Politische KarriereMit der Leidenschaft zur Vernunft

Früh bildete sich Helmut Schmidt zum politischen Allroundtalent. Als Kanzler gab er den Deutschen Orientierung in schwieriger Zeit

Sportlich: Helmut Schmidt als Fraktionsvorsitzender der SPD  beim Bundeskongress der Jungsozialisten 1968 in Frankfurt am Main

Sportlich: Helmut Schmidt als Fraktionsvorsitzender der SPD beim Bundeskongress der Jungsozialisten 1968 in Frankfurt am Main

Eigentlich hatte Helmut Schmidt geglaubt, in der Politik habe er das "Ende der Fahnenstange" erreicht. Ernsthaft ging er mit dem Gedanken um, sich in der Wirtschaft einen führenden Posten zu suchen. Dem Economist sagte er im März 1974: "Mein Sinnen ist nicht mehr auf Avancement gerichtet." Acht Wochen danach schwor er als fünfter Bundeskanzler seinen Amtseid.

Inzwischen war die Guillaume-Affäre losgebrochen, waren auch Willy Brandts Frauengeschichten ruchbar geworden. Wie kaum ein anderer hatte Schmidt versucht, Brandt auf dem Kanzlerposten zu halten. Einmal brüllte er ihn sogar an: "Wegen dieser Lappalien kann ein Bundeskanzler sein Amt nicht aufgeben!" Später bekundete er einmal: "Ich wollte dieses Amt nicht. Ich hatte Angst davor." Aber Brandt war der Rücktritt nicht auszureden. So ließ sich Schmidt in die Pflicht nehmen. Niemand merkte ihm seine Ängste an, als er am 16. Mai 1974 die Eidesformel sprach.

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Kein Bundeskanzler vor ihm hatte sein Amt mit einer so breit gefächerten Vorbildung angetreten. Wohl war Schmidt an der Wiege kein politisches Lied gesungen worden; Politik sei nichts für Kinder, fand der Vater. Die Gewaltherrschaft von "Adolf Nazi" – wie Schmidt heute noch gern sagt – war dem Jugendlichen zuwider, doch besaß er keine Idee davon, "wofür ich hätte eintreten sollen". Im Herbst 1937 wurde er Soldat und blieb es bis zum Kriegsende. Erst in englischer Kriegsgefangenschaft entwickelten sich unter dem Einfluss älterer Kameraden seine "ersten positiven politischen Vorstellungen"; noch im Gefangenenlager wurde er Sozialdemokrat.

Während des Volkswirtschaftsstudiums zog es ihn dann immer tiefer in die Politik. So wurde er 1946 in der Hansestadt Mitgründer des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes; 1947/48 war er sogar SDS-Vorsitzender in der britischen Besatzungszone. Einer seiner Professoren, Karl Schiller, der 1948 Senator für Wirtschaft und Verkehr wurde, holte den jungen Diplomvolkswirt Schmidt im folgenden Jahr als persönlichen Referenten in seine Behörde; 1952 übernahm der 34-Jährige das Amt für Verkehr. Ende September 1952 in Dortmund lieferte er auch seinen ersten Diskussionsbeitrag auf einem SPD-Parteitag. Dabei ging es schon um weit mehr als bloß um Verkehrsthemen, nämlich um Grundsätze der Wirtschaftsordnung; wobei er früh vor einer Defizitwirtschaft warnte und die Genossen ermahnte, nicht mehr zu versprechen, als man durchführen könne. Im Jahr darauf rutschte er über den sechsten Platz auf der Hamburger Landesliste in den Bundestag.

Auch in Bonn galt zunächst den Verkehrsfragen sein Interesse. Bald jedoch mauserte er sich neben Fritz Erler zum Verteidigungsfachmann. Der wortgewandte Streiter wider die Atomrüstung, der er damals war, machte 1958 eine Reserveübung bei der Bundeswehr. Viele seiner Genossen verstörte dies zutiefst. Er erhielt auch umgehend die Quittung: Die SPD-Bundestagsfraktion wählte ihn noch während seiner Übung aus ihrem Vorstand ab, dem er erst knapp ein Jahr angehörte. Aber er ließ sich das Wehrthema nicht vergällen; 1961 erschien sein Werk Verteidigung oder Vergeltung, das ihn mit einem Schlag in die vorderste Reihe der ernst zu nehmenden strategischen Denker des Westens katapultierte.

Das ewige Opponieren war er freilich bald leid. So folgte er nach der Bundestagswahl 1961 einem Ruf seiner Vaterstadt. In seine Zeit als Hamburger Innensenator fiel im Februar 1962 das Ereignis, mit dem er sich ein für allemal in das Bewusstsein der Bundesbürger hob: die Hamburger Flutkatastrophe, die größte seit 1825, die 315 Menschen das Leben kostete und 75000 obdachlos machte. Der Innensenator Schmidt riss damals beherzt das Kommando an sich. Etwas außerhalb der Legalität befahl er 8000 Soldaten der Bundeswehr zum Einsatz und erwirkte bei der Nato die Entsendung einer Hubschrauberflotte zur Rettung der vom Wasser eingeschlossenen Menschen. Der "Macher" gab den Deutschen eine erste Probe seines Könnens, eine Demonstration seiner Tatkraft, Umsicht und Entschlossenheit. Im Herbst 1965 kehrte er wieder in den Bundestag zurück.

Als 1966 die Große Koalition gebildet wurde, bekam Schmidt zum ersten Mal ein Ministerium angeboten: das Verkehrsressort. Er lehnte ab und wählte die Arbeit in der Fraktion, deren Führung er für den schwerkranken Fritz Erler als amtierender Vorsitzender übernahm; nach dem Tod Erlers im Februar 1967 rückte er dann an dessen Stelle. Im Tandem mit Rainer Barzel, dem CDU-Fraktionsvorsitzenden, lernte er die Leitung des parlamentarischen Geschäfts: diskutieren, Meinungen zusammenführen, entscheiden, dann die Entscheidung auf den vorgeschriebenen Vollzugsweg bringen. Der Verkehrsexperte, Wehrexperte, Katastrophenspezialist bildete sich zum Allroundpolitiker, der auf vielen Feldern zu Hause war und sich mit der Sachkunde immer zugleich Urteilskriterien, Maßstäbe und Überzeugungen erwarb.

Leserkommentare
  1. ...., dass die ZEIT alle paar Tage was Nettes über ihren Herausgeber schreibt?
    Ich finde den Mann ja selbst ganz patent und lese auch gerne Zeit. Nur fällt es mir nach solcher Lektüre doch jedesmal etwas schwer, gegen SZ-lesende Freunde zu argumentieren, dass die SZ mir zu unreflektiert Meinung macht. Da wäre weniger wirklich mal mehr.

  2. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt wird am 23. Dezember 90 Jahre alt, also mehr als ein biblisches Alter.Jetzt wo ich dies schreibe, möchte ich mich daran erinnern, dass Helmut Schmidt sich auch sehr für den Frieden im Nahen Osten einsetzte.
    Es lag ihm sehr am Herzen, wie manchen anderen aus verschiedenen Nationen später auch,, diese unentwegt schwärende Wunde des Konflikts zwischen Arabern und Israelis zu heilen, und er war ein engagierter Verfechter eines friedlichen Dialogs zwischen den Religionen. Seit jener Zeit, nach der Ermordung von Anwar El Sadat, den er seinen Freund nannte und der den Mut hatte, als Moslem erste Schritte in Richtung Frieden mit Israel zu wagen, hatte es von verschiedener Seite sehr viele Versuche gegeben, diese seit mehr als 2 500 Jahren umkämpfte Region zu befrieden.
    Befremdlich an Helmut Schmidt war mir, dass er ernsthaft behauptete,von den Greueltaten der Nationalsozialisten , der deutschen Wehrmacht und anderer "Einsatzgruppen" und Verbrecher, also von dem, was die Shoa genannt wird,nichts gewusst zu haben, vielleicht deshalb, weil er an der Front war.
    Doch wo waren die Personen, die bereits 1935 gegen die Nürnberger Rassegesetze ihre Stimme erhoben?Mir ist allerdings bewußt, wie vermessen meine Gedanken angesehen werden können, geäußert von jemand , der erst nach dem Krieg geboren wurde angesichts der ungeheueren Bedrohung für das eigene Leben und dem der Familie für Gegner des Nationalsozialismus in jener Zeit. Davon schrieb z.B. ein Ralph Giordano in seiner Biographie,der in Hamburg dank mutiger Freunde überleben konnte, und der heute unerschrocken seine freie Meinung kundtut.(Zivilcourage ist leider etwas ein Fremwort im Deutschen,vielleicht ist es ein wenig auch die "Tapferkeit vor dem Freunde")
    Es ist nun das Privileg der Jüngeren und hat sich gewissermaßen eingebürgert, keinen Rekurs mehr zu nehmen auf die Diktatur in Deutschland in den Jahren 1933- 1945.Es wäre insgesamt zu wünschen, dass wir bei aller Medienfülle nicht geschichtsblind werden."Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung", heißt es in Israel in der Gedenkstätte der Shoa Yad Vashem.

    Nun zu dem hauptsächlichem an einem Geburtstag:

    Bewundernswert an Helmut Schmidt empfinde ich seinen Mut in schwierigen Situationen wie auch seinen imponierenden ökonomischen Sachverstand- man erinnere sich an die Zeit der sozialen Marktwirtschaft-und das, was ihn, durch eine glückliche Fügung vielleicht- im Privaten von Willy Brandt unterschieden haben mag, eine Weggemeinschaft mit seiner sympathischen Frau Loki bis ins gesegnete Alter.
    Deshalb zum Schluss schreibe ich und übermittele ich:"Ein Hoch auf den Jubilar, Herrn Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt und beste Wünsche dem Ehepaar Schmidt und alles Gute für das weitere Leben.

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    Auch ich möchte mich den Glückwünschen zum 90. Geburtstag des ZEIT-Herausgebers Helmut Schmidt anschließen. Noch etwas zum Thema "Nationalsozialismus": Aus jahrelanger Arbeit als Hobby-Historiker in meiner Heimatstadt HILDESHEIM (Forschungsschwerpunkte: "OSKAR SCHINDLER in Hildesheim", Ereignisse und Persönlichkeiten des Dritten Reiches in Hildesheim) habe ich die Verdrängungsmechanismen, bewußten Geschichtsfälschungen und "Pressionen" (Rede- und Frageverbot, Hausverbot im Stadtmuseum, Androhung juristischer Schritte usw.) intensiv erleben dürfen. Ein sehr schönes Beispiel für das Wirken restaurativer Kräfte ist für mich das ausgezeichnete Buch des amerikanischen Historikers Dr. Andrew Bergerson "Ordinary Germans at Extrardinary Times - the NAZI-Revolution in HILDESHEIM". Er behandelt darin den tagtäglichen Umgang der Hildesheimer mit den jüdischen Mitbürgern (basierend auf Interviews mit Zeitzeugen, die er Anfang 2000 in Hildesheim durchführte) in der Zeit des Dritten Reiches und das langsame Verschwinden der JUDEN aus dem Erscheinungsbild der Stadt. Er arbeitet als Assistant Professor, ist jüdischer Abstammung und spricht hervorragend Deutsch. Ich entdeckte sein ausgezeichnetes Buch in der hiesigen Universitätsbibliothek und war begeistert, da ich darin zahlreiche Erklärungen für meine Probleme als Hobby-Historiker in Hildesheim fand. Er kam kurz danach wieder zu Forschungszwecken nach Hildesheim und beriet mich in Sachen "OSKAR SCHINDLER". In einem Porträt in der HILDESHEIMER ALLGEMEINEN ZEITUNG HAZ (am 10. Juni 2006) wurde erwähnt, dass sein Buch als deutsche Übersetzung beim hiesigen GERSTENBERG-Verlag herauskommen würde. Es hagelte bitterböse Leserbriefe und die deutsche Übersetzung ist nie erschienen!

    Herzliche Grüsse aus HILDESHEIM!

    Klaus Metzger

    • amri
    • 17.12.2008 um 13:32 Uhr

    Befremdlich an Helmut Schmidt war mir, dass er ernsthaft behauptete,von den Greueltaten der Nationalsozialisten, der deutschen Wehrmacht und anderer "Einsatzgruppen" und Verbrecher, also von dem, was die Shoa genannt wird, nichts gewusst zu haben.

    Die Empfindung „befremdlich“ wird Helmut Schmidts selektiver Amnesie nicht gerecht. Das „politische Allroundtalent“ (Th. Sommer) will nämlich nicht nur von „Auschwitz“, sondern auch von Konzentrationslagern in Deutschland (damaliger Kindermund: „Wenn du nicht brav bist, kommst du nach Dachau!“) nichts mitbekommen haben. Am 8. April 2005 antwortete der Altkanzler im Interview mit Stefan Aust und Frank Schirrmacher, nachdem er zuvor jegliche Kenntnis des „Genozids an den Juden“ bestritten hatte, auf deren konsternierten Einwand, „Aber man hat doch gewußt, dass es Konzentrationslager gab“: „Ich habe davon nichts gewußt.“ Auf nochmaliges Insistieren, daß mit Neuengamme und Bergen-Belsen Konzentrationslager praktisch vor Schmidts Hamburger Haustür lagen, beharrte er darauf: „Wir alle (sic!) haben davon nichts gewußt.“

    Eine Behauptung von einer solchen moralisch-intellektuellen Ungeheuerlichkeit, daß sie nicht nur den Interviewern, sondern der gesamten „kritischen Öffentlichkeit“ die Sprache verschlug. Schmidts beispiellose zeitgeschichtliche Ignoranz, die in jedem anderen Zusammenhang die alsbaldige gesellschaftliche Ächtung des Exponenten nach sich gezogen hätte, verschwand folgenlos im großen Orkus des Verdrängens.

    Dabei war Helmut Schmidt nicht gerade ein Lieschen Müller im Dritten Reich. Von 1941 bis 1942 nahm er als Offizier am „größten Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug der Geschichte“ (so der Historiker Klaus Hildebrand) gegen die Sowjetunion teil. Der Wehrmacht auf dem Fuße, nicht selten von ihr unterstützt, folgten die „Einsatzgruppen“ der SS, deren Mordkommandos während Schmidts Russlandeinsatz eine halbe Million Juden zum Opfer fielen. Doch der, mit dem Eiserenen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet, will davon nichts mitbekommen haben: „Ich war bei der vordersten kämpfenden Truppe, und da sieht man nicht, was in der Etappe passiert, darüber redet man auch nicht.“

    Schmidt zufolge wurde „darüber“ auch in den folgenden Jahren, bis zum Untergang der braunen Diktatur, nicht geredet -, jedenfalls nicht mit ihm. Und das, obschon ihm, als es für die Wehrmacht in Russland nur noch rückwärts ging, die für einen Frontsoldaten ungewöhnliche Gunst zuteil wurde, sich ins Zentrum der Macht nach Berlin absetzen zu dürfen. Seit 1943 im Range eines Oberleutnants Referent im Reichsluftfahrtministerium, galt er bei seinen Vorgesetzten als derart zuverlässig, daß man ihn mit der Rolle eines „Beobachters“ des Volksgerichtshof-Tribunals gegen die 2o.-Juli-Attentäter betraute. Eines Tribunals wohlgemerkt, dessen Todeskandidaten vor allem wegen ihrer Gewissensnot angesichts „der vielen Morde“ des Regimes (so der Angeklagte Graf Schwerin von Schwanenfeld) vor dem rasenden Vorsitzenden Roland Freisler standen. Gleichwohl will „Beobachter“ Schmidt auch als Zeuge dieser in brutaler Offenheit inszenierten Verbrechensbilanz der braunen Diktatur vom „Genozid an den Juden“ nicht ein Sterbenswort erfahren haben.

    Man könnte meinen, ZEIT-Redakteur Volker Ullrich habe seinen damals nichts hören, nichts sehen, nichts sagen wollenden Herausgeber im Visier gehabt, wenn er in seiner Besprechung des Buches mit dem vielsagenden Titel „Davon haben wir nichts gewußt“ (ZEIT vom 20. April 2006) schreibt: „Zu diesem Zeitpunkt (während Schmidts Russlandeinsatz) waren die Nachrichten über das Wüten der Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, verbreitet durch Soldaten auf Urlaub oder über Feldpostbriefe, bereits weithin bekannt.“

    Und es klingt nicht gerade wie eine Lossprechung des hartgesottenen Verdrängungskünstlers in der Chefetage der ZEIT, wenn Ullrich der Generation Schmidt den zeitgeschichtlichen Spiegel vorhält: „Das Wissen vom Holocaust wurde in dem Maße als unerträglich empfunden und aus dem Bewusstsein verdrängt, wie sich das Ende des ´Dritten Reiches´ abzeichnete und mit ihm die bedrohlichen Konsequenzen, die das Menschheitsverbrechen nach sich ziehen mußte. So war die neue deutsche Nationalhymne ´Wir haben nichts gewußt´ bereits angestimmt, als die allierten Truppen im Frühjahr 1945 das Land befreiten.“

    Wenig später, am 24. August 1945, hörte Helmut Schmidts Ehefrau Loki plötzlich „unseren Familienpfiff, ließ alles stehen und liegen, sauste raus, und da kam Helmut, sehr abgemagert und in einer selbstgenähten Hose“ (ZEIT vom 11. Dezember 2008) aus dem Krieg heim. Der Rest ist bekannt.

    Auch ich möchte mich den Glückwünschen zum 90. Geburtstag des ZEIT-Herausgebers Helmut Schmidt anschließen. Noch etwas zum Thema "Nationalsozialismus": Aus jahrelanger Arbeit als Hobby-Historiker in meiner Heimatstadt HILDESHEIM (Forschungsschwerpunkte: "OSKAR SCHINDLER in Hildesheim", Ereignisse und Persönlichkeiten des Dritten Reiches in Hildesheim) habe ich die Verdrängungsmechanismen, bewußten Geschichtsfälschungen und "Pressionen" (Rede- und Frageverbot, Hausverbot im Stadtmuseum, Androhung juristischer Schritte usw.) intensiv erleben dürfen. Ein sehr schönes Beispiel für das Wirken restaurativer Kräfte ist für mich das ausgezeichnete Buch des amerikanischen Historikers Dr. Andrew Bergerson "Ordinary Germans at Extrardinary Times - the NAZI-Revolution in HILDESHEIM". Er behandelt darin den tagtäglichen Umgang der Hildesheimer mit den jüdischen Mitbürgern (basierend auf Interviews mit Zeitzeugen, die er Anfang 2000 in Hildesheim durchführte) in der Zeit des Dritten Reiches und das langsame Verschwinden der JUDEN aus dem Erscheinungsbild der Stadt. Er arbeitet als Assistant Professor, ist jüdischer Abstammung und spricht hervorragend Deutsch. Ich entdeckte sein ausgezeichnetes Buch in der hiesigen Universitätsbibliothek und war begeistert, da ich darin zahlreiche Erklärungen für meine Probleme als Hobby-Historiker in Hildesheim fand. Er kam kurz danach wieder zu Forschungszwecken nach Hildesheim und beriet mich in Sachen "OSKAR SCHINDLER". In einem Porträt in der HILDESHEIMER ALLGEMEINEN ZEITUNG HAZ (am 10. Juni 2006) wurde erwähnt, dass sein Buch als deutsche Übersetzung beim hiesigen GERSTENBERG-Verlag herauskommen würde. Es hagelte bitterböse Leserbriefe und die deutsche Übersetzung ist nie erschienen!

    Herzliche Grüsse aus HILDESHEIM!

    Klaus Metzger

    • amri
    • 17.12.2008 um 13:32 Uhr

    Befremdlich an Helmut Schmidt war mir, dass er ernsthaft behauptete,von den Greueltaten der Nationalsozialisten, der deutschen Wehrmacht und anderer "Einsatzgruppen" und Verbrecher, also von dem, was die Shoa genannt wird, nichts gewusst zu haben.

    Die Empfindung „befremdlich“ wird Helmut Schmidts selektiver Amnesie nicht gerecht. Das „politische Allroundtalent“ (Th. Sommer) will nämlich nicht nur von „Auschwitz“, sondern auch von Konzentrationslagern in Deutschland (damaliger Kindermund: „Wenn du nicht brav bist, kommst du nach Dachau!“) nichts mitbekommen haben. Am 8. April 2005 antwortete der Altkanzler im Interview mit Stefan Aust und Frank Schirrmacher, nachdem er zuvor jegliche Kenntnis des „Genozids an den Juden“ bestritten hatte, auf deren konsternierten Einwand, „Aber man hat doch gewußt, dass es Konzentrationslager gab“: „Ich habe davon nichts gewußt.“ Auf nochmaliges Insistieren, daß mit Neuengamme und Bergen-Belsen Konzentrationslager praktisch vor Schmidts Hamburger Haustür lagen, beharrte er darauf: „Wir alle (sic!) haben davon nichts gewußt.“

    Eine Behauptung von einer solchen moralisch-intellektuellen Ungeheuerlichkeit, daß sie nicht nur den Interviewern, sondern der gesamten „kritischen Öffentlichkeit“ die Sprache verschlug. Schmidts beispiellose zeitgeschichtliche Ignoranz, die in jedem anderen Zusammenhang die alsbaldige gesellschaftliche Ächtung des Exponenten nach sich gezogen hätte, verschwand folgenlos im großen Orkus des Verdrängens.

    Dabei war Helmut Schmidt nicht gerade ein Lieschen Müller im Dritten Reich. Von 1941 bis 1942 nahm er als Offizier am „größten Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug der Geschichte“ (so der Historiker Klaus Hildebrand) gegen die Sowjetunion teil. Der Wehrmacht auf dem Fuße, nicht selten von ihr unterstützt, folgten die „Einsatzgruppen“ der SS, deren Mordkommandos während Schmidts Russlandeinsatz eine halbe Million Juden zum Opfer fielen. Doch der, mit dem Eiserenen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet, will davon nichts mitbekommen haben: „Ich war bei der vordersten kämpfenden Truppe, und da sieht man nicht, was in der Etappe passiert, darüber redet man auch nicht.“

    Schmidt zufolge wurde „darüber“ auch in den folgenden Jahren, bis zum Untergang der braunen Diktatur, nicht geredet -, jedenfalls nicht mit ihm. Und das, obschon ihm, als es für die Wehrmacht in Russland nur noch rückwärts ging, die für einen Frontsoldaten ungewöhnliche Gunst zuteil wurde, sich ins Zentrum der Macht nach Berlin absetzen zu dürfen. Seit 1943 im Range eines Oberleutnants Referent im Reichsluftfahrtministerium, galt er bei seinen Vorgesetzten als derart zuverlässig, daß man ihn mit der Rolle eines „Beobachters“ des Volksgerichtshof-Tribunals gegen die 2o.-Juli-Attentäter betraute. Eines Tribunals wohlgemerkt, dessen Todeskandidaten vor allem wegen ihrer Gewissensnot angesichts „der vielen Morde“ des Regimes (so der Angeklagte Graf Schwerin von Schwanenfeld) vor dem rasenden Vorsitzenden Roland Freisler standen. Gleichwohl will „Beobachter“ Schmidt auch als Zeuge dieser in brutaler Offenheit inszenierten Verbrechensbilanz der braunen Diktatur vom „Genozid an den Juden“ nicht ein Sterbenswort erfahren haben.

    Man könnte meinen, ZEIT-Redakteur Volker Ullrich habe seinen damals nichts hören, nichts sehen, nichts sagen wollenden Herausgeber im Visier gehabt, wenn er in seiner Besprechung des Buches mit dem vielsagenden Titel „Davon haben wir nichts gewußt“ (ZEIT vom 20. April 2006) schreibt: „Zu diesem Zeitpunkt (während Schmidts Russlandeinsatz) waren die Nachrichten über das Wüten der Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, verbreitet durch Soldaten auf Urlaub oder über Feldpostbriefe, bereits weithin bekannt.“

    Und es klingt nicht gerade wie eine Lossprechung des hartgesottenen Verdrängungskünstlers in der Chefetage der ZEIT, wenn Ullrich der Generation Schmidt den zeitgeschichtlichen Spiegel vorhält: „Das Wissen vom Holocaust wurde in dem Maße als unerträglich empfunden und aus dem Bewusstsein verdrängt, wie sich das Ende des ´Dritten Reiches´ abzeichnete und mit ihm die bedrohlichen Konsequenzen, die das Menschheitsverbrechen nach sich ziehen mußte. So war die neue deutsche Nationalhymne ´Wir haben nichts gewußt´ bereits angestimmt, als die allierten Truppen im Frühjahr 1945 das Land befreiten.“

    Wenig später, am 24. August 1945, hörte Helmut Schmidts Ehefrau Loki plötzlich „unseren Familienpfiff, ließ alles stehen und liegen, sauste raus, und da kam Helmut, sehr abgemagert und in einer selbstgenähten Hose“ (ZEIT vom 11. Dezember 2008) aus dem Krieg heim. Der Rest ist bekannt.

    • Amaro
    • 11.12.2008 um 19:55 Uhr

    Und mögen Sie ewig leben, Herr Schmidt!

    Wir Deutschland können wahrlich stolz darauf sein, einen solchen Bundeskanzler gehabt zu haben und einen solch ehrenhaften, der reinen Vernunft verpflichteten, älteren Staatsbürger unter uns zu haben.

    Nur, eines verstehen viele von uns nicht: Ihre Befürwortung der Agenda 2010 - immer noch.
    Es ist klar, dass es zu seiner Zeit am vernünftigsten erschien, diese Agenda-Reformen durchzusetzen und also dafür zu sein.

    Aber, wie es so schön heißt: "Hinterher ist man immer schlauer" - sobald man erkannt hat, dass das Resultat sehr unerfreulich ist (Dumpinglöhne, Skavenarbeit, Vertrauensverlust, Entmündigung und Entwürdigung der betroffenen Bürger) - verlangt doch die Vernunft, die Befürwortung als Fehler zu erkennen und diesen zuzugeben.

    Ein Fehler sei natürlich verziehen, denn noch gibt es keinen Menschen, der keine Fehler macht.

    Liebe Grüße,

    ein Mitbürger

  3. ... einen solchen Einfluss auf die politische Klasse dieses Landes ausüben. Trotz seines gesegneten Alters, wozu ich ihm herzlich gratuliere, hat er eine Konsequenz, Menschenkenntnis und Standhaftigkeit sowie ein Wissen bewiesen, die unter anderen Politikern seinesgleichen sucht. Der Artikel von Herrn Sommer beschreibt einen Staatsmann, der durchaus länger Kanzler geblieben wäre, wenn er zum Einen nicht durch seine - damals wie heute - zerissene Partei und zum Anderen durch seinen -bis heute inakzeptablen da wendehälsigen- Koalitionspartner zu Fall gebracht worden wäre. Er genoss auch in der damaligen DDR eine Hochachtung, die seinem Amtsnachfolger bis zur Wende nicht in diesem Maße zuteil wurde. Die Wiedervereinigung unter seiner Kanzlerschaft wäre sicherlich von größerer Tatkraft und (auch unbequemer) Ehrlichkeit geprägt gewesen. Vollblutpolitiker wie er, die sich nicht (auch nicht beim Thema Rauchen) verbiegen lassen sucht man unter den heutigen Rechtsanwälten, Beamten und Lehrern, die unser Land regieren fast vergeblich. Ein erkennbar ebenbürtiger Nachfolger könnte ggf. irgendwann Peer Steinbrück werden. Weiterhin alles Gute, viel Gesundheit und immer eine gute Zigarette Herr Schmidt.

  4. ...ehrlich, ich bewundere herrn schmidt und denke,
    er gehört zu den besseren politikern, die unser
    land gehabt hat.

    allerdings sollte man auch nicht vergessen, daß
    einige der politischen wegbegleiter, die er immer
    wieder gerne aufführt und auch "freunde" nennt
    für mich kriegsverbrecher sind:

    ein henry kissinger, zum beispiel, wird immer wieder
    gerne erwähnt.

    daß dieser herr allerdings weltweit für unmenschliche
    gräueltaten verantwortlich ist, wird gerne verschwiegen.

    manchmal hilft auch eine etwas kritischere haltung,
    um einen wahrlich großen politiker darzustellen.

    das musste mal gesagt werden.

    nicht, um die glückwünsche zu stören, sondern einfach
    deshalb, weil manches in den medien gerne ungesagt
    bleibt.

    dennoch

    herzlichen glückwunsch, alles gute und viele weitere
    gesunde jahre!

  5. gibt das Leben vor, nicht die Tagespolitik. Gut so! Vor wenigen Tagen war im Fernsehen (es ging um den Mogadishu-Tag) noch einmal Schmidt's Rede am "Tage danach" im Deutschen Bundestag zu sehen. Ich gebe zu, ich war schwer beeindruckt und bin es nach wie vor. Allerdings, und sicher muß man froh sein, daß es so ist, waren die damaligen Themen der Politik härter, griffiger und von anderer Dimension als heute. Die rollenden, roten Panzerarmeen kurz vor Hamburg hatten halt eine andere Aussagekraft als der Hinweis auf globale, gesichtslose Finanzfonds.
    Mit denen müssen sich die armen Teufel der Erben-Generation herumschlagen, ohne eisernen Vorhang, ohne klare Freund Feind-Bilder, ohne übersichtliche Interessenlagen. Da hatten es die Politiker der Zeit des kalten Krieges, es klingt sicher provozierend, doch einfacher.
    Allerdings ist es wohl auch so, daß die Politik der 80ger und 90ger mit ihrer Fixierung auf Märkte und Monitäres entsprechende Persönlichkeiten geformt bzw. auf den Plan gerufen hat. In sofern hat Hr. Schmidt auch irgendwie Glück gehabt.
    Wie dem auch sei, Glückwunsch, Respekt und alles Gute an Helmut Schmidt! (Ich geh' noch schnell vor die Tür, ein Pfeifchen rauchen- auf sein Wohl!)

  6. Auch ich möchte mich den Glückwünschen zum 90. Geburtstag des ZEIT-Herausgebers Helmut Schmidt anschließen. Noch etwas zum Thema "Nationalsozialismus": Aus jahrelanger Arbeit als Hobby-Historiker in meiner Heimatstadt HILDESHEIM (Forschungsschwerpunkte: "OSKAR SCHINDLER in Hildesheim", Ereignisse und Persönlichkeiten des Dritten Reiches in Hildesheim) habe ich die Verdrängungsmechanismen, bewußten Geschichtsfälschungen und "Pressionen" (Rede- und Frageverbot, Hausverbot im Stadtmuseum, Androhung juristischer Schritte usw.) intensiv erleben dürfen. Ein sehr schönes Beispiel für das Wirken restaurativer Kräfte ist für mich das ausgezeichnete Buch des amerikanischen Historikers Dr. Andrew Bergerson "Ordinary Germans at Extrardinary Times - the NAZI-Revolution in HILDESHEIM". Er behandelt darin den tagtäglichen Umgang der Hildesheimer mit den jüdischen Mitbürgern (basierend auf Interviews mit Zeitzeugen, die er Anfang 2000 in Hildesheim durchführte) in der Zeit des Dritten Reiches und das langsame Verschwinden der JUDEN aus dem Erscheinungsbild der Stadt. Er arbeitet als Assistant Professor, ist jüdischer Abstammung und spricht hervorragend Deutsch. Ich entdeckte sein ausgezeichnetes Buch in der hiesigen Universitätsbibliothek und war begeistert, da ich darin zahlreiche Erklärungen für meine Probleme als Hobby-Historiker in Hildesheim fand. Er kam kurz danach wieder zu Forschungszwecken nach Hildesheim und beriet mich in Sachen "OSKAR SCHINDLER". In einem Porträt in der HILDESHEIMER ALLGEMEINEN ZEITUNG HAZ (am 10. Juni 2006) wurde erwähnt, dass sein Buch als deutsche Übersetzung beim hiesigen GERSTENBERG-Verlag herauskommen würde. Es hagelte bitterböse Leserbriefe und die deutsche Übersetzung ist nie erschienen!

    Herzliche Grüsse aus HILDESHEIM!

    Klaus Metzger

    Antwort auf "Glückjwünsche "
  7. Einleitend die Morde der RAF als Untaten zu bezeichnen, finde ich sehr ! abartig.
    Und weiter: Das Unternehmen Mogadischu gelang; außer den Gangstern kam niemand bei dem Befreiungscoup des GSG-9-Kommandos zu Schaden.
    So richtig gelang das Unternehmen Mogadischu nicht, immerhin wurde der Flugkapitän getötet, nicht bei der Befreiungsaktion, schon vorher.

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