Belletristik Die Liebe in Zeiten des Krieges

Der neue Amerika-Roman von Paul Auster ist ein kleines, turbulentes, erotisches Meisterwerk

Ein alter Mann, durch einen Unfall verkrüppelt, starrt in die Nacht, die sich über das Haus in den Bergen von Vermont gelegt hat. Oben die Tochter Miriam, von ihrem Mann vor fünf Jahren verlassen, die sich noch immer in den Schlaf weint oder an der Biografie der rothaarigen Rose Hawthorne schreibt, der nicht allzu begabten Tochter des Dichters Nathaniel. Im anderen Zimmer unterm Dach die Enkelin Katya, schlaflos auch sie, die sich die Schuld am Tod ihres Boyfriends Titus gibt. Wenn sie denn schlafen, droben oder drunten, haben sie Albträume, die schwer auf den Seelen hocken.

Der alte Mann, Literaturkritiker im Ruhestand (wie er sich selbst nennt), denkt sich Geschichten aus, um durch die Nacht zu kommen, Geschichten, die sein Dasein von Grund auf verändern und andere Welten zutage bringen, die wirklicher als seine gewohnte Wirklichkeit sein könnten. In denen er sich zum Beispiel in einer schäbigen Uniform wiederfindet, ein kleiner Corporal, dem ein anderer Uniformierter – Frisk heißt er – mit ruhiger Strenge sagt: »Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit…Es gibt viele Wirklichkeiten. Es gibt nicht nur eine Welt. Es gibt viele Welten, und alle existieren sie nebeneinander, Welten und Antiwelten, Welten und Schattenwelten – jede von ihnen in einer anderen Welt erträumt oder phantasiert oder von jemandem aufgeschrieben.«

Dort drüben ist Krieg. Der Krieg finde, sagt der Uniformierte, »im Kopf eines Mannes statt, und wenn dieser Mann beseitigt würde, wäre der Krieg vorbei«. Bürgerkrieg, der das Land seit dem Jahre 2000 verwüstet, als der Oberste Gerichtshof entschied, George W. Bush, sei – wenngleich mit einer hauchdünnen, in Wahrheit mehr als fragwürdigen Mehrheit – in Florida rechtens zum Präsidenten gewählt. Offene Rebellion. Zusammenschluss des Nordens und Ostens zu den »Unabhängigen Staaten von Amerika«, von der Europäischen Union anerkannt, Vereinigung Kaliforniens, Oregons und des Staates Washington zur »Republik Pacifica«, der Süden und partiell der Mittlere Westen bilden die neu-alte Konföderation, von Bush junior regiert.

Die Realitäten schieben sich übereinander. Der Corporal wird mithilfe einer Spritze in seine gewohnte Welt zurückbefördert, freilich mit dem Befehl versehen, den alten Mann in Vermont zu töten, der den Krieg angestiftet hat. Ist es der verkrüppelte Literaturkritiker außer Diensten, der abends mit seiner Enkelin auf der Couch hockt und klassische Filme anschaut – Die Große Illusion, Die Fahrraddiebe, Apus Welt –, obschon er überzeugt ist, dass nur Bücher den Verstand und die Fantasie mobilisieren. (Der Autor Paul Auster, der selbst Filme fertigt – und keine schlechten –, müsste es wissen.) Die Filme schaffen ihre eigenen Realitäten, mit denen der Zuschauer lebt. Später gesteht er Katya, dass manche Filme so gut sein könnten wie »die besten Bücher«.

Drüben traf Corporal Owen Brick die schöne Virginia, die er als Schuljunge so leidenschaftlich und so schüchtern liebte. Er vergisst sie nicht, als er sich zu Hause wiederfindet – im Bett neben seiner argentinischen Frau Flora, die ihn, als sie den Aufenthalt dort drüben glaubt, in seiner Weigerung stärkt, sich eines Mordes schuldig zu machen. Sie rät ihm, so zu tun, als sei nichts geschehen, und weiter seinem ziemlich brotlosen Beruf als Zauberkünstler Zavello nachzugehen, der vor Grundschülern und in Altenheimen, in Gemeindezentren und auf Partys seine Tauben und Hasen aus dem Zylinderhut zieht, Seidentücher verschwinden lässt, »schwarzweiße Zeitungen in bunte Sträuße aus Stiefmütterchen, Tulpen und Rosen« verwandelt.

Nach vier Wochen eine Warnung durch zwei Boten von drüben, die mit vorgehaltenen Pistolen im Zimmer stehen. Sie lassen ihm eine Woche lang Zeit. Der Zauberer überredet Flora, sich zu ihren Eltern in Buenos Aires zu flüchten. Als er sich nach fünf Tagen der Lähmung aus dem Haus wagt, wartet drunten Virginia, die Jugendliebe, attraktiver denn je, zieht ihn in ihr Luxusgefährt, braust nach Norden und lässt ihn wissen, dass sie Doppelagentin im Dienst des alten Mannes sei, den er ins Jenseits befördern soll (was womöglich eine Art Selbstmord wäre), ehe sie ihn zu einer Nacht der Nächte verführt, an deren Ende das Hotel samt der Schönen in die Luft fliegt.

Hat Auster seine Fantasie in diesem schmalen Band nur noch wilder ins Kraut schießen lassen, als wir’s von ihm gewohnt sind? Treibt er nur ein närrisches Spiel mit seinem Personal, das in wechselnder Besetzung an die Rampe tritt und wieder verschwindet? Zeigt er – halb hinterm Vorhang verborgen – uns, den gaffenden Lesern, mit seinen verrückten Einfällen eine lange Nase? Als eine zwielichtige Tragikomödie wäre das Buch gewissermaßen der Hochseilakt eines kühnen Artisten (der Auster zweifellos ist). Doch die luftigen Wendungen täuschen. Immer wieder bricht die allzu eindeutige Realität der amerikanischen Krise in die wirbelnde Handlung ein. »Das Thema dieser Nacht«, denkt der alte Mann, »ist der Krieg… Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Scheiß auf die Erde und keinem ein Wohlgefallen. Das ist…das schwarze Zentrum der Nacht: noch gut vier Stunden totzuschlagen, und jede Hoffnung auf Schlaf zunichte.«

Die Tonart wechselt. Die Erzählung umkreist enger und inniger Sonia, die französische Frau des alten Mannes, mit der er – trotz einer Fraktur von neun Jahren – fast ein halbes Jahrhundert lang zusammengelebt hat. Schritte im Obergeschoss. Fingernägel kratzen an der Tür. Katya, die Enkelin, flüstert: »Bist du wach?« Sie hatte den Lärm gehört, als die Weckuhr vom Nachttisch fiel, danach seinen Hustenanfall (die verfluchte Raucherei). Er schiebt ein Kissen hinüber, Katya legt sich neben ihn, sie fragt nach Sonia, ihrer Großmutter. Er zögert. Sie insistiert. Stockend erzählt er die Geschichte ihrer Liebe – und mit ihr scheint die andere Wirklichkeit, die des Krieges, gebannt zu sein (aber das ist eine Täuschung). Sonia, die Gesang-Studentin an der New Yorker Julliard School. Das Mädchen im roten Mantel, zwanzig Jahre alt wie er auch, doch ihrer selbst – und ihrer Erotik – so viel sicherer als er, der amerikanische Jüngling, im Küssen und, wie sich’s für eine junge Französin wohl gehörte, auch im Bett geübter und freier.

Eine altmodische Liebesgeschichte. Die beiden hätten ihr Glück fort- und fortleben können, trotz ihrer langen Konzertreisen, bei denen er zurückblieb, »gerade mal fünfdreißig Jahre alt, von Hormonen geschüttelt«. Bei einer Lesung bedankte sich die junge Schriftstellerin Oona McNally, die er nie zuvor gesehen hatte (er kannte nicht einmal ein Bild), für eine freundliche Kritik. Eine schöne Person, an die reizvolle Virginia des Kriegstraumes erinnernd. Doppelleben. Konfrontation. Scheidung. Dann brannte die Dichterin mit einem deutschen Maler durch. Wiederbegegnung mit Sonia, eine Verabredung zum Essen, »und damit begann ein langwieriger und heikler Tanz, ein Menuett aus Verlangen, Furcht und Unterwerfung…«. Als Tochter Miriam die Enkelin Katya zur Welt brachte, zogen die beiden wieder zusammen.

Sonia hat er begraben. Neben dem alten, verkrüppelten Mann lag die Enkelin. Sie sprachen am Ende über Titus, von dem sich das Mädchen getrennt hatte, ehe er sich – als Lkw-Fahrer – im Irak verdingte, um ein kleines Vermögen zu machen. Er hatte keine Illusionen. Bei seinem letzten Besuch sagte er, »man sollte Bush ins Gefängnis werfen – zusammen mit Cheney, Rumsfeld und der ganzen Bande faschistischer Verbrecher…« Nicht weit von Bagdad entfernt, bemächtige sich eine Bande von Terroristen des jungen Mannes, und sie schnitten ihm, vor laufender Kamera, den Kopf vom Leib. Der reale Krieg.

Auf der zweitletzten Seite sagt der alte Mann: »Ich habe in meinem Leben viel geflunkert, aber wenn es um Bücher geht, lüge ich nie.« Hand aufs Herz: Paul Auster gelang ein kleines, turbulentes, kafkaesk-komisches, im Grunde todtrauriges Meisterwerk, adäquat übersetzt von Michael Schmitz. Auster widmete den Band seinem israelischen Kollegen, dem Friedensanwalt David Grossmann und seiner Frau Michal, dem Sohn Jonathan, der Tochter Ruthi – »im Gedenken an Uri«, den älteren Sohn, der in Ministerpräsident Olmerts fahrlässigem Kriegszug gegen den Libanon sein Leben verlor.

Paul Auster: Mann im Dunkel

Roman; aus dem Englischen von Michael Schmitz; Rowohlt Verlag, Reinbek 2008; 220 S., 17,90 €

 
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