Pharmazie Ärzte, Pillen und Moneten

Die Pharmaindustrie pflegt aufwendige Kontakte zu Medizinern und Kliniken. Dieses fragwürdige Verhältnis beginnt zu bröckeln

Die Pharmaindustrie setzt zunehmend auf den Großangriff und handelt Rabattverträge mit Klinikketten aus

Die Pharmaindustrie setzt zunehmend auf den Großangriff und handelt Rabattverträge mit Klinikketten aus

Gestandene Psychiater versuchen sich im Doppel beim Videotennis, andere strampeln auf echten Pedalen ein virtuelles Fahrrad über die Monitorpiste oder balancieren Pixelkugeln auf Bildschirmen.

Mit solchen Spielen zielte die Pharmaindustrie Ende November auf dem größten deutschen Kongress für Psychiater, Psychotherapeuten und Neurologen in Berlin erfolgreich auf den Homo ludens im Therapeuten. Am Abend aber stellte Markus Pawelzik, leitender Arzt der EOS-Klinik für Psychotherapie in Münster, im Auditorium eine unbequeme Frage: »Wie halten wir es mit der Pharmaindustrie?«

Pharmafirmen bezahlen die Fortbildungen von Ärzten, zahlen ärztlichen Referenten Vortragshonorare von 2000 bis 3000 Euro und gehen in Kliniken ein und aus, um dort die Wirkung ihrer Medikamente auch nach der Zulassung prüfen zu lassen. In der Pharmaforschung sind manche Studienergebnisse dadurch inzwischen so stark verzerrt, dass sich wie im Fall der Antidepressiva die wahre Wirkung oder Nichtwirkung von Medikamenten erst Jahre nach der Zulassung herauskristallisiert.

Doch niemand spricht gern über das heikle Thema. Ärztliche Referenten haben sich an die üppigen Honorare gewöhnt, unabhängige Fortbildungen erscheinen ihnen kaum möglich, und der Kontakt zur Industrie wirkt unumgänglich – schließlich erwartet man ja auch gute neue Präparate.

In dieser manchmal mühsam befriedeten Situation gibt Markus Pawelzik den Spielverderber. Der Arzt hatte dem Kongresspräsidenten vorab die unbotmäßige Frage nach dem Verhältnis zwischen seiner Zunft und der Pharmaindustrie gestellt – und wurde daraufhin zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Der Showdown fand im riesigen Saal 2 des Internationalen Congress Centrums statt und zeigte, wo die Konfliktlinien derzeit verlaufen.

Außer Pawelzik selbst diskutieren auf der Bühne eine Justiziarin von der Bundesärztekammer, ein Ethiker vom Institut für Wissenschaft und Ethik, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde und ein Geschäftsführer des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller.

Den Anfang macht Hans-Jürgen Möller, Psychiater an der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität. Er findet die Tuchfühlung mit der Industrie unabdingbar. Wer sonst solle die Fortbildung bezahlen? Man müsse an der Weiterentwicklung der Pharmazeutika teilhaben! Wichtig sei lediglich, dass die Verflechtungen mit der Pharmaindustrie offengelegt würden. Gegen Ende seines Statements taucht hinter Möller die Auflistung seiner Kooperationspartner auf. Es sind neun.

Pawelzik nennt sich zunächst bescheiden einen »kleinen Psychotherapeuten aus der Provinz« – um dann anzugreifen. »Sage mir, wer eine Studie bezahlt hat, und ich sage dir, was herauskommt«, beschreibt der Arzt den Zustand des medizinischen Erkenntnisgewinns. Aber das sei nicht alles. Erst vor Kurzem sei er auf einem Kongress im schönen San Diego gewesen – 10.000 Dollar alles in allem, selbst bezahlt, sagt er. »Als ich einen Kollegen fragte, wie er das Geld aufgetrieben habe, hat der nur geantwortet: Ach, da musst du nur ein Referätchen auf einem Herstellersymposium hier halten.«

Kurzreferate gegen überreichliches Honorar, das ist zwar unschön, geht aber nach der Musterberufsordnung für Ärzte immer noch durch. In Paragraf 33, Absatz 4, heißt es: »Die Annahme von geldwerten Vorteilen in angemessener Höhe für die Teilnahme an wissenschaftlichen Fortbildungsveranstaltungen ist nicht berufswidrig. Der Vorteil ist unangemessen, wenn er die Kosten der Teilnahme (notwendige Reisekosten, Tagungsgebühren) [...] übersteigt [...].«

Marlis Hübner, die Justiziarin in der Runde, heißt die gängige Praxis dennoch nicht gut. In der Berufsordnung fehlten klare Anweisungen, wie sich ein Arzt bei Offerten der Pharmaindustrie verhalten solle. Die verschiedenen Landesärztekammern hätten unterschiedlich strenge Regeln, und die Kodizes, die sich die Pharmaindustrie selbst im Umgang mit Ärzten auferlegt habe, reichten nicht aus. Die Grenzen seien zu unbestimmt. Ein Beispiel für wenig regulierte Bereiche der Kooperation seien die von der Pharmaindustrie inzwischen reichlich gesponserten Fortbildungen von Ärzten im Internet.

Die Beteiligten der Diskussion sind sich einig, dass es keine staatliche Pharmaforschung anstelle der privatwirtschaftlich finanzierten geben wird – die Medikamentenentwicklung ist schlicht zu teuer. Aber bedeutet dies, dass die Ärzte auf Tuchfühlung mit der Industrie gehen müssen? Und wie weit darf umgekehrt die Industrie in die Sphäre der klinischen Medizin eindringen?

Siegfried Throm vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) sieht die wechselseitigen Beziehungen betont gelassen – er geht gar nicht erst auf die Vorwürfe von Markus Pawelzik und die Einwände der Justiziarin ein. Der Verein Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie überwache die Einhaltung der Kodizes. Wer dagegen verstoße, müsse mit Strafen von 50.000 Euro im Erstfall und 250.000 Euro im Wiederholungsfall rechnen. In diesem Jahr hätte es 62 Beanstandungen, 21 Abmahnungen und zwei Entscheidungen gegeben.

Aber wie hoch ist die Zahl der nicht entdeckten Verstöße? Wann wird eine Abmahnung fällig? Sind 21 Abmahnungen viel oder wenig? Die Zahlen sagen nichts über die Transparenz in der Pharmaforschung und auch nichts über die Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen.

Diese Unabhängigkeit sieht Klaus Lieb von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Mainz zunehmend bedroht. Seine Klinik habe deshalb klare Grenzen definiert. »Bei uns kommt kein Pharmareferent auf Station«, sagt Lieb. Es gebe keine von der Industrie bezahlten Anwendungsbeobachtungen. Zuwendungen, Geschenke oder Arzneimittelmuster seien verboten. Es fänden keine Tests von Medikamenten statt, die nur Scheininnovationen seien, und Fortbildungen würden komplett aus eigener Kasse gezahlt. Die Klinik ist Mitglied von »Mein Essen zahl’ ich selbst«, der »Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte«.

So viel Engagement stößt an Grenzen und auf Widerstände – auch unter den Medizinern selbst. Eine junge Ärztin meldet sich aus dem Publikum und berichtet, dass sie versuche, Fortbildungen zu organisieren. »Leider kommen keine Referenten, wenn wir nicht mindestens 2000 Euro zahlen können.«

Nach der Veranstaltung ist Pawelzik entsetzt. »Wieso nur gibt die Industrie so viel Geld aus, um unbestechliche Ärzte nicht zu beeinflussen?«, fragt er rhetorisch und schiebt seine Antwort gleich nach: »Weil es sich rechnet.« Er fordert von den Fachgesellschaften strengere Regeln zumindest für ärztliche Referenten und andere Meinungsführer der Branche. Doch er nennt das selbst »einen frommen Wunsch«.

Dabei ist die Arzt-Industrie-Beziehungspflege ein Auslaufmodell. Längst hat die Pharmaindustrie andere Methoden entdeckt. Statt individuell um den Arzt zu werben, setzen die Unternehmen zunehmend auf den Großangriff. Schließlich handeln ganze Klinikketten heute Rabattverträge mit Pharmagroßhändlern aus.

Nicht mehr die Zulassung der Arzneimittelbehörden ist die wichtigste Hürde bei der Markteinführung, sondern es sind Einrichtungen wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen und der Gemeinsame Bundesausschuss, das oberste Beschlussgremium der Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland.

Diese Institutionen entscheiden darüber, ob ein neues Medikament auch von den Krankenkassen erstattet wird. Sie lassen sich nur politisch unter Druck setzen. Deshalb lohnt es sich heute mehr denn je, große gesellschaftliche Gruppen wie Patientenorganisationen zu mobilisieren und Druck über die Medien zu machen.

Wie das in Perfektion aussieht, ist in den USA zu beobachten. Als die Pharmafirma Merck dort die Zulassung der Arzneimittelbehörde FDA für ihr neues Diabetes-Produkt Sitagliptin erhielt, lief sofort eine gewaltige Marketing-Maschine an: Schon 90 Minuten nach der Zulassung war die Produktwebsite online.

Innerhalb von 48 Stunden starteten Fortbildungsforen zum Medikament im Internet, hatten Pharmareferenten die ersten Ärzte kontaktiert, wurden Aufklärungsfilme über das Internet und per Satellit zu Tausenden Medizinanbietern übertragen. Innerhalb von acht Tagen hatte Merck 70 Prozent aller entscheidenden Ärzte in den USA erreicht und die ersten Paletten an Apotheken ausgeliefert.

Nach 14 Tagen waren die Diskussionen mit Anbietern medizinischer Leistungen abgeschlossen und damit 188 Millionen Patienten erreicht – 73 Prozent aller Versicherten in den USA. Einen Monat nach der Zulassung hatte das Produkt bereits einen Marktanteil von 14 Prozent aller Verschreibungen für Altersdiabetes. Diese moderne Form der Landschaftspflege dürfte rasch Schule machen.

 
Leser-Kommentare
  1. Wo, wenn nicht in Praxen und Kliniken, sollen die Pharmafirmen denn sonst für ihre rezeptpflichtigen Produkte werben? Der Arzt ist genau der richtige Ansprechpartner. Nicht selten weiß der Pharmareferent besser über die Pharmakologie eines Wirkstoffs Bescheid als der Allgemeinmediziner, der für eine ordentliche Weiterbildung kaum Zeit findet.

    Und im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Pharmaindustrie genauso berechtigt ist, Profite zu machen, wie jeder andere Industriezweig auch.

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