»Der Täter ist flüchtig«

Ilja Politkowskij über die Hinter- männer des Mordes an seiner Mutter, der russischen Journalistin Anna Politkowskaja

DIE ZEIT: Was erhoffen Sie sich vom Prozess zum Mord an Ihrer Mutter?

Ilja Politkowskij: Jetzt kommen alle gesammelten Beweise auf den Tisch. Das ist die notwendige Grundlage, um weiter zu ermitteln. Denn dieser Prozess ist nur ein kleiner Teil des Gesamtverfahrens. Der Mordfall Anna Politkowskaja ist bei Weitem nicht aufgeklärt.

ZEIT: Vor dem Gericht stehen nur drei Mittäter. Wer fehlt noch auf der Anklagebank?

Politkowskij: Der Auftraggeber und andere Organisatoren des Verbrechens. Auch der Mörder, ein Bruder zweier Angeklagter, steht nicht vor Gericht, sondern ist flüchtig.

ZEIT: Was haben Sie an den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu beanstanden?

Politkowskij: Wenn die Ermittler schneller gearbeitet hätten, hätte der eigentliche Mörder nicht das Land verlassen können. Er hielt sich bis Ende 2007 in Russland auf. Außerdem wurde das Verfahren gegen einen der Mitangeklagten, den Oberstleutnant des Geheimdienstes FSB Pawel Rjagusow, unerklärlicherweise vom Mordverfahren abgetrennt. Er war zwar nicht der Organisator des Mordes; es kann sein, dass er nur benutzt wurde. Aber er gehörte zu jener Bande, die wusste, was passieren sollte. Er sagte aus, dass er mit einem Mittelsmann der mutmaßlichen Täter über den Wohnort von Anna Politkowskaja gesprochen hat.

ZEIT: Haben Sie Kontakt zu den ermittelnden Staatsanwälten?

Politkowskij: Ja, sehr engen sogar. Wenn wir mit ihren Ermittlungen rundweg unzufrieden wären, dann nähmen wir an diesem Prozess nicht so aktiv teil. Es ist aber nicht so, als würden wir die Ermittler lieben. Sie haben Fehler gemacht. Doch wir hatten den Eindruck, dass sie den Fall wirklich aufklären wollten. Der führende Ermittler, so schien es uns, ackerte wie ein Gaul. Ob sie allerdings auch den Auftraggeber finden wollten, kann ich nicht sicher sagen, da ich nicht weiß, welche Anweisungen sie hatten. Wir arbeiten mit ihnen konstruktiv zusammen, aber prüfen alles nach.

ZEIT: Sie sind in die eigenständigen Mordermittlungen der Redakteure der Zeitung Nowaja Gaseta, bei der Anna Politkowskaja arbeitete, eingeweiht. Stimmen deren Ergebnisse mit der offiziellen Ermittlungsakte überein?

Politkowskij: Mal ja, mal nein. Die Zeitung kann niemanden inhaftieren und verhören. Aber viele Informationen, die jetzt im Gericht vorgetragen werden, stammen von Mitarbeitern der Nowaja Gaseta. Es gibt Menschen, die bereitwillig mit Journalisten, aber nicht mit Staatsvertretern sprechen. Von diesen Informationen haben die Ermittler profitiert.

ZEIT: Welches Ergebnis der Untersuchungen durch die Nowaja Gaseta ist Ihnen besonders wichtig?

Politkowskij: Es gab eine zweite Gruppe, die meine Mutter beschattete. Während des Prozesses wurden Aufnahmen einer Überwachungskamera aus dem Supermarkt gezeigt, in dem sie vor ihrem Tod einkaufte. Sie zeigen, dass zwei Personen Anna Politkowskaja verfolgten. Dafür gibt es auch Augenzeugen. Und man kann sehen, dass diese zwei Personen sich vor den Überwachungskameras zu verbergen suchen. Die Rolle dieser Personen ist bis heute ungeklärt. Wir haben alle Gründe, anzunehmen, dass sie nicht die Mörder, sondern FSB-Mitarbeiter waren, die meine Mutter beschatteten. Warum diese Überwachung am Tag des Mordes abgebrochen wurde, bleibt offen. Im schlimmsten Fall haben die Auftraggeber die Durchführung des Mordes kontrolliert und überwacht.

ZEIT: Haben Sie alle Teile der Anklageschrift lesen können?

Politkowskij: Nein, bestimmte Dokumente sind geheim. Sie betreffen zumeist Rjagusow, wie der Briefwechsel mit dem FSB. Nur der Richter und die Staatsanwälte dürfen diese Dokumente lesen. Wenn die Staatsanwaltschaft es für nötig hält, dass die Geschworenen diese Informationen erhalten, werden sie hinter geschlossenen Türen und ohne Presse bekannt gegeben.

ZEIT: Hat der FSB versucht, die Ermittlungen zu behindern?

Politkowskij: Nach meiner Information sind unter den Angeklagten Agenten des Geheimdienstes. Der FSB hat Fakten über sie zurückgehalten.

ZEIT: Die Mörder sollen unbedacht Spuren hinterlassen haben. Wie erklären Sie sich das?

Politkowskij: Diese Leute sind keine Profis. Diejenigen, die heute vor Gericht stehen, gehören einer in aller Eile zusammengesetzen Mörderbande an.

ZEIT: Wen verdächtigen Sie als Auftraggeber?

Politkowskij: Es gibt nur allgemeine Vermutungen. Anfangs ging man von zehn Personen aus. Es ist zu früh, dazu etwas zu sagen.

ZEIT: Hat die Verwaltung des russischen Präsidenten ein Beileidsschreiben an Sie geschickt?

Politkowskij: Von der Verwaltung des Präsidenten haben wir nichts bekommen. Die Moskauer Stadtregierung half uns bei der Beerdigung. Sie bestellte zwei Krankenwagen – einen für meine schwangere Schwester und einen für alle anderen. Wir hatten sie nicht darum gebeten. Diese Aufmerksamkeit uns gegenüber hat uns sehr überrascht.

Die Fragen stellte Johannes Voswinkel

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service