Inszenierung Zeit der Unschuld
Alle verlassen das brennende Haus – bis auf Claus! Peymann inszeniert Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" in Berlin
Das Jahr geht zu Ende, die Berliner Theaterszene schleppt sich erschöpft in die Winterpause. Dem Beobachter erscheint es allerdings, als ruhe sie bereits seit Monaten unter einer dicken Theaterschneedecke. Der Zustand des hauptstädtischen Bühnenbetriebs ist eher mies. Allenfalls vom Deutschen Theater (DT) erhofft man sich ein großes Jahresfinale; Jürgen Gosch inszeniert Tschechows Möwe, die Premiere ist am 20. Dezember.
Und, ach ja, das Berliner Ensemble erregt uns ebenfalls mit einem wichtigen Projekt. Dessen Herr, Claus Peymann, hat kürzlich durch den Kritiker Hans-Dieter Schütt die Essenz seines künstlerischen Lebens herausgeben lassen, Peymann von A–Z . Das 477 Seiten starke, als Enzyklopädie aufgemachte Werk ist eine Reise durch Peymanns Leben in tausend Rundumschlägen, es versammelt Aphorismen, Tagebuchnotizen, offene Briefe und die besten Stellen aus seinen Interviews, säckeweise verbrannte Erde, unbedingt lesenswert!
Darin steht, Seite 89, auch dies: »Im Theater verwandeln wir uns für kurze Zeit. Wenn die Vorstellung beginnt, sind alle Zuschauer gute Menschen im Zustand der Unschuld. Das Theater ist ein Institut der Entsühnung, der Entschuldung, eine fast religiös zu nennende Anstalt. Nach 23 Uhr endet diese Wandlung, diese Katharsis. Sie hält nicht vor – plötzlich sind wir wieder normale Sünder. Trotzdem versuchen wir’s am nächsten Abend wieder! Das hat zur Voraussetzung, dass wir über ein moralisches Empfinden zu verfügen glauben, das wir wider alle Erfahrung für verbreitenswert halten, trotzig, sozusagen hellsichtig blind…«
Der Regisseur inspiziert die Grenze zwischen Genialität und Idiotie
Damit ist das Phänomen Claus Peymann wunderbar beschrieben. Für den Zustand der Unschuld, für das Morgenlicht des Neuanfangs nimmt der mittlerweile 71-Jährige seit Jahrzehnten die Mühe auf sich, Theater zu machen in einer Welt, die, so seine in Erz gegossene Überzeugung, von Idioten beherrscht wird.
Seine Inszenierungen feiern die Aufbrüche, sie lieben die Jugend, es ist in ihnen immer früher Vormittag (während etwa in den Inszenierungen des Berliner Kollegen Castorf die tiefste Nacht herrscht), und es triumphiert in ihnen Charles Bukowskis Satz »Jeder Mensch wird geboren als Genie und stirbt als Idiot«. Wenn Peymann nun am Berliner Ensemble Frank Wedekinds 1890 verfasste und 1906 uraufgeführte »Kindertragödie« Frühlings Erwachen inszeniert, so inspiziert er noch einmal jene Grenze, an welcher das Geniale üblicherweise ins Idiotische kippt: die Pubertät.
Wedekind zeigt, wie Kinder an der Heuchelei und Kälte der Erwachsenen irr werden. Wendla, 14, stirbt bei einer Abtreibung, ohne je erfahren zu haben, was Liebe und Mutterschaft bedeuten. Melchior, 14, Vater des ungeborenen Kindes, wird auf eine Besserungsanstalt geschickt, weil er einen Mitschüler in die Geheimnisse der Sexualität eingeweiht hat. Dieser Mitschüler, Moritz, tötet sich selbst, weil er die Zwänge nicht aushält, die sein Leben beherrschen.
Das Peymannsche Morgenlicht zeigt uns die Welt als Scherenschnitt. Es verrät ein kantenscharfes Wissen um Gut und Böse, Falsch und Richtig. Es scheint nur für die Jungen, die Alten jedoch verbrennt es wie Vampire, die versäumt haben, sich niederzulegen. Es ergreift Partei für die Kinder, und es verflucht die Alten, die ihre Kinder nur zur Dressur brauchen.
