Berufseinstieg Die Strategie des Zaren
Wie Boston Consulting auch Mediziner und Politologen fürs Beratergeschäft gewinnen will
Sechs Stunden sind nicht viel Zeit, wenn man einen maroden Telekommunikationskonzern retten soll. Also muss Eva-Maria Spreitzer schnell sprechen und immer neue Diagramme, Zeitpläne und Kostenkurven an die Wand werfen. Im schwarzen Hosenanzug, die blonden Haare zum strengen Zopf gebunden, steht sie im Licht des Projektors und redet über »aggressive Wettbewerber«. Neben Spreitzer nicken ihre sechs Teammitglieder. Vor ihr sitzen Unternehmensberater der Boston Consulting Group (BCG).
Eva-Maria Spreitzer ist noch keine Unternehmensberaterin, aber sie kann sich vorstellen, eine zu werden: 2009 wird die 24-Jährige ihr Germanistik-Diplom an der Uni Bamberg abschließen, nun nimmt sie an einer »Strategy School«, einem von BCG ausgerichteten Wochenende in der Berliner Niederlassung, teil. Sie und mehr als 60 andere Studenten, Doktoranden oder junge Berufstätige sollen an zwei Tagen verstehen, wie das Beratungsbusiness funktioniert – und sich vielleicht später als Consultants bewerben. Deshalb redet die Germanistikstudentin jetzt von »Preisstrukturen im Fixed-Voice-Markt«, obwohl es sonst in ihren Uni-Referaten eher um Satzstrukturen geht. Etwa die Hälfte der Teilnehmer in Berlin hat keine BWL-Kenntnisse; darunter sind Mediziner, Politologen oder Luft- und Raumfahrttechniker. »Wir brauchen eine bunte Mischung für die Beraterteams«, sagt Astrid Rauchfuß, Recruiting-Direktorin bei BCG.
Aber wie zeigt man den »Exoten«, wie Nicht-BWLer hier heißen, worum es in der Branche geht? Am ersten Tag sitzen die möglichen neuen Berater im Konferenzraum und schauen zu, wie Moskau brennt. Eine Szene aus Krieg und Frieden, der Verfilmung von Leo Tolstojs Roman, läuft auf einer Leinwand: Als Napoleon 1812 immer größere Teile Russlands erobert, setzen die russischen Generäle ihre eigene Hauptstadt in Brand. Die französischen Truppen können Moskau somit zwar einnehmen, doch Hunger und Kälte zwingen sie zur Umkehr.
Die erste Lektion für die potenziellen Consultants: »Wer Erfolg haben will, muss die Spielregeln der Branche verändern«, sagt Kai Gruner, ein BCG-Berater, der den Einführungsvortrag hält. Auch für Unternehmen gebe es »Schlachten, Feinde, Angriffe und Konter«. Berater müssten dann unter Druck Entscheidungen treffen, Risiken eingehen. Die russischen Generäle hätten sich »nicht in Details verloren«. Schließlich sei es im Vaterländischen Krieg nicht um Moskau gegangen, sondern um das ganze Zarenreich. Einige im Saal lachen über diese Vergleiche, andere gucken ein wenig erschrocken.
Gruner mag solche Verweise auf andere Disziplinen. In seinem Vortrag stellt er Beratung als eine Mischung aus Militärkniffen, einem Fußballspiel und Darwins Evolutionstheorie dar. Für alle Teilnehmer der Strategie-Schule sei so etwas Bekanntes dabei. Den Rest schreiben sie in ihre Blöcke: erst die »Sieben Glaubenssätze von BCG«, dann die »Drei Quellen guter Strategie«, die »Sechs Schritte einer guten Analyse« und schließlich rund 50 »Tools« – also Werkzeuge, mit denen Consultants ihre Fälle lösen.
