TheaterAlle meine Toten

Mit grandiosem Witz erforscht der Schauspieler Joachim Meyerhoff auf der Bühne sein eigenes Leben. Ein Gespräch über die Kunst, das Vergangene neu zu erfinden von 

Joachim Meyerhoff

Joachim Meyerhoff  |  © Reinhard Werner, Burgtheater

DIE ZEIT: Herr Meyerhoff, Sie haben vor einiger Zeit am Wiener Burgtheater ein einzigartiges Theaterprojekt begonnen. Sie erzählen auf der Bühne spielend Ihr eigenes Leben. Sie reisen aus der Vergangenheit allmählich in die Gegenwart. Drei Teile, drei Erinnerungsséancen haben Sie bisher aufgeführt, sie tragen den Obertitel Alle Toten fliegen hoch. Steckt dahinter nicht der Titel eines Kinderspiels namens "Alle Vögel fliegen hoch"?

Joachim Meyerhoff: Ich hatte eine etwas verschrobene Tante, Tante Thia. Die hat mit uns Kindern immer dieses Spiel gespielt – aber abgewandelt. Unsere Familie war sehr groß, und damit wir Kinder die Toten von den Lebenden zu unterscheiden lernten, ging Tante Thia die Verwandtschaft mit uns durch. Sie rief etwa: "Und der Onkel Konrad…", und wir ergänzten: "…der fliegt hoch." Das heißt, wir dachten, Onkel Konrad sei schon tot.

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ZEIT: Und? War er es?

Meyerhoff: Nein. Er lebte noch. Also rief Tante Thia: "Ach wo, Onkel Konrad fliegt nicht hoch! Der wohnt doch in Düsseldorf!"

ZEIT: Wer hoch flog, war tot; wer am Boden war, der lebte. Nun heben Sie auf der Bühne diese Trennung wieder auf. Man hat den Eindruck, Sie erzählen, damit die Toten Ihnen zuhören. Sie wirken, als rechneten Sie damit, aus der Vergangenheit jederzeit unterbrochen zu werden.

Meyerhoff: An diesen Abenden komme ich den Toten nah; es ist wie eine Beschwörung, ein Tischerücken. Es gab Zeiten in meinem Leben, da waren die Toten mir näher als die Lebenden. Erst seitdem ich Kinder habe, hat sich das geändert.

ZEIT: Hat diese Todesnähe damit zu tun, dass die Toten uns nicht mehr enttäuschen können? Sie sind im Tode wahrhaftig: Sie haben etwas in vollem Ernst getan. Bei den Lebenden kann man da nie ganz sicher sein…

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