachsenen stammt, denen sie es zuerst erzählt haben. Zum Glück ist man sich dieses Problems heute bewusst.

    Das alles lässt darauf schließen, dass es dem Artikel nicht um Wahrheitsfindung geht.

    Hinsichtlich der Frage, ob der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat, kann es das m. E. auch gar nicht. Der einzige, der darüber möglicherweise kompetent eine Auskunft hätte geben können, ist tot. Das Kind war zu klein und wird sich heute womöglich gar nicht mehr erinnern. Auf welcher Basis will man da Wahrheitssuche betreiben?

    Also Reisserisches kann ich nicht erkennen. Eher ein durchaus klarer und nüchterner Beitrag der beide Seiten zu Wort kommen lässt. Ausserdem ist die andere Ebene, die Liebe und das Begleiten bis zum Tod die eigentlich rührende Geschichte.

    Und es gibt nunmal auch andere journalistische Spielarten als die des Aufdeckens/Wahrheit finden.

    Und so einen Blödsinn wie mit den "Vier grossen Buchstaben" hat weder die ZEIT noch der Kisch-Preisträger!!! Erwin Koch verdient.

  7. Ich muß Ihnen zustimmen.
    Der Stoff ist vielleicht nicht schlecht für einen Unterhaltungsroman,
    aber trotz aller Dramatik und trotz aller mitschwingenden Emotionen, verstehe ich Sinn und Absicht des Artikels nicht.
    MfG

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