Ihr Einsatz folgt schon am zweiten Tag: In Gruppen lösen die Teilnehmer vier »Cases«, zwei BCG-Beater helfen dabei. Eva-Maria Spreitzer und sechs weitere Studenten sollen in ihrer Fallstudie einen Telekommunikationsriesen neu positionieren. Andere Teams beschäftigen sich mit einer fast insolventen Bank, die wieder Vertrauen aufbauen will, oder einer Bahngesellschaft, die eine Europa-Expansion plant. Im vierten Fall geht es um eine wohltätige Stiftung, die den Consultants aufträgt, 100 Millionen Dollar so sinnvoll wie möglich in den Kampf gegen Malaria zu investieren. Alle Teams sitzen in voll verglasten Büros. Auf den Tischen liegen Mappen mit Marktdaten, Laptops und Schokoriegel.
- Datum 18.12.2008 - 15:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
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Ein netter beschreibender Artikel. Aber wo bleibt denn die kritische Auseinandersetzung? Wenn das stimmt, was Tina Rohowski da über eine (typische?) Unternehmensberatung und die Qualifikation ihrer Mitarbeiter schreibt, sollte das doch zu denken geben. Oder nicht? Es ist also mehr oder weniger egal, ob man BWL studiert hat, oder nicht, notfalls macht man noch ein paar Nachholseminare? Kein gutes Zeugnis ist es, was die Boston Consulting Group da unseren Hochschulen ausstellt. Aber es zeigt auch, dass unsere Wirtschaft zunehmend von smart aussehenden, im Manager-Slang und in Präsentationstechniken geschulten, aber hinsichtlich inhaltlicher Branchenerfahrung gänzlich unterbelichteten "Beratern" gesteuert wird, und erklärt manche haarsträubende Entscheidung deutscher Unternehmen.
Ich muss gestehen, mich stört diese Beliebigkeit schon gewaltig: diese jungen Leute werden nach ein wenig Zusatzschulung für _sehr_ teures Geld zu Kunden geschickt, wo sie im dunklen Anzug irgendwelchen Schwachsinn über "maßgeschneiderte Pakete mit Content-Angeboten aus einer Hand" verzapfen. Offensichtlich steht in solchen Sitzungen niemand auf und erklärt, dass er (oder sie) sich nicht von Grünschnäbeln ohne Berufs- und Branchenerfahrung bei Entscheidungen "beraten" lassen möchte, von denen das Überleben der Firma und die Lebensschicksale der Mitarbeiter abhängen.
Ich kritisiere wohlgemerkt nicht diese jungen Leute, die hart zu arbeiten bereit sind, aber vermutlich dauernd massiv überfordert werden. Ich kritisiere die Unternehmensleiter, die sich von Beratungsunternehmen blenden lassen, weil sie Angst haben, ihre Arbeit zu tun: nämlich mit Sachverstand und unter Einbeziehung der eigenen Mitarbeiter Entscheidungen zu treffen.
Moment...
50 % aller Unternehmensberater sind BWLer und die Teams sind ja scheinbar recht heterogen.
Darüber hinaus nehmen die nicht einen 3,0 Historiker sondern suchen speziell nach den Besten eines Faches.
Oft sind es gerade die "Fachfremden", die eine ganz neue Perspektive ins Spiel bringen. Ich, Studentin der Politikwissenschaftlerin und Germanistik, konnte einem Freund, der im 4. Semester Mathematik studiert, öfter bei der Lösung eines Problems helfen. Weil ich selbst mit einer ähnliche Schwierigkeit in der Sprachwissenschaft konfrontiert war.
Im Studium lernt man wissenschaftliches Denken. Ob man dieses in der Mathematik, der Wirtschaft oder der Theologie anwendet, ist an sich nicht einmal übermäßig relevant.
Moment...
50 % aller Unternehmensberater sind BWLer und die Teams sind ja scheinbar recht heterogen.
Darüber hinaus nehmen die nicht einen 3,0 Historiker sondern suchen speziell nach den Besten eines Faches.
Oft sind es gerade die "Fachfremden", die eine ganz neue Perspektive ins Spiel bringen. Ich, Studentin der Politikwissenschaftlerin und Germanistik, konnte einem Freund, der im 4. Semester Mathematik studiert, öfter bei der Lösung eines Problems helfen. Weil ich selbst mit einer ähnliche Schwierigkeit in der Sprachwissenschaft konfrontiert war.
