Chapeau! Der Wartburg-Grundschule in Münster ist Wunderbares gelungen: der Übergang vom Belehren zum Lernen und eine Metamorphose von der Anstalt zur kulturellen Oase. Dafür gibt es den ersten Platz beim Deutschen Schulpreis, 100.000 Euro und viele Komplimente vom Bundespräsidenten, der den von der Bosch Stiftung initiierten und finanzierten Preis am Mittwoch in Berlin verlieh.

Weitere vier gekrönte Schulen bekommen je 25.000 Euro. Erstmals wurden zwei Sonderpreise vergeben. Bei den sieben Preisträgern handelt es sich durchweg um Schulen, die die Einzigartigkeit jedes Schülers entdeckt haben. Die Leistungen sind an diesen Schulen so exzellent wie die Kultur beeindruckend. Lehrer wissen dort, dass Schüler sich nur dann aus sich herauswagen, wenn ihnen die Schule eine Heimat bietet.

Die Wartburg-Schule hat diese Pädagogik, die sich an vielen Grundschulen durchsetzt und nun weiterführende Schulen infiziert, besonders kultiviert. Mehrmals im Jahr gibt es Feste. Am vergangenen Freitag etwa kamen an die 1700 Kinder, Eltern und Großeltern sowie Nachbarn zum »Plätzchenprobiermarkt«. Die Kinder haben gebacken und verkauft. Alltäglich ist eine Arbeitshaltung, die ihresgleichen sucht. Jeden Morgen stehen zwei Stunden WAP, das heißt Wochenarbeitsplan, auf dem Programm. Stundenpläne gibt es nicht mehr. Fächer wurden abgeschafft. Der Tag wird großflächig rhythmisiert, wie man hier sagt. In allen Klassen sieht man, wie jedes Kind an etwas anderem arbeitet. Man könnte auch sagen, jedes arbeitet an sich selbst. Sie üben. Die an manchen Schulen vergessene Tugend wurde hier rehabilitiert und wird nun so verstanden, wie Üben ursprünglich gemeint war: wiederholen und variieren. Anderswo wurde das Variieren herausgekürzt. Es blieb das bloße, dann häufig nervende Wiederholen.

Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel © privat

Ein Vormittag bei den »Koalas«: Die Kinder haben Arbeitskarten vor sich. Mal haben sie sich selbst die Aufgaben gestellt, mal hat die Lehrerin sie gestellt. Wenn es zu laut wird, geht ein Kind nach vorn, schlägt leise auf das Xylofon und sagt: »Bitte etwas ruhiger.« Die Koalas sind Erst- und Zweitklässler, eine altersgemischte Gruppe. Nach zwei Jahren geht es ein Stockwerk höher zu den »Wombats«. Beide Gruppen bilden den Kontinent Australien. Es gibt vier Kontinente an der Schule, untergebracht in kleinen Häusern.

Die Wartburg-Schule hat eine drei Jahrzehnte lange Geschichte der Verwandlungen. Am Anfang stand der Gründergeist der vor mehr als zehn Jahren pensionierten Gertraud Greiling. Damals schon begann der Umbau zur Ganztagsschule. Aus dem seinerzeit in der Pädagogik viel diskutierten Konzept Gievenbeck, benannt nach dem Stadtteil, entstand dann das Programm der Pionierschule.

Einem CDU-Stadtrat verdankt die Schule, dass ihre gewandelte Seele mit dem Neubau von 1995 auch einen passenden Körper bekam. Ein gelungenes Ineinander von Innen und Außen. In einem Vorraum etwa, der zugleich ein Zwischenraum zum Hauptgebäude ist, arbeiten Kinder allein, in Gruppen, hier gibt es Ausstellungen, und überall sieht man Schüler, die voller Hingabe gewagte Holztürme bauen. Sie sind tatsächlich Baumeister und Konstrukteure ihrer Welt.

Von Laisser-faire keine Spur. Erwachsene, die Ideen haben und im Alltag pragmatisch sind, können die Dinge gar nicht schleifen lassen. Darunter würden Gisela Gravelaar, die Schulleiterin, und ihre Stellvertreterin Bettina Pake, selbst zuerst leiden. Die beiden haben Leidenschaft. Derzeit arbeiten sie mit den Kindern an »Lernlandschaftskarten«. Darauf trägt jeder Schüler seine Ziele ein, zeichnet Wege und malt voller Stolz seine Ergebnisse aus. Jede Karte sieht anders aus. Kein Notenzeugnis könnte so komplex, so wahr, so leistungssteigernd und so ermutigend sein wie diese Karten, die eigentlich Kunstwerke sind. Gratulation! Übrigens: 70 Prozent gehen aufs Gymnasium. Erfolgreich. Frage an die beiden Schulleiterinnen, was ist ihr größter Wunsch? »Dass unsere Schule bis zum 10. Schuljahr geht.«