Schweiz Warum ist Kotze grün?

Neues Fach für Schweizer Schulen: Die Ekelkunde. Das Lehrbuch einer Biologin über Kotzen, Pinkeln und Furzen ist auf Deutsch erschienen

Wenn Kinder über Furzen und Pinkeln, Schweiß und Eiter plaudern und sich dabei wohlig ekeln, gehört dies nach herkömmlichem Erziehungsbild weder an den Familientisch noch in die Schulstube. Dies ändert sich jetzt auch in der Schweiz. Der Verlag an der Ruhr hat unter dem Namen »Ekelogie« eine Buchreihe für Jugendliche zwischen 10 und 16 Jahren herausgegeben, die das Tabu über Schleimiges, Schmutziges und Unappetitliches zu reden, genüsslich bricht. Die ersten Schweizer Schulen haben das neue Unterrichtsmaterial bereits geordert.

Hinter der publizistischen Frechheit steckt eine höchst ehrbare Absicht. Indem man die Kinder dort abholt, wo sie bisher nur heimlich sein durften, weckt man ihr Interesse für all die sonderbaren Dinge, die im Körper passieren. Durch die fiese Tür des Ekligen kann jetzt im Biologieunterricht ein motivierter Zugang zum Verständnis des Verdauungssystems, der Körperabwehr und weiterer Funktionen und Organe geschaffen werden.

Die Idee zu derart unkonventioneller Schule hatte 1993 die Lehrerin Sylvia Branzei an der Whale Gulch School im kalifornischen Mendocino. »Beim Zehennägelschneiden zu Hause wunderte ich mich, was das schwarze Zeug unter den Rändern wohl sei. Plötzlich hatte ich die Idee, solche unappetitlichen Dinge könnten auch meine Schüler interessieren«, schildert Branzei ihr Aha-Erlebnis im Wissenschaftsmagazin New Scientist.

So stand sie eines Morgens vor ihrer Klasse und lieferte einen Biologieunterricht der ganz anderen Art. Anstatt über Blümchen und Käferchen zu reden, ließ sie die Buben und Mädchen nach allen möglichen Namen für Fäkalien suchen, vom kindlich niedlichen poop, dem bäuerlichen cow pie bis zur wissenschaftlich korrekten excreta. Und hinter jedem neuen Wort notiert sie, wo es gebraucht wird, etwa scat bei Wildtieren wie Kojote und Wolf, manure auf der Farm, guano bei Seevögeln.

Dann schlug die Lehrerin den Bogen vom Ekelhaften zum biologischen Wissen. Branzei, die an der Universität Michigan Mikrobiologie studiert hatte, erzählte den Kindern, wie der Kot von Milliarden Lebewesen überhaupt erst neues pflanzliches Wachstum ermöglicht. Für Mistkäfer ist Dung ein Leckerbissen, dient aber auch als Kinderstube für die Brut. Anhand des Kots kann der Fährtenleser sagen, ob er hinter einem Fuchs, einem Dachs oder einem Reh her ist. Frau Lehrerin verschwieg ihren Schützlingen auch nicht, dass im Kot Bandwurmeier und andere krank machende Zutaten sein können, weshalb gelegentliches Händewaschen kein Luxus sei. Zum Gaudi gab’s am Schluss noch ein Rezept, wie man aus Mehl, Margarine, Zucker, Kakaopulver, Getreideflocken und grüner Lebensmittelfarbe täuschend ähnliche »Hundskegel« backen und damit die liebe Familie schockieren kann.

Im Erbrochenen sind Enzyme, die im Magen Fleisch und Stärke zersetzen

Branzei weitete die Idee zu einem umfassenden Biologieunterricht aus und nannte das eigenwillige Fach Grossology (Ekelkunde). Der Test an der Primarschule von Mendocino war ein durchschlagender Erfolg. »Kündigte ich früher im Biologieunterricht als Thema das Ausscheidungssystem an, blickte die Klasse eher müde drein. Als ich nun aber die Frage stellte: Wer will etwas lernen über Spucken, Rülpsen, Pinkeln und Furzen?, flogen alle Hände in die Höhe«, erinnert sich Branzei.

Im Herbst 1995 publizierte Sylvia Branzei mit Grossology, the Science of Really Gross Things ihr erstes Schulbuch. Die Provokation schlug wie eine Bombe ein. Innert Wochen waren alle 25000 Exemplare weg. Mittlerweile sind über 400000 Bücher verkauft, wobei es den Bestseller auch auf Spanisch, Französisch, Bulgarisch, Japanisch und Koreanisch gibt. Und nun sind mit der Reihe Ekelogie gleich drei Publikationen von Sylvia Branzei auf dem deutschsprachigen Büchermarkt erschienen. Jessika Komina hat den Slang und die Wortspiele der amerikanischen Originalausgaben treffend übersetzt.

Neben dem Standardbuch Fiese Fakten über deinen Körper, wo die Kapitel Schleimiges, Matschiges und Triefendes, Schorfiges und Schuppiges sowie Stinkendes und Müffelndes die Körperausscheidungen und damit den Stoffwechsel und dessen Störungen vermitteln, liefert Dein Körper – fieser geht’s nicht eine Lehre der verschiedenen Organe und deren Funktionen. Mit Fiese Tiere – Blutsauger, Schleimer, Würger wird zudem eine zoologische Ekelkunde angeboten. Branzeis Bücher sind heute an zahlreichen amerikanischen Schulen akzeptiert und stehen selbst im konservativen Oklahoma auf der Liste der empfohlenen Lehrmittel.

Wie Ekelkunde arbeitet, zeigt ein Streifzug durch das Kapitel Würg!. Als Auftakt ein drastisches Erlebnis nach dem Frühstück: »Euer Mund wird wässerig, der Magen verkrampft sich, ihr ringt nach Luft und rast zur Toilette; dann steht ihr endlich vor der Kloschüssel, reißt den Mund auf und – Bwwwrrrrrrruuuuüüüäääähhh!« Wer nun nach dem Schrecken einen neugierigen Blick auf das Erbrochene wirft, kann Interessantes entdecken.

Neben Unverdautem von der letzten Mahlzeit, sieht man auch eine klare, schleimige Flüssigkeit. Das ist der Magenschleim, der von Drüsen produziert wird, die in der Mucosa, der Magenschleimhaut, sitzen. Der Schleim sorgt dafür, dass die Magenwand nicht von der Magensäure zerfressen wird. Diese Säure, eine Salzsäure, zersetzt das Essen im Magen und hinterläßt nach dem Kotzen im Hals und Mund einen stark sauren Geschmack. In der Kotzmischung sind außerdem Enzyme, die im Magen Fett, Fleisch und Stärke zersetzen und nach dem Übergeben den Hals wund machen können. Und das Erbrochene hat eine grünliche Farbe. Sie stammt vom Bilirubin, einem Farbstoff aus der Galle, der im Dünndarm für weitere Verdauung sorgt.

Essig in den Ballon, etwas Backpulver dazu – fertig ist das Rülpsmodell

Die Lektion bleibt nicht beim rein Anatomischen stehen. Erbrechen ist eine wichtige Schutzfunktion des Körpers. Der Brechreiz wird im Hirn von der Area postrema, einem speziellen Nervenzentrum, ausgelöst. Die Umstände, welche dem Hirn den Kotzbefehl nahelegen, werden ausführlich geschildert: zu viel Essen und Trinken, giftige Substanzen, Bakterien, Viren. Auch kann starke Bewegung im Auto, Schiff oder Flugzeug das Gleichgewichtsorgan im Innenohr irritieren und Erbrechen auslösen.

Als Lebenshilfe empfiehlt der Text, einfach abzuwarten, bis alles vorbei ist, und nachher mit Wasser, Tee oder Apfelsaft die verlorene Körperflüssigkeit wieder zu ersetzen. Dauert das Erbrechen länger als ein paar Tage, oder kommt gar Blut, sollte man auf jeden Fall zum Arzt gehen. Und ohne das Wort Anorexie zu erwähnen, warnt ein Einschub die Jugendlichen vor dem absichtlichen Erbrechen: »Das ist dumm und gefährlich. Wer sich öfter den Finger in den Hals steckt, macht sich damit bloß Magen, Hals, Mund und Zähne kaputt.«

Wie das englische Original ist auch die Übersetzung mit den schrillen Zeichnungen von Jack Keely illustriert. Wissenschaftlich seriös kommen die mikroskopischen Aufnahmen daher, welche Keime auf der Haut, Plaque auf den Zähnen oder Bakterien im Darm zeigen. Das jugendliche Interesse sollen auch verschiedene Experimente anregen, etwa das Verwandeln von Stärke in Zucker mithilfe des Speichels oder das Basteln eines Rülpsmodells, indem man Essig in einen Ballon gießt und nachher mit einem Trichter Backpulver hineinschüttet.

Damit die ekelhaften Biologiebücher in der Schule optimal eingesetzt werden können, hat der Verlag für die Lehrerschaft entsprechende Arbeitsmaterialien geschaffen. Die beiden Mappen Dein Körper und Fiese Tiere mit Arbeitsblättern im A4-Format ergänzen den Stoff der drei Bücher durch anatomische Zeichnungen und physiologische Details.

Dankbar für den Ekelogen sind auch die Unappetitlichkeiten im Tierreich. So widmet sich Fiese Tiere – Blutsauger, Schleimer, Würger den Blutegeln, Nacktschnecken, den Läusen und Schleimpilzen. Und das Buch nutzt ausführlich die Gelegenheit, eine Tatsache nicht zu verschweigen: Wir sind besiedelt! Die Millionen sympathischer Viecher auf unserer Haut, in den Haaren und im Körperinnern sorgen dafür, dass wir im Laufe unseres Lebens nie allein sein werden.

Sylvia Branzei, Jack Keely (Illustrationen): Fiese Fakten über deinen Körper, Dein Körper – fieser geht’s nicht!, Fiese Tiere – Blutsauger, Schleimer, Würger;
Verlag an der Ruhr, Mülheim an der Ruhr 2008; je etwa 80 S., CHF 27.40 pro Band

Im selben Verlag:
Anja Tempelhoff: Dein Körper – Arbeitsmaterialien;
2008; 60 S., CHF 26.10
Fiese Tiere – Arbeitsmaterialien;
42 S., CHF 28.–

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
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    • Schlagworte Schweiz | Ruhr | Körper | Oklahoma
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