Ein Mann sitzt im Edelweiß und redet wenig, Leo ist kein Schwätzer, Leo sei ein Lieber, sagt die Chefin. Und Melanie bringt ihm Bier, Leo schaut nicht auf. Das wär doch einer, flüstert die Chefin.

Melanie G. ist zweiundzwanzig, morgens Briefträgerin in ihrem Dorf, abends Serviertochter in Flüelen, Uri, Gasthof Edelweiß. Melanie flüstert: Wer mich will, muss auch mein Kind wollen.

Leo W., Heizungs- und Sanitärinstallateur, fünfundzwanzig, Oberturner im Turnverein, hat noch nie mit einer Frau geschlafen. Du bist doch die Melanie, sagt er.
Ja.
Bei euch zu Hause baute ich vor Jahren das Bad, sagt er.
Sie könne sich an ihn nicht erinnern, sagt Melanie.
Aber umgekehrt.
Sie lachen.

Melanie G. hat langes dunkles Haar, ein schwereloses Gesicht. Nun kommt er, wenn sie im Edelweiß ist, Abend für Abend und sieht ihr bei der Arbeit zu.
Ich habe ein Kind, sagt Melanie, Anna, zwei Jahre alt.
Macht nichts, sagt Leo.

Er stellt sie seinen Eltern vor, sie bringt ihn ins Haus der Mutter, Gotthardstraße 133, das Postamt, es ist Sommer 2002, tausend Menschen leben im Dorf, Bauern, Handwerker, Arbeiter, das Tal ist eng und flach, belegt mit Straßen und Gleisen, schon Melanies Großvater machte hier die Post.

An schönen Tagen setzen sie sich auf Leos Motorrad und fahren auf den Klausenpass, er vorn, sie hinten, Melanie denkt, wie kann man nur so glücklich sein?
Wie lustig er mit Anna ist, lobt die Mutter.
Ich glaube, sagt Melanie, irgendwann will ich ein Kind von dir.
Einverstanden, sagt Leo.

Zum Beginn der Fastnacht, in der Nacht des Schmutzigen Donnerstags, am 27. Februar 2003, ist es so weit.
Leo haucht: Wenn das Kind nur keine roten Haare hat.
Seit Jahren färbt Leo W. seine roten Haare schwarz.

Melanie G. wechselt vom Edelweiß in Flüelen nach Amsteg in die Kantine der Neuen Eisenbahnalpentransversale NEAT, bedient Tunnelbauer, Chauffeure, Geologen.

Am 9. März 2003, Leos Geburtstag, begleitet sie ihn nach Flüelen zur Generalversammlung des Turnvereins, man isst, man trinkt, lacht, lärmt, dann steht Leo auf, steigt auf die Bühne der Schützenstube und stellt sich ans Mikrofon, er bittet um Ruhe und ruft Melanie zu sich, Leo sagt, niemanden liebe er mehr als sie, Melanie G., willst du meine Frau werden? Melanie weint, die Wirtin fotografiert, Leo trägt eine Krawatte, eine helle wollene Mütze, im linken Ohr einen Ring, seine Hände sind doppelt so groß wie ihre, Melanie, die Augen rot, umfängt seinen Nacken.

Leo W. zieht ins Dorf von Melanie, zu ihrer Tochter und ihrer Mutter, die Post steht zwischen Eisenbahn und Gotthardstraße, ein Sitzplatz hinter dem Haus, ein Kaninchenstall, der Gartengrill.

Leo, als er einmal abends von der Arbeit kommt, sagt: Heute fiel mir die Zange aus der Hand.
Sie streichelt sein Gesicht: Du arbeitest zu viel.
Sie setzen die Hochzeit fest, 19. September 2003.
Heute war mir schwindelig, sagt Leo, heute sah ich doppelt.
Was doppelt?, fragt Melanie, wenn sie abends auf dem Sofa sitzen und fernsehen.
Verschwommen, antwortet er.
Du musst zum Arzt, bittet Melanie.
Das geht vorbei, sagt Leo.
Manchmal streichelt er ihren Bauch, legt seinen Kopf darauf und horcht. Melanie ahnt, ihr Kind wird männlich, sie möchte, dass es Max heißt, er Manuel.
Er möchte, dass sie ihr Schamhaar rasiert.

Im Juli 2003, Samstag, ist Polterabend in Flüelen. Leos Kollegen, die meisten Handwerker, stellen eine alte Badewanne auf Räder, setzen Leo hinein und fesseln ihn mit Kabelbindern aus Plastik, ziehen das Fahrzeug von Restaurant zu Restaurant, betrinken sich, füllen Leo, der nicht aus der Wanne kann, mit Bier, Leo lacht, weil alle lachen, er möchte zur Toilette, sie lassen ihn nicht, er bettelt, und als sie ihn befreien, kann Leo kaum gehen, das rechte Bein lahmt, knickt ein, Leo schwankt, hält sich an Tischen und Wänden.
Geh zum Arzt, sagt sie.

Melanie G. kauft ein Brautkleid, weiß und schleierlos. Sie drucken eine Hochzeitskarte, ihre Gesichter darauf und ihre Hände, Melanies Finger, verschränkt in seinen, "Miär nämed z’Läbe gmeinsam i d’Händ", wir nehmen das Leben gemeinsam in die Hände.
Sie reservieren den Saal im Restaurant Bahnhof, Leo bestellt einen Priester, Melanie, einverstanden, hält wenig von der Kirche.

Ende August 2003, an einem frühen Sonntagnachmittag, als Melanie im Wohnzimmer sitzt, ihre Mutter und ihr Kind schlafen, brennt in der Küche der Fenstervorhang. Leo füllt einen Topf mit Wasser und löscht den Brand, vielleicht ein Kurzschluss. Eine halbe Stunde später brennt der Abfall im Eimer, Leo schreit und löscht. Dann brennt ein Kleiderkasten, Leo löscht. Man ruft den Elektriker. Der entdeckt nur Gewöhnliches und holt die Polizei.
Mit deinem Leo, flüstert der Elektriker, stimmt etwas nicht.
Was soll mit ihm nicht stimmen?, fragt Melanie.
Dein Leo sitzt im Wohnzimmer und heult und zittert, sagt er.
Leo, fragt der Polizist, hast du die Brände gelegt?
Ich war es nicht, mein Ehrenwort.
Nur du kommst infrage.
Ehrenwort, ich war es nicht, es war ein anderer, sagt Leo W.
Wer?
Melanie, sagt der Polizist, als er mit ihr allein ist, Melanie, überleg dir gut, wen du heiratest.
Meine Sache, sagt sie.
Stimmt, sagt der Polizist.

Abends gehen Melanie und Leo spazieren, sie wandern über die Felder hinüber zum Fluss, Hand in Hand, Leo stolpert und fängt sich auf, er sagt, er sei müde, sonst nichts.

Sie ruft den Hausarzt an, begleitet Leo nach Altdorf, 16. September 2003, drei Tage vor der Hochzeit. Der Arzt nickt und schweigt, schickt Leo noch am selben Tag nach Schwyz in den Computertomografen, 17 Uhr, Kantonsspital.

Am Vormittag ihrer Hochzeit, Freitag, 19. September 2003, gehen beide zum Coiffeur, er in Flüelen, sie in Erstfeld, Leo hat kaum geschlafen, Melanie denkt, wärs etwas Schlimmes, hätte der Arzt sich gemeldet. Bei einer Freundin ziehen sie ihre Hochzeitskleider an, Melanie strahlt in Weiß, Leo steht und schweigt, Melanie denkt, was ist los mit ihm? Man geht in einen Park und stellt sich vor den Brunnen, der Fotograf sagt, was zu tun ist, Leo, das Gesicht steif und müde, umfasst Melanie mit den Armen, sie dreht ihr Gesicht zu seinem, lächelt, Blumen in der Hand, weiße Nägel, was ist los mit dir?

Trauung im Standesamt, ein heißer Nachmittag im September.
In einem weißen VW Käfer verlassen Melanie und Leo das Dorf, Konservendosen hinter sich, die laut scheppern. Leo schweigt und quält sich aus dem Auto, die kleine Anna, die Mutter, seine Eltern, Verwandte, Freunde, Turner warten vor der Kapelle der Vierzehn Nothelfer, ein Pfarrer spricht.

Ja, sagt Leo W.
Ja, sagt Melanie G.
Der Kuss, das Ave Maria, Rahmschnitzel im Restaurant Bahnhof, Tanz.
Sie sieht, dass er schluckt, leer und immer wieder, sie sieht sein weißes, hartes Gesicht: Bisch ä Liäbä.
Du auch, sagt er leise.