Das ZEITmagazin hat zahlreiche Persönlichkeiten nach ihrer persönlichen Bilanz der "nuller Jahre" befragt - jenem kurzen Jahrzehnt, das mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 begann und mit dem Zusammenbruch des Finanzsystems2008 endet.

ZEITmagazin: Herr Sloterdijk, wer sind die Helden dieses ersten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends?

Peter Sloterdjik: Für mich persönlich ist die Antwort evident: die Menschen, die bei den Sicherheitskontrollen am Flughafen ausgerastet sind. Im Spiegel stand neulich eine hübsche Aufzählung. Ein Passagier hat seine Rasierwasserflasche gegen eine Scheibe geworfen, ein anderer hat eine Kontrolleurin geohrfeigt. Das sind meine Helden, einsame Kämpfer gegen den Sicherheitswahn.

ZEITmagazin: Das klingt jetzt fast so, als hätten Sie selbst schlechte Erfahrungen gemacht.

Sloterdjik: Das kann man so sagen. Ich werde nie vergessen, mit welcher Handbewegung ein Kontrolleur am Flughafen Amsterdam mir deutlich machte, ich müsse jetzt meine Flasche Wein in diesen Container dort werfen, sonst dürfe ich nicht mitfliegen – ein ganz fabelhafter italienischer Rotwein, ein Geschenk des Gastgebers für eine Lesung am Vorabend, völlig nitroglyzerinfrei. Ich sagte diesem Security-Affen, ich würde das auf keinen Fall tun, ich würde zu meiner Vergewaltigung nicht auch noch die Hand reichen, das müsse er schon selber machen. Darauf hat er die Flasche in die Tonne geworfen. Den dumpfen Schlag höre ich noch immer, das ist der Sound des Jahrzehnts.

ZEITmagazin: Sie sprechen von Sicherheitswahn.

Sloterdjik: Das ist eine der bösen Seiten der letzten Jahre: Wir haben die Nonsensformulierung "Krieg gegen den Terrorismus" mehr oder weniger willenlos geschluckt. Die Menschen sind umdressiert worden, ohne dass sie es gemerkt haben. Aus Bürgern sind Sicherheitsuntertanen geworden. Wir leben jetzt in einer sekuritären Gesellschaft, kein Mensch interessiert sich mehr für Freiheitsthemen, alles wird der Sicherheit untergeordnet. Wer heute gegen den Vorrang der Sicherheit argumentiert, wird als Feind der Menschheit wahrgenommen. Und es ist erstaunlich, wie wenig das beklagt wird: Die Freiheit ist eindeutig das Opfer dieses Jahrzehnts.

ZEITmagazin: Die Sicherheit siegt über die Freiheit. Welche Tendenzen sehen Sie sonst noch in diesen nuller Jahren?

Sloterdjik: Zeitgenossen wissen zumeist nicht, was wirklich wichtig wird. 1968 etwa stand alles im Bann der Studentenunruhen, die letztlich ziemlich banal waren, und kein Mensch nahm Notiz von dem folgenreichsten Ereignis des Jahres: der Ankündigung der Engländer, sich demnächst aus den Emiraten zurückzuziehen.

ZEITmagazin: Wir würden dennoch gern Puzzlestücke sammeln, aus denen vielleicht ein Bild wird. Gibt es Begriffe, die kennzeichnend sind für unsere Zeit?

Sloterdjik: Gier ist sicher ein zentrales Wort der nuller Jahre. Lassen Sie mich dazu kurz ausholen: Ich habe in meinem Buch Zorn und Zeit unterschieden zwischen Thymos und Eros. Sehr vereinfacht gesagt, ist Thymos das stolzgetriebene Bewusstsein, etwas geben zu können. Eros hingegen ist das Habenwollen, das mangelgetriebene Begehren. Im Idealfall pendeln sich Eros und Thymos aus. Aber wir haben unsere Kultur derart übererotisiert, dass das Habenwollen zum Leitaffekt wurde, es ist jetzt in keiner Weise mehr ausbalanciert durch das Gebenwollen. Der Slogan "Geiz ist geil" passte perfekt in die Zeit.

ZEITmagazin: Man kann wohl sagen: Dieses einseitige Habenwollen hat letztlich den Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems verursacht. Der große Crash kam also gar nicht so überraschend für Sie?

