Vom 11. September bis zur Finanzkrise"Die Freiheit ist das Opfer"

Warum Menschen, die bei Sicherheitskontrollen am Flughafen ausrasten, für den Philosophen Peter Sloterdijk die Helden dieses Jahrzehnts sind. Ein Interview

Von Stephan Lebert und Christine Meffert

Das ZEITmagazin hat zahlreiche Persönlichkeiten nach ihrer persönlichen Bilanz der "nuller Jahre" befragt - jenem kurzen Jahrzehnt, das mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 begann und mit dem Zusammenbruch des Finanzsystems2008 endet.

ZEITmagazin: Herr Sloterdijk, wer sind die Helden dieses ersten Jahrzehnts des dritten Jahrtausends?

Peter Sloterdjik: Für mich persönlich ist die Antwort evident: die Menschen, die bei den Sicherheitskontrollen am Flughafen ausgerastet sind. Im Spiegel stand neulich eine hübsche Aufzählung. Ein Passagier hat seine Rasierwasserflasche gegen eine Scheibe geworfen, ein anderer hat eine Kontrolleurin geohrfeigt. Das sind meine Helden, einsame Kämpfer gegen den Sicherheitswahn.

ZEITmagazin: Das klingt jetzt fast so, als hätten Sie selbst schlechte Erfahrungen gemacht.

Sloterdjik: Das kann man so sagen. Ich werde nie vergessen, mit welcher Handbewegung ein Kontrolleur am Flughafen Amsterdam mir deutlich machte, ich müsse jetzt meine Flasche Wein in diesen Container dort werfen, sonst dürfe ich nicht mitfliegen – ein ganz fabelhafter italienischer Rotwein, ein Geschenk des Gastgebers für eine Lesung am Vorabend, völlig nitroglyzerinfrei. Ich sagte diesem Security-Affen, ich würde das auf keinen Fall tun, ich würde zu meiner Vergewaltigung nicht auch noch die Hand reichen, das müsse er schon selber machen. Darauf hat er die Flasche in die Tonne geworfen. Den dumpfen Schlag höre ich noch immer, das ist der Sound des Jahrzehnts.

ZEITmagazin: Sie sprechen von Sicherheitswahn.

Sloterdjik: Das ist eine der bösen Seiten der letzten Jahre: Wir haben die Nonsensformulierung "Krieg gegen den Terrorismus" mehr oder weniger willenlos geschluckt. Die Menschen sind umdressiert worden, ohne dass sie es gemerkt haben. Aus Bürgern sind Sicherheitsuntertanen geworden. Wir leben jetzt in einer sekuritären Gesellschaft, kein Mensch interessiert sich mehr für Freiheitsthemen, alles wird der Sicherheit untergeordnet. Wer heute gegen den Vorrang der Sicherheit argumentiert, wird als Feind der Menschheit wahrgenommen. Und es ist erstaunlich, wie wenig das beklagt wird: Die Freiheit ist eindeutig das Opfer dieses Jahrzehnts.

ZEITmagazin: Die Sicherheit siegt über die Freiheit. Welche Tendenzen sehen Sie sonst noch in diesen nuller Jahren?

Sloterdjik: Zeitgenossen wissen zumeist nicht, was wirklich wichtig wird. 1968 etwa stand alles im Bann der Studentenunruhen, die letztlich ziemlich banal waren, und kein Mensch nahm Notiz von dem folgenreichsten Ereignis des Jahres: der Ankündigung der Engländer, sich demnächst aus den Emiraten zurückzuziehen.

ZEITmagazin: Wir würden dennoch gern Puzzlestücke sammeln, aus denen vielleicht ein Bild wird. Gibt es Begriffe, die kennzeichnend sind für unsere Zeit?

Sloterdjik: Gier ist sicher ein zentrales Wort der nuller Jahre. Lassen Sie mich dazu kurz ausholen: Ich habe in meinem Buch Zorn und Zeit unterschieden zwischen Thymos und Eros. Sehr vereinfacht gesagt, ist Thymos das stolzgetriebene Bewusstsein, etwas geben zu können. Eros hingegen ist das Habenwollen, das mangelgetriebene Begehren. Im Idealfall pendeln sich Eros und Thymos aus. Aber wir haben unsere Kultur derart übererotisiert, dass das Habenwollen zum Leitaffekt wurde, es ist jetzt in keiner Weise mehr ausbalanciert durch das Gebenwollen. Der Slogan "Geiz ist geil" passte perfekt in die Zeit.

ZEITmagazin: Man kann wohl sagen: Dieses einseitige Habenwollen hat letztlich den Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems verursacht. Der große Crash kam also gar nicht so überraschend für Sie?

Sloterdjik: Es klingt jetzt vielleicht ein bisschen unangemessen, aber ich lebe seit gut zehn Jahren ständig in der Erwartung der Krise und habe auch in meiner philosophischen Arbeit der letzten Zeit immer wieder davon geschrieben. In meinem Buch Zorn und Zeit gibt es ein Kapitel mit der Überschrift Kollapsverzögerung in gierdynamischen Systemen. Mehr kann man eigentlich von einem lebenden Philosophen nicht verlangen.

