Wenn die Kanzlerin nach Beispielen für sinnvollen Klimaschutz sucht, fällt ihr stets die Energiesparlampe ein. Ihr Büro im Kanzleramt ist damit ausgerüstet, und auch in ihrer Wohnung hat sie die Glühbirnen aus- und Energiesparlampen eingeschraubt. Damit ist sie der Regelung der EU zuvorgekommen, die jetzt ein Verbot herkömmlicher Glühbirnen vom Jahr 2012 an beschlossen hat. Die Kanzlerin verhält sich vorbildlich. Das ist gut. Aber vor allem gut gemeint. Die direkte Klimawirkung ist minimal. Der Strom für Beleuchtung macht im Energieverbrauch privater Haushalte gerade mal 1,7 Prozent aus.

Bis vor wenigen Wochen konnten wir sicher sein, dass Angela Merkel nicht nur vorbildlich beim Eindrehen von Energiesparlampen ist, sondern auch das große Menschheitsinteresse Klimaschutz wichtig nimmt. Die Kanzlerin schien aus vielerlei Gründen vollkommen glaubwürdig zu sein, wenn sie über die Notwendigkeit sprach, die Erderwärmung zu begrenzen: Sie ist Physikerin, versteht also etwas von der Sache; sie war Umweltministerin, kennt damit die Materie; sie hat das Klimaabkommen von Kyoto mitverhandelt, müsste deshalb also persönlich an dessen Gelingen interessiert sein; und als Ostdeutsche ist sie unberührt von den umweltpolitischen Grabenkämpfen der siebziger und achtziger Jahre und deshalb freier für Vernunftentscheidungen.

Als Pragmatikerin mit moralischem Kompass erschien Merkel, als sie sich 2007 im Streit mit den Schwellenländern die Forderung nach gleichen Verschmutzungsrechten für jeden Menschen der Erde zu eigen machte. Dies aus dem Munde der Regierungschefin einer Industrienation zu hören war revolutionär. Es war human, demokratisch und setzte die gesamte alte Welt unter Druck. Denn wer wollte danach noch offensiv rechtfertigen, dass zum Beispiel Amerika das Recht haben könnte, die Erde mehr zu verschmutzen als China oder Indien?

Diese Angela Merkel gibt es nicht mehr. Sie ist verschwunden in der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Verschwunden mit einem Satz: "Ich werde dafür sorgen, dass es keine EU-Klimaschutzbestimmungen gibt, die in Deutschland Arbeitsplätze oder Investitionen gefährden."

Deutsche Arbeitsplätze gegen weltweiten Umweltschutz. Die ökonomische Krise hat binnen Wochen aus einer modernen globalisierungsbewussten Politikerin des 21. Jahrhunderts eine Reinkarnation des Industriepolitikers der untergegangenen alten Bundesrepublik gemacht. Statt zu fragen, wo die Arbeitsplätze der Zukunft sind, statt einen green deal gegen die Krise zu entwerfen, der vorbildlich für die Welt sein könnte, statt also nach vorn zu schauen, legt sie den uralten, überwunden geglaubten Konflikt wieder auf: Arbeitsplätze gegen Umweltschutz. Auto gegen Klima. Wie in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird die Umweltpolitik zum Luxus erklärt, den man sich in guten Zeiten leistet, in schwierigen eben nicht. Merkel ignoriert damit alles, was wissenschaftlich seit einigen Jahren Standard ist. Auch ihr eigener Standard. Noch im August 2007 sagte sie auf einer Konferenz in Kyoto: "Ich habe schon immer auf der Seite derer gestanden, die die Erderwärmung hauptsächlich für eine Folge klimapolitisch ungehemmten Wirtschaftswachstums halten." Sie berief sich auf die Prognose des britischen Ökonomen Nicolas Stern. Dessen Berechnungen aus dem Jahr 2006 zeigen, dass die volkswirtschaftlichen Kosten des Klimawandels wesentlich höher sind als die Kosten für ausreichenden Klimaschutz.

Wenn es aber möglich ist, dass sich eine bis dahin in diesen Fragen als verlässlich geltende Kanzlerin schon von den Vorboten einer Wirtschaftskrise in ihren Klimazielen umpusten lässt, dann sollte man das erst mal ernst nehmen und fragen, ob vielleicht etwas nicht stimmt an der Debatte über Klima und Arbeitsplätze.

