Rückblick Es geschah in ManhattanJBTW

Von Ground Zero zur Wall Street - Spaziergang durch ein kaltes Jahrzehnt

Von Wolfgang Büscher Fotos Jeff Mermelstein

Banker! Um 16 Uhr kommt Bewegung auf am Hinterausgang der mächtigsten Börse der Welt. Ganz konservativ in Mantel und Hut die einen, andere legerer, grüßen sie den uniformierten Wachmann an der Tür, nehmen den Parcours durch den abgesperrten Außenbereich, rennen fast durchs plastiküberdachte letzte Tor, nur raus, heim, wer weiß, wohin. Manche fluchen. "Fuck! Media!" Manche heben abwehrend die Hand. Einer versucht, an einen mitrennenden Freund gewandt, einen Witz. "Deine Paparazzi?" Einer lächelt, einer unter Hunderten. Nur raus. Weg hier.

Dann ist es still um die New York Stock Exchange. Nur die Fahnen klirren im Wind. Ein helles Schlagen ihrer Schnüre gegen die Stangen. Sonst hört man nicht viel. Die Wall Street nach Börsenschluss ist eine einsame Straße. Dicht hängen die Stars and Stripes, die Börse schmückt sich ebenso damit wie BMW of Manhattan, irgendein Lunch-Café.

Der Besucher aus Europa hört das Fahnengebimmel im Dunkeln und hat eine Frage: Wie wird man später über uns reden? Wie wird man die Zeitspanne, die am 11. September 2001 mit einem so ungeheuren Terroranschlag begann und die in diesen Wochen mit einem so monströsen Systemabsturz endet – wie wird man dieses kurze Jahrzehnt einmal nennen, in dem das 20. Jahrhundert sich auflöste, die erstaunlich lange Pax Americana?

Der Besucher ist verabredet. Mit einer Kölnerin, die seit vierzehn Jahren in New York lebt, einen New Yorker heiratete, einen Roman über den 11. September schrieb (Nora), jüngst amerikanische Staatsbürgerin wurde und zum ersten Mal einen amerikanischen Präsidenten wählte, mit der Autorin Pia Frankenberg.

Sie hat eine Überschrift für die Jahre von 2000 bis jetzt: "Die bleierne Zeit". In den ersten anderthalb Jahren von George W. Bushs Präsidentschaft, erzählt sie, habe ihr Bewusstsein sich geweigert, ihn richtig wahrzunehmen. "Erst als er drei Tage nach dem 11. September auf den Trümmern einen armen Rettungshelfer umklammerte, der sich dessen nicht zu erwehren wusste, wurde mir so richtig klar, dass er Präsident war. Und irgendwann saßen wir da und schauten im Fernsehen Shock and Awe." So hieß Bushs Militärschlag gegen den Irak.

Solche Erinnerungen hört man jetzt oft. "Wie abgeschaltet" fühlte sich der typische liberale New Yorker in den acht Jahren unter der Herrschaft des Mars, "wie taub" oder gar "wie im Gefängnis". Für viele endet in diesen stürmisch-euphorischen Wintertagen ein Albtraum von Amerika, und der Amerikanische Traum zeigt sich reborn, wiedergeboren mit einem kennedyhaft jungen, zudem schwarzen Gesicht: Obama.

Natürlich hat Pia Frankenberg ihn gewählt. Sie erzählt von der Nervosität eines New Yorker Freundes am Wahltag, eines Fotografen. "Er war so fertig, er brauchte Kopfschmerztabletten, um die Stunden bis zum Wahlergebnis zu überstehen. Er hatte schon alles vorbereitet für seinen Umzug nach Berlin, falls Obama verloren hätte."

Und jetzt, am Morgen nach der großen Obama-Party? "Ich habe einen ganz interessanten Kater. Nicht wie von einem Rausch. Eher verhalten, eher: Jetzt haben wir ihn gewählt, was macht er nun? Das Fest ist vorbei, und die Probleme sind da." Dennoch, der Bruch sei enorm, nicht nur ein neuer Präsident sei gewählt worden, sondern ein neuer Stil, eine neue Sprache. "Ich fühle mich wieder ernst genommen. Da ist einer, der aufmerksam und intelligent zu uns spricht und nicht schief grinst, wenn ihn Anschläge und Flutkatastrophen überraschen."

Nun neigt der Europäer bekanntlich dazu, sich seine amerikanischen Freunde im liberalen New York, in Boston und L.A. zu suchen, an den äußersten Rändern des Landes. Den Rest von Amerika übergeht er kopfschüttelnd.

Ist hier dieses harte Amerika, das die Welt so befremdet, hier in Ground Zero? Sieben Jahre nachdem die Flugzeuge in die Zwillingstürme rasten, ist der Ort zuallererst ein akustisches Phänomen, ein großer Krach in der Welt. Stahl kreischt. Laster tröten. Die Erde bebt von Rammstößen, eine Ambulanz jault, oder ist es ein Polizeieinsatz – ist etwa wieder was? Dort drüben am Broadway halten sie immer wieder Autos an und durchsuchen sie nach Sprengstoff. Wer hier nicht stoisch wird, soll aufs Land ziehen.

Es ist ein kalter, blauer Tag, und manchmal öffnet sich eines der Baustellentore, und die Wächter, schwer vermummt gegen den Eiswind, lassen einen Laster durch. Man schaut dann einen Moment lang in die Grube. Die Fundamente neuer Hochhäuser sind gelegt, samt Memorial für die fast 3000 Menschen, die hier umkamen in Kerosinfeuer, Trümmern, Rauch.

Ja, es war Krieg. Und ja, es gibt eine Sprache der Bilder, die unter den Worten liegt. Überlebende haben ein Dokumentationszentrum eingerichtet. Die verzweifelten Suchzettel dort mit Fotos und Namen der Vermissten aus den Tagen nach dem 11. September – der deutsche Besucher kann sie nicht ansehen, ohne an die Suchzettelwälder in zerstörten Städten im Sommer 1945 zu denken. Was immer das heißt oder auch nicht.

Da ist die Feuerwache hart an der Mördergrube, die zur Baugrube wurde. Da sind die patriotischen Losungen auf beflaggten Feuerwehrwagen: "Still standing" und "We support our troops". Da ist die Kneipe O’Hara’s gleich nebenan. "Still open!" Lange Tresen, an denen Männer mächtige Burger verzehren, Berge von French Fries, dazu ein Guinness oder eine Cola. Ein Fries von Feuerwehrwappen aus aller Welt läuft um den Saal, und in der Jukebox läuft amerikanische Schlagermusik. Leicht, sich einzubilden, man sei gar nicht in Manhattan, sondern irgendwo in Osttexas.

Täglich werden Führungen um Ground Zero angeboten, geleitet von Überlebenden. Jim erzählt, wie er 1968 als junger Soldat, per Schiff unterwegs in den Vietnamkrieg, Freigang in Pearl Harbor hatte. Während andere Hawaiimädchen und Bier suchten, schloss er sich einer Führung zum verheerenden japanischen Luftangriff auf die US-Basis im Zweiten Weltkrieg an. "Und nun, vierzig Jahre später, mache ich selbst solche Führungen und erkläre den Leuten, woher die Flugzeuge angriffen."

Das Ziel war teuflisch gut gewählt, taktisch wie symbolisch – das World Trade Center ragte heraus. Eine eigene Welt mit Zehntausenden Bewohnern und Besuchern aus aller Herren Länder und eigener Postleitzahl. "Der Angriff", sagt Jim, "galt unserer modernen Welt. Deren Zentrum ist Amerika. Das Zentrum des modernen Amerika aber war das World Trade Center."

Dessen Neubau nun aus der Grube heraus, in der immer noch menschliche Relikte gefunden werden, Knöchelchen, die aussehen wie Kiesel, wird kein Wiederaufbau sein. Das neue World Trade Center wird nicht so planetenhaft sein wie das alte. Normaler. Straßen sollen nicht mehr davor enden, sondern hindurchlaufen wie vor dem ersten Turmbau zu Manhattan. Vor allem aber: Die Dauerparty ist aus, die Leichtigkeit weg. Der Ort des Anschlags ist zum Memorial geworden und wird es bleiben.

Und doch ist Jim und den anderen Überlebenden etwas Erstaunliches gelungen. Erst nach einer Weile merkt der Fremde, dass ein Name niemals fällt: bin Laden. Auch al-Qaida nicht. Selbst "Terroristen" sagt kaum einer. Es ist wie ein Schwur: Kein Wort über die, die uns das antaten, nicht einmal im Zorn.

Liebevoll bewahrt in Wort, Schrift und den objets trouvés des Grauens wird jedoch das Andenken an die Kollegen, Freunde, Gäste, die in den je 110 Etagen beider Türme, in ihren je 99 Aufzügen, in den einstürzenden Treppenhäusern umkamen. Und natürlich an die Feuerwehrleute, die "the supreme sacrifice" brachten, wie es auf einer Gedenktafel heißt, das höchste Opfer. Ihr Leben. Das Wort "Helden" fällt. Ein einziger, langer Heldengedenktag – der 11. September hat sich gelöst, ja befreit von denen, die ihn über die Stadt brachten. Er ist ein amerikanischer Tag geworden.

Jim beendet die Tour mit einem Gedanken, den er mit uns teilen möchte, wie er sagt: "Die Welt endete nicht um Mitternacht 1999/2000, wie manche glaubten, und auch nicht am 11. September." Er zeigt auf die blauen Abzeichen, die alle Tourgäste erhalten haben: "Blau ist unsere Symbolfarbe. Wie der blaue Himmel heute. Wie die vielen wunderbar blauen Tage, die noch kommen." Ist das naiv, blauäugig eben?

So über Jim zu denken fällt schwer, wenn man ihn erlebt. Gerade die stolze und zugleich feinfühlige Weigerung, die Namen der Mörder seiner Freunde und Angehörigen in den Mund zu nehmen, und der Verzicht auf alle Propaganda machen seine Erzählung so stark. Leute wie er haben geschafft, was ihrem obersten Kriegsherrn mit seinen Methoden nicht recht gelang. Sie haben bin Laden den Sieg entwunden.

Wie Judoka haben sie den Anschlag, mit dem er dieses Jahrzehnt als Zeit des Dschihad zu definieren suchte, in den Sieg ihrer Idee eines Amerikas verwandelt, das auf die zugefügte Katastrophe mit einer hohen Zeit der Menschlichkeit reagiert: mit dem Heldenmut der Feuerwehren, mit Zigtausenden freiwilligen Helfern. In der wundersam verschonten St. Paul’s Chapel im Radius der stürzenden Türme fanden sie alle Aufnahme. Etwas zu essen, eine Pritsche, ein paar Stunden Schlaf, ein freundliches Wort nach zwölf und mehr Stunden Einsatz.

Noch sieben Jahre danach sieht die Pauluskapelle aus wie ein besetztes Haus mit selbst bemaltem Soli-Laken aus Oklahoma und den unvermeidlichen Teddybärenhalden wie überall, wo etwas so Böses geschah, dass es beim modernen Menschen, der an das Böse nicht mehr glaubt, den Wunsch auslöst, klein und unschuldig zu sein wie die Kinder. Nun aber weiter, es dämmert früh.

Auf der anderen Straßenseite schwingen die Türen des Kaufhauses Century 21 im Sekundentakt – ein einziger Wühltisch für Designerkleidung zum Nachsaisonpreis. Das Gewühl passt zur Zeile, die von früh bis spät unter den TV-Nachrichten läuft: "Coping with the Holiday blues". Mit dem Feiertags-Blues zurechtkommen. Ein Dessous von Victoria’s Secret soll es schon sein auf dem Gabentisch, aber bitte billig, ein Modell vom letzten Jahr.