Die beginnende Sexualität der Kinder ist hier nur eine Waffe, welche die Erwachsenen in Dienst nehmen, um sie zu wenden gegen die Jungen. Die Kinder hingegen, dumm gehalten, eilen über die Bühne – voller Vorfreude auf kommendes Glück und voller Angst, zu spät zu kommen. Sie sind alarmiert, weil man sie hinters Licht führt; sie müssen sich Informationen beschaffen, und es ist das Spiel der Erwachsenen, das Einzige, das ihnen noch Lust verschafft, die Jungen im Dunkeln tappen zu lassen.
Man sieht diese Kinder mit Rührung und denkt an die durchpornografisierte Gegenwart, die vorgebahnte Geschlechtlichkeit von heute: Ach, unsere armen eigenen Kinder, denen Verheißung fremd ist. Verdorben durch Vorwissen! Deshalb sind sie so cool.
Bei Peymann dagegen rennen die Kinder, auch wenn sie nur drei Meter zurücklegen müssen. Es herrscht jene Vitalität, mit der in der Boulevardkomödie die Hausfrau dem bimmelnden Telefon entgegenläuft und »Ja, ja, ich komm ja schon!« ruft.
So besichtigt Peymann unsere Vorzeit. Die Jungs tragen kurze Hosen und die Mädchen züchtige Kleidchen. Die Gedanken gehen sichtbar in den Figuren auf, ein dunkler Gedanke trübt, ein heller Gedanke erhellt die Gesichter. So wie einem die Puppen im Figurentheater leidtun, weil man spürt, was ihnen fehlt, nämlich Lebenswärme, so möchte man auch Peymanns atmende Puppen in Decken hüllen.
Zu diesen widerlichen Erwachsenen möchte man nicht gehören
Sie buchstabieren baff und gläubig, was ihr eigenes Unterbewusstes ihnen so anliefert. Wie unschuldig sie sind! Man fragt sich den ganzen Abend, warum Peymann dieses Stück inszeniert hat. Vielleicht wegen jenes kurzen Zustandes der Reinheit, in den es zurückführt. Vielleicht wollte er allen Anwesenden das Gefühl geben, zu ihm zu gehören – zu den gefährdeten, kostbaren Jungen im Geiste.
Denn so, wie hier die Erwachsenen gezeigt werden, möchte man nicht sein. Die Erwachsenen agieren im Kollektiv; einer spricht, die anderen ahmen nach. Was einer sagt, geht, zigfach abgenickt, als Geste durch alle hindurch wie durch die vielen Ärmchen einer Seeanemone.
Das Schönste an diesem Abend ist der Schlussapplaus. Wie Claus Peymann sich verbeugt, den Blick in einer graziösen Linie zu den linken und zu den rechten Rängen hinauf und wieder ins Parkett gleiten lässt und den Applaus abschöpft, ja geradezu abseiht – wir sehen einen Mann, der die Ernte einfährt. Es ist jetzt fast 23 Uhr, die Zeit der Unschuld ist vorbei. Und Peymann wird es kaum erwarten können, bis es 7 Uhr früh ist und ein neuer Tag, ein neues Anfangsglück heraufzieht. Keiner hat sein Theater so nötig wie er selbst. Er braucht die ewige Frühe, er wird das BE, die letzte Bastion der Unschuld in einer verrotteten Welt, niemals verlassen.
Ein Motto des schönen, schweren Buches Peymann von A–Z stammt von Heiner Müller; es lautet: »Alle verlassen das brennende Haus. / Bis auf Claus. / Der guckt raus.«
- Datum 14.12.2008 - 16:14 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
- Kommentare 1
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war der grosse benjamin h. ihr pate, spiritus r.? - jedenfalls empfand ich
enorm gefallen an ihrer kerr-gewitzten, amüsant-subtilen reportage über
einen theaterabend im spannungsfeld zu seinem bessenen regisseur, der
wohl verbrennt, wenn er seine burg nicht verlässt.
hut ab, peter kümmel.
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