Manfred Trost serviert in seinem Café neuerdings gerne ein »Karibik-Kipferl«, so nennt er seine Buttercroissants. Vor allem dann, wenn sich Lokalpolitiker in seinen Laden unweit der Altstadt von Hartberg verirren. Die Gäste lachen. Es ist Mittag, und einige gönnen sich ein erstes Bier. Aus dem Ort will keiner der Männer stammen, alle seien »Zugereiste«. Dieser Tage ist es schwer, Hartberger zu finden, die sich zu ihrem Heimatort bekennen. Herbert Thanner sitzt an der Bar und starrt nachdenklich auf das Titelbild einer alten Ausgabe der Lokalzeitung. Es zeigt einen Sandstrand, Palmen und darüber das Ortsschild Hartberg. »Musste es denn unbedingt die Titelseite sein«, hadert er.

800000 Euro hat die Gemeinde auf den British Virgin Islands verspielt. Und das wenige Monate nachdem rund 1,7 Millionen Euro am Immobilienmarkt verspekuliert worden waren. Bürgermeister Karl Pack von der ÖVP gab sich bisher gelassen und erklärte, wegen der paar Euro werde sein Zockerstädtchen noch lange nicht am Bettelstab gehen müssen. Kurz darauf flog er für eine Urlaubswoche auf die Kanarischen Inseln.

»Das Pack hat das Geld verjuxt«, hätten die Burschen im Landesjugendheim geschimpft und schadenfroh mit den Zeitungen gewedelt, erinnert sich Thanner. Der 49-Jährige ist Erzieher an dieser Ausbildungsstätte für Problemjugendliche, die Pack im Hauptberuf leitet. Tagelang musste sich Thanner die Häme über seinen Chef anhören. Dabei sei der Bürgermeister gar keine Spielernatur, viel eher ein Machertyp, der nie so recht seine autoritäre Attitüde aus den Tagen als Vorstandsmitglied des steirischen Fußballverbands abgelegt habe. »Es war dumm und leichtsinnig, aber er hat sich sicher nicht bereichert«, beteuert Thanner.

»Wir sind doch alles nur Laien und haben uns auf die Experten verlassen«

In Hartberg ist man jetzt auf Schadensbegrenzung bedacht. Jede Kritik, jede öffentliche Empörung ramponiert nur noch mehr die oststeirischen Kleinstadtidylle. Niemand interessiert sich derzeit für die pompöse Weihnachtsbeleuchtung am Adventmarkt, für die schmucken Häuser mit pastellfarbenen Fassaden oder das Stadtmuseum, wo akribisch an der Inszenierung des wehrhaften Städtchens gefeilt wird, das jahrhundertelang den Einfällen der Ungarn, Türken und Haiducken getrotzt hatte. Jetzt tauchen Kamerateams auf, die herausfinden wollen, was es mit den Hartbergern auf sich hat, die in der großen Finanzwelt mitmischen wollten.

Wer durch die Stadt spaziert, trifft tagsüber fast nur auf Jugendliche. Zahlreiche Schüler aus den Nachbargemeinden pilgern nach Hartberg und tummeln sich auf den Straßen und in den Cafés. Je später es wird, desto eher zeigen sich die Berufstätigen, jene, die zu Hunderten jeden Tag zur Arbeit nach Graz oder Wien pendeln. Ihren Feierabend lassen sie im Wirtshaus, in dem irischen Pub oder einem der Wettcafés ausklingen. Insgesamt vier Spieltempel gibt es in der 6500-Seelen-Gemeinde, alle eröffnet in den vergangenen fünf Jahren.

An sich meidet der Hartberger das Risiko. Konservativ, so schätzt Hermine Zangl ihre Mitbürger ein. Zumindest, was ihr Geld betrifft. Die 49-jährige Filialleiterin der lokalen Sparkasse erzählt, dass die Hartberger für Risikoanlagen nicht zu haben wären: »Sie schätzen schon sehr das Sparbuch.« Überschaubar soll alles sein. Deswegen liegt die Sparkasse auch am Sparkassenplatz, heißt das Geschäft für Ohrengeräte Ohrenhauser, jenes für Autoreifen Kreisel und das für Blumen Buchsbaum. Auch Wahlen sorgen selten für Überraschungen. Seit Jahrzehnten regiert die ÖVP mit einer Mehrheit von über 50 Prozent. Heute stellt sie 14 der 25 Gemeinderäte.