Schreiben, das sich lohnt
Die USA auf der Suche nach der Zukunft des Journalismus Von Eva C. Schweitzer
Ich bin 63 Jahre alt, und ich habe noch niemals solche Zeiten erlebt. Unser Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr«, sagt Donald Graham, der langjährige Verleger der Washington Post, auf einer Konferenz in New York. Eigentlich sollte er auf Einladung der UBS-Bank lauter Investmentbankern die Lage schönreden. Doch es wird längst über die Nachricht des Tages geredet: Die Tribune Company, das zweitgrößte Medienhaus der USA, hat Gläubigerschutz beantragt. Fast 13 Milliarden Dollar Schulden hat der Konzern, dem drei Dutzend TV-Stationen und Zeitungen gehören, vorneweg die Chicago Tribune und die Los Angeles Times.
Nun untersteht die Tribune einem Konkursverwalter. Dabei hat Immobilienunternehmer Samuel Zell den Konzern erst vor gut eineinhalb Jahren übernommen, für 8,3 Milliarden Dollar. Zell hat aber nur 315 Millionen Dollar eigenes Geld eingesetzt, der Rest war Kredit, der später dem Pensionsfonds der Angestellten aufgebürdet wurde. Und die Schulden wuchsen. Inzwischen muss das Unternehmen eine Milliarde jährlich an Zinsen aufbringen. Das ist in dieser Rezession, mit dramatischen Einbrüchen im Anzeigenmarkt, nicht zu schaffen. Im letzten Quartal hat die Tribune erstmals einen operativen Verlust gemeldet. Zell will nun einzelne Zeitungen abstoßen. Tausend Stellen wurden bereits gestrichen.
Die Tribuneist die Spitze des Eisbergs. Im Oktober 2008 lag die Gesamtauflage der US-Zeitungen bei 38 Millionen Stück, das sind 4,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Miami Herald und die Rocky Mountain News stehen zum Verkauf. Der Sun-Times Media Group aus Chicago ist das Geld ausgegangen. Die Washington Post, bestätigte Graham, macht 2008 Verlust. Und die kalifornische Website Pasadena Now hat ihre Lokalredaktion nach Indien verlagert, wo Journalisten nur sieben Dollar am Tag kosten.
»Die Leser glauben, Journalismus sei kostenlos«
Aber es gibt Hoffnung, und womöglich hat der Journalismus mehr Zukunft, als manch einer gerade glauben mag. Denn Stiftungen unterstützen Dutzende von Experimenten, in denen Pioniere nach neuen Organisationsformen und neuen Geschäftsmodellen für Journalismus suchen.
Eine Zukunft könnte beispielsweise in dem kleinen, vollgestopften Büro von David Cohn in San Francisco begonnen haben. Cohn ist ein 26-jähriger, begeisterungsfähiger Communitymanager, Crowdsourcer, Blogger, Digger und die treibende Kraft hinter Spot.us. Das ist ein kleines Projekt, das Journalismus auf den Kopf stellt: Die Leser sollen für Recherchen bezahlen. Und zwar für Recherchen, die sie selbst in Auftrag geben.
Jeder Leser kann einen Tipp für eine Story einreichen. Den kann jeder freie Journalist, der sich bei Spot.us registriert, aufgreifen und in einen Anreißer verwandeln. Dieser wird dann, mitsamt einer Selbstdarstellung des Journalisten, auf die Website gestellt, um Geldgeber zu suchen. Wer Interesse hat, die Geschichte zu lesen, kann 25 Dollar dafür spenden. Sobald ein zuvor veranschlagter Betrag zusammengekommen ist – 300 Dollar, 500 Dollar oder mal auch 1000 Dollar –, recherchiert und schreibt der Journalist die Story. »Im Moment passiert sehr viel im Journalismus«, sagt Cohn, er meldet sich aus San Francisco über Skype, das Internet-Telefon. Cohn ist ganz und gar ein Kind der YouTube/Twitter/Web-Generation. »Wir sehen heute im Journalismus, was in der Musikindustrie schon passiert ist, nämlich dass einzelne Stücke nachgefragt werden, nicht mehr das ganze Produkt«, sagt er. Diesen Monat sammelt Spot.us Geld, um etwa herauszufinden, was aus einem leckgeschlagenen Tanker geworden ist (800 Dollar) und wie es mit der Arbeitsmoral beim Polizeidepartment von Oakland aussieht (1000 Dollar).
Die klassischen Zeitungen sparen genau dort: beim investigativen Journalismus. Cohn bietet eine Alternative. »Journalismus ist der Prozess, nicht das Produkt«, sagt er. Alles laufe auf einen kulturellen Umbruch hinaus. »Leser sind es noch nicht gewöhnt, für Artikel à la Carte zu bezahlen. Die glauben, Journalismus sei kostenlos.«
Cohn selbst und sein Büro werden über Spenden finanziert. Und wie verhindern sie, dass Lobbyisten genehme Storys in Auftrag geben? »Wir haben einen Algorithmus für die Spenden auf der Website eingebaut, der sicherstellt, dass viele kleine Einzelspenden zusammenkommen«, sagt Cohn.
Freilich, von zahlungswilligen Lesern kann Spot.us noch nicht leben. Deshalb bekommt das Start-up einen Zuschuss von 340000 Dollar von der Knight Foundation. Letztere ist das Schwergewicht unter den Pressestiftungen, sie hat in einem halben Jahrhundert mehr als eine Milliarde Dollar in journalistische Experimente, Informationsangebote für Gemeinden und Fortbildung gesteckt. Journalistischer Programmdirektor ist Gary Kebbel, der zuvor für die Websites von USA Today, Newsweek und die Washington Post sowie als Nachrichtenchef bei America Online gearbeitet hat. Er fragt: »Wie kommt es, dass wir heutzutage mit Informationen überflutet werden, aber trotzdem viele das Gefühl haben, ihre Bedürfnisse werden nicht erfüllt?«
»Vor zehn Jahren konnten die sich noch einen Hubschrauber mieten«
Wie groß die Defizite sind, fiel Kebbel vor sieben Jahren nach einem Zugunfall in North Dakota auf. Mitten in der Nacht wurde Giftgas freigesetzt. »Die Radiostation dort hat die Bevölkerung nicht gewarnt, weil die zentral aus Texas gesteuert wurde und keine lokalen Nachrichten mehr hatte«, sagt Kebbel. Diese Tendenz verstärke sich. »Vor zehn Jahren konnten die großen Medienunternehmen noch Hubschrauber mieten, wenn etwas los war«, sagt er. »Das Geld haben die heute nicht mehr.«
Deshalb, meint Kebbel, müssten die Medien innovativer werden. »Wir wissen noch nicht, in welcher Weise, aber wir sponsern Experimente im Journalismus, um das herauszufinden, wie eben Spot.us«, sagt er. »Denn der alte Modus des Operierens funktioniert nicht mehr.« Das größte Problem der Zeitungen sind schließlich nicht die Auflagen, sondern die Anzeigen. Dort sind die Erlöse zweistellig eingebrochen, und es wird noch dramatischer werden, weil ein Drittel der Werbung von der Autoindustrie stammt, die von einer Krise in die nächste taumelt. Ein anderer Teil der Annoncen wandert bekanntlich ins Internet.
Insofern sieht es so aus, als läge die Zukunft des Journalismus vorläufig in den Händen von Multimillionären und Milliardären, denen persönlich am Gedeihen des Journalismus liegt: Das Ehepaar Herbert und Marion Sandler gehört dazu. Ihre gemeinnützige Stiftung übernimmt für 100 Millionen Dollar und über zehn Jahre die laufenden Kosten für das Projekt ProPublica. ProPublica beschäftigt zwei Dutzend Redakteure und Reporter, die investigative Geschichten recherchieren und dann an ein ihnen passend erscheinendes Medium weiterreichen.
Zur Überraschung vieler Beobachter ist auch einer in den Kreis der Milliardäre, die viel Geld in guten Journalismus stecken, getreten, den dort niemand vermutet hätte: Rupert Murdoch. Der Medienunternehmer hatte das Wall Street Journal vor einem Jahr übernommen und seither sogar neue Journalisten engagiert, die Berichterstattung erweitert. Das Blatt hat daraufhin in der Auflage zugelegt, immerhin 20000 Exemplare im Einzelverkauf, was in diesen Zeiten als echter Erfolg gilt. Gleichzeitig hat das Wall Street Journal 7,5 Prozent mehr zahlende Online-Abonnenten und 60 Prozent mehr Clicks auf der Website. Murdoch plant angeblich sogar, die Zeitung von der Börse zu nehmen, um sein Blatt in Ruhe und langfristig fortzuentwickeln.
Foto: Kevork Djansezian/AP
- Datum 11.12.2008 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren