Die nuller Jahre
"Es gibt keinen Kredit auf Vergangenes"
Wenn die Finanzkrise vorbei ist, glaubt Modeschöpfer Karl Lagerfeld, "werden Europa und Amerika endgültig die schöne alte Welt sein."
Das ZEITmagazin hat zahlreiche Persönlichkeiten nach ihrer persönlichen Bilanz der "nuller Jahre" befragt - jenem kurzen Jahrzehnt, das mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 begann und mit dem Zusammenbruch des Finanzsystems2008 endet.
ZEITmagazin: Herr Lagerfeld, gibt es irgendein Kleidungsstück, das für die nuller Jahre steht? So wie der Petticoat für die fünfziger?
Karl Lagerfeld: Die Jeans. Die ist viel besser geschnitten als früher. Die neunziger Jahre waren ziemlich ordinär, vor allem die Männermode. Man musste Maßanzüge tragen, weil alles andere Mist war. Heute gibt es bessere Sachen zu besseren Preisen. Das liegt auch daran, dass es in den letzten Jahren in der Mode einen enormen technischen Fortschritt gab, zum Beispiel in der Entwicklung von Stoffen.
ZEITmagazin: Sie haben zur Jahrtausendwende 40 Kilo abgenommen, um die schmalen Entwürfe von Hedi Slimane für Dior Homme tragen zu können. Inzwischen ist Slimane dort weggegangen. Was ziehen Sie heute an?
Lagerfeld: Immer noch Dior. Ich bin deren größter Kunde, habe ich gehört. Aber ich mag auch Adam Kimmel, diesen neuen Amerikaner. Tom Ford finde ich auch ganz gut. Aber er macht genau das, was die Italiener vor 20 Jahren gemacht haben, und es kommt einem vor, als habe man seine Sachen schon mal gehabt.
ZEITmagazin: Der Karl Lagerfeld, den man in den neunziger Jahren kannte, war erfrischend arrogant und elitär. Jetzt posieren Sie für das französische Verkehrsministerium in einer gelben Sicherheitsweste, es gibt Sie als Steiff-Teddy und Held eines Computerspiels. In Dubai entwerfen Sie Wohnhäuser. Man erkennt Sie kaum wieder.
Lagerfeld: Die Welt hat sich sehr geändert, ich habe mich geändert. Man kann nicht das ganze Leben lang das Gleiche machen, sonst gerät man in Vergessenheit. Vor allem fing ich an, mich zu langweilen. Mir ist es wichtig, in der Gegenwart zu leben, denn es gibt keinen Kredit auf Vergangenes.
ZEITmagazin: Wie würden Sie diese Gegenwart charakterisieren?
Lagerfeld: Mir gefällt an dieser Dekade das Kokettieren mit guten Taten nicht. Ich hab es satt, dass wohlhabende Leute ständig um Geld für ihre Stiftungen bitten, damit sie ihr Gewissen beruhigen. Sie könnten doch ihr eigenes Vermögen geben. Ich kenne Leute, die mit ihren Stiftungen Privatflugzeuge bezahlen. Früher gab es echten Humanismus, heute gibt es den Mantel des Humanitären.
ZEITmagazin: Ihr Symbol für die nuller Jahre?
Lagerfeld: Der Wandel der Zeit drückt sich in der Architektur aus. Da hat sich viel geändert. Architekten wie Herzog & de Meuron und Zaha Hadid haben die Post-Bauhaus-Ära überlebt. In unsere dicht besiedelten Städte passen diese organischen Formen vielleicht nicht, aber in China oder Dubai wirken die Gebäude wie Skulpturen.
ZEITmagazin: Haben Sie sich in letzter Zeit von irgendwelchen Ideen verabschiedet? Gab es Irrtümer?
Lagerfeld: Ich bin innerhalb von Paris umgezogen in ein kleineres Haus. Ich hatte mich selbst lange so sehr verwöhnt, dass mir einiges zum Hals raushing. Jetzt möchte ich mein Leben vereinfachen. Ich habe keine Lust mehr auf so viel Personal.
ZEITmagazin: Sie haben Ihr Personal entlassen?
Lagerfeld: Ich habe es restrukturiert. Zwingend bleiben Zimmermädchen, Chauffeur und Koch rund um die Uhr. Mein Traum ist es, irgendwann im Hotel mit Room Service zu leben.
ZEITmagazin: An welchem Stück aus Ihrem Besitz hängen Sie besonders?
Lagerfeld: Ich hasse Besitz. Aber eine Reproduktion der Tafelrunde von Friedrich dem Großen, gemalt von Adolph Menzel, gehört zu meinen Lieblingssachen. Die habe ich als Kind in einer Hamburger Galerie gesehen. So müsste das Leben aussehen, habe ich zu meiner Mutter gesagt und mir das Bild zu Weihnachten gewünscht. Durch das Bild habe ich das 18. Jahrhundert für mich entdeckt.
ZEITmagazin: Wo hängt es heute?
Lagerfeld: Es ist in einem Möbellager. Das Bild kommt in mein neues Haus in Vermont, das ich gerade gekauft habe und jetzt renovieren lasse. Es ist von 1840, very Emily Dickinson und liegt auf einer Insel in einem See an der kanadischen Grenze. Es ist nicht riesengroß, beinahe puritanisch. Das ist für mich die neue Bescheidenheit.
ZEITmagazin: Ein Wort, das man nicht sofort mit Ihrem Lebensstil assoziiert.
Lagerfeld: Ich bin von sehr puritanischer Natur. Ich erlaube mir nichts, gönne mir wenig. Ich könnte sehr spartanisch leben.
ZEITmagazin: Beeinträchtigt denn die Finanzkrise Ihren Alltag?
Lagerfeld: An meinem Alltag hat sich noch nichts geändert, aber fragen Sie mich in einem Jahr wieder. Man muss das Geld zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt. Geld muss zirkulieren, und das tut es im Moment nicht.
ZEITmagazin: Welchen Effekt hat die Krise auf die Luxusbranche?
Lagerfeld: Natürlich leidet die Luxusbranche weniger als andere. Aber es gibt viele wohlhabende Leute, die mit der Krise ihren Geiz rechtfertigen. Dank der Krise kann man in der Sonne liegen und entspannt geizig sein. Zum Glück gibt es heute Vermögen auf der Welt, die es bei der Weltwirtschaftskrise von 1929 noch nicht gab – chinesische, indische, arabische, russische. Wenn die Krise vorbei ist, werden Europa und Amerika endgültig die schöne alte Welt sein, und die neue Welt wird repräsentiert von Indien, China und den Golfstaaten.
ZEITmagazin: Wird die Rezession eine Rückbesinnung auf alte Werte bringen?
Lagerfeld: Es wäre schön, wenn Geld und Kultur sich parallel entwickeln würden, aber das war ja selbst vor der Krise nicht so. Haben die Leute überhaupt noch Sinn für Werte, Kultur, Zivilisation? Interessieren sich Leute, die messages tippen, während sie mit einem reden, überhaupt für etwas anderes als für ihre Telefone? Die Leute wissen heute nichts mehr und müssen alles im Computer nachgucken.
ZEITmagazin: Sie sind bekannt dafür, dass Sie nie ans Telefon gehen und nur handschriftlich korrespondieren.
Lagerfeld: Ich habe keinen Computer, kein Handy, ich habe alles im Kopf. Das Gehirn ist ein Muskel, der trainiert werden muss. Ich besitze ein iPhone, aber ich benutze es nicht. Allerdings habe ich schon ein paar iPhones als Geschenk gekauft, weil mir das Design gefällt.
ZEITmagazin: Was ist für Sie das wichtigste Buch der nuller Jahre?
Lagerfeld: Ich lese nicht viel Zeitgenössisches. Toll fand ich The year of magical thinking von Joan Didion.
ZEITmagazin: Warum gerade dieses schwermütige Buch, in dem Didion den Tod ihres Mannes beschreibt?
Lagerfeld: Ich kann es Ihnen nicht genau sagen. Ich kenne alle ihre Bücher, aber dieses eine hat mich besonders berührt.
ZEITmagazin: Ihr Lieblingsfilm aus den nuller Jahren?
Lagerfeld: Ich gehe selten ins Kino. Zu Hause schaue ich mir auch nicht gern Filme an, weil ich an diesem Ort keine fremden Stimmen hören will. Aber einen Film fand ich herausragend: The Others mit Nicole Kidman. Ich mag diese Gespenstergeschichten, schließlich habe ich oft in alten Schlössern gelebt, in denen es Geister gab.
ZEITmagazin: Sie glauben an Geister – glauben Sie auch an Gott?
Lagerfeld: Ich bin nicht religiös, ich interessiere mich nur für die Geschichte der Religion. Ich glaube an mich. Und daran, dass etwas existiert, das mir die Möglichkeit gegeben hat, an mich zu glauben.
ZEITmagazin: Etwas Abstraktes, Übergeordnetes.
Lagerfeld: Mehr ist heute nicht mehr möglich. Als Kulturträger ist die Religion allerdings toll. Die Vorstellung vom Leben nach dem Tod ist ein Luxus von zivilisierten Gesellschaften.
ZEITmagazin: Und was, glauben Sie, kommt nach dem Tod?
Lagerfeld: Ich stelle mir das Sterben vor wie Schlafen mit Schlaftablette.
ZEITmagazin: Der Körper verfällt, und das war’s?
Lagerfeld: Der Körper ist nur eine Hülle. Mit ihm geht es ja schon abwärts, wenn wir noch drinstecken. Er ist ein gutes Stück, das nur begrenzt brauchbar ist. Wie ein Auto. Wenn man gut darauf aufpasst, hat man am Ende ein Vintage-Modell. Ich sehe mich als Sportwagen.
ZEITmagazin: Sie lassen sich vorzugsweise im Hummer SUV herumchauffieren, dem größten Geländewagen, den es gibt.
Lagerfeld: Ich habe drei Stück davon. Zwei hier in Paris, einen in Monte Carlo. Ich will nicht auf derselben Höhe wie die anderen fahren. Der Hummer ist wie ein Panzer, er gibt mir ein Sicherheitsgefühl.
Das Gespräch führte Ilka Piepgras
Karl Lagerfeld, 75, ist der bekannteste Modedesigner der Welt. 2006 gründete er für Chanel den Mobile Art Container. Das erste mobile Kunstmuseum tourt bis 2010 durch die Welt.
- Datum 18.12.2008 - 11:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.12.2008 Nr. 51
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