ZEITmagazin: Was bedeutet denn diese fundamentale Wirtschafts- und Finanzkrise für unsere Gesellschaft?

Sloterdjik: Seit 1945 gibt es ständig ein Wechselspiel zwischen frivolitätsfördernden und seriositätsfördernden Tendenzen. Früher waren die Tendenzwenden in der Regel etwas milder, jetzt erleben wir einen scharfen Einschnitt, so etwas hat es seit 40 Jahren nicht gegeben.

ZEITmagazin: Sie meinen, jetzt wird’s ernst?

Sloterdjik: Es gibt für Jahrzehnte und Zeitgeister keine Staatsbegräbnisse, aber wenn es sie gäbe, dann würde man jetzt ein Staatsbegräbnis erster Klasse veranstalten für diese sehr erträgliche Leichtigkeit des Seins, für dieses ganze neoliberale Frivolitätssyndrom.

ZEITmagazin: Was gehörte sonst noch zu diesem Syndrom?

Sloterdjik: Ein Leittypus der nuller Jahre ist sicherlich der Kandidat von Castingshows. Einer der konstitutiven Träume der Moderne zeigt sich in ihm ganz besonders deutlich: Man will berühmt werden, allein deshalb, weil man existiert. Die Menschen träumen vom leistungslosen Einkommen, sie wollen reich sein, aber das gratis. Wer bin ich, dass ich arbeiten müsste, um wohlhabend zu werden? Noch mehr träumt man vom leistungslosen Ruhm: Wer bin ich, dass ich etwas können müsste, um eine Celebrity zu sein? Beides kommt bei den Kindern von Prominenten zusammen – wahrscheinlich der repräsentativsten Gruppe dieser Zeit.

ZEITmagazin: Sehen Sie ein bestimmtes Bild vor sich, wenn Sie an die nuller Jahre denken?

Sloterdjik: Ja, den Stapellauf der Queen Mary 2. Sofort hatte ich das Gefühl: Jetzt sehen alle, was los ist. Die Leute wollen zurück in den ganz großen Luxus. Man baut wieder ein Schiff für die ganz Reichen, denen die erste Klasse im Flugzeug zu trivial ist. Ein neues Luxusschiff, das Reiseerlebnisse wie damals verspricht, bevor das Massenzeitalter begann. Die Queen Mary 2 ist das Superartefakt dieser Zeit.

ZEITmagazin: Der Anfang dieses Jahrhunderts: Gibt es Parallelen zu Anfängen anderer Jahrhunderte?

Sloterdjik: Die Welt ist voll von schiefen Parallelen. Aber es fällt doch auf, dass Jahrhundertanfänge öfter von Euphorien und Aufschwungphänomenen begleitet sind, die sich allesamt als nicht haltbar erwiesen haben. Kurz nach 1800 war das so, und auch vor dem Ersten Weltkrieg gab es so ein merkwürdig überreiztes Klima. Sensible Gemüter spürten, dass da etwas in der Luft lag.

ZEITmagazin:  Lassen Sie uns noch über Computer, Internet und Handys reden. Wie halten Sie es damit?

Sloterdjik: Das Internet nutze ich intensiv. Ein Handy habe ich mir nie angeschafft, ich habe keine Lust, ständig auf die Frage zu antworten: Von wo sprichst du? Was mich am Handy interessiert, ist eher die Frage, wie sich die Beweglichkeit der Hand verändert, seit es dieses Gerät gibt. Es sieht so aus, als ob der Daumen zum eigentlichen Arbeitsfinger des modernen Menschen geworden ist.

ZEITmagazin: Es gibt tatsächlich erste Untersuchungen, die behaupten, dass unsere Daumen durch das ewige Simsen größer werden.

Sloterdjik: Sehen Sie! Der Daumen hat den übrigen Fingern den Rang abgelaufen, er ist der große Gewinner dieses Jahrzehnts.

Das Gespräch führten Stephan Lebert und Christine Meffert

Peter Sloterdijk, 61, ist einer der bekanntesten Philosophen Deutschlands. 2005 veröffentlichte er sein Buch "Im Weltinnenraum des Kapitals", in dem er sich mit der Globalisierung auseinandersetzt. Im Frühjahr 2009 erscheint "Du sollst dein Leben ändern".

 
Leserkommentare
  1. Philosophie als Versuch, eine oder die menschliche Existenz zu beschreiben, zu erklären, zu deuten, zu analysieren, kurz der Zweck ist es, die menschliche Welt kritisch zu hinterfragen.

    Philosophie arbeitet mit dem Mittel der Sprache, des Wortes, der Symbolik und anhand von Metaphern, Letztere sind manchmal nur Worte, die stellvertretend für etwas stehen. Manchmal sind es bewusst umschreibende, vielleicht sogar auf den ersten Blick unklare oder gar kunstvolle Sprachgebilde, die sich auf den ersten Blick vom normalen Sprachgebrauch oder allgemeinen Verständnis abheben.

