Südkorea Das Kimchi-Prinzip

Puffärmel am Judoanzug und ein Museum für Türschlösser: Mit seiner Kunst in Häppchen wird Seoul Weltdesignhauptstadt

Wenn Herr Oh am Fluss Han vorbeikommt, hat er eine Vision. Dann glitzern avantgardistische Glasbauten mit dem Wasser um die Wette, fröhliche Menschen auf idyllisch bepflanzten Grünflächen genießen ihre Freizeit. Se Hoon Oh, der Bürgermeister von Seoul, sieht das alles ganz deutlich vor sich. Im Zentrum der Metropole, da, wo jetzt noch Zweckbauten den Horizont säumen, soll bald eine Kombination aus Ökoparadies und Hightech-Geschäftszentrum mit windschnittigen Türmen entstehen. Dreamhub heißt das 20 Milliarden Euro teure Projekt, für das Stararchitekten wie Lord Norman Foster und Daniel Libeskind ihre Konzepte eingereicht haben. Noch existiert es nur als imposante PowerPoint-Präsentation. Doch Herr Oh ist guter Dinge. Denn Seoul wurde schon jetzt zur Weltdesignhauptstadt 2010 gewählt.

Seoul hat Potenzial, befand die Jury der International Design Alliance (IDA), einer Kooperation der internationalen Dachverbände der Industrie- und Grafikdesigner. In nicht einmal fünfzig Jahren hat sich die Hauptstadt des damaligen Entwicklungslandes Südkorea zu einer der mächtigsten Wirtschaftsmetropolen emporgeschwungen. Und mit dem Wohlstand wächst der Gestaltungswille.

Noch allerdings offenbart sich die Lust am Design nicht auf den ersten Blick. Da stößt das Auge des Besuchers vor allem auf Beton. Wohl wirken die grauen Klötze vor sattgrüner Berglandschaft auf befremdliche Art faszinierend. Aber Design? Bedeutet das nicht Kreativität, Formschönheit oder wenigstens Dekoration?

Eine Ahnung davon bekommt man unter der Erde. In den Gängen der völlig graffiti- und kaugummifreien U-Bahn-Stationen stehen Blumentöpfe mit Chrysanthemen akkurat aufgereiht auf extrabreiten Treppenstufen. Assoziationen mit Palasttreppen und Staatsbesuchen werden wach. Doch was hat es wohl mit den orangefarbenen Kleidungsstücken auf sich, die hier in blank gewienerten Glasvitrinen bereitliegen? Das sind bloß die Schutzanzüge bei Gefahr durch einen Tunnelbrand.

Vor den echten Schaufenstern für exklusives Modedesign kann man in Sinsa-dong flanieren, dem neuen Trendviertel Seouls. Dort hat auch Sang Beg Ha, Star der Fashionszene und ehemaliger Dressman, seine Kreationen ausgestellt: weiße Lack-Cowboystiefel für den Frühling, Kleider mit neonfarbenen Rückenrüschen und Judoanzüge mit aufgeschlitzten Puffärmeln. Er ist der Mann der Stunde. Teenager feiern ihn wie einen Popstar, Journalisten der angesagten Magazine stehen für Interviews Schlange.

Am Morgen ist Sang Beg Ha bei der Seoul Fashion Week für seine Kreationen noch frenetisch bejubelt worden, jetzt gibt er in Sinsa-dong seine Aftershowparty. In Röhrenjeans, Metallicblouson und lachsfarbener Plastikbrille steht er ein wenig angespannt unter einer Parade von Zylindern, die als Lampenschirme von der Decke hängen. Während die Gäste zu Elektromusik tanzen, nippt der Designer schüchtern an roter Brause: »Ich hätte besser sein können.« Halblaut überlegt Ha, ob Papageienprints womöglich den größeren Kick gebracht hätten.

Das Gebäude, in dem die Veranstaltung stattfindet, zählt zu den Hotspots des Architekturdesigns. Es ist eines der Renommierprojekte des Architekten Minsuk Cho und sieht so aus, als habe ein grüner Hügel einen riesigen Glaswürfel verschluckt. Ein Haus, das sein eigener Garten ist, von immergrünen Kletterpflanzen überrankt. Im Inneren locken mondän geschwungene Wände ins Untergeschoss, wo man sich in einer Mischung aus Feuchtbiotop und Discotempel wähnt. Vorsichtig, in der Erwartung, auf Plastik zu fassen, drückt man die Hand auf die Wand – und wundert sich: Ein feiner Wasserfilm benetzt ein Gespinst aus echtem Moos.

»Wir haben ein Bewässerungssystem in die Mauern eingebaut«, erklärt Minsuk Cho, der am nächsten Tag fiebrig und verschnupft durch seine Büroräume führt. Bis gestern hat er in Belgien Vorträge gehalten, gleich folgt ein Arbeitsessen mit wichtigen Auftraggebern, nächste Woche schon muss er nach Frankfurt zur Verleihung des Internationalen Hochhauspreises. Mit einem multifunktionalen Wohn- und Bürogebäude in der Innenstadt von Seoul, dem Missing Matrix Building, hat es Cho unter die fünf Finalisten geschafft. Der junge Architekt, der weit über Südkorea hinaus für seine avantgardistischen Ökobauwerke bekannt ist, nennt sein Büro Mass Studies, weil er genau das tut: das Phänomen Masse studieren. Ein durchaus naheliegendes Unterfangen in einer der zehn am dichtesten besiedelten Städte der Welt. Minsuk Chos Lösung heißt: dekomprimieren. Beim Missing Matrix Building muss man sich das ungefähr so vorstellen, als hätte jemand einen gläsernen Zauberwürfel auseinandergenommen und neu zusammengesetzt. Anstelle der fehlenden Baukörper wachsen Bäume mitten im Gebäude.

»Wir müssen noch viel mehr Leere bauen«, findet Chos älterer Kollege Hyo-Sang Seung, ein Mann mit zerzausten grauen Haaren und überdimensionierter Kunststoffbrille. »So haben es schon die Vorfahren gemacht: Im Zentrum war Leere, alles andere wurde darum herum gebaut.« Der 56-jährige Zen-Buddhist ist einer der führenden Architekten Seouls. Seine blockartigen Gebäude aus witterungsbeständigem Cortenstahl und Sichtbeton stehen auch in Japan, China oder Abu Dhabi. Seung setzt auf Purismus – ein Schönheitsideal, das ausnehmend gut in die Landschaft passt. Wer etwa das von ihm entworfene Lock Museum im Stadtteil Teahangno besucht, steht erst mal vor einer gigantischen, fensterlosen Rostwand – und ist erstaunt, im Inneren statt Industriehallenflair warme Holzböden und eine überraschende Vielzahl an Perspektiven zu finden. Zwischen Bambus, Beton- und Glaswänden öffnet sich ein komplett leerer Saal.

Dort steht jetzt Hongkyu Choi, Bauherr und Gründer des Lock Museum. Der ehemalige Schlosser doziert über Türschlösser, von denen er Tausende gesammelt und zur Besichtigung freigegeben hat. Denn in Korea sind Tür- und Vorhängeschlösser mit hoher symbolischer Bedeutung befrachtet. »Man schenkt sie zum Beispiel Schwangeren als Glücksbringer«, erklärt Choi. Auch Verliebte demonstrieren ihre Gefühle mithilfe von Schlössern und befestigen sie als Zeichen ihrer Liebe an ausgesuchten Orten.

In Chois Museum werden Schlösser, Riegel und Schlüssel in Glasvitrinen wie Heiligtümer präsentiert. Manche haben die Form von Schildkröten oder Drachenköpfen. »Kommen Sie«, lockt der glatzköpfige Hausherr am Ende des Rundgangs und führt den Gast noch ins Allerheiligste seiner Wohnräume: Das ehemalige Kinderzimmer seines inzwischen erwachsenen Sohnes birgt eine Vitrine mit Hunderten kleiner Comicfigürchen.

Dem Kleinen im Großen begegnet man überall in Seoul, einer Stadt, deren Schönheit vor allem im harmonischen Nebeneinander winziger Strukturen besteht. Architekt Minsuk Cho hatte das Phänomen tags zuvor in Hinblick auf Koreas kulinarische Spezialität als Kimchi-Prinzip bezeichnet. »Kimchi ist wie eine Matrix: Es ist niemals die Hauptsache und wird niemals allein gegessen, aber es ist ein essenzieller Bestandteil des gesamten Systems.« Mit seinen zahllosen Zentren und Peripherien ist Seoul tatsächlich ein bisschen wie Kimchi, eingelegtes Gemüse, das in vielen kleinen Schälchen zu jedem Essen gereicht wird und von dem es insgesamt etwa 500 Varianten geben soll.

Statistiker wollen herausgefunden haben, dass der durchschnittliche Koreaner 70 Prozent mehr arbeitet als ein normaler Niederländer. Nicht besonders verwunderlich angesichts des tief greifenden Wandels, der sich in Seoul innerhalb weniger Jahrzehnte vollzogen hat. Noch 1960 bestand die Stadt hauptsächlich aus Holzhütten. Heute zählt sie ähnlich viele Wolkenkratzer wie Shanghai. Hochhäuser mit Wahrzeichencharakter allerdings findet man hier nicht. Südkoreas 20-Millionen-Metropole hat bisher sämtlichen Zentralisierungs- und Markierungstendenzen widerstanden. Dass sich das in naher Zukunft ändern soll, sehen zahlreiche Künstler und Architekten mit Besorgnis. Argwöhnisch betrachten sie das Projekt Design Plaza von Trendarchitektin Zaha Hadid im Shoppingbezirk Dongdaeum und den Entwurf eines weiteren Gebäudes, das in Form einer gigantischen Träne am Fluss Han für einen Hauch Dubai-Grandezza sorgen soll.

Kulinarisch präsentiert sich Seoul dem Gast schon jetzt als ein Ort ausgeprägten Gestaltungsbewusstseins. Vor allem im Einkaufsviertel Myeong-dong, einer Mischung aus wimmeligem Straßenmarkt und Edelboutiquenmeile, versucht man den Flaneur mit optischen Argumenten zum Konsum zu bewegen. Hier lockt ein Softeisstand mit knapp 40 Zentimeter hohen Spiralbohrern aus gefrorener Milchmasse. Wenige Meter weiter hat man gigantische Lutscher in Gewehrform gegossen. Der Renner sind jedoch Reiskuchen in Fischform und mit Speck umwickelte Würstchen am Stiel, die auf Heizkarussells ihre Runden drehen, während aus den angrenzenden Geschäften Discobässe wummern und Geräusche ertönen, die man sonst aus Spielsalons kennt.

Dass sich über die Qualität von Design streiten lässt, dass manch gut gemeinter Modernisierungsversuch dem westlichen Besucher als Geschmacksverirrung erscheint, zeigt sich am Cheonggyecheon, einem Flüsschen im Herzen der Stadt. In den sechziger Jahren wurde es zubetoniert, bis man zwischen 2003 und 2005 einen Teil der Betondecke wieder aufreißen ließ. Gute Idee. Doch leider mutet die Ausführung so artifiziell an wie ein Weihnachtsbaum aus Hartschaum. Mit seinen allzu verspielten Springbrunnen und Miniwasserfällen sieht der Cheonggyecheon aus wie einer der kitschigen Bäche in manchen Einkaufszentren. Die Einwohner Seouls irritiert das nicht. Täglich flanieren bis zu 100000 Menschen über das sechs Kilometer lange Betonufer. Ihr früherer Bürgermeister Myung-bak Lee, der Initiator des 400 Millionen Euro teuren Projekts, wurde inzwischen zum Staatspräsidenten gewählt.

Sollte Seoul eines hoffentlich fernen Tages so verwechselbar wie andere Megametropolen geworden sein, dann hätten die einheimischen Architekten, die Verfechter der Kleinteiligkeit mit den umweltfreundlichen Ambitionen, ihr Terrain verloren. Aber wer weiß, vielleicht kommt auch alles ganz anders. »In Seoul weißt du nie, wie es morgen aussieht«, sagt am Abend die Hähnchenfrau, die am Straßenrand frittierte Schenkel in scharfer Soße verkauft. »Bloß das hier, das wird es in tausend Jahren noch geben.« Dann reicht sie eine Tüte mit Rettich-Kimchi über den Tresen.

INFORMATION

Anreise: Direktflüge ab Frankfurt am Main mit Lufthansa, Asiana Airlines und Korean Air

Unterkunft: Luxus: Grand Hyatt, 747-7 Hannam-dong, Yongsan-gu, Tel. 0082-2/7971234, www.grandhyattseoul.co.kr , ab 95 Euro pro Nacht

Günstig: Ellui Hotel, 129-2 Cheongdam-gu, Gangnam-gu, Tel. 0082-2/34447777, ab 65 Euro pro Nacht Traditionell: Bukchon Hanok Guesthouse 72, Gye-dong, Jongno-gu, Tel. 0082-27438530, ab 20 Euro pro Nacht

Restaurants: Top-Adresse: Hanmiri, 968-5 Daechi-dong Gangnam-gu, www.hanmiri.kr , geöffnet 12–15 Uhr und 18–22 Uhr

Mittelklasse: Imokdae, 38 Kwanhoon-dong Jongro-gu, www.ssamziegil.co.kr, geöffnet 11.30–22 Uhr Einfach: Nunnamujip, 20-8 Samcheong-dong Jongro-gu, www.nunnamujip.com , geöffnet 11.30–21 Uhr

Museen: Lock Museum, 187-8 Dongsung-dong, Jongro-gu, www.lockmuseum.org

Wechselnde Ausstellungen internationaler zeitgenössischer Kunst gibt es im Artsonje Center, www.artsonje.org. Im Leeum, dem Kunstmuseum von Samsung, ist traditionelle koreanische sowie zeitgenössische internationale Kunst in einem Architekturkomplex von Mario Botta, Jan Nouvel und Rem Koolhaas ausgestellt: 747-18 Hannam-dong, Yongsan-gu, www.leeum.org

Auskunft: Korea Tourism Organization, Frankfurt am Main, Tel. 069/233226, http:// german.visitkorea.or.kr/ger/index.kto

 
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