In Deutschland hat sich die Ansicht durchgesetzt, moderner Klimaschutz müsse nichts kosten, im Gegenteil, damit lasse sich richtig Geld machen. Selbst die Grünen sind unter dem Druck der Arbeitsplatzdebatte auf diese Lesart verfallen. "Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben", lautet das Petitum der Umweltpartei seit 20 Jahren. Der Satz ist richtig in seiner Substanz, natürlich lässt sich mit moderner Umwelttechnik oder energiesparender Industrie Gewinn erzielen. Heute, noch mehr jedoch in der Zukunft. Falsch aber ist es, zu glauben, der Umbau von der klassischen, Ressourcen verbrauchenden zu einer grünen Ökonomie sei ein harmonischer Prozess ohne Brüche und Ungleichzeitigkeiten. Doch, doch: Klimaschutz kostet. Und zwar Geld und viel mehr noch politische Kraft. Geld, weil man langfristig und gezielt in Forschung und Produktentwicklung investieren muss, wie die Japaner seit Jahren in den Hybridantrieb des Toyota. Und politische Kraft, weil man starke Industrien zum Umsteuern zwingen oder sie zugrunde gehen lassen muss. Industrien, die in der Trägheit der Gesellschaft einen mächtigen Verbündeten haben.

Grüne Ökonomie und Umweltschutz sind attraktiv und politisch gewinnbringend, solange man Windparks einweihen oder Solarzellen auf Dächer montieren kann. Was aber, wenn Tausende Arbeitsplätze in Gefahr sind, weil die deutschen Autobauer wider besseres Wissen die Zeichen der Zeit nicht sehen wollten?

Dann ist es für politisches Handeln fast schon zu spät. Dann ist der Politiker Opfer einer Erpressung. Wer will sich schon vor eine Belegschaft stellen und den Menschen, denen die Arbeitslosigkeit droht, sagen: Einen Arbeitsplatz kann man nicht konservieren. Er darf nicht gegen Klimaziele ausgespielt werden. Woanders wachsen neue Technologien, entstehen neue, zukunftssichere Arbeitsplätze.

Paul Krugman, der diesjährige Wirtschaftsnobelpreisträger, hat genau dies jetzt Barack Obama geraten und ihn gewarnt, Milliarden in die US-Automobilindustrie zu pumpen. Sie sei unrettbar. Einen Politiker, der so redet, würde man nicht ganz zu Unrecht einen Zyniker nennen. Fast unmöglich ist es für ihn, aktuell danach zu handeln. Deshalb gibt es für die Politik nur einen Ausweg: vorausschauend denken und Industrie und Arbeitnehmer rechtzeitig und selbst in guten Zeiten zu ihrem Glück zwingen.

Und auch hier klafft in Deutschland eine Lücke. Weitsicht passt nicht zur immer hektischeren Politik. Die Klimaziele von Kyoto, Bali und jetzt Posen zielen auf das Klima im Jahr 2020, 2030 oder 2050 – auf dem Papier. Und was passiert hier und heute? Es war Deutschland, namentlich Angela Merkel, die im Interesse der deutschen Autobauer "moderatere", also klimaschädlichere Regelungen für den CO 2 -Ausstoß ausgehandelt hat. Die Kanzlerin würde jetzt sagen: Wir haben doch unser Klimaziel schon erreicht. Stimmt. Aber nur weil Deutschland seinen Osten quasi deindustrialisiert hat. Und warum sollten wir, die wir seit über hundert Jahren die Erde verschmutzen, wenn wir können, nicht mehr tun? Vorbild sein?

Das jedenfalls hat die Klimakanzlerin des Jahres 2007 stets vertreten. Heute ist sie und mit ihr Europa mutlos. Dabei befinden wir uns an der Schwelle eines historischen Moments. In Amerika wird zum ersten Mal ein Präsident an der Macht sein, für den der Klimaschutz höchste Priorität hat. Merkel könnte also zusammen mit den USA verwirklichen, was in Kyoto und Bali begonnen wurde und nächstes Jahr in Kopenhagen fortgesetzt werden soll: ein gerechtes Klimaabkommen, das fair zwischen den alten Industriestaaten und den schnell wachsenden Schwellenländern verhandelt wird.

Angela Merkel hat in den drei Jahren ihrer Kanzlerschaft Wichtiges geleistet. Für den Klimaschutz und für die politische Glaubwürdigkeit. Sie hat sich verhalten, als gebe es auch für Politiker Ziele, die sich politischer Opportunität und kurzfristigen Machtinteressen entziehen. Damit hat sie der Welt etwas Großes gezeigt. Und sie hat ein Versprechen gegeben. Sie hat damit begonnen, es zu brechen.

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