Grundschulstudien »Ungemein wissbegierig«Seite 4/4
ZEIT: Was muss getan werden, um die Leseleistungen weiter zu steigern?
Bos: Wir haben mit Überraschung festgestellt, dass der Anteil des Leseunterrichts am Gesamtunterricht in den Grundschulen seit 2001 zurückgegangen ist. Der Trend muss wieder umgedreht werden, gerade zum Wohle der schwachen Leser. Wir brauchen mehr gezielten Förderunterricht für schwache wie für starke Leser, Übungen, die ein tieferes Verständnis von Texten fördern. Da sind auch die Schulbuchverlage gefordert. Außerdem müssen Kinder aus bildungsfernen Schichten stärker gefördert werden: durch eine gezielte Elternarbeit, durch den Ausbau der Vorschulen oder durch die Errichtung von Ganztagsgymnasien.
ZEIT: Was zeigen Ihre Untersuchungen über die unterschiedlichen Leistungen von Jungen und Mädchen?
Bos: Beim Lesen ist der Vorsprung der Mädchen, über den ja viel berichtet wurde, geringer geworden und im internationalen Vergleich unauffällig. Das ist eine erfreuliche Entwicklung. Bei Mathematik und in den Naturwissenschaften haben die Jungen in Deutschland einen im internationalen Vergleich auffallend großen Leistungsvorsprung vor den Mädchen. Andere Länder zeigen, dass das kein Naturgesetz ist.
ZEIT: Wie steht es um die soziale Gerechtigkeit beim Übergang zum Gymnasium?
Bos: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Dazu legen wir Anfang kommenden Jahres einen Bericht vor.
ZEIT: Welches Ergebnis Ihrer Studien bewegt Sie persönlich eigentlich am meisten?
Bos: Mich macht die Benachteiligung von Schülerinnen und Schülern aus sozial schwachen Familien immer wieder nachdenklich. Aber es gibt noch ein anderes Phänomen, das einen über die Schule ins Grübeln kommen lässt.
ZEIT: Nämlich?
Bos:
Grundschüler sind ungemein wissbegierig. Sie wollen lesen und schreiben lernen, sie interessieren sich für Mathematik, wollen die Natur verstehen. Das ist nicht nur ein Eindruck, sondern wir können das auch messen. Und irgendwie nimmt diese Wissbegier im Laufe der Schulzeit nicht zu, sondern sie nimmt ab. Das darf eigentlich nicht sein.
Die Fragen stellte
Thomas Kerstan
Wilfried Bos ist Direktor des Instituts für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund. Er zeichnet in Deutschland für die Grundschulstudien Timss (Trends in International Mathematics and Science Study) und Iglu (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) verantwortlich.
Zum Nachlesen:
W. Bos et al. (Hrsg.): Iglu-E 2006; Waxmann, Münster 2008; 19,90 Euro, und W. Bos et al. (Hrsg.): Timss 2007; Waxmann, Münster 2008; 19,90 Euro
- Datum 05.08.2009 - 08:29 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
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Tut mir leid, Herr Professor Bos, ich teile Ihre Meinung, die deutsche Grundschule habe sich verbessert, ganz und gar nicht. Ich lese in etlichen Punkten sogar das glatte Gegenteil dessen, was Sie hier vertreten, aus den soeben veröffentlichten Daten.
PISA, Timss und Iglu haben deutsche Eltern seit Beginn des Jahrtausends aufgeschreckt. Es sind also die Eltern der jetzt überprüften Schüler, die erstmals bereits vor der Einschulung um die Notwendigkeit der Bildungsbegleitung wissen und dies auch ausgiebigst tun. Die Folgen sehen Sie in jeder Buchhandlung: ABC-Bücher und 1x1-Bücher für Kleinkinder ab dem Krabbelalter, für die Schulzeit hält jeder Kinder- und Schulbuchverlag ein je nach gusto spielerisches oder stark strukturiertes Kompendium für das Pensum eines jeden Schuljahres bereit. Und diese Werke finden reißenden Absatz. Nicht bei den Eltern mit weniger als 100 Büchern zu Hause, aber bei den anderen. Überprüfen Sie doch in Zukunft zusätzlich, wieviel tausend Stunden bildungsnahe Eltern bis zur vierten Klasse neuerdings mit der Vermittlung und Einübung schulischer Inhalte beschäftigt sein müssen. Die heute übliche klassenübergreifende Schuleingangsstufe mit Wochenplanarbeit, indirektem Lesen durch Schreiben mit Anlauttabelle anstelle von direkter Instruktion fordert von den Schülern bereits zur Einschulung Fähigkeiten, die ihnen früher in der Schule erst vermittelt wurden. Kein normal intelligentes Kind kann den heute standardmäßigen Mix aus Überforderung und Unterbeschäftigung bei Schuleintritt ohne Vorwissen erfolgreich meistern, Schüler ohne häusliche Zusatzförderung sind daher hierzulande verraten und verkauft. Die dauerreformierte Grundschule fordert beim Eintritt zu viel von ihren Schülern, um ihnen anschließend die Wissensvermittlung zu verweigern. Die Folgen neben Hyperaktivität, LRS und Schulverweigerung lassen sich unmittelbar aus Ihren Daten ablesen:
Die soziale Schere öffnet sich weiter, am geringsten dort, wo wenig inhaltliche und organisatorische Änderungen zum Schulbeginn vorgenommen wurden (Bayern), am stärksten dort, wo im entsprechenden Zeitrahmen vor Ihrer Untersuchung die Schule umgekrempelt wurde (Brandenburg). Eine Folge der Reformen haben Sie bereits festgestellt: Die Lesezeit in der Schule nimmt ab. Aus dem gleichen Grund bringt Deutschland auch nahezu keine Leser mehr auf oberstes Spitzenniveau: Alles schaffen Eltern fast im Alleingang eben nicht. Wenn Sie jetzt mit den Wochenplänen - übringens eine Erfindung des Reform- und Nazipädagogen Peter Petersen - den größten Übeltäter als Wohltäter preisen, ist meines Erachtens eines gewiss: Beim nächsten Mal wird die soziale Diskrepanz noch stärker. Herr Professor Bos, bitte legen Sie uns doch einmal eine valide vergleichende Untersuchung der Unterrichtsmethodik vor. Die fehlt uns dauernd zubutternden Eltern nämlich noch.
fragt man in Sachsen, Bayern und Thüringen einfach mal nach, wie die das mit der Schule machen. Eine übermäßig große Anzahl an gestörten Kindern, ist ja wohl bisher nicht bekannt
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