Ehedrama Ihr Glück hielt drei TageESeite 5/5

Am 22. Januar 2008, Dienstag, fragt Leo W. den Arzt: Wie lange noch?
Das kann ich nicht sagen, sagt der Arzt. Wenn Sie aufhören zu trinken und zu essen, geht es schnell.
Leo hört zu trinken auf, zu essen, die Pflegerinnen netzen seine Lippen, sein Gesicht.
Melanie, haucht er, bring mir Rattengift.
Sie geht in den Flur, redet mit einer Pflegerin, die Pflegerin sagt, solange Leo sich noch habe bewegen können, hätte er sich selbst töten können.
Melanie setzt sich an sein Bett: Zu spät, Leo.
Morphium, Sauerstoff, Blasenkatheter.

Am 1. Februar 2008, mittags, bittet er Melanie, sie möge ihn waschen. Sie wäscht ihm Brust, Hals und Arme, reibt Creme in seine Haut und zeigt ihm drei T-Shirts, welches soll ich dir anziehen?
Das rosarote, flüstert Leo.
Das rosarote, sagt sie.
Ich habe wohl vieles falsch gemacht, sagt er.
Sie hält seine Hand.
Ich danke dir für alles, sagt er.
Ich dir auch.
Melanie sagt: Du wirst viel Arbeit haben, da drüben, da oben, im Himmel. Du wirst auf uns aufpassen müssen. Dass es uns gut geht. Dass Max, wenn er in der Schule ist, seine Aufgaben macht, zum Beispiel.

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Leo W. heult und hustet, Melanie putzt den Schleim von seinen Lippen.
Ich möchte, dass du hier bist, wenn ich sterbe.
Es wäre mir eine Ehre, sagt sie.
Sie küsst ihn auf die Stirn, sieht den Tumor, der aus seinem Nacken dringt, mandarinengroß.

Leo W., einunddreißig, stirbt am Abend des 4.Februar 2008, seine Frau Melanie sitzt neben ihm, Zimmer 204, sie sieht, wie Leo erstickt, wie sein Gesicht blau und anders wird, sie sagt: Gute Reise, Leo.
Er will etwas sagen, kann nicht, schluckt dreimal und atmet aus.

Melanie W. bleibt eine Stunde neben ihm, vielleicht zwei, sie denkt, nun tut ihm nichts mehr weh, jetzt ist vieles gut. Sie sitzt und weiß nicht, was sie denkt, steht auf, holt den schwarzen Trainingsanzug aus dem Schrank, adidas, und legt ihn auf Leos Bett.

Nothing lasts forever and we both know hearts can change / and it’s hard to hold a candle in the cold.November Rain, 9. Februar 2008, 9.30 Uhr, Pfarrkirche Flüelen, die Trauerfeier, Guns N’ Roses.

Die Anzeige für Leos Tod macht Melanie am Kühlschrank fest, auch die Dankeskarte, darauf der Vierwaldstättersee im Abendrot, Leo, lächelnd, die Sonnenbrille in der Hand. Seine Asche stellt sie auf den Sitzplatz hinter dem Haus, Gotthardstraße 133.

Manchmal, nachts im Bett, berührt Leo ihr Haar, manchmal hört sie ihn lachen.
Sobald der Schnee geschmolzen ist, trägt sie seine Asche auf den Berg.

Der Redaktion sind die echten Namen der Personen bekannt, sie wurden zum Teil geändert. Auch unser Zeichner hat die Personen und Orte verfremdet.

 
Leser-Kommentare
  1. Niemandem solche Krankheit!

  2. Ein wirklich sehr, sehr bewegender Artikel der die harte Realität zeigt wie sie ist.
    Danke.

  3. # Silberschnur. Krankheiten sind manchmal der Weg, wie Menschen von heute aus dem Schlummer des Vergessens auf ihre Lebensaufgabe hin modifiziert werden können. Diese Geschichte atmet einen Hauch schweizerischer Typik. Obwohl nicht den landläufigen Auffassungen über die Paradigmen von Glück entsprechend, haben die daran beteiligten Personen vielleicht doch umso mehr an notwendigen Entwicklungen für die heute anstehenden kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen als ihr persönliches Lebensglück erfahren. Ich finde, bei aller Achtung vor dem Geschehenen, darin viel mehr Lernenswertes, als wenn diesem Paar nun für immer eitel Sonnenschein gewinkt hätte.

