Die lebenslange Freundschaft zwischen Kracauer und dem 14 Jahre jüngeren Adorno beginnt in den frühen zwanziger Jahren mit einer intensiven persönlichen Begegnung. So wenig wie in irgendeiner intensiven Beziehung ist Erotisches von ihr ausgeschlossen. Doch der erschütterte Liebesbrief des 34-jährigen Kracauer vom 5. April 1923, der den Band spektakulär eröffnet, und Adornos vergleichsweise kühle, auch altkluge, auf die brillante Formulierung versessenen Repliken zeichnen ein verzerrtes Bild vom liebenden Lehrer und seinem selbstverliebten Schüler. Liest man weiter, wie sich diese Freundschaft über Jahrzehnte erhält und entfaltet, ohne je etwas von der ihr eigentümlichen Intensität und Intimität einzubüßen, weiß man, wie entscheidend die Begegnung für beide war.

Kracauer an Adorno: »Loswerden wir uns vermutlich leider nicht«

Die beiden Linksintellektuellen trennt so viel, wie sie vereint. Zwar stammen beide aus assimilierten jüdischen Elternhäusern, aber Adorno wuchs in gesicherten Verhältnissen auf, lebte auch während seiner Exilzeit in den USA verhältnismäßig komfortabel (in Kalifornien sogar »mit Wägelchen«) und fasste im Nachkriegsdeutschland akademisch rasch wieder Fuß. Kracauer dagegen, der unter der kleinbürgerlichen Atmosphäre seines Elternhauses litt, lebte nach einem Architekturstudium zunächst von journalistischen Arbeiten als Feuilleton-Redakteur, war im amerikanischen Exil auf Stipendien und Mitarbeiterstellen angewiesen und fand erst spät an der Columbia University eine akademische Anstellung.

Adorno, der unter anderem Musik studiert hatte und selbst komponierte, interessierte sich früh für Arnold Schönberg und andere Vertreter radikal moderner Kunst. Kracauers Augenmerk galt dagegen von Anfang an einer anderen Seite derselben Moderne, den neuen Medien, vor allem dem Film, und der sich durchsetzenden Massenkultur. So unterschiedlich wie ihre Interessen sind denn auch ihre Prämissen, Verfahren und Gegenstände. Was sie eint, ist ihre leidenschaftliche Kritik daran, wie es ist. Und das schließt ein, wie es zwischen ihnen beiden ist.

Keiner siegt, und keiner unterliegt, doch der Kompromiss bleibt aus

»Loswerden wir uns vermutlich leider nicht« – das zynische »leider«, mit dem Kracauer schon 1926 die Endgültigkeit ihrer Beziehung quittiert, ist symptomatisch. Ihr Medium ist der Streit, Fluchtpunkt der Briefe das mündliche Gespräch, was Adorno »die große Zwakelei« nennt, denn »es darf nicht stumm zwischen uns sein«, und ihm sei »ein Wüterich« lieber als ein »Weißt-Du-noch-Freund«. Die Briefe, in denen sich die Kontrahenten mit einer Rücksichtslosigkeit auseinandersetzen, die vor nichts haltmacht, sind das Dokument erstaunlicher Streitbefähigung und unbezwinglicher Widerspruchslust. Dialektik und Kritik, über deren Voraussetzungen und Sinn sich die beiden ungleichen Marxisten zeitlebens besonders gern stritten, werden hier leibhaftig. Keiner trennt die Person von der Sache. Immer steht alles auf dem Spiel, und die Verletzbarkeit auf beiden Seiten ist so groß wie das Wissen darum. So tut es einem fast physisch weh, die Kritik zu lesen, die Adorno an Kracauers 1937 erschienenem Buch über Offenbach und das Paris seiner Zeit übt. Mit oberlehrerhaften Hinweisen auf musiktechnische Fehler fängt es an, geht über in eine vernichtende Stilkritik (mit ausführlichen Beispielen) und gipfelt in der Moralisierung von Kracauers vermeintlichen Darstellungsschwächen, in denen »eine furchtbare Menschenverachtung zu fühlen« sei. Als Adorno sich seinerseits gegen Kracauers Angriffe auf seine schwer verständliche Schreibweise zur Wehr zu setzen sucht, schießt der zurück: »Deine Rechtfertigung leuchtet mir nicht ein, penetrant wie sie ist.«

Das setzt sich fort, als der nach Deutschland zurückgekehrte Adorno dem in New York unter hochprekären finanziellen Verhältnissen lebenden Kracauer eine Gefälligkeit erweist, indem er einen längeren Essay Kracauers für eine deutsche Publikation kürzt und sich sagen lassen muss, er habe keineswegs nur gekürzt, sondern das Manuskript »als Unterlage für Deine eigene Arbeit benutzt«. Aber wie gnadenlos kritisiert Adorno dann wieder Kracauers 1964 auf Deutsch erschienenes Buch Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit! Keiner siegt, und keiner unterliegt, aber auch Konsens und Kompromiss bleiben aus. Bestenfalls wird ein Punkt erreicht, »wo es nicht weiter geht und wir uns eben gelten lassen«.

Die Frage nach Stil und Darstellung erweist sich als eine der Konstanten dieser leidenschaftlichen Auseinandersetzung, die Stärken und Schwächen beider scharf ins Bild rückt. Besonders akut wird sie mit den Erfahrungen im englischsprachigen Exil, als Kracauer seine Vorliebe fürs Englische entdeckt und Adorno, der auf eine deutsche Abfassung von dessen erst 1960 und zunächst auf Englisch publiziertem Filmbuch drängt, wiederholt betont, dass »das Entscheidende, was unsereiner zu sagen hat, von uns nur auf Deutsch gesagt werden kann«. Dagegen Kracauer: »Mein Stilideal ist, daß die Sprache in der Sache verschwindet.« Der hier angängige Streit reicht tief ins philosophische Selbstverständnis der beiden. Schon früh klagt Kracauer das Recht des Materials gegen die Konstruktion ein und fürchtet, dass Dialektik zum Selbstzweck werden könnte: Adorno nehme stets »einen doppelseitigen Standpunkt« ein, »um nur ja überall zu stehen«.