Im Studium lernt man wissenschaftliches Denken. Ob man dieses in der Mathematik, der Wirtschaft oder der Theologie anwendet, ist an sich nicht einmal übermäßig relevant.
"Wie Boston Consulting auch Mediziner und Politologen fürs Beratergeschäft gewinnen will."
Indem sie unkritische PR Pressemeldungen ohne den Zusatz "Anzeige" in seriösen Wochenzeitungen unterbringt?
Sollte als Autor nicht fairerweise die Boston Consulting Group angegeben werden?
Sehr schön, dass ein Consultant die Wirtschaft mit Krieg vergleicht! Und dann am Ende auch noch mit dem Niederbrennen einer ganzen Stadt. Bei solchen Gedanken kann einem doch eigentlich nur schlecht werden. Das Motto der BCG sollte wohl heißen:
"Zur Not gehen wir auch über Leichen!"
Ich will hier nicht als naiv verstanden werden. In der Wirtschaft geht es natürlich um Marktanteile. Aber Ziel sollte es doch nicht sein meine Konkurrenten zu zerstören oder zu erdrücken. Die Wirtschaft hat keinen Selbstzweck. Sie dient dazu, die Lebensqualität jedes einzelnen Menschen zu verbessern. Dazu gehört auch immer der Respekt vor der Leistung meines Gegners.
Ich glaube wir erleben gerade hautnah was passiert, wenn wir nicht mehr miteinander sondern gegeneinander Wirtschaft machen.
Moment...
50 % aller Unternehmensberater sind BWLer und die Teams sind ja scheinbar recht heterogen.
Darüber hinaus nehmen die nicht einen 3,0 Historiker sondern suchen speziell nach den Besten eines Faches.
Oft sind es gerade die "Fachfremden", die eine ganz neue Perspektive ins Spiel bringen. Ich, Studentin der Politikwissenschaftlerin und Germanistik, konnte einem Freund, der im 4. Semester Mathematik studiert, öfter bei der Lösung eines Problems helfen. Weil ich selbst mit einer ähnliche Schwierigkeit in der Sprachwissenschaft konfrontiert war.
Im Studium lernt man wissenschaftliches Denken. Ob man dieses in der Mathematik, der Wirtschaft oder der Theologie anwendet, ist an sich nicht einmal übermäßig relevant.
Klar, da haben Sie recht: erfahrungsgemäß suchen die Unternehmensberatungs-Firmen die besten Absolventen und können auch einen beträchtlichen Teil dieser Leute gewinnen. Die Frage ist allerdings sehr, ob ein 1.0-Absolvent der Literaturwissenschaften oder der Kunstgeschichte nach ein paar Wochen (oder meinetwegen Monaten) Training in der Lage ist, ein wirklich schwieriges betriebliches Problem zu lösen, für das es in der beratenen Firma keinen gibt, der es lösen könnte. Selbst bei den "richtigen" BWL-Absolventen um die Mitte zwanzig habe ich da gehörige Zweifel.
Wie oft hat man denn Fragen, bei denen Sachverstand und Erfahrung unwichtig sind? Wenn so ist, dass es in den beratenen Firmen an Leuten mit klarem Verstand mangelt, so dass man sich die monatsweise einkaufen muss, dann tut es mir wirklich leid um unsere deutsche Wirtschaft.
Was ich vor allem sagen will: klares analytisches Denken, sicheres Auftreten und ausgefeilte Präsentationstechniken sind kein Ersatz für Sachverstand. Sachverstand erhält man, indem man sich lange und gründlich mit einem Problembereich auseinandersetzt. Und nicht durch einen Schnellkurs und eine Schulung in soft skills. Schliesslich ist Seriösität keine Frage des schwarzen Anzugs und der Krawatte, wie uns die Finanzwirtschaftskrise nur zu deutlich gezeigt hat.
