Rückschau Die nuller JahreDas kalte Jahrzehnt
Der Rückblick des ZEITmagazins: Das "kalte Jahrzehnt" beginnt mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 und endet mit dem Zusammenbruch des Finanzsystems
»Sie werden bemerkt haben«, schrieb Bertolt Brecht an seine Leser, »dass die Luft sich in Ihrem letzten Jahrzehnt abgekühlt hat. Dies kam nicht von allein und wird nicht aufhören von allein, irgendwo waren Gefriermaschinen in Tätigkeit.« Achtzig Jahre später scheint es, als hätten wir gerade wieder ein solches kaltes Jahrzehnt erlebt – doch die Kältemaschinen sind diesmal gletscherweiß und heißen iPhone und iBook und iPod. In England kursiert über dieses Jahrzehnt seit Kurzem der Begriff der »Naughties«. Er trifft in seiner Doppeldeutigkeit das Lebensgefühl dieser Jahre ziemlich gut. Einerseits von naught wie null abgeleitet, andererseits von naughty wie böse und frech.
Das Böse bestimmte viele politische Linien der letzten Jahre, vom 11. September an über die Kriege in Afghanistan und im Irak, den Terror in London, Madrid und beinahe in Köln, die Konflikte im Libanon und in Georgien.
Die Frechen veränderten unseren Alltag. Beinahe über Nacht haben Computergenies, früher als »Nerds« belächelt, unsere Welt neu programmiert. Wir kommunizieren per SMS und E-Mail, informieren uns über Google, Wikipedia und Onlineportale, pflegen Freundschaften über Facebook und StudiVZ, lassen uns unterhalten von MySpace und YouTube. Die »Nerds« haben keine Botschaft, aber sie haben uns neue Kanäle gegraben. Sie haben die Welt digitalisiert.
Der Philosoph Claude Lévi-Strauss, der in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden ist, hat einmal zwischen »kalten« und »warmen« Kulturen unterschieden. Kalte Kulturen nannte er solche, die mechanisch weiterlaufen und die sich bemühen, »den historischen Wandel einzufrieren«. So eine Ära haben wir erlebt: Zwischen 2001 und 2008 wurde ein letzter Versuch unternommen, die großen Veränderungen, die die Welt erlebt und vor denen die Welt steht, einzufrieren. Dazu passt, dass ausgerechnet die oft unterkühlt anmutende bildende Kunst die prägende Kultur dieser Jahre war.
Mit der Wahl Obamas, mit dem Scheitern eines Finanzsystems, das Hypothekenschulden in Anlagechancen umzuwidmen versucht, mit der Klimakatastrophe als Herausforderung vor Augen könnte in diesen Tagen eine neue Wärmeperiode begonnen haben, und so kommt es, dass das Jahrzehnt kürzer ist als zehn Jahre.
Das ZEITmagazin resümiert – vorläufig – das vergangene Jahrzehnt. Naturgemäß ist das eine Anmaßung: Ein Anspruch auf Vollständigkeit wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wir haben uns deshalb für den subjektiven Weg entschieden: Persönlichkeiten, die jene Zeit geprägt haben, ziehen ihre Bilanz. Unter anderen der Filmemacher Alexander Kluge, der Philosoph Peter Sloterdjik, die ehemalige niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali, der Journalist Günter Wallraff und der Modeschöpfer Karl Lagerfeld.
- Datum 11.12.2008 - 14:02 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
- Kommentare 7
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Bushfeuer.
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die Jahre vor dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft.
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ich würds die sparjahre nennen.
die redaktion erspart sich 2000 mit all den festen und feiern, 2001 bis auf den letzten rest, das ende von 2008 ist auch gestrichen und 2009 kommt erst gar nicht.
alles wurde soo billig, dass inzwischen jeder eine mini-klimaanlage und ein stromaggregat besitzt, dvd- brenner, espressomaschine und handy mit kamera sowieso.
wir haben uns reich gespart und werden uns vielleicht bald satt hungern, die einpeitscher geben den takt bereits vor. kulturell und körperlich sind wir längst im grenzbereich, es kann also losgehen.
unser neuer bürgermeister heisst zwar nicht obama, ist aber ebenfalls noch keine 100 tage im amt, deswegen würde ich auch da überhaupt nicht so schnell schiessen.
schöne grüße aus düsseldorf
Das "Ende der Wirtschaft", eine "existenzbedrohende Krise", der Abgrund des Westens - in diesem medialen Steigerungsprojekt scheint's fast so wie bei den Flagellanten: Es kann gar nicht weh genug tun.
Aber immerhin haben wir Heutigen nun auch endlich mal was, worüber wir uns richtig beschweren können. Unsere Großeltern mussten nach dem Krieg mit wertlosen Anleihen von der Reichsbank heizen - Menschenskinder, das wär's ja noch, oder?
Endlich geht's uns auch mal so richtig dreckig. Unseren Kindern werden wir dereinst vorbeten: "Ach ihr wisst ja nichts - damals, jaha, da sah das anders aus!" So lief's immer, so wird's kommen.
Wir haben eine Rezession. Nicht weniger, aber auch nicht mehr, Herr im Himmel! Das ist weder das Ende der Geschichte noch der Untergang des Westens. Wir sind nach wie vor dabei, die "Roaring Nineties" abzuwickeln, und dieses Phänomen wird uns noch einige Jahre beschäftigen. Wie diese Epoche heißt, werden wir erst mit Abstand einiger Dekaden erfahren. Gut möglich, daß die Welt nachher anders tickt. Daß es schlimmer wird. Aber ebenso gut möglich, daß auf dem Grund der Krise der Keim des neuen Wohlstands liegt. Wer weiß es vorher? Ich nicht.
Wussten die Menschen um 1400 a.d., daß sie im Mittelalter leben? Natürlich nicht. Damals gingen nicht wenige davon aus, daß das Weltenende unmittelbar bevorstehe. Nur wir, die wir einem anderen Zeitalter entstammen, können das Mittelalter als solches identifizieren. Was wir "Postmoderne" nennen, wird vielleicht auf dem Schirm zukünftiger Generationen als finsterstes Zwischenzeitalter erscheinen.
Und so wird es auch mit der Zeitenwende zum neuen Jahrtausend sein. Reden wir in 40, 50 Jahren nochmal drüber, dann liegen die Dinge klarer. Vielleicht war's der Anfang vom Ende, der letzte Akt, das Finale furioso, das Tremolo des Hysterischen Zeitalters, die letzte, gallige, febrile Blüte einer in sich giftigen Epoche - vielleicht kommt's aber auch ganz anders...
... und hoffentlich verzieht sich dieser Gestank bald, der dort hinterlassen wurde!
Man sollte den Begriff "heiße Luft" zum Wort des Jahrachts machen.
Ach, Mist geht ja nicht, sind ja zwei Worte...
the Age of less
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