Dass der grell behängte Weihnachtsbaum auf dem Syntagma-Platz im Herzen Athens brannte, war nicht das Schlimmste. Aber es hatte Symbolcharakter. In den Flammen vor dem Parlament glühte der Hass einer ganzen Generation: auf die Konventionen der Alten, auf den importierten Konsumkult, auf die Korruption des griechischen Klerus. Nun liegen Ladenzeilen in Trümmern, verbrannte Autowracks säumen die Straßen, Brandspuren verunstalten die Häuser – in Athen und vielen Städten des Landes.

Zum Symbol kommt der Mythos. Der tote Schüler Andreas Grigoropoulos, von einem Polizisten erschossen, wird am Dienstag von Hunderttausenden als Märtyrer zu Grabe getragen. Seine Beerdigung gerät zur machtvollen Demonstration gegen das System. Welches System? Der Athener Aufstand kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Er ist griechisch und richtet sich gegen Griechen, gegen einen maroden Staat, gegen Klientelwirtschaft und Hauruckreformismus. Insofern ist er ein lokales Phänomen. Fragt man nach den tieferen Ursachen, stellt man fest, dass Griechenland in Europa liegt. Die Probleme der Jugendlichen, die in Athen zündeln, ähneln denen ihrer Altersgenossen in Paris oder Berlin.

Im Anfang aller Unruhe war Exarchia, ein Szeneviertel zwischen allem, was den Mythos des neuen Athen ausmacht. Begrenzt vom Cappuccino-Viertel Kolonaiki und dem Zufluchtsort der Einwanderer aus Afrika am Omonia-Platz, hier das Nationalmuseum, dort die Hausbesetzerszene. Genau dazwischen fühlen sich die Kinder der Linken wohl. Aus Berlin-Kreuzberg frisch in Athen gelandet, kann man sich durchaus sofort zu Hause fühlen. Im Herbst trinkt man in Exarchia den politisch korrekten Kaffee im Palästinenserschal vorm Lateinamerika-Plakat, von links winkt Arafat, von ganz links Che Guevara. Programmkinos und alternative Buchhandlungen machen aus Exarchia einen ganz und gar europäischen Stadtteil, mit dem Unterschied, dass sich die Polizei hier nicht blicken lassen kann. Sie traut sich nur mit der Hand an der Pistole ins Viertel. In dieser gespannten Atmosphäre ist Grigoropoulos ums Leben gekommen. Der Staatsanwalt klagt auf Mord. Die Hausbesetzerszene, die Drogenhändler, die Brandstifter, sie finden in Exarchia Unterschlupf. Jahrelang versäumte die Polizei, in der linksalternativen rechtsfreien Zone genauer nach dem Rechten zu sehen, jetzt hat sich Exarchia für ein paar Tage über die Athener Innenstadt ausgebreitet.

Die Bewohner von Exarchia nennen sich gern Anarchos und Autonome – doch ihre Mythen ziehen sie aus den Kämpfen der Eltern, der griechischen Linken. Die ist in diesem Land besonders stark, besonders stolz. Direkt an Exarchia grenzt das Polytechneio, die Technische Universität Athen. In diese Hochschule ließen die Obristen der griechischen Junta am 17. November 1973 Panzer rollen, um einen Aufstand niederzuschlagen. Der Tod von zwei Dutzend Menschen war der Beginn vom Ende der Diktatur. Es gehört seither zum guten Ton der griechischen Demokratie, dass die Polizei im Polytechneio nichts zu suchen hat. Deshalb ist die Hochschule auch dieser Tage Rückzugsgebiet für alle, die in der Stadt ausgiebig randaliert haben. Woher die Toleranz gegenüber dem Rechtsbruch? Ohne die bittere Geschichte Griechenlands im 20. Jahrhundert ist sie kaum zu verstehen. Die Großväter litten unter der Nazi-Besetzung und der von den Deutschen herbeigeführten Hungerkatastrophe in Athen. Nach der Befreiung begannen der Bürgerkrieg und die Massaker rechtsradikaler Stoßtrupps, die jeden, der auch nur kommunistisch aussah, umbrachten oder außer Landes jagten.

Die Wunden von gestern nähren die Toleranz gegenüber Rechtsbrüchen

Die Väter erlebten von 1967 an die Obristenjunta, gingen wieder ins Exil oder stürzten sich in den Aufstand von 1973. Niemand von ihnen hat vergessen, dass die Amerikaner die Diktatur nach Kräften stützten. Die Wunden von gestern nähren eine gewisse Toleranz gegenüber den Rechtsbrüchen der Jungen heute. Der Widerstandsmythos wurde vererbt. Uni-Professoren und Linksanwälte bildeten das Sympathisantenumfeld für die Terrorbewegung des 17. November, die über zwei Jahrzehnte Diplomaten und Politiker in Athen umbrachte. Die Enttarnung des Bombennetzwerks als Komplott von Ikonenmalern, Bienenzüchtern und orthodoxen Popen zerstörte einen Mythos der Linken. Griechenland ist so etwas wie ein Museum linker Bewegungen. Sie sind alle noch da. Die KKE, die Stahlhelmkommunisten, für welche die Sowjetunion nie untergegangen ist und die derzeit die überfällige Rehabilitierung des Genossen Stalin diskutieren. Immerhin kamen sie bei den Wahlen 2007 auf acht Prozent. Dann die anderen, die Trotzkisten, die Sticker gegen den Kurs der KKE verteilen: »Eispickel, nein danke!« (Ein von Stalin beauftragter Mörder hat Trotzki in seinem Exil in Mexiko mit einem Eispickel ermordet, Anm. d. Red.) Es gibt Maoisten, die Anarcho-Linke und die große Pasok, die Sozialdemokraten, die nicht wirklich links sind. Erfolg hat in jüngster Zeit ein mal zu Lenin und mal zu Luxemburg tendierender Linksverbund (fünf Prozent). Teil des Bündnisses sind die Reformlinken der Synaspismos, die kennen muss, wer die jungen Linken verstehen will. Synaspismos hat sich geöffnet für Umweltschützer, EU-Kritiker, Globalisierungsgegner, Frauenbewegung. Antiimperialismus und Kapitalismuskritik schweißt sie zusammen. Zulauf bekommen sie aus der Mittelschicht.

Ein Diplom aus Oxford ist keine Garantie für einen Job in Athen