    Auf der Höhe bleibt, wen die Wellen der ZEIT erreichen.

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    • Gafra
    • 08.12.2008 um 7:43 Uhr

    für die beteiligten Erwachsenen gelten, Silberschnur; für die Kinder jedoch war das eine traumatisierende Erfahrung, an der sie lange, wenn nicht lebenslang zu beißen haben werden, gerade weil dem Mann kein Vorwurf zu machen ist. (auch wenn er offenbar schon vorher pädophil veranlagt war, nun aber alle Hemmungen wegfielen)
    Man kann nur hoffen, dass die therapeutische Hilfe wirkt.
    Ein sehr einfühlsamer und schön geschriebener Bericht.

    • Gafra
    • 08.12.2008 um 7:43 Uhr

    für die beteiligten Erwachsenen gelten, Silberschnur; für die Kinder jedoch war das eine traumatisierende Erfahrung, an der sie lange, wenn nicht lebenslang zu beißen haben werden, gerade weil dem Mann kein Vorwurf zu machen ist. (auch wenn er offenbar schon vorher pädophil veranlagt war, nun aber alle Hemmungen wegfielen)
    Man kann nur hoffen, dass die therapeutische Hilfe wirkt.
    Ein sehr einfühlsamer und schön geschriebener Bericht.

    • Gafra
    • 08.12.2008 um 7:43 Uhr

    für die beteiligten Erwachsenen gelten, Silberschnur; für die Kinder jedoch war das eine traumatisierende Erfahrung, an der sie lange, wenn nicht lebenslang zu beißen haben werden, gerade weil dem Mann kein Vorwurf zu machen ist. (auch wenn er offenbar schon vorher pädophil veranlagt war, nun aber alle Hemmungen wegfielen)
    Man kann nur hoffen, dass die therapeutische Hilfe wirkt.
    Ein sehr einfühlsamer und schön geschriebener Bericht.

  4. sind die Leut empfänglich für die traurigen Weihnachtsgeschichten.

  5. # Silberschnur. Diese Kinder werden über die Illusion Leo W.s hinauswachsen müssen, dass "ä Liäbä z'sii" - ein "Lieber zu sein" - nicht wie von selber alle denkbaren Wünsche miteinschliessen kann. Sie werden vielleicht in solche Situationen hineinfinden, wo sie mit stärkeren Kräften, als mit einer vermeintlichen Unschuld in allen Dingen aufgrund seiner Krankheit - , wie beispielsweise Trauer und Wut über das Geschehene hinauswachsen können.
    Es wird deshalb auch der in ihnen wahrscheinliche Konflikt zwischen ihrer Liebe zu Leo W. als ihrem Vater, und seinen mit der äusseren Realität nicht übereinstimmenden Auffassungen über das Lieben zu überwinden sein.
    Mögen sie ihre echte Chance darin sehen lernen.

    Auf der Höhe bleibt, wen die Wellen der ZEIT erreichen.

  6. Ein schwer zu ertragender Artikel, sowohl was den Inhalt, als auch was die journalistische Aufbereitung angeht. Das fängt schon bei der Kurzzusammenfassung an.

    Melanie und Leo haben gerade geheiratet, da wird ein Tumor in Leos Kopf entdeckt. Schleichend verwandelt er sich in einen Menschen, der Monströses tut.

    Die Zusammenfassung (und auch der Artikel) suggeriert, dass der Tumor im Hirnstamm den sexuellen Missbrauch verursacht hätte. Das widerspricht allerdings dem medizinischen Gutachten, das zu dem Schluss kommt, der Mann habe eine Persönlichkeitsstörung, die nicht ursächlich mit der Tumorerkrankung zusammenhängt. Die Tumorerkrankung hat lediglich "Stress" ausgelöst. Der sexuelle Missbrauch der Kinder wäre somit nicht die Folge einer krankhaften Veränderung des Verhaltens aufgrund des Gehirntumors, sondern auf eine krankhafte Persönlichkeit (oder Charakter) zurückzuführen (genau genommen heißt es in dem Artikel lediglich, sowohl die Persönlichkeitsstörung als auch die Tumorerkrankung hätten Stress ausgelöst, was als eigentliche Ursache für den sexuellen Missbrauch dargestellt wird, als würde Stress automatisch sexuellen Missbrauch an Kindern auslösen).

    Außerdem suggeriert die Zusammenfassung (und auch der Artikel), dass der sexuelle Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Ein Gericht und ein psychologisches Gutachten kommen allerdings zu einem ganz anderen Schluss.

    Das alles lässt darauf schließen, dass es dem Artikel nicht um Wahrheitsfindung geht. Fakten wie die genannten Gutachten oder die Entscheidung des Gerichts werden zwar berichtet, man lässt sich von ihnen aber nicht irritieren. Stattdessen wird mehrmals auf die Intimrasur der Frau eingegangen, als wenn sich daraus etwas ableiten ließe! Natürlich, hier soll abseits der Fakten etwas suggeriert werden, es soll Suspense erzeugt werden. Der ganze Artikel zielt darauf ab, Emotionen zu provozieren. Aber wozu? Ich denke nicht, dass man aus der Geschichte etwas lernen kann. Dazu ist der Schreibstil zu subjektiv, zu reißerisch, zu sehr auf Emotionen aus.

    Auf weitere Beiträge der Zeitung mit den vier großen Buchstaben aus der Rubrik "Ehedrama" kann ich gerne verzichten.

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    Offen gestanden hätte mich der Text nicht weniger bewegt, wenn er eine fiktive Geschichte geschildert hätte. Wenn dem Verfasser ernsthafte Absichten der betrügerischen Art zu unterstellen sind, hat er zumindest bei mir die erwünschte Wirkung verfehlt.

    Für mich ist der Artikel ein emotionaler Bericht aus Sicht der Mutter. Dass Parteilichkeit dort nicht ausbleiben und auch gewisse Zweifel an gerichtlicher Praxis in Hilflosigkeit mittransportiert werden, halte ich für selbstverständlich. Der Text kommt offensichtlich zu einem sehr gefühlvollen, "versöhnlichen" Ende. Meinen Sie wirklich, dass man ihm guten Glaubens Reißerei unterstellen kann?

    Die Zusammenfassung (und auch der Artikel) suggeriert, dass der Tumor im Hirnstamm den sexuellen Missbrauch verursacht hätte.

    So einen Fall hat es tatsächlich mal gegeben.

    Ob das bei Leo auch so war, weiß man natürlich nicht. Völlig von der Hand zu weisen ist es aber nicht.

    Das widerspricht allerdings dem medizinischen Gutachten,

    in dem sich ein Gutachter zutraute, die Effekte eines weiter wachsenden Hirntumors, einer Bestrahlungstherapie, einer Hirnoperation und einer Persönlichkeitsstörung auseinander zu sortieren. Und das offenbar, ohne Leo gekannt zu haben, bevor die ersten Tumorsymptome auftraten. Ich bin kein Arzt, aber: Wie soll das gegangen sein?

    Außerdem suggeriert die Zusammenfassung (und auch der Artikel), dass der sexuelle Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Ein Gericht und ein psychologisches Gutachten kommen allerdings zu einem ganz anderen Schluss.

    Nein, das psychologische Gutachten kam zu dem Schluss, dass die Aussage des Mädchens nicht gerichtsfest war, weil der Gutachterin einige Details durch Mutter und Großmutter suggeriert erschienen. Das ist bei Aussagen so kleiner Kinder ein prinzipielles Problem, weil die naturgemäß ihre erste Aussage in der Regel nicht bei der Polizei oder Gutachtern machen, und man anschließend nicht mehr weiß, welcher Teil der Aussage von den Erwachsenen stammt, denen sie es zuerst erzählt haben. Zum Glück ist man sich dieses Problems heute bewusst.

    Das alles lässt darauf schließen, dass es dem Artikel nicht um Wahrheitsfindung geht.

    Hinsichtlich der Frage, ob der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat, kann es das m. E. auch gar nicht. Der einzige, der darüber möglicherweise kompetent eine Auskunft hätte geben können, ist tot. Das Kind war zu klein und wird sich heute womöglich gar nicht mehr erinnern. Auf welcher Basis will man da Wahrheitssuche betreiben?

