Helmut Schmidt zum 90. Mit der Leidenschaft zur VernunftSeite 5/5
Als Helmut Schmidt Kanzler wurde, war sein schwarzes Haar noch kaum angegraut; als er aus dem Bundeskanzleramt auszog, war es weiß geworden. Wie Metternich mag er sich als Arzt im großen Weltspital empfunden haben, der das Elend nicht zu steuern vermochte. Er war nicht autoritär wie Adenauer. Er stürmte nicht heilsgewiss voran wie Brandt. Er setzte auf die Vernunft, der er mühsam eine Klientel zu schaffen suchte; ein schwieriges Unterfangen in einer Zeit, in der das Zerbröseln des gesellschaftlichen Konsenses Führung immer schwieriger machte. Aber Schmidt tat seine Pflicht, und er tat sie mit Anstand, Würde und Stil.
Indem er das Werk von Konrad Adenauer und Willy Brandt fortsetzte und umsetzte in Praxis und Alltag, etablierte Schmidt recht eigentlich erst eine bundesrepublikanische Staatsräson und eine fortwirkende Tradition Bonner Regierungshandelns. Was bis dahin parteipolitisch umstritten war, verschmolz unter ihm zu einer erkennbaren und handhabbaren Einheit: Westpolitik und Ostpolitik, Bündnistreue und Nachbarschaftspflege, Verteidigungswille und Abrüstungswille. Und mehr als irgendeiner seiner Vorgänger baute er die Bedürfnisse der westdeutschen Wirtschaftskraft in Bonns weltpolitisches Konzept ein. Helmut Schmidt war ein starker Bundeskanzler. Seine Größe ist von anderer Art als die des ersten und des vierten Kanzlers, weil seine Zeit von anderer Art war. Krisenmanagement verlangte sie, nicht Architektonik. Diesem Gebot unterwarf sich Schmidt, auch wenn er sich vielleicht eine andere Epoche des Wirkens gewünscht hätte.
Auf der Weltbühne vertrat Helmut Schmidt die deutschen und europäischen Interessen mit respektheischender Konsequenz, Eloquenz und Effizienz. Auf der heimischen Bühne versuchte er, auch in schwierigen Zeiten einen Begriff von Rationalität in der Politik aufrechtzuerhalten, der einen Schutzpanzer bot gegen modische Anwandlungen und emotionale Aufwallungen. Dies war wohl seine herausragende Leistung: dass er die Westdeutschen in die Normalität einübte, sie an das Unspektakuläre gewöhnte, ihnen inmitten aller schlimmen Krisen Sinn für Augenmaß und Mitte gab. Seine Maxime war: »In der Politik hat keine Emotion und keine Leidenschaft Platz außer der Leidenschaft zur Vernunft.«
Dieser Leidenschaft hat er auch in dem Vierteljahrhundert gelebt, das seit seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt vergangen ist. Anders als die meisten Exkanzler hat er sich nicht damit begnügt, Memoiren zu schreiben; schon gar nicht hat er sich in Spinnereien und Spintisierereien über die Gründe und Hintergründe seines Sturzes verbissen. Er ist auch »außer Dienst« – so auch der Titel seines jüngsten Buches – politisch aktiv geblieben, meinungsstark und einflussreich.
Einem Angebot des Verlegers Gerd Bucerius folgend, kam er im Mai 1983 als Herausgeber zur ZEIT. Wie Bismarck, der die Journalisten zeitlebens als »Pressebengel« gescholten hatte und der dann nach seiner Entlassung sich ständig in den Hamburger Nachrichten ausließ, hatte Schmidt die Journalisten gern als »Wegelagerer« beschimpft, wechselte dann aber ebenfalls auf die andere Seite der Barrikade: in die Publizistik.
Seit 25 Jahren ist er mittlerweile bei der ZEIT – dreimal so lang, wie er Bundeskanzler war. In diesen 25Jahren hat er rund 250 tragende Artikel geschrieben – zur grand strategy des Westens, zur Europapolitik, zur Bewältigung der Wiedervereinigung, zu Menschenrechten und -pflichten, zu den Fehlentwicklungen des Kapitalismus, den er früh schon »Raubtierkapitalismus« oder »Kasinokapitalismus« nannte. Alle boten sie zugleich Analyse, Orientierungshilfe und Handlungsanweisung. Und alle fanden sie rund um den Globus Beachtung.
Helmut Schmidt hätte des Sockels der
ZEIT
nicht bedurft, um sichtbar zu bleiben und gehört zu werden. Ihm standen vielerlei andere Plattformen zur Verfügung: das Interaction Council, ein gewichtiger Zusammenschluss ehemaliger Staats- und Regierungschefs; die von ihm gegründete Nationalstiftung; das Kuratorium der ZEIT-Stiftung; die Hamburger Freitagsgesellschaft und die Berliner Neue Mittwochsgesellschaft. Und seine bald 30 Bücher, die alle auf den Bestsellerlisten landeten, erreichten weltweit ein Millionenpublikum.
Mit seinen 90 Jahren ist Helmut Schmidt für viele Menschen im Lande eine vertrauenswürdige Auskunftsperson, ein verlässlicher Ratgeber, ein leuchtendes Vorbild – eine einzigartige Stimme der abwägenden Ratio und des unbestechlichen Urteils. Immer schon war er mehr als ein Parteipolitiker: ein Staatsmann nämlich. Als Elder Statesman ist er über allen Parteien eine politisch-moralische Instanz geworden. Deutschland wäre ärmer ohne ihn.
Theo Sommer, Editor-at-Large, war von 1973 bis 1992 Chefredakteur der ZEIT
Sommers Text wurde veröffentlich im Sonderheft zum Geburtstag des ZEIT-Herausgebers und Ex-Kanzlers
.
Das Sonderheft ist eine Beilage der aktuellen ZEIT-Ausgabe, seit Donnerstag am Kiosk.
- Datum 21.04.2009 - 10:54 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
- Kommentare 13
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






...., dass die ZEIT alle paar Tage was Nettes über ihren Herausgeber schreibt?
Ich finde den Mann ja selbst ganz patent und lese auch gerne Zeit. Nur fällt es mir nach solcher Lektüre doch jedesmal etwas schwer, gegen SZ-lesende Freunde zu argumentieren, dass die SZ mir zu unreflektiert Meinung macht. Da wäre weniger wirklich mal mehr.
Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt wird am 23. Dezember 90 Jahre alt, also mehr als ein biblisches Alter.Jetzt wo ich dies schreibe, möchte ich mich daran erinnern, dass Helmut Schmidt sich auch sehr für den Frieden im Nahen Osten einsetzte.
Es lag ihm sehr am Herzen, wie manchen anderen aus verschiedenen Nationen später auch,, diese unentwegt schwärende Wunde des Konflikts zwischen Arabern und Israelis zu heilen, und er war ein engagierter Verfechter eines friedlichen Dialogs zwischen den Religionen. Seit jener Zeit, nach der Ermordung von Anwar El Sadat, den er seinen Freund nannte und der den Mut hatte, als Moslem erste Schritte in Richtung Frieden mit Israel zu wagen, hatte es von verschiedener Seite sehr viele Versuche gegeben, diese seit mehr als 2 500 Jahren umkämpfte Region zu befrieden.
Befremdlich an Helmut Schmidt war mir, dass er ernsthaft behauptete,von den Greueltaten der Nationalsozialisten , der deutschen Wehrmacht und anderer "Einsatzgruppen" und Verbrecher, also von dem, was die Shoa genannt wird,nichts gewusst zu haben, vielleicht deshalb, weil er an der Front war.
Doch wo waren die Personen, die bereits 1935 gegen die Nürnberger Rassegesetze ihre Stimme erhoben?Mir ist allerdings bewußt, wie vermessen meine Gedanken angesehen werden können, geäußert von jemand , der erst nach dem Krieg geboren wurde angesichts der ungeheueren Bedrohung für das eigene Leben und dem der Familie für Gegner des Nationalsozialismus in jener Zeit. Davon schrieb z.B. ein Ralph Giordano in seiner Biographie,der in Hamburg dank mutiger Freunde überleben konnte, und der heute unerschrocken seine freie Meinung kundtut.(Zivilcourage ist leider etwas ein Fremwort im Deutschen,vielleicht ist es ein wenig auch die "Tapferkeit vor dem Freunde")
Es ist nun das Privileg der Jüngeren und hat sich gewissermaßen eingebürgert, keinen Rekurs mehr zu nehmen auf die Diktatur in Deutschland in den Jahren 1933- 1945.Es wäre insgesamt zu wünschen, dass wir bei aller Medienfülle nicht geschichtsblind werden."Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung", heißt es in Israel in der Gedenkstätte der Shoa Yad Vashem.
Nun zu dem hauptsächlichem an einem Geburtstag:
Bewundernswert an Helmut Schmidt empfinde ich seinen Mut in schwierigen Situationen wie auch seinen imponierenden ökonomischen Sachverstand- man erinnere sich an die Zeit der sozialen Marktwirtschaft-und das, was ihn, durch eine glückliche Fügung vielleicht- im Privaten von Willy Brandt unterschieden haben mag, eine Weggemeinschaft mit seiner sympathischen Frau Loki bis ins gesegnete Alter.
Deshalb zum Schluss schreibe ich und übermittele ich:"Ein Hoch auf den Jubilar, Herrn Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt und beste Wünsche dem Ehepaar Schmidt und alles Gute für das weitere Leben.
Auch ich möchte mich den Glückwünschen zum 90. Geburtstag des ZEIT-Herausgebers Helmut Schmidt anschließen. Noch etwas zum Thema "Nationalsozialismus": Aus jahrelanger Arbeit als Hobby-Historiker in meiner Heimatstadt HILDESHEIM (Forschungsschwerpunkte: "OSKAR SCHINDLER in Hildesheim", Ereignisse und Persönlichkeiten des Dritten Reiches in Hildesheim) habe ich die Verdrängungsmechanismen, bewußten Geschichtsfälschungen und "Pressionen" (Rede- und Frageverbot, Hausverbot im Stadtmuseum, Androhung juristischer Schritte usw.) intensiv erleben dürfen. Ein sehr schönes Beispiel für das Wirken restaurativer Kräfte ist für mich das ausgezeichnete Buch des amerikanischen Historikers Dr. Andrew Bergerson "Ordinary Germans at Extrardinary Times - the NAZI-Revolution in HILDESHEIM". Er behandelt darin den tagtäglichen Umgang der Hildesheimer mit den jüdischen Mitbürgern (basierend auf Interviews mit Zeitzeugen, die er Anfang 2000 in Hildesheim durchführte) in der Zeit des Dritten Reiches und das langsame Verschwinden der JUDEN aus dem Erscheinungsbild der Stadt. Er arbeitet als Assistant Professor, ist jüdischer Abstammung und spricht hervorragend Deutsch. Ich entdeckte sein ausgezeichnetes Buch in der hiesigen Universitätsbibliothek und war begeistert, da ich darin zahlreiche Erklärungen für meine Probleme als Hobby-Historiker in Hildesheim fand. Er kam kurz danach wieder zu Forschungszwecken nach Hildesheim und beriet mich in Sachen "OSKAR SCHINDLER". In einem Porträt in der HILDESHEIMER ALLGEMEINEN ZEITUNG HAZ (am 10. Juni 2006) wurde erwähnt, dass sein Buch als deutsche Übersetzung beim hiesigen GERSTENBERG-Verlag herauskommen würde. Es hagelte bitterböse Leserbriefe und die deutsche Übersetzung ist nie erschienen!
Herzliche Grüsse aus HILDESHEIM!
Klaus Metzger
Befremdlich an Helmut Schmidt war mir, dass er ernsthaft behauptete,von den Greueltaten der Nationalsozialisten, der deutschen Wehrmacht und anderer "Einsatzgruppen" und Verbrecher, also von dem, was die Shoa genannt wird, nichts gewusst zu haben.