    Sloterdijk hat im Bereich Sprachwissenschaften in Hamburg promoviert und später eine Gastdozentur an der Goethe Uni Ffm für Poetik gehalten.
    In den frühen 70ern schrieb er ein Essay über den berühmten Philosophen Folcauts mit dem Titel:
    Die Ökonomie der Wortspiele.

    Warum erwähne ich das eigentlich alles?

    Nun, es reiben sich hier im Forum Einige an dem Problem „Rotwein- Flasche“ auf.
    Kann ja sein, die Geschichte hat einen realen Bezug, kann aber auch sein, sie steht (oder soll) symbolhaft für etwas (stehen)?

    Eine simple Flasche Rotwein, bekommen vom Gastgeber für eine Vorlesung am Vorabend.
    Vielleicht über das Thema Freiheit und Beschränkung, die Freiheit als das Opfer?
    Und am nächsten Tag die Konfrontation mit der Realität, der Verlust dieser Freiheit, der Verlust dieser Anerkennung, dieses Gastgeschenkes, das opfern einer persönlichen Würdigung an eine abstruse, immer mehr ausufernde Sicherheitsphilosophie?

    Manchmal frage ich mich, ob all die „politisch Korrekten“, die „allesversteher-ist-ja-für-eine-gute-sache“ noch nie an einem Checkpoint gestanden haben?

    In Viererreihe, anderthalb Stunden wartend, wie das Schlachtvieh, bis man dran war am „Bodyscanner“ , wo es dann aber nicht auslangt, zusätzlich noch mit dem Sicherheitsstab zwischen den Beinen abgetastet und abgefummelt zu werden.
    Wo man dann noch den Gürtel aus der Hose ziehen muss, die Armbanduhr ablegen, die Hosentaschen nach außen zu stülpen hat und selbst die Schuhe ausziehen muss, obwohl man zuvor außerdem noch auf einer Prüfplatte gestanden hat?
    Ich habe das selbst oft genug erlebt, und es ist schlicht entwürdigend.
    Und selbst wenn Du aus Erfahrung schon alles möglicherweise kompromittierende vermeidest, bewusst kein Bordgepäck dabei hast, nicht mal ne kleine Tasche, quasi nur im Hemd und Hose vor den „Sicherheitsaffen’ dastehst, heißt es solange suchen, bis man doch noch was abzulegen hat.

    Dies ist eine Prozedur, die es darauf anlegt, auszutesten, wie weit die Geduld der Menschen strapazierbar ist, wie weit sie mit sich umspringen lassen.
    Im alltäglichen Leben funktioniert es doch schon ganz gut, Dutzende von nicht mehr überschaubaren Gesetzgebungen „zur Sicherheit“ hat man doch schon geschluckt.

    Einige „heulen“ hier im Forum auf, das sich der Unmut sozusagen gegen den kleinen „Kontrolleur“ am Flughafen richtet, mit seinen 1.200 EUR Einkommen.
    Dabei gehe ich fast jede Wette ein, das es aber bestimmt auch die sind, welche sich im Lebensmittelmarkt an der Ecke nicht scheuen, ihren Unmut bei der Kassiererin mit 900 EUR abzulassen, weil irgendwas nicht klappt, oder man zu lange ansteht.

    Und es sind auch gewiss die, welche sich auch nicht scheuen, jeden ehemaligen ostdeutschen Streifenpolizisten als Handlanger, als „Knüppelknecht“ der DDR-Diktatur zu bezeichnen.
    Die sich aber mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit von den demokratischen legitimierten Handlangern in einem schleichenden vor sich gehenden Prozess, einer immer mehr eingeschränkten Demokratie fast genüsslich, ja beinahe „masochistisch“ Tag für Tag ein Stück Demokratie, Tag für Tag ein Stück dieser Freiheit bereitwillig abnehmen lassen.

    In vielen Teilen der Welt haben Menschen noch eine „Freiheit“ besessen, sei es in den Elendsquartieren von Delhi oder in den Favelas von Rio.
    Heute geht es darum, auch den Menschen ihre Rechte immer mehr einzuschränken, die sich über lange Zeiträume – wenn auch eine relative – Freiheit geschaffen und erkämpft haben.

    Mit einem Patriot –Act fing alles Mal irgendwann an,

    ging über geheime Gefängnisse und den illegalen Transport von Gefangen,

    der illegalen Entführung

    der legitimierten Folter

    der Entwürdigung in Gefängnissen

    des Ausspionierens persönlicher Daten

    der systematischen Katalogisierung der Bürger

    der großen Lüge über notwendige Kriege zur Verteidigung der Freiheit

    bis zur Auslieferung von deutschen Polizeidaten an "höhere Mächte"

    Nein, ein bitterer Beschwerdebrief an Herