Es ist Freitag, der 11. Mai 2007, vor dem Anhörungsraum in der Maßregelvollzugsanstalt Nette-Gut in Weißenthurm bei Koblenz herrscht Gedränge. Heute tagt die Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Koblenz in der durch Mauern, doppelte Zäune und Natodraht gesicherten Anstalt. Den ganzen Tag über wird in nichtöffentlicher Sitzung über die Fortdauer der Unterbringung von Patienten entschieden. Die warten vor dem Saal mit ihren Müttern, Betreuern, Anwälten, bis sie dran sind. In der Menge sind die Insassen leicht auszumachen, viele von ihnen sind aufgeschwemmt, und ihr Blick ist leer. Einer harrt regungslos auf einem Stuhl aus, nur sein Fuß im löcherigen Turnschuh ohne Schnürsenkel zuckt unentwegt. Der Mann steckt in Schlotterhose und Schmuddelhemd. Sein Haupt ist von wirrem Haar umflattert, und seine Fingernägel sind lang wie die eines Gitarrenspielers.

Wer in Deutschland eine Straftat im Zustand der Schuldunfähigkeit oder der erheblich verminderten Schuldfähigkeit begeht, kann vom Gericht zum Zwecke der Besserung und Sicherung in so einer forensisch-psychiatrischen Anstalt untergebracht werden, wenn von ihm weiter Gefahr ausgeht. So steht es im Paragrafen 63 der Strafprozessordnung. Diese Maßregel – sie wird von deutschen Gerichten derzeit über rund 800 Personen im Jahr verhängt – ist keine Strafe, sondern dient der Heilung des psychisch Kranken und dem Schutz der Allgemeinheit. Der Aufenthalt in der forensisch-psychiatrischen Klinik ist – im Gegensatz zur Freiheitsstrafe – zeitlich nicht begrenzt, die Dauer der Unterbringung hängt von der Gefährlichkeit des Patienten ab. Hat die Therapie Erfolg, wird der Beschluss entweder aufgehoben oder unter Auflagen ausgesetzt. Die Notwendigkeit der weiteren Unterbringung wird vom Gericht jedes Jahr überprüft. Dazu bedient es sich fast immer eines psychiatrischen Sachverständigen, der in einem Prognosegutachten die Gefahr einschätzt, die vom Untergebrachten noch ausgeht. Erst wenn die zuständige Strafvollstreckungskammer sich sicher ist, dass der Insasse kein Sicherheitsrisiko mehr darstellt, wird er entlassen.

In Weißenthurm, wo 300 bis 400 psychisch gestörte Straftäter untergebracht sind, fürchten viele, die hier vor der Tür warten müssen, die bevorstehende Entscheidung. Jens S., ein großer und massiger Patient, bricht sogar in Tränen aus und klammert sich an seine Mutter. "Warum weinen Sie?", fragt sein Verteidiger. "Weil ich Angst hab, dass ich hier net meh’ rauskomm", lallt der Patient und wischt sich die Augen. Seine Sprache klingt verwaschen, als wäre er betrunken. Das liegt an den Medikamenten, die ihn dämpfen sollen, ihn aber nicht so stark zu beruhigen vermögen, dass er seine bedrückende Lage nicht erkennen könnte. Seit 13 Jahren lebt der geistig zurückgebliebene S. schon in der Psychiatrie, weil er unter anderem als Exhibitionist auffällig wurde, ohne Führerschein fuhr und Autos, Sperrmüll und Altpapiercontainer anzündete. Trotz der langen Behandlung ist seine Prognose nicht besser geworden.

Nach sechs Jahren in der Anstalt wirkt Jens S. auf den Gutachter hospitalisiert

Die eigentlich streng vertrauliche Anhörung zum Patienten Jens S. findet an einem großen Tisch statt, um den zahllose Personen versammelt sind. Die kennen einander offenbar nicht, denn niemandem fällt auf, dass eine Reporterin der ZEIT dazwischen sitzt. Welchen Ernst die Koblenzer Strafvollstreckungskammer ihrer eigenen Gerichtsverhandlung beimisst, ist auch daran zu erkennen, dass der Vorsitzende aufsteht und sich an den belegten Brötchen gütlich tut, während ein externer Sachverständiger seine Einschätzung der Gefährlichkeit von Jens S. vorträgt. Der geladene Gutachter Steffen Lau ist selbst Chef einer forensisch-psychiatrischen Klinik in Sachsen. In seiner schriftlichen Expertise hat er bereits kritisiert, dass die Klinik Nette-Gut dem Patienten S. keinerlei Perspektive eröffne. Dessen seelischer Zustand habe sich während der Unterbringung beständig verschlechtert. Inzwischen habe S. resigniert und Zuflucht in einer Oppositionshaltung gesucht.

Tatsächlich ist Jens S.’ Lage verfahren: In der Vorgängerklinik hatte man ihm hin und wieder einmal Ausgang gewährt. Dabei war es vorgekommen, dass S. vom Heimweh überwältigt ausriss und zu seiner Mutter fuhr. Obwohl die ihn sofort in die Klinik zurückbrachte und nichts passiert war, kam S. nach seiner Umquartierung nach Nette-Gut nicht mehr hinaus. Im Mai 2007, zum Zeitpunkt der Anhörung, herrscht im Leben des Patienten also seit sechs Jahren Stillstand. Die Verweigerungshaltung des Untergebrachten haben die Klinikärzte mit derart vernichtenden Gutachten beantwortet, dass der hinzugezogene Sachverständige Lau sich fragt, ob man dem Patienten in dieser Anstalt noch mit der nötigen professionellen Distanz begegnet.