Die Empfindung „befremdlich“ wird Helmut Schmidts selektiver Amnesie nicht gerecht. Das „politische Allroundtalent“ (Th. Sommer) will nämlich nicht nur von „Auschwitz“, sondern auch von Konzentrationslagern in Deutschland (damaliger Kindermund: „Wenn du nicht brav bist, kommst du nach Dachau!“) nichts mitbekommen haben. Am 8. April 2005 antwortete der Altkanzler im Interview mit Stefan Aust und Frank Schirrmacher, nachdem er zuvor jegliche Kenntnis des „Genozids an den Juden“ bestritten hatte, auf deren konsternierten Einwand, „Aber man hat doch gewußt, dass es Konzentrationslager gab“: „Ich habe davon nichts gewußt.“ Auf nochmaliges Insistieren, daß mit Neuengamme und Bergen-Belsen Konzentrationslager praktisch vor Schmidts Hamburger Haustür lagen, beharrte er darauf: „Wir alle (sic!) haben davon nichts gewußt.“
Eine Behauptung von einer solchen moralisch-intellektuellen Ungeheuerlichkeit, daß sie nicht nur den Interviewern, sondern der gesamten „kritischen Öffentlichkeit“ die Sprache verschlug. Schmidts beispiellose zeitgeschichtliche Ignoranz, die in jedem anderen Zusammenhang die alsbaldige gesellschaftliche Ächtung des Exponenten nach sich gezogen hätte, verschwand folgenlos im großen Orkus des Verdrängens.
Dabei war Helmut Schmidt nicht gerade ein Lieschen Müller im Dritten Reich. Von 1941 bis 1942 nahm er als Offizier am „größten Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug der Geschichte“ (so der Historiker Klaus Hildebrand) gegen die Sowjetunion teil. Der Wehrmacht auf dem Fuße, nicht selten von ihr unterstützt, folgten die „Einsatzgruppen“ der SS, deren Mordkommandos während Schmidts Russlandeinsatz eine halbe Million Juden zum Opfer fielen. Doch der, mit dem Eiserenen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet, will davon nichts mitbekommen haben: „Ich war bei der vordersten kämpfenden Truppe, und da sieht man nicht, was in der Etappe passiert, darüber redet man auch nicht.“
Schmidt zufolge wurde „darüber“ auch in den folgenden Jahren, bis zum Untergang der braunen Diktatur, nicht geredet -, jedenfalls nicht mit ihm. Und das, obschon ihm, als es für die Wehrmacht in Russland nur noch rückwärts ging, die für einen Frontsoldaten ungewöhnliche Gunst zuteil wurde, sich ins Zentrum der Macht nach Berlin absetzen zu dürfen. Seit 1943 im Range eines Oberleutnants Referent im Reichsluftfahrtministerium, galt er bei seinen Vorgesetzten als derart zuverlässig, daß man ihn mit der Rolle eines „Beobachters“ des Volksgerichtshof-Tribunals gegen die 2o.-Juli-Attentäter betraute. Eines Tribunals wohlgemerkt, dessen Todeskandidaten vor allem wegen ihrer Gewissensnot angesichts „der vielen Morde“ des Regimes (so der Angeklagte Graf Schwerin von Schwanenfeld) vor dem rasenden Vorsitzenden Roland Freisler standen. Gleichwohl will „Beobachter“ Schmidt auch als Zeuge dieser in brutaler Offenheit inszenierten Verbrechensbilanz der braunen Diktatur vom „Genozid an den Juden“ nicht ein Sterbenswort erfahren haben.
Man könnte meinen, ZEIT-Redakteur Volker Ullrich habe seinen damals nichts hören, nichts sehen, nichts sagen wollenden Herausgeber im Visier gehabt, wenn er in seiner Besprechung des Buches mit dem vielsagenden Titel „Davon haben wir nichts gewußt“ (ZEIT vom 20. April 2006) schreibt: „Zu diesem Zeitpunkt (während Schmidts Russlandeinsatz) waren die Nachrichten über das Wüten der Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, verbreitet durch Soldaten auf Urlaub oder über Feldpostbriefe, bereits weithin bekannt.“
Und es klingt nicht gerade wie eine Lossprechung des hartgesottenen Verdrängungskünstlers in der Chefetage der ZEIT, wenn Ullrich der Generation Schmidt den zeitgeschichtlichen Spiegel vorhält: „Das Wissen vom Holocaust wurde in dem Maße als unerträglich empfunden und aus dem Bewusstsein verdrängt, wie sich das Ende des ´Dritten Reiches´ abzeichnete und mit ihm die bedrohlichen Konsequenzen, die das Menschheitsverbrechen nach sich ziehen mußte. So war die neue deutsche Nationalhymne ´Wir haben nichts gewußt´ bereits angestimmt, als die allierten Truppen im Frühjahr 1945 das Land befreiten.“
Wenig später, am 24. August 1945, hörte Helmut Schmidts Ehefrau Loki plötzlich „unseren Familienpfiff, ließ alles stehen und liegen, sauste raus, und da kam Helmut, sehr abgemagert und in einer selbstgenähten Hose“ (ZEIT vom 11. Dezember 2008) aus dem Krieg heim. Der Rest ist bekannt.
Auch ich möchte mich den Glückwünschen zum 90. Geburtstag des ZEIT-Herausgebers Helmut Schmidt anschließen. Noch etwas zum Thema "Nationalsozialismus": Aus jahrelanger Arbeit als Hobby-Historiker in meiner Heimatstadt HILDESHEIM (Forschungsschwerpunkte: "OSKAR SCHINDLER in Hildesheim", Ereignisse und Persönlichkeiten des Dritten Reiches in Hildesheim) habe ich die Verdrängungsmechanismen, bewußten Geschichtsfälschungen und "Pressionen" (Rede- und Frageverbot, Hausverbot im Stadtmuseum, Androhung juristischer Schritte usw.) intensiv erleben dürfen. Ein sehr schönes Beispiel für das Wirken restaurativer Kräfte ist für mich das ausgezeichnete Buch des amerikanischen Historikers Dr. Andrew Bergerson "Ordinary Germans at Extrardinary Times - the NAZI-Revolution in HILDESHEIM". Er behandelt darin den tagtäglichen Umgang der Hildesheimer mit den jüdischen Mitbürgern (basierend auf Interviews mit Zeitzeugen, die er Anfang 2000 in Hildesheim durchführte) in der Zeit des Dritten Reiches und das langsame Verschwinden der JUDEN aus dem Erscheinungsbild der Stadt. Er arbeitet als Assistant Professor, ist jüdischer Abstammung und spricht hervorragend Deutsch. Ich entdeckte sein ausgezeichnetes Buch in der hiesigen Universitätsbibliothek und war begeistert, da ich darin zahlreiche Erklärungen für meine Probleme als Hobby-Historiker in Hildesheim fand. Er kam kurz danach wieder zu Forschungszwecken nach Hildesheim und beriet mich in Sachen "OSKAR SCHINDLER". In einem Porträt in der HILDESHEIMER ALLGEMEINEN ZEITUNG HAZ (am 10. Juni 2006) wurde erwähnt, dass sein Buch als deutsche Übersetzung beim hiesigen GERSTENBERG-Verlag herauskommen würde. Es hagelte bitterböse Leserbriefe und die deutsche Übersetzung ist nie erschienen!
Herzliche Grüsse aus HILDESHEIM!
Klaus Metzger
Befremdlich an Helmut Schmidt war mir, dass er ernsthaft behauptete,von den Greueltaten der Nationalsozialisten, der deutschen Wehrmacht und anderer "Einsatzgruppen" und Verbrecher, also von dem, was die Shoa genannt wird, nichts gewusst zu haben.
Die Empfindung „befremdlich“ wird Helmut Schmidts selektiver Amnesie nicht gerecht. Das „politische Allroundtalent“ (Th. Sommer) will nämlich nicht nur von „Auschwitz“, sondern auch von Konzentrationslagern in Deutschland (damaliger Kindermund: „Wenn du nicht brav bist, kommst du nach Dachau!“) nichts mitbekommen haben. Am 8. April 2005 antwortete der Altkanzler im Interview mit Stefan Aust und Frank Schirrmacher, nachdem er zuvor jegliche Kenntnis des „Genozids an den Juden“ bestritten hatte, auf deren konsternierten Einwand, „Aber man hat doch gewußt, dass es Konzentrationslager gab“: „Ich habe davon nichts gewußt.“ Auf nochmaliges Insistieren, daß mit Neuengamme und Bergen-Belsen Konzentrationslager praktisch vor Schmidts Hamburger Haustür lagen, beharrte er darauf: „Wir alle (sic!) haben davon nichts gewußt.“
Eine Behauptung von einer solchen moralisch-intellektuellen Ungeheuerlichkeit, daß sie nicht nur den Interviewern, sondern der gesamten „kritischen Öffentlichkeit“ die Sprache verschlug. Schmidts beispiellose zeitgeschichtliche Ignoranz, die in jedem anderen Zusammenhang die alsbaldige gesellschaftliche Ächtung des Exponenten nach sich gezogen hätte, verschwand folgenlos im großen Orkus des Verdrängens.
Dabei war Helmut Schmidt nicht gerade ein Lieschen Müller im Dritten Reich. Von 1941 bis 1942 nahm er als Offizier am „größten Eroberungs- und Vernichtungsfeldzug der Geschichte“ (so der Historiker Klaus Hildebrand) gegen die Sowjetunion teil. Der Wehrmacht auf dem Fuße, nicht selten von ihr unterstützt, folgten die „Einsatzgruppen“ der SS, deren Mordkommandos während Schmidts Russlandeinsatz eine halbe Million Juden zum Opfer fielen. Doch der, mit dem Eiserenen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet, will davon nichts mitbekommen haben: „Ich war bei der vordersten kämpfenden Truppe, und da sieht man nicht, was in der Etappe passiert, darüber redet man auch nicht.“
Schmidt zufolge wurde „darüber“ auch in den folgenden Jahren, bis zum Untergang der braunen Diktatur, nicht geredet -, jedenfalls nicht mit ihm. Und das, obschon ihm, als es für die Wehrmacht in Russland nur noch rückwärts ging, die für einen Frontsoldaten ungewöhnliche Gunst zuteil wurde, sich ins Zentrum der Macht nach Berlin absetzen zu dürfen. Seit 1943 im Range eines Oberleutnants Referent im Reichsluftfahrtministerium, galt er bei seinen Vorgesetzten als derart zuverlässig, daß man ihn mit der Rolle eines „Beobachters“ des Volksgerichtshof-Tribunals gegen die 2o.-Juli-Attentäter betraute. Eines Tribunals wohlgemerkt, dessen Todeskandidaten vor allem wegen ihrer Gewissensnot angesichts „der vielen Morde“ des Regimes (so der Angeklagte Graf Schwerin von Schwanenfeld) vor dem rasenden Vorsitzenden Roland Freisler standen. Gleichwohl will „Beobachter“ Schmidt auch als Zeuge dieser in brutaler Offenheit inszenierten Verbrechensbilanz der braunen Diktatur vom „Genozid an den Juden“ nicht ein Sterbenswort erfahren haben.
Man könnte meinen, ZEIT-Redakteur Volker Ullrich habe seinen damals nichts hören, nichts sehen, nichts sagen wollenden Herausgeber im Visier gehabt, wenn er in seiner Besprechung des Buches mit dem vielsagenden Titel „Davon haben wir nichts gewußt“ (ZEIT vom 20. April 2006) schreibt: „Zu diesem Zeitpunkt (während Schmidts Russlandeinsatz) waren die Nachrichten über das Wüten der Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, verbreitet durch Soldaten auf Urlaub oder über Feldpostbriefe, bereits weithin bekannt.“
Und es klingt nicht gerade wie eine Lossprechung des hartgesottenen Verdrängungskünstlers in der Chefetage der ZEIT, wenn Ullrich der Generation Schmidt den zeitgeschichtlichen Spiegel vorhält: „Das Wissen vom Holocaust wurde in dem Maße als unerträglich empfunden und aus dem Bewusstsein verdrängt, wie sich das Ende des ´Dritten Reiches´ abzeichnete und mit ihm die bedrohlichen Konsequenzen, die das Menschheitsverbrechen nach sich ziehen mußte. So war die neue deutsche Nationalhymne ´Wir haben nichts gewußt´ bereits angestimmt, als die allierten Truppen im Frühjahr 1945 das Land befreiten.“
Wenig später, am 24. August 1945, hörte Helmut Schmidts Ehefrau Loki plötzlich „unseren Familienpfiff, ließ alles stehen und liegen, sauste raus, und da kam Helmut, sehr abgemagert und in einer selbstgenähten Hose“ (ZEIT vom 11. Dezember 2008) aus dem Krieg heim. Der Rest ist bekannt.
Und mögen Sie ewig leben, Herr Schmidt!
Wir Deutschland können wahrlich stolz darauf sein, einen solchen Bundeskanzler gehabt zu haben und einen solch ehrenhaften, der reinen Vernunft verpflichteten, älteren Staatsbürger unter uns zu haben.
Nur, eines verstehen viele von uns nicht: Ihre Befürwortung der Agenda 2010 - immer noch.
Es ist klar, dass es zu seiner Zeit am vernünftigsten erschien, diese Agenda-Reformen durchzusetzen und also dafür zu sein.
Aber, wie es so schön heißt: "Hinterher ist man immer schlauer" - sobald man erkannt hat, dass das Resultat sehr unerfreulich ist (Dumpinglöhne, Skavenarbeit, Vertrauensverlust, Entmündigung und Entwürdigung der betroffenen Bürger) - verlangt doch die Vernunft, die Befürwortung als Fehler zu erkennen und diesen zuzugeben.
Ein Fehler sei natürlich verziehen, denn noch gibt es keinen Menschen, der keine Fehler macht.
Liebe Grüße,
ein Mitbürger
... einen solchen Einfluss auf die politische Klasse dieses Landes ausüben. Trotz seines gesegneten Alters, wozu ich ihm herzlich gratuliere, hat er eine Konsequenz, Menschenkenntnis und Standhaftigkeit sowie ein Wissen bewiesen, die unter anderen Politikern seinesgleichen sucht. Der Artikel von Herrn Sommer beschreibt einen Staatsmann, der durchaus länger Kanzler geblieben wäre, wenn er zum Einen nicht durch seine - damals wie heute - zerissene Partei und zum Anderen durch seinen -bis heute inakzeptablen da wendehälsigen- Koalitionspartner zu Fall gebracht worden wäre. Er genoss auch in der damaligen DDR eine Hochachtung, die seinem Amtsnachfolger bis zur Wende nicht in diesem Maße zuteil wurde. Die Wiedervereinigung unter seiner Kanzlerschaft wäre sicherlich von größerer Tatkraft und (auch unbequemer) Ehrlichkeit geprägt gewesen. Vollblutpolitiker wie er, die sich nicht (auch nicht beim Thema Rauchen) verbiegen lassen sucht man unter den heutigen Rechtsanwälten, Beamten und Lehrern, die unser Land regieren fast vergeblich. Ein erkennbar ebenbürtiger Nachfolger könnte ggf. irgendwann Peer Steinbrück werden. Weiterhin alles Gute, viel Gesundheit und immer eine gute Zigarette Herr Schmidt.
...ehrlich, ich bewundere herrn schmidt und denke,
er gehört zu den besseren politikern, die unser
land gehabt hat.
allerdings sollte man auch nicht vergessen, daß
einige der politischen wegbegleiter, die er immer
wieder gerne aufführt und auch "freunde" nennt
für mich kriegsverbrecher sind:
ein henry kissinger, zum beispiel, wird immer wieder
gerne erwähnt.
daß dieser herr allerdings weltweit für unmenschliche
gräueltaten verantwortlich ist, wird gerne verschwiegen.
manchmal hilft auch eine etwas kritischere haltung,
um einen wahrlich großen politiker darzustellen.
das musste mal gesagt werden.
nicht, um die glückwünsche zu stören, sondern einfach
deshalb, weil manches in den medien gerne ungesagt
bleibt.
dennoch
herzlichen glückwunsch, alles gute und viele weitere
gesunde jahre!
gibt das Leben vor, nicht die Tagespolitik. Gut so! Vor wenigen Tagen war im Fernsehen (es ging um den Mogadishu-Tag) noch einmal Schmidt's Rede am "Tage danach" im Deutschen Bundestag zu sehen. Ich gebe zu, ich war schwer beeindruckt und bin es nach wie vor. Allerdings, und sicher muß man froh sein, daß es so ist, waren die damaligen Themen der Politik härter, griffiger und von anderer Dimension als heute. Die rollenden, roten Panzerarmeen kurz vor Hamburg hatten halt eine andere Aussagekraft als der Hinweis auf globale, gesichtslose Finanzfonds.
