Schweiz Das deutsche Bankgeheimnis

Für Schweizer ist Süddeutschland, was Zürich den Deutschen ist: Ein sicherer Hafen für Geld. Besuch in der Bankenmetropole Jestetten

Auf dem Parkplatz der Bank, gleich ums Eck von der Bahnhofstraße, sind Geländewagen und Kombis aufgefahren. Kunden tragen große Aktentaschen bei sich, sie werden mit Handschlag begrüßt: Wieder hat ein Anleger eine größere Summe über den Rhein gebracht. Der Wechselkurs steht gut. Wer gedacht hatte, dass Geld die Grenze immer nur Richtung Süden überquert, wird vor den Banken von Jestetten eines Besseren belehrt. An jedem zweiten Auto prangt das Schweizerkreuz.

Schon haben Zehntausende ein Konto ausgerechnet bei jenem Nachbarn eröffnet, mit dem die Eidgenossenschaft in Sachen Geldverkehr im Clinch liegt. Kleine Sparkassen und Genossenschaftsbanken in der Grenzregion haben sich auf Schweizer Kunden spezialisiert und locken sie mit hohen Zinsen und günstigen Gebühren – offiziell. Über andere Gründe spricht man nicht gerne.

Bei der Volksbank Jestetten etwa kommen mehr als die Hälfte der Kunden aus der Schweiz. Mehr als 60 Prozent der Spareinlagen wurden in Franken verdient, und bei anderen Geldanlagen dürfte der Anteil noch höher liegen.

Die Filialdichte ist höher als in der Zürcher Innenstadt

In der Bahnhofstraße gibt es keine goldglänzenden Juwelierauslagen, sondern nur eine Billardkneipe und ein Thai-Lokal im Fachwerkhaus. Wo im 39 Kilometer entfernten Zürich Tausende von Lichtern gleißen, funzeln in Jestetten drei Laternen vergeblich gegen den trüben Winterabend an. Hier ist der Franken-Tageskurs genauso wichtig wie Wetter und Uhrzeit. Die grünen Ziffern, die von der Volksbank aus die Hauptstraße hinunterleuchten, verraten beides: 1,552 Franken je Euro um 17 Uhr 52 bei 3 Grad plus. »Unser Einzugsgebiet ist die Schweiz, Schweizer Kunden sind für uns lebenswichtig«, sagt Bürgermeisterin Ira Sattler.

Krakelig wirkt der Grenzverlauf hier, wie die Malübung eines Kleinkinds. Ein zerfranster Streifen Süddeutschland ragt tief ins Schweizer Gebiet, Ergebnis von Geschäften längst vergangener Duodezfürsten. Die Städte Zürich und Schaffhausen kauften den verarmten Grafen von Sulz Mitte des 17. Jahrhunderts die meisten ihrer Dörfer im Klettgau ab. Nur der Jestettener Zipfel blieb übrig. 55 Kilometer Grenzlinie mäandern bis heute um Jestetten und den Nachbarort Lottstetten herum. Sechs Straßen führen in die Schweiz, eine einzige, viel schmalere, verbindet die Dörfer mit Restdeutschland. Heute profitiert der Ort davon. Die Aldi-Filiale gilt als umsatzstärkste Süddeutschlands. Allerdings ist das Preisgefälle flacher geworden. Aldi hat mittlerweile eigene Läden in der Schweiz, dafür sind die deutschen Lebensmittelpreise gestiegen. Die Zeiten, als die Discounter-Filialen samstags wegen Überfüllung geschlossen wurden, sind vorbei.

Bleiben noch Dienstleistungen: Autowerkstätten, Coiffeure, Zahnärzte leben von der Nähe zur Grenze. Und die Banken. Die Filialdichte ist höher als in der Zürcher Innenstadt – 7000 Einwohner, sechs Banken und Sparkassen. Trotzdem fließt im Vergleich zu den Geldströmen in Richtung Schweiz, die Finanzminister Steinbrück so ärgern, nur ein Rinnsal in umgekehrter Richtung. »Wir reden von Millionen, nicht von Milliarden«, sagt Bernhard Behringer von der Sparkasse Hochrhein.

Bis zu vier Prozent Zinsen bieten deutsche Banken auf Spareinlagen – davon können Schweizer in der Heimat nur träumen. Es gab Zeiten, als die Grenzlandbanken stolz von ihren Schweizer Kunden erzählten. Doch inzwischen machen die Kreditinstitute am Rhein ihren großen Konkurrenten vom Paradeplatz auch in der Disziplin »Verschwiegenheit« Konkurrenz. Im Geschäftsbericht für 2007 gibt die Volksbank Jestetten den Anteil ihrer Schweizer Kunden nicht mehr an. Es ist nur noch von einem »beträchtlichen Anteil« die Rede. »Wir haben uns entschieden, darüber nicht mehr zu sprechen«, sagt Thomas Bommer von der Volksbank Jestetten. Er will keine Schlagzeilen mehr, in denen »Kapitalflucht« oder gar »Steueroase Deutschland« steht.

Seit der Liechtenstein-Affäre, der Steinbrück-Drohung und der Debatte um eine Aufweichung des Bankgeheimnisses auf Druck der USA ist jede Aussage heikel. Denn nicht nur die Zinsen sprechen für ein Konto am Hochrhein: Für Schweizer ist Jestetten im Kleinen das, was Zürich im Großen für Deutsche ist. Ein sicherer Hafen für Geld.

So wenig wie der deutsche Fiskus erfährt, welche Werte seine Bürger in helvetischen Tresoren horten, melden deutsche Banken eidgenössischen Steuerbehörden, welche Zinserträge ihre Schweizer Kunden kassieren. Anders bei EU-Bürgern: Die Kreditinstitute müssen Mitteilungen über ihre Einlagen an die Behörden in Frankreich, Dänemark oder Malta schicken. Bei Schweizern entfällt die Pflicht, weil die Banken der Alpenrepublik über Einlagen von Ausländern eisern schweigen. »Gegenüber der Schweiz gibt es gewissermaßen ein deutsches Bankgeheimnis. Das ist gar nicht unsere Intention. Aber das wollten die Schweizer so«, sagt Behringer.

Einstiegsdroge ins teutonische Geldgeschäft ist oft das Lottospiel

Am südlichen Rheinufer behalten Banken 35 Prozent der Zinsen als Verrechnungssteuer ein, am nördlichen werden 2009 gut 26 Prozent Abgeltungssteuer fällig. Schweizer mit deutschem Konto bleiben von beidem unbehelligt. Zwar gelten sie als ehrlichste Steuerzahler Europas; die Steuersätze sind erträglicher als in Deutschland, und die Verrechnungssteuer kann zurückerstattet werden. Der »Schwarzgeld«-Verdacht liegt trotzdem auf der Hand.

»Wir wollen nicht mehr in diesem Zusammenhang in Erscheinung treten, sondern einfach in Ruhe unsere Geschäfte ausüben«, blockt Bommer weitere Fragen ab. »Es geht nicht um Steuerhinterziehung. Unsere Kunden haben andere Absichten.« Früher versprach die Homepage der Bank noch »Zinserträge ohne Steuerabzug«. Diese Werbebotschaft ist verschwunden. Sein Kollege Behringer von der Sparkasse ist ehrlicher. »Ich will nicht ausschließen, dass es im Einzelfall auch Steuerflüchtlinge aus der Schweiz gibt. Wir fragen nicht nach.«

Einstiegsdroge in teutonische Geldgeschäfte ist oft das Lottospiel. Rational ist das kaum zu erklären: Beim Deutschen Lottoblock (6 aus 49) ist der Jackpot meist größer, aber die Gewinnchancen sind niedriger als bei Swiss Lotto (6 aus 45). Trotzdem sind deutsche Scheine begehrt, und die Lottogesellschaft überweist Gewinne nicht auf CH-Konten.

Um gegen die Reputation des Bankplatzes Schweiz anzukommen, bedarf es wohl weiterer Argumente als Zinsen, eine kleine Steuerersparnis oder den Traum vom Lottosechser. Eines liefert ein grau melierter Zürcher, während er wartet, dass der Geldautomat 150 Euro ausspuckt: »Die UBS schaut mich ja erst ab ein paar Hunderttausend an. Hier darf ich auch mit kleineren Summen kommen und erhalte trotzdem bessere Konditionen.« Für Kleinunternehmer spielt eine Rolle, dass viele Schweizer Banken sich noch zieren, am europäischen Überweisungssystem SEPA teilzunehmen. Grenzüberschreitende Transaktionen, im EU-Raum gratis, kosten bei manchen Schweizer Banken noch 20 Franken. Also brauchen die Unternehmer ein deutsches Konto für Kunden und Lieferanten. Hinzu kommt: Die Wechselkurse in Jestetten oder Lörrach sind besser.

Das Finanzbeben hat das Geschäft noch belebt. Ursprünglich hatte die Volksbank Jestetten für 2008 »wegen des starken Euro mit geringeren Mittelzuflüssen aus dem Schweizer Raum« gerechnet. Aber der Euro rutschte von rund 1,65 Franken vorübergehend auf 1,43 ab. »Wir haben in den letzten Wochen verstärkten Zulauf«, sagt Behringer.

Am Übergang Rafz-Solgen winken die Zöllner die Autos lustlos durch. Auch nach dem Schweizer Beitritt zur Schengen-Zone Mitte Dezember werden sie hier stehen. Offiziell kontrollieren sie dann eben keine Pässe mehr, sondern halten nur noch nach Milch-, Fleisch- und Bierschmugglern Ausschau. Auf Geldkoffer oder verdächtige Bankbelege sind sie nicht spezialisiert. Dafür sind eher die Schwarzgeld-Fahnder vom deutschen Zoll berüchtigt.

 
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