Sloterdjik: Es klingt jetzt vielleicht ein bisschen unangemessen, aber ich lebe seit gut zehn Jahren ständig in der Erwartung der Krise und habe auch in meiner philosophischen Arbeit der letzten Zeit immer wieder davon geschrieben. In meinem Buch Zorn und Zeit gibt es ein Kapitel mit der Überschrift Kollapsverzögerung in gierdynamischen Systemen. Mehr kann man eigentlich von einem lebenden Philosophen nicht verlangen.

ZEITmagazin: Was bedeutet denn diese fundamentale Wirtschafts- und Finanzkrise für unsere Gesellschaft?

Sloterdjik: Seit 1945 gibt es ständig ein Wechselspiel zwischen frivolitätsfördernden und seriositätsfördernden Tendenzen. Früher waren die Tendenzwenden in der Regel etwas milder, jetzt erleben wir einen scharfen Einschnitt, so etwas hat es seit 40 Jahren nicht gegeben.

ZEITmagazin: Sie meinen, jetzt wird’s ernst?

Sloterdjik: Es gibt für Jahrzehnte und Zeitgeister keine Staatsbegräbnisse, aber wenn es sie gäbe, dann würde man jetzt ein Staatsbegräbnis erster Klasse veranstalten für diese sehr erträgliche Leichtigkeit des Seins, für dieses ganze neoliberale Frivolitätssyndrom.

ZEITmagazin: Was gehörte sonst noch zu diesem Syndrom?

Sloterdjik: Ein Leittypus der nuller Jahre ist sicherlich der Kandidat von Castingshows. Einer der konstitutiven Träume der Moderne zeigt sich in ihm ganz besonders deutlich: Man will berühmt werden, allein deshalb, weil man existiert. Die Menschen träumen vom leistungslosen Einkommen, sie wollen reich sein, aber das gratis. Wer bin ich, dass ich arbeiten müsste, um wohlhabend zu werden? Noch mehr träumt man vom leistungslosen Ruhm: Wer bin ich, dass ich etwas können müsste, um eine Celebrity zu sein? Beides kommt bei den Kindern von Prominenten zusammen – wahrscheinlich der repräsentativsten Gruppe dieser Zeit.

ZEITmagazin: Sehen Sie ein bestimmtes Bild vor sich, wenn Sie an die nuller Jahre denken?

Sloterdjik: Ja, den Stapellauf der Queen Mary 2. Sofort hatte ich das Gefühl: Jetzt sehen alle, was los ist. Die Leute wollen zurück in den ganz großen Luxus. Man baut wieder ein Schiff für die ganz Reichen, denen die erste Klasse im Flugzeug zu trivial ist. Ein neues Luxusschiff, das Reiseerlebnisse wie damals verspricht, bevor das Massenzeitalter begann. Die Queen Mary 2 ist das Superartefakt dieser Zeit.

ZEITmagazin: Der Anfang dieses Jahrhunderts: Gibt es Parallelen zu Anfängen anderer Jahrhunderte?

Sloterdjik: Die Welt ist voll von schiefen Parallelen. Aber es fällt doch auf, dass Jahrhundertanfänge öfter von Euphorien und Aufschwungphänomenen begleitet sind, die sich allesamt als nicht haltbar erwiesen haben. Kurz nach 1800 war das so, und auch vor dem Ersten Weltkrieg gab es so ein merkwürdig überreiztes Klima. Sensible Gemüter spürten, dass da etwas in der Luft lag.

ZEITmagazin:  Lassen Sie uns noch über Computer, Internet und Handys reden. Wie halten Sie es damit?

Sloterdjik: Das Internet nutze ich intensiv. Ein Handy habe ich mir nie angeschafft, ich habe keine Lust, ständig auf die Frage zu antworten: Von wo sprichst du? Was mich am Handy interessiert, ist eher die Frage, wie sich die Beweglichkeit der Hand verändert, seit es dieses Gerät gibt. Es sieht so aus, als ob der Daumen zum eigentlichen Arbeitsfinger des modernen Menschen geworden ist.

ZEITmagazin: Es gibt tatsächlich erste Untersuchungen, die behaupten, dass unsere Daumen durch das ewige Simsen größer werden.

Sloterdjik: Sehen Sie! Der Daumen hat den übrigen Fingern den Rang abgelaufen, er ist der große Gewinner dieses Jahrzehnts.

Das Gespräch führten Stephan Lebert und Christine Meffert

Peter Sloterdijk, 61, ist einer der bekanntesten Philosophen Deutschlands. 2005 veröffentlichte er sein Buch "Im Weltinnenraum des Kapitals", in dem er sich mit der Globalisierung auseinandersetzt. Im Frühjahr 2009 erscheint "Du sollst dein Leben ändern".