Die Wall Street, was ist das noch? Eine stille Straße, belebt hauptsächlich von Touristen. Etliche Banken sind nach Midtown gezogen. Hochhäuser, früher geschäftlich genutzt, werden in Wohnungen umgewandelt. Natürlich, die Börse ist noch da, wenn auch rundherum abgesperrt, unzugänglich fürs Publikum seit dem 11.September 2001. Vor ihrer römischen Tempelfassade steht ein riesiger, mit bunten Kugeln und Lichtern geschmückter Weihnachtsbaum. Ein Wachmann, gefragt, ob der Baum dieses Jahr bescheidener ausfalle, verneint: "Business as usual ist die Botschaft."

Plötzlich steht mitten auf der Wall Street ein Mann mit dem Schild "We buy gold". Richtig, der Goldpreis. Wie alle Kurse spielt er verrückt in diesen Tagen und ist nur noch in der Maßeinheit Angst begreifbar. Heute steigt er. Und wieder flüstert es in der Sprache der Bilder: Hinter dem Mann dort, diesem modernen Goldsucher – taucht da nicht ein anderer auf, mit einem anderen Schild: "War Banker. Nehme jede Arbeit an"?

Neulich stand so einer wirklich hier. Die New York Times druckte ein Foto von ihm. Die Chancen, einem gefeuerten Banker zu begegnen, stehen nicht schlecht in der Welthauptstadt der Finanzen, die New York jedenfalls bei Drucklegung dieses Berichts noch war. Man steigt in ein Taxi, kommt ins Reden, und es stellt sich heraus: Der Fahrer war bis vor Kurzem Investmentbanker.

Wo die Wall Street endet, steht die Trinity Church, beinahe ist man geneigt, das symbolisch zu nehmen. Die Kirche bietet den Gefeuerten Hilfe an, Kurse wie: "Navigieren durch unsichere Zeiten. Managing Stress (Don’t Panic!)." Leider – oder gottlob? – erscheint außer dem Gast aus Europa nur einer. Jeff ist vierzig und wurde vor einem Jahr von einer großen Bank entlassen. Seine Tage, sagt er, bringe er mit Freunden zu oder im Internet. "Beruflich fit bleiben. Sich bewerben. Das Härteste sind die Anrufe, die Absagen, die man sich persönlich holt. Im Internet habe ich das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben."

Die Therapeutin fragt ihn, ob er denn auch Spaß habe oder sich etwa seinen Sorgen hingebe. Jeff beteuert, für den Spaß einiges zu tun. Dann erläutert die Therapeutin ihre Weltsicht, die Sitzung mündet in eine buddhistische Predigt. Das Habenwollen, die Gier als Ursache des Leides. Doch so buddhistisch sie auch argumentiert, sie ist eben doch Amerikanerin. Ihre strenge Ermahnung zum Spaß macht das ebenso klar wie die Anfeuerung "We are survivors!", die sie unversehens in ihre Predigt des Nichthabenwollens streut. Man verabschiedet sich freundlich und gibt einander ein paar Lebenserfahrungen mit der Krise auf den Weg.

Wieder ist es Nacht, wieder ein Tag an der Wall Street vorbei. Die Fitnessstudios haben noch geöffnet. Über den Köpfen der zu Hip-Hop-Beats auf der Stelle Rennenden flackert warnrot der Obertitel über den aktuellen TV-Nachrichten dieser Tage: "Issue # 1". Thema Nummer eins ist, na klar, die Krise. Was wohl vis-à-vis bei Tiffany los ist? Können auch Diamanten die Krise fühlen?

"Alle spüren die Krise", sagt eine Dame hinterm Tisch. Eine andere hört das und tritt hinzu. "Ach was, die Leute heiraten immer, verloben sich immer, haben eben Geburtstag."

Das war jetzt ein Dialog über die Zukunft. Wir sind alle nur Menschen, sagt A. Ach was, wir sind Amerikaner, sagt B. Ins Politische übersetzt, heißt das ungefähr: Obama macht das schon, er ist ein Großer, sagt B. Vielleicht, sagt A, ist die Krise größer. Bald wissen wir mehr.

 
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