Lieber vierter Durchschnittsdeutscher, der Sie laut neuesten Umfragen noch nie ein Buch gelesen haben, mithin auch nicht zu den "informationsaffinen" Bürgern zählen, wie jüngst eine Qualitätszeitung gemeldet hat (die heißen jetzt so), bitte lenken Sie Ihre Schritte in eine der Großbuchhandlungen der Republik – und erleben Sie den Marketing-Fortschritt der Parfüm- und Seifenbranche (die sich ja ins Buchgeschäft hineingedrängt, pardon, diversifiziert hat): Was Sie vor sich sehen, geneigter Nichtleser, ist die sogenannte Stapelware.

In dieser Weihnachtssaison ist es die Turmware. Meterhoch aufgeschichtet liegt vor Ihnen: Uwe Tellkamp, Der Turm. Stellen Sie sich auf die Zehenspitzen, und greifen Sie ins steile Bestseller-Leben der Republik. Lesen Sie den ersten Satz, aber ehe Sie nun verärgert zurückkehren in die Millionenkohorte der Nichtleser: Das ist nicht die pompöse Sprache des Dichters, sondern seines Helden Meno Rohde, der ein bisschen zu viel Faulkner gelesen hat. Nein, ruft die enthusiasmierte Literaturkritik dazwischen, es handelt sich bei Uwe Tellkamp um den neuen Thomas Mann, der die Dresdner Buddenbrooks vorgelegt hat, diesmal ohne Armin Mueller-Stahl und ohne Veronica Ferres. Rohde ist Raucher, und auf Seite 231 (von 973 Seiten) lesen wir: "Wir können die Förmlichkeiten lassen, Herr Rohde. Tun Sie sich keinen Zwang an, was das Rauchen betrifft."

Das ist ein raucheraffiner Satz, der uns gleich zum nächsten kolossalen Bücherturm führt: Helmut Schmidts Außer Dienst, auch er gestapelt bis zur Decke. Der Altkanzler mit brennender Zigarette – unser aufrechter, anständiger Herausgeber – schaut vom Buchumschlag etwas überrascht hinüber zu Turm eins, als wollte er dem Dichter einen schöneren ersten Satz zurufen: "Gegen Ende des Lebens wollte ich einmal aufschreiben, was ich glaube, im Laufe der Jahrzehnte politisch gelernt zu haben." So kann man keinen Roman anfangen? Doch, aber wir wollen nicht vergleichen, zumal komparative Literaturwissenschaft für jenes erwähnte Bevölkerungsviertel der Nichtleser als Eintrittshürde des modernen Buchhandels nicht vorgesehen ist. Es reicht außerdem ein Satz aus dem zweiten Turm, um auf die dritte Säule im Laden zu verweisen: "Nach dem Endes des Hitlerschen Weltkriegs begann ich, mich politisch zu engagieren."

Also gehen wir weiter, und da warten sie schon, aufgebaut wie ein Flakturm: die kiloschweren, vieltausendseitigen Bände eines großartigen Historikerkollektivs, Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, eine fleißige Meisterleistung ohne Vergleich, weniger Stapel- als Bunkerware, deren aufmerksame Lektüre länger währen dürfte als der ganze Weltkrieg. Während der Nichtleser sich etwas bedrückt auf eine der hübschen Lesebänke setzt – will er gar türmen? –, überfällt uns ein literarischer Gedanke: Wäre es nicht schön gewesen, die Wehrmachtsgeneralität hätte die Gelegenheit gehabt, das Mammutwerk vorher zu lesen, ehe sie zur unglückseligen Tat schritt?

Fassen wir also kulturkritisch zusammen: Die Verwandlung von Büchern in Ziegelsteine zwecks Turmbauten in Kassennähe, die Leser und Nichtleser zugleich an Waschmittel-Sonderangebote erinnern, erinnert in Wirklichkeit an die Maginotlinie (Band 6, Der globale Krieg) – und die war so furchterregend wie nutzlos. Das sehen die Rackjobber und Parfüm-Psychologen natürlich anders, aber lesen sie auch, was sie stapeln?