Pirmasens
Das Zeitgefühl verflüchtigt sich, immer wieder tauchen neue Gänge und Stollen auf. Seit Jahrzehnten hat kein Mensch sie betreten. Die Spitze des Berges liegt 90 Meter über uns. Es ist nasskalt. Im Halbdunkel stehen Waffen und Fahrzeuge des Zweiten Weltkrieges. Aus der Ferne plätschert Quellwasser, das in den Bunker dringt. Weiter weg, noch unzugänglich, befinden sich ein unterirdischer Bahnhof und Laderampen. In einer Nische liegen Helme und Waffen, die aussehen wie geschreddertes Stanniolpapier. Museumsleiter Günther Wagner öffnet immer neue Eisentore, sie schließen mit einem dumpfen Knall, der aus der Dunkelheit widerhallt. Obwohl manche Stollen so hoch wie ICE-Tunnel sind, atmet der Besucher tief durch. Luft!
Das Festungswerk Gerstfeldhöhe bei Pirmasens, die größte Anlage des Westwalls, ist heute ein Museum. Vor allem Waffen werden hier ausgestellt. »Das ist es, was die Leute sehen wollen«, sagt Günther Wagner.
Der Westwall bestand einmal aus 18000 Bunkern zwischen Kleve und Basel. Das 630 Kilometer lange Bollwerk sollte dem Deutschen Reich im Westen den Rücken für seinen Feldzug gegen den Osten freihalten. Siebzig Jahre nach den ersten Bauarbeiten an der monströsen Anlage beginnt ein Streit unter Historikern und Anwohnern. Was ist der Westwall heute – eine Ansammlung wertvoller Biotope oder eine Scheußlichkeit aus Beton und Eisen? Hat man es mit Objekten der Zeitgeschichte zu tun oder mit missglück- ten Mahnmalen? Eine Gruppe von Historikern spricht von einer »einseitigen Darstellung«, die vor allem dazu tauge, »die Kriegsgeschichten von Veteranen aufzuwärmen«. Sie schaffe Respekt vor deutscher Waffenschmiede- und Ingenieursbaukunst – weiter nichts.
»Man kann sich der Faszination nicht entziehen«, sagt der Kölner Historiker Frank Möller, der die Diskussion um den Westwall mit angestoßen hat. »Da die Anlage mich in die Perspektive des kleinen Soldaten von damals hineinzwingt, ist die Möglichkeit einer kritischen Distanz ein Stück weit aufgehoben«.
Nach einer Fachtagung in Bonn und einer Publikation, an der 135 Experten beteiligt waren (Karola Frings, Frank Möller, Hrsg.: Zukunftsprojekt Westwall, 2008), nahm sich zunächst die politische Bildung des Themas an, es folgten Universitäten, allmählich erreicht der Konflikt die Öffentlichkeit. Unverständnis und Ärger prägen die Atmosphäre zwischen Historikern einerseits und den in der Region verwurzelten Einheimischen, für die der Westwall längst ein Teil ihrer Heimat geworden ist.
Ernst Görgen ist ein bodenständiger Mann mit klarem Blick und höflichen Umgangsformen. In den dunkeln Wäldern des Deutsch-Belgischen Naturparks Hohes Venn-Eifel führt er Fremde zu den Bunkern, vor denen auch der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway gekämpft hat. Für die Initiative der Historiker fehlt ihm jedes Verständnis. »Für die Menschen am Westwall war der Bau damals ein besonderes Ereignis«, sagt Görgen bestimmt. »Die Westwall-Zeit ist selbst heute noch in aller Munde – es kamen Hunderttausende von Arbeitern, es kam Geld in eine arme Region. Das wurde damals als positive Sache gesehen.« Rechtfertigen müsse man sich dafür nicht, »die Hintergründe dieses Projekts hat damals niemand durchschaut«.
Nicht weit von den Bunkern entfernt führt ein Wanderweg, der Ernest Hemingway gewidmet ist. Auch die Geschichte dieser Widmung spiegelt Zerrissenheit: Einheimische protestierten, berichtet Görgen, weil Hemingway, damals Offizier im Regiment der vierten Infanteriedivision, sich in einem Brief mit der Erschießung eines deutschen Gefangenen gebrüstet habe (»Einmal habe ich einen besonders frechen SS-Kraut umgelegt«).
110 Kilometer weiter nördlich steht der Aachener Kommunalbeamte und Heimatforscher Dietmar Kottmann an einem bewaldeten Abhang nahe dem holländischen Vaals, dem südöstlichsten Ort der Niederlande. Kottmann kennt die Geschichte und Umgebung seiner Heimat wie seine Westentasche. Die Bunker und Panzersperren sind für ihn steinerne Zeugnisse der Geschichte. Dass Behörden wie das Bundesvermögensamt zahlreiche Bunker abgerissen haben, erfüllt ihn mit Empörung: »Von wegen Sicherheitsrisiko. Ich vermute, dass eine Abteilung ihre Daseinsberechtigung dokumentiert hat.«
Im bewaldeten Abhang liegt eine meterhohe Betonmauer – äußere Hülle eines Bunkers, der von der Abrisswut verschont blieb. Von holländischer Seite aus offenbart sie hässliche Massivität. »Wir können doch hier nicht überall Warntafeln aufstellen, die über die Hintergründe nationalsozialistischer Verbrechen informieren«, sagt Kottmann, der gerade vor diesem Bunker ins Schwärmen gerät. Wenn man von holländischer Seite auf den Betonklotz blickt (ins Dreiländereck bei Vaals kommen jährlich über eine Million Touristen), so erkennt man auf dem Beton eine weiße, horizontale Linie, eine Arbeit des russischen Künstlers Professor Boris Gorin. Ein »Schlussstrich« sei das, sagt Kottmann, als »Zeichen Richtung Holland«.
Weitgehend unsichtbar, da überwuchert, stehen Dutzende von Betonkeilen, ehemaligen Panzersperren, am Aachener Stadtrand. Der Anblick entzückt Manfred Aletsee, Nabu-Leiter der Naturschutzstation Aachen, denn: Was zwischen den Blöcken kreucht und fleucht, kann niemand beeinflussen. Es ist paradox: Ein Naturschützer begeistert sich für ein System von Bauwerken, für die 70 Jahre zuvor 8 Millionen Tonnen Zement in die Landschaft geklotzt wurden. Doch das Gelände kann heute weder als Ackerland noch als Kleingartenareal genutzt werden. »Also entsteht Wildnis«, sagt Aletsee. »Dieser Streifen ist meist von Menschen unbehelligt, da wachsen Weißdorn, Holunder, Eschen, Kräuter. Verschiedene Lebensräume werden zu einem Biotop verbunden, und zwar in einer ansonsten ausgeräumten Landschaft.« Zugleich dienen Bunker als Ersatz für Höhlen, in denen sich Fledermäuse und Wildkatzen, Füchse und Insekten ansiedeln. Fazit: Erhaltet den Westwall!
Betonquader als Schutzraum für bedrohte Lebensarten – 70 Jahre zuvor beschreibt Hemingway die Gegend als extrem lebensfeindlich. Im Raum des Hürtgenwaldes, den er als »Todesfabrik für GIs« bezeichnete, fielen Zehntausende von Soldaten. Hemingway schrieb: »Es war schwierig, am Leben zu bleiben, selbst wenn man nichts weiter tat, als dort zu sein.«
In dieser Gegend, über einem Bunker auf dem Burgberg bei Bergstein, wird heute eine neue Form der Westwall-Darstellung erprobt. Vom Parkplatz an der Kirche aus führt der »Heinrich-Böll-Wanderweg« steil nach oben. Von der Plattform eines Aussichtsturms geht der Blick über die weiten Wälder der Eifel, am Horizont ist der Kölner Dom erkennbar. Auf Handzetteln bekommen die Besucher detaillierte historische Informationen über das Geschehen im Krieg, aber auch über die Arbeiten von Schriftstellern wie Heinrich Böll (der später hier lebte), Ernest Hemingway und Jerome D. Salinger, die am Westwall ihre Eindrücke gesammelt hatten. Sechs solcher historisch-literarischer Wanderwege gibt es bereits am Westwall, weitere Projekte – etwa GPS-Wanderführer – sind in Arbeit. Schon im kommenden Jahr sollen Besucher speziell präparierte Geräte in der Nationalparkverwaltung leihen können, um am Westwall wandern zu gehen – mit abrufbarem Wissen an der Hand.
Fotos (Ausschnitte): dpa/ullstein (li.); Manfred Wirtz/Bilderberg (re.)
- Datum 11.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
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