    Also Reisserisches kann ich nicht erkennen. Eher ein durchaus klarer und nüchterner Beitrag der beide Seiten zu Wort kommen lässt. Ausserdem ist die andere Ebene, die Liebe und das Begleiten bis zum Tod die eigentlich rührende Geschichte.

    Und es gibt nunmal auch andere journalistische Spielarten als die des Aufdeckens/Wahrheit finden.

    Und so einen Blödsinn wie mit den "Vier grossen Buchstaben" hat weder die ZEIT noch der Kisch-Preisträger!!! Erwin Koch verdient.

    Offen gestanden hätte mich der Text nicht weniger bewegt, wenn er eine fiktive Geschichte geschildert hätte. Wenn dem Verfasser ernsthafte Absichten der betrügerischen Art zu unterstellen sind, hat er zumindest bei mir die erwünschte Wirkung verfehlt.

    Für mich ist der Artikel ein emotionaler Bericht aus Sicht der Mutter. Dass Parteilichkeit dort nicht ausbleiben und auch gewisse Zweifel an gerichtlicher Praxis in Hilflosigkeit mittransportiert werden, halte ich für selbstverständlich. Der Text kommt offensichtlich zu einem sehr gefühlvollen, "versöhnlichen" Ende. Meinen Sie wirklich, dass man ihm guten Glaubens Reißerei unterstellen kann?

    Die Zusammenfassung (und auch der Artikel) suggeriert, dass der Tumor im Hirnstamm den sexuellen Missbrauch verursacht hätte.

    So einen Fall hat es tatsächlich mal gegeben.

    Ob das bei Leo auch so war, weiß man natürlich nicht. Völlig von der Hand zu weisen ist es aber nicht.

    Das widerspricht allerdings dem medizinischen Gutachten,

    in dem sich ein Gutachter zutraute, die Effekte eines weiter wachsenden Hirntumors, einer Bestrahlungstherapie, einer Hirnoperation und einer Persönlichkeitsstörung auseinander zu sortieren. Und das offenbar, ohne Leo gekannt zu haben, bevor die ersten Tumorsymptome auftraten. Ich bin kein Arzt, aber: Wie soll das gegangen sein?

    Außerdem suggeriert die Zusammenfassung (und auch der Artikel), dass der sexuelle Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat. Ein Gericht und ein psychologisches Gutachten kommen allerdings zu einem ganz anderen Schluss.

    Nein, das psychologische Gutachten kam zu dem Schluss, dass die Aussage des Mädchens nicht gerichtsfest war, weil der Gutachterin einige Details durch Mutter und Großmutter suggeriert erschienen. Das ist bei Aussagen so kleiner Kinder ein prinzipielles Problem, weil die naturgemäß ihre erste Aussage in der Regel nicht bei der Polizei oder Gutachtern machen, und man anschließend nicht mehr weiß, welcher Teil der Aussage von den Erwachsenen stammt, denen sie es zuerst erzählt haben. Zum Glück ist man sich dieses Problems heute bewusst.

    Das alles lässt darauf schließen, dass es dem Artikel nicht um Wahrheitsfindung geht.

    Hinsichtlich der Frage, ob der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hat, kann es das m. E. auch gar nicht. Der einzige, der darüber möglicherweise kompetent eine Auskunft hätte geben können, ist tot. Das Kind war zu klein und wird sich heute womöglich gar nicht mehr erinnern. Auf welcher Basis will man da Wahrheitssuche betreiben?

    Also Reisserisches kann ich nicht erkennen. Eher ein durchaus klarer und nüchterner Beitrag der beide Seiten zu Wort kommen lässt. Ausserdem ist die andere Ebene, die Liebe und das Begleiten bis zum Tod die eigentlich rührende Geschichte.

    Und es gibt nunmal auch andere journalistische Spielarten als die des Aufdeckens/Wahrheit finden.

    Und so einen Blödsinn wie mit den "Vier grossen Buchstaben" hat weder die ZEIT noch der Kisch-Preisträger!!! Erwin Koch verdient.

  7. Ich muß Ihnen zustimmen.
    Der Stoff ist vielleicht nicht schlecht für einen Unterhaltungsroman,
    aber trotz aller Dramatik und trotz aller mitschwingenden Emotionen, verstehe ich Sinn und Absicht des Artikels nicht.
    MfG

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