Schweiz Wir Verschwörer
Wie es ist, als Terrorist auf einem Titelblatt zu landen
Eine Demokratie lebt vom Widerspruch. Die Freiheit ist immer auch, oder vielleicht vor allem, die Freiheit der Andersdenkenden. Eine lebendige Zivilgesellschaft die Grundlage jeder starken Demokratie. Und eine politische Wahl ist nur eine Wahl, wenn Alternativen gegeben sind. Alles banale Selbstverständlichkeiten, sollte man meinen, in einem Land, das stolz von sich behauptet, eine der ältesten Demokratien der Welt zu sein.
Doch plötzlich erscheinen in der ältesten noch lebenden Wochenzeitung der Schweiz – selbst bei meiner Basler Großmutter lag sie schon auf dem Kaffeetisch, damals freilich grafisch und intellektuell in einem anderen Format – die Porträtbilder von zehn mehr oder wenigen bekannten öffentlichen Personen auf dem Titel: von fünf Nationalräten, von einem der prominentesten Ständeräte, von zwei ordentlichen Professoren, vom vorletzten Präsidenten des höchsten schweizerischen Gerichts sowie vom einzigen landesweit bekannten Publizisten, der schon mal Chefredaktor zweier großer Zeitungen gewesen ist. Die Fotos fanden sich auf der Titelseite, aufgemacht im Stil der Fahndungsplakate, mittels derer die Bundesrepublik vor 30 Jahren Terroristen zur Fahndung ausgeschrieben hatte.
Zwar ist das Netzwerken eines der vielen neudeutschen Lieblingswörter des modern sein wollenden Weltwoche- Diskurses. Doch wer die alte aristotelische Idee ernst nimmt, wonach nur politisch Wirkung erzielen kann, wer sich zusammentut, wer also gemeinsam nachdenkt, diskutiert und gegen den nationalkonservativen Kanon antritt, der die Schweiz seit einigen Jahren bis weit in die bürgerliche Mitte beherrscht, der bringt es bei der Weltwoche bereits als Terrorist aufs Titelblatt.
Was haben sie bloß getan? Sie trafen sich alle paar Monate in verschiedenen Vereinigungen und Zusammenhängen. Sie kamen zu gemeinsamen Verständnissen der politischen Wirklichkeit, entwickelten verschiedene Handlungsperspektiven und zogen nach der offiziellen Bekanntgabe des Kandidatenduos der größten Schweizer Partei für den Bundesrat ohne weitere Absprachen den Schluss, dass beide keine Unterstützung verdienten.
Nichts Ungewöhnliches also. Widerspruch zum offiziellen Parteiticket. Legitime Kritik. Suchen nach Alternativen. Alles im Vorfeld einer ganz normalen Wahl. Wo bleibt der Frevel? Weshalb sind sie gleich Terroristen, Verschwörer, Landesverräter? Weshalb reicht so wenig für so viel? Was brachte den Zug des Diskurses derart zum Entgleisen?
Pro memoria: Die beiden, denen wir uns widersetzt haben und für die sich das Wochenblatt begeistert, verdanken ihren politischen Aufstieg während der letzten 30 Jahre millionenschweren Kampagnen, in denen Sozialdemokraten als »Filzläuse« und »heimatmüde«, Freisinnige als »Weichsinnige«, Albaner als »Kriminelle«, Behinderte als »Schein-Invalide«, Asylbewerber als »Schmarotzer«, ehemalige Parteifreunde als »klinisch tot« bezeichnet worden sind.
Klar, eine kleinräumige Gesellschaft mit bäuerlichen Wurzeln und ländlich geprägter Industrialisierung hat nie richtig streiten lernen können. Konflikte werden lieber verdrängt als offen ausgefochten. Ein schneller falscher Konsens ist zu vielen lieber als eine lehrreiche längere Auseinandersetzung.
Doch diese historischen Konstanten erklären die Eskalierung und Degeneration des politischen Diskurses noch nicht, der in der Gleichsetzung Andersdenkender als Terroristen zum Ausdruck kommt. Da muss Hass hinzukommen. Ebenso die Überraschung, dass pekuniäre Macht allein sich nicht (mehr) durchsetzen kann. Angst, die finanziellen Grundlagen der eigenen publizistischen Existenz zu verlieren? Die Konsternation, dass das Spiel mit gezinkten Karten durchschaut wurde, erpresserisches Auftreten sich nicht durchzusetzen vermochte, oder ganz einfach: die Wut, zum zweiten Mal auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein.
Der Trost: Wenn das offizielle Zweierticket Blocher & Maurer gestern (nach Redaktionsschluss) gescheitert ist, dann deswegen, weil genügend Mitglieder der Bundesversammlung sich der Losung widersetzen, wonach der Zweck alle Mittel heilige. Ich würde mich freuen, wenn sich auch in der Schweiz diese zivilisatorische Einsicht durchsetzen kann. Es wäre die beste Antwort auf verwerfliche Terrorassoziationen.
Der Autor ist Nationalrat und Fraktionspräsident der SP im Europarat
- Datum 11.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





# Silberschnur. Die Diskussion um Verschwörungstheorien hat auf diesem Forum bereits zwei Vorläufer zu Ihrer Selbst-Rechtfertigung, Herr Gross:
Da wäre einmal mein eigener Beitrag, den ich - denn ein wenig spektakulär fand ich diese Ausgabe der "Weltwoche" ohnehin - gleich nach deren Entdeckung, und noch vor der Bundesrats-Nachfolge Wahl Schmids veröffentlichte. Er erhält auch Antworten auf Ihre Person:
http://kommentare.zeit.de...
Und auch folgenden Bericht wollte ich dem deutschen Publikum nicht vorenthalten; leider, oder aber bestimmterweise, blieb er ohne Kommentar; obwohl ich ihn für gelungen hielt.
http://kommentare.zeit.de...
Kurz nach der Veröffentlichung oben genannten Beitrags meldete sich ein versierter, eventuell in Frankreich lebender, deutscher User namens idog, und brachte von sich aus einen selbstverfassten Bericht zum Thema "Verschwörungsleugner/Verschwörungsgegner - Verschwörungsliebhaber."
Ich erlaube mir, Sie auch auf dessen Schreiben aufmerksam zu machen - falls Sie es denn nicht schon selbst kennen; es ist eine - teilweise - lesenswerte, rege Diskussion darob im Gange; umgekehrt werde ich idog auf Ihren Text verweisen:
http://kommentare.zeit.de...
Übrigens darf sich die "Weltwoche" jetzt damit trösten, dass ihre von Ihnen zitierte Verschwörung immerhin so mächtig wurde, dass Ueli Maurer mit nur einer Stimme Vorsprung auf seinen Spreng-Kandidaten gewählt worden ist. Doch ist mir bewusst, dass auch der Sekretär des Bauernverbandes nicht Ihr Wunschkandidat gewesen wäre. Da Ihnen aber am Ende keine andere Wahl mehr blieb, haben Sie entweder dennoch für diesen gestimmt, oder waren einer der ganz Wenigen, die leer eingelegt haben.
Meines Erachtens verdient die Ausgabe der "Weltwoche" über eine schweizerische Verschwörung gegen Konkordanz deshalb Beachtung, weil das VBS neu zu besetzen war. Wenn die Armeefragen nicht gelöst werden, ist man doch eher - mit solchen Bezichtigungen bereit - loszuschlagen, noch dazu, wenn die Journalistenloge, aufgrund von demokratischen Mehrheits-Verhältnissen, der breiten Bevölkerung schmeicheln will.
Last but not least: Die Zeit der Intelligenzija scheint ja angebrochen: In der Türkei haben sich dieser Tage Studenten für die Völkermord-Lüge beim armenischen Volk öffentlich entschuldigt. Sie werden mir sagen, wenn es nicht erstmals gewesen sein wird.
Silberschnur, m. f. G.
Auf der Höhe bleibt, wen die Wellen der ZEIT erreichen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren