Bitte antworten Sie nur auf meine Frage, Kollege!" Helmut Schmidt ist hörbar in großer Form. Auf dem Befehlsstand in der Hamburger Polizeizentrale wird der neue Hamburger Innensenator seit der Katastrophennacht von seinen Senatskollegen stillschweigend als Primus inter Pares anerkannt. Bei der großen Lagebesprechung der Einsatzleitung muss sich auch Bürgermeister Nevermann, der fast unauffällig neben Schmidt sitzt, mehrfach militärisch knapp von der Seite anreden lassen. Schmidt läuft auf hohen Touren, seit er am frühen Samstagmorgen der vergangenen Woche bei der beschleunigten Rückkehr von einem Berlinbesuch in die vom Hochwasser eingekesselte Hansestadt eingeflogen wurde.

Die "Lage" in der Hamburger Polizeizentrale unterscheidet sich kaum von einer militärischen Stabsbesprechung. Nur eben: dass alle Überlegungen und Anordnungen eine "Wasserfront" betreffen und dass ein Zivilist das Kommando hat, obwohl die Uniformträger im überfüllten Raum überwiegen. Konteradmiral Rogge, der Befehlshaber im Wehrbereich I, hält Vortrag. Kurze Übersicht über die Einsatzgruppierung der von der Bundeswehr gestellten Hilfsverbände. Dann ein Vorschlag: Dienstverpflichtung der männlichen Bevölkerung für den Deichbau? Rogge berichtet: Soldaten der Bundeswehr hätten am zerstörten Deich arbeiten müssen, während daneben nietenbehoste Jugendliche den Fußball traten. "Nicht bei uns, Herr Rogge." Schmidt stellt klar: Es gibt auf Hamburger Gebiet zu dieser Zeit neben den Deichen keinen Fleck, der fußballspielenden Freizeitgestaltern nicht nasse Füße einbrächte.

Schmidt will "einen Kopf auf jeden Nagel machen"

Die Frage der Dienstverpflichtung wird zurückgestellt. Aber der Deichbau steht obenan auf der Themenliste zur "Lage". Hunderttausend Sandsäcke werden an einem besonders kritischen Punkt dringend gebraucht. Der Mann vom Rundfunk meldet sich, fünfhundert Säcke hat jemand angeboten. "Danke schön, das hilft uns nicht." Schmidt will, wie er sagt, "einen Kopf auf jeden Nagel machen", und nur große Nägel nimmt er selbst in die Hand. Für die Frage der hunderttausend Sandsäcke braucht er eineinhalb Minuten, bis er diesen Punkt abhaken kann. "Ich erwarte Vollzugsmeldung." Ein Uniformträger in schlichter Feldbluse meldet sich ab: General von Baer muss nach Bonn zurück, der Luftwaffeneinsatz an der Wasserfront hat sich über alle Erwartung bewährt. 1130 Menschen haben die Hubschrauber gerettet, bei doppelt so hohen Windstärken, wie sie im Bordbuch eines Hubschraubers eigentlich auftauchen dürfen. Jetzt müssen die Maschinen, von denen bis zu hundert eingesetzt waren, dringend überholt werden. Die für die Inspektionsintervalle vorgeschriebene Flugstundenzahl ist durchweg weit überschritten worden. Eine Reserve bleibt in Fuhlsbüttel stationiert. "Wie lange brauchen Sie vom Alarm bis zur Einsatzbereitschaft?" Die Auskunft befriedigt den Innensenator, in hundert Minuten schlägt das Wetter nicht unbemerkt um.

Anfrage eines Verkehrsstrategen: Im Flaschenhals Freihafen rangiert die Bundesbahn mit zu langen Güterzügen; ob sie denn nicht mehr Loks einsetzen könne? Schmidt: "Ich meine, wir sollten der Bundesbahn in ihre Sorgen nicht zu viel hineinregieren." Zettel werden hereingereicht, der Lagebericht aus Niedersachsen, die neueste Zahl der geborgenen Toten. Alarmmeldung, noch unbestätigt: Ist die einzige intakte Elbbrücke bei Lauenburg angeschlagen? Inzwischen erstattet der Pionieroberst Bericht. Die drei 50-Tonnen-Fähren der Bundeswehr über die Oberelbe sind in Betrieb. "Herr Mohr, an die Karte." Der Bezirksamtsleiter des Katastrophenreviers Wilhelmsburg zeichnet einen Straßenbruch ein, fast unbemerkt fällt das Wort Bombentrichter. "Herr Philipp, wie lange brauchen Sie?" Der Oberst vom Einsatzstab Süd antwortet präzise. Und wieder Schmidt: "Ich erwarte Vollzugsmeldung."

Hamburg hat zur rechten Zeit seinen Innensenator bekommen