Klar, da haben Sie recht: erfahrungsgemäß suchen die Unternehmensberatungs-Firmen die besten Absolventen und können auch einen beträchtlichen Teil dieser Leute gewinnen. Die Frage ist allerdings sehr, ob ein 1.0-Absolvent der Literaturwissenschaften oder der Kunstgeschichte nach ein paar Wochen (oder meinetwegen Monaten) Training in der Lage ist, ein wirklich schwieriges betriebliches Problem zu lösen, für das es in der beratenen Firma keinen gibt, der es lösen könnte. Selbst bei den "richtigen" BWL-Absolventen um die Mitte zwanzig habe ich da gehörige Zweifel.
Wie oft hat man denn Fragen, bei denen Sachverstand und Erfahrung unwichtig sind? Wenn so ist, dass es in den beratenen Firmen an Leuten mit klarem Verstand mangelt, so dass man sich die monatsweise einkaufen muss, dann tut es mir wirklich leid um unsere deutsche Wirtschaft.
Was ich vor allem sagen will: klares analytisches Denken, sicheres Auftreten und ausgefeilte Präsentationstechniken sind kein Ersatz für Sachverstand. Sachverstand erhält man, indem man sich lange und gründlich mit einem Problembereich auseinandersetzt. Und nicht durch einen Schnellkurs und eine Schulung in soft skills. Schliesslich ist Seriösität keine Frage des schwarzen Anzugs und der Krawatte, wie uns die Finanzwirtschaftskrise nur zu deutlich gezeigt hat.
Klar, da haben Sie recht: erfahrungsgemäß suchen die Unternehmensberatungs-Firmen die besten Absolventen und können auch einen beträchtlichen Teil dieser Leute gewinnen. Die Frage ist allerdings sehr, ob ein 1.0-Absolvent der Literaturwissenschaften oder der Kunstgeschichte nach ein paar Wochen (oder meinetwegen Monaten) Training in der Lage ist, ein wirklich schwieriges betriebliches Problem zu lösen, für das es in der beratenen Firma keinen gibt, der es lösen könnte. Selbst bei den "richtigen" BWL-Absolventen um die Mitte zwanzig habe ich da gehörige Zweifel.
Wie oft hat man denn Fragen, bei denen Sachverstand und Erfahrung unwichtig sind? Wenn so ist, dass es in den beratenen Firmen an Leuten mit klarem Verstand mangelt, so dass man sich die monatsweise einkaufen muss, dann tut es mir wirklich leid um unsere deutsche Wirtschaft.
Was ich vor allem sagen will: klares analytisches Denken, sicheres Auftreten und ausgefeilte Präsentationstechniken sind kein Ersatz für Sachverstand. Sachverstand erhält man, indem man sich lange und gründlich mit einem Problembereich auseinandersetzt. Und nicht durch einen Schnellkurs und eine Schulung in soft skills. Schliesslich ist Seriösität keine Frage des schwarzen Anzugs und der Krawatte, wie uns die Finanzwirtschaftskrise nur zu deutlich gezeigt hat.
In diesem Artikel fällt mir mal wieder auf, wie gerade die BWLer und Berater mit englischen Begriffen Wichtigtuerei betreiben, obwohl das deutsche Wort auch reichen würde. Es ist einfach lächerlich, wenn man von cases spricht, obwohl man es auch Fälle nennen kann. Damit verliert jemand für mich an Seriosität. Ich bin wahrlich kein Verfechter der deutschen Sprache, ich bin nicht dafür, dass man zB im Computerbereich jedes Fachwort übersetzen sollte, aber irgendwo reicht es eben. Wenn sie gerne Englisch sprechen wollen, können sie ja gleich das ganze Seminar auf Englisch abhalten, aber dafür reichen die Sprachkenntnisse vielleicht doch nicht...
Es ist kein Zufall, dass in den Branchen, in denen die Tauglichkeit von Arbeitsergebnissen (annähernd) objektiv messbar ist, in Ingenieurswissenschaften und Informatik, keine derartigen Beratungsfirmen zu finden sind.
Unternehmensberater können eigentlich nichts. Azubis haben häufig sogar mehr Ahnung.
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