Aus medizinischer Sicht war der Ausflug nach Peking ein Flop für Hans-Joachim Leyenberg. Den Sportreporter der FAZ quälte ausgerechnet während der Olympischen Spiele ein fieser Schmerz im Kreuz. Als das mitgebrachte Schmerzgel ohne Wirkung blieb, besann sich der Journalist auf »die schier sagenumwobene Heilkraft chinesischer Ärzte« und die segensreiche Wirkung der Akupunktur. Hoffnungsvoll suchte er eine Pekinger Praxis auf – und wurde schmerzlich mit der chinesischen Moderne konfrontiert: Eine strenge Ärztin hörte sich seine Klagen an, setzte eine Spritze und verschrieb dem Reporter just jenes Gel, das er ohnehin in seiner Reiseapotheke hatte. »Keine Akupunktur, keine Streicheleinheiten, nichts von alledem«, konstatierte Leyenberg enttäuscht. »So viel Globalisierung tut einfach weh.«

Die Chancen auf eine Akupunkturbehandlung hätten in Deutschland wohl besser gestanden. Denn hierzulande praktizieren inzwischen – prozentual gesehen – mehr Ärzte die Nadelmethode als in ihrem Ursprungsland. Über 30.000 Mediziner bieten derzeit in Deutschland Akupunktur an, auf einen Arzt kommen also rund 2500 Patienten. Im chinesischen Milliardenvolk dagegen sind es über 5000 Patienten pro Arzt. Eine seltsame Verkehrung hat da in den vergangenen Jahren stattgefunden: Während chinesische Ärzte mit Macht den Anschluss an die moderne Biomedizin und Pharmaforschung suchen, begeistern sich umgekehrt Westler für all das, was unter dem Label Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) firmiert: seltsam riechende Heilkräuter-Tränke, angenehme Massagen und weniger angenehme Nadeleien.

In Studien spielte es keine Rolle, wohin die Nadeln gestochen wurden

Damit hat sich die TCM in den vergangenen Jahren zu einem der erfolgreichsten Exportschlager aus dem Reich der Mitte entwickelt. Schon wünschen sich einer Allensbach-Umfrage zufolge rund zwei Drittel aller Deutschen eine Kombination aus chinesischer und westlicher Heilkunst. Kein Wunder, dass die weltweit einzige ausländische Niederlassung der Universität Peking im bayerischen Bad Kötzing zu finden ist; dort steht die Erste Deutsche Klinik für Traditionelle Chinesische Medizin. Auch an der Berliner Charité und der Universität Essen gibt es mittlerweile Lehrstühle für Integrative oder Komplementär-Medizin, die von fernöstlicher Weisheit lernen soll.

Die Begegnung zwischen Ost und West bleibt allerdings nicht ohne Folgen: Je mehr sich westliche Mediziner für die chinesische Alternative interessieren, umso mehr stellen sie deren Behauptungen auf den wissenschaftlichen Prüfstand – was diese mal entzaubert, mal in völlig neuem Licht erscheinen lässt. Gut möglich, dass so gerade im Westen ein tieferes Verständnis für die Wirkungsweise der chinesischen Medizin entsteht als in ihrem Ursprungsland.

Das zeigt sich insbesondere am Beispiel der Akupunktur. Große Studien in den vergangenen Jahren, in deren Verlauf 30 Millionen Nadeln in rund 600.000 Patienten gestochen wurden, haben Verwirrendes zutage gefördert: Einerseits erwies sich die Nadelei in manchen Fällen tatsächlich als wirkungsvoll; bei chronischen Rücken- und Kniegelenkschmerzen war sie der gängigen westlichen Standardtherapie deutlich überlegen; in anderen Fällen, etwa bei Kopfschmerzen, hingegen nicht. Noch irritierender aber war ein zweiter Befund, den die Studien namens Gerac (German Acupuncture Trials)und Art (Acupuncture Randomized Trials) hervorbrachten: Ihnen zufolge spielte es nämlich in vielen Fällen keine Rolle, wohin die Akupunkturnadeln gestochen wurden. Egal, ob die Ärzte jene besonderen Punkte behandelten, die auf den klassischen Akupunkturlehrtafeln eingezeichnet sind, oder ob sie ihre Nadeln irgendwo in den Körper des Patienten steckten – die Wirkung schien am Ende weitgehend dieselbe zu sein.

»Das hat die Kritiker dazu verleitet zu sagen: Es ist alles Humbug. Bei der Akupunktur kann man stechen, wohin man will. Die Protagonisten dagegen haben gesagt: Diese Studien zeigen, dass Akupunktur hochwirksam ist«, fasst Gustav Dobos den gegenwärtigen Stand der Debatte zusammen. Dobos, Chefarzt an den Kliniken Essen-Mitte und Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Naturheilkunde mit dem Schwerpunkt Chinesische Medizin, steht dabei gewissermaßen zwischen den Fronten. Einerseits ist er von der Heilkraft der Akupunktur überzeugt; andererseits weiß er als klassisch ausgebildeter Internist aber auch, dass die wissenschaftlichen Studien das Theoriengebäude der Akupunktur ins Wanken gebracht haben. Dass es sogenannte Energieleitbahnen (Meridiane) im Körper gebe, in denen sich durch das Nadeln spezieller Punkte der Fluss der Lebensenergie (Qi) gezielt anregen lasse, hat sich in den Gerac- und Art-Studien nicht bestätigt. Aus Sicht der westlichen, evidenzbasierten Medizin muss man daher nach anderen Wirkmechanismen Ausschau halten, wenn man der Akupunktur zu wissenschaftlicher Anerkennung verhelfen will.

Dobos, 53, ein freundlicher Mediziner mit Kraushaar und rosigen Wangen, probt täglich den Spagat zwischen östlicher und westlicher Lebensphilosophie. In seiner Klinik für Naturheilkunde werden chronisch Kranke nicht nur mit schulmedizinischen Methoden wieder aufgerichtet, sondern auch mit Yoga, Heilfasten, Akupunktur und Kräutermischungen. Dobos’ Motto: Die Kräfte der Selbstheilung aktivieren – so der Titel seines neuen Buchs, in dem er die »Kluft zwischen Schulmedizin und traditionellen Heilverfahren überwinden« will. Dass dies nicht einfach ist, weiß Dobos aus eigener Erfahrung.

»Als unsere Modellklinik 1999 eröffnet wurde, hatten manche Kollegen von der Uniklinik ein Problem damit«, erzählt Dobos. »Es wurde ein Wissenschaftsbeirat einberufen, der unsere Projekte beurteilen sollte – der aber teilweise auch Gründe suchte, die Kooperation zu stoppen.« Das Misstrauen war verständlich. Hielt Dobos seine Antrittsvorlesung doch ausgerechnet über den Einsatz von Blutegeln in der Arthrosetherapie – für konventionell denkende Mediziner war das zumindest gewöhnungsbedürftig. Erst als er in renommierten Fachzeitschriften die klinische Wirksamkeit belegen konnte und es Hinweise gab, dass im Speichel der Blutegel sehr starke schmerzstillende Stoffe enthalten sind, verstummte die Kritik.

Mit der Erklärung der Akupunktur jedoch sei es nicht so einfach, sagt Dobos, »weil diese alle Paradigmen sprengt«. Häufig wirkt sie besser als die schulmedizinische Standardtherapie, aber nicht immer; mal scheint es auf die spezifischen Akupunkturpunkte anzukommen, mal nicht. Für viele westliche Mediziner scheint damit erwiesen, dass bei der Akupunktur allenfalls Placeboeffekte wirksam werden. Die Krankenkassen urteilten pragmatisch: Sie übernehmen heute zwar die Kosten einer Akupunktur bei chronischen Rücken- und Kniegelenkschmerzen – nicht jedoch bei Kopfschmerzen. Dobos dagegen fragte sich: »Wie war das eigentlich früher? Seit wann ist überhaupt von spezifischen Akupunkturpunkten die Rede? Wie wurden sie ursprünglich definiert?«