Mit denen müssen sich die armen Teufel der Erben-Generation herumschlagen, ohne eisernen Vorhang, ohne klare Freund Feind-Bilder, ohne übersichtliche Interessenlagen. Da hatten es die Politiker der Zeit des kalten Krieges, es klingt sicher provozierend, doch einfacher.
Allerdings ist es wohl auch so, daß die Politik der 80ger und 90ger mit ihrer Fixierung auf Märkte und Monitäres entsprechende Persönlichkeiten geformt bzw. auf den Plan gerufen hat. In sofern hat Hr. Schmidt auch irgendwie Glück gehabt.
Wie dem auch sei, Glückwunsch, Respekt und alles Gute an Helmut Schmidt! (Ich geh' noch schnell vor die Tür, ein Pfeifchen rauchen- auf sein Wohl!)
Auch ich möchte mich den Glückwünschen zum 90. Geburtstag des ZEIT-Herausgebers Helmut Schmidt anschließen. Noch etwas zum Thema "Nationalsozialismus": Aus jahrelanger Arbeit als Hobby-Historiker in meiner Heimatstadt HILDESHEIM (Forschungsschwerpunkte: "OSKAR SCHINDLER in Hildesheim", Ereignisse und Persönlichkeiten des Dritten Reiches in Hildesheim) habe ich die Verdrängungsmechanismen, bewußten Geschichtsfälschungen und "Pressionen" (Rede- und Frageverbot, Hausverbot im Stadtmuseum, Androhung juristischer Schritte usw.) intensiv erleben dürfen. Ein sehr schönes Beispiel für das Wirken restaurativer Kräfte ist für mich das ausgezeichnete Buch des amerikanischen Historikers Dr. Andrew Bergerson "Ordinary Germans at Extrardinary Times - the NAZI-Revolution in HILDESHEIM". Er behandelt darin den tagtäglichen Umgang der Hildesheimer mit den jüdischen Mitbürgern (basierend auf Interviews mit Zeitzeugen, die er Anfang 2000 in Hildesheim durchführte) in der Zeit des Dritten Reiches und das langsame Verschwinden der JUDEN aus dem Erscheinungsbild der Stadt. Er arbeitet als Assistant Professor, ist jüdischer Abstammung und spricht hervorragend Deutsch. Ich entdeckte sein ausgezeichnetes Buch in der hiesigen Universitätsbibliothek und war begeistert, da ich darin zahlreiche Erklärungen für meine Probleme als Hobby-Historiker in Hildesheim fand. Er kam kurz danach wieder zu Forschungszwecken nach Hildesheim und beriet mich in Sachen "OSKAR SCHINDLER". In einem Porträt in der HILDESHEIMER ALLGEMEINEN ZEITUNG HAZ (am 10. Juni 2006) wurde erwähnt, dass sein Buch als deutsche Übersetzung beim hiesigen GERSTENBERG-Verlag herauskommen würde. Es hagelte bitterböse Leserbriefe und die deutsche Übersetzung ist nie erschienen!
Herzliche Grüsse aus HILDESHEIM!
Klaus Metzger
Einleitend die Morde der RAF als Untaten zu bezeichnen, finde ich sehr ! abartig.
Und weiter: Das Unternehmen Mogadischu gelang; außer den Gangstern kam niemand bei dem Befreiungscoup des GSG-9-Kommandos zu Schaden.
So richtig gelang das Unternehmen Mogadischu nicht, immerhin wurde der Flugkapitän getötet, nicht bei der Befreiungsaktion, schon vorher.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren