Wenn ein Film auf einem Flughafen beginnt, kann man wetten, dass die Sache zwei Stunden später am selben Flughafen enden wird. So ist es auch im neuen Film von Woody Allen. Man nennt das: kreisförmige Erzählstruktur. Der Protagonist taucht in eine neue Welt, erlebt Unerhörtes und fliegt wieder ab. Äußerlich ist er unverändert, innerlich brennt er. Er wird die fremde Stadt nie vergessen.

Europa ist zivilisierter, aber auch erotischer als Amerika, hat Allen in einem Interview gesagt, zumindest glauben das die Amerikaner seit den Zeiten von Henry James, und also glaubt Allen es auch. Manchmal in Vicky Cristina Barcelona sieht man, wie jemand in Barcelona mit jemandem in New York telefoniert – und der Gegensatz, den Allen da erzeugt, ist tiefer als der zwischen zwei Zeitzonen: Es ist der schiere Gegensatz zwischen zwei Zuständen. In New York herrscht helles, flaches Arbeitslicht, Geldlicht; in Europa ist immer schon kerzenflackernder, sündiger Abend.

Vicky Cristina Barcelona beginnt damit, dass Vicky (Rebecca Hall) und Cristina (Scarlett Johansson), zwei junge New Yorkerinnen von gegensätzlichem Temperament, in Barcelona eintreffen, wo sie den Sommer verbringen wollen. Vicky ist kühl, tiefgründig, würdevoll, sie verschränkt die Arme vor dem schmalen Körper und lächelt mit geschlossenen Lippen. Cristina dagegen ist zugänglich, kokett, üppig, und sie zeigt beim Lächeln die strahlenden Zähne. Und wo Vicky von oben durch schmale skeptische Augen auf die Welt herabblickt, da nimmt Cristina alles mit weichem Augenaufschlag in sich auf.

Gegensätzlich sind auch ihre Lebenspläne. Vicky wird am Ende des Sommers in New York ihren Verlobten, einen Wall-Street-Makler, heiraten, und nun will sie ein letztes Mal die Freiheit genießen; Cristina hat eine unglückliche Affäre hinter sich und kommt nach Europa, um zu vergessen beziehungsweise sich unverzüglich neu zu verlieben.

Während die Frauen im Taxi nach Barcelona hineinfahren, erzählt eine Männerstimme schon ihre Geschichte. Die Vorfreude der mit wehendem Haar dahinrauschenden schönen Damen steht in Kontrast zu diesem allwissenden Erzähler, der den heiteren Auftakt als ein durch künftige Geschehnisse unterhöhltes Glück entlarvt.

Denn in Barcelona lernen die Amerikanerinnen ein Glück kennen, dem sie nicht gewachsen sind. Sie begreifen, dass die Liebe zu schwer und dunkel für sie ist. Ein ernster Spanier namens Juan kommt im Restaurant an ihren Tisch; Javier Bardem spielt ihn mit gesenkten Lidern, die ahnen lassen, dass in seiner Seele immer die blaue Stunde herrscht, eine endlose unhappy hour. Juan will die Amerikanerinnen aufs Land entführen und dort, wie er freimütig gesteht, mit beiden Liebe machen. Cristina willigt ein; Vicky wehrt ab, begleitet aber die ungestüme Freundin. Nun beginnen gleich zwei Dreiecksgeschichten, in deren Mittelpunkt Juan steht. Denn Vicky verliebt sich in Juan und entfremdet sich von ihrem eilends einfliegenden Amerikaner. Sie wird an unerfüllter Liebe leiden für den Rest des Films – und vielleicht für den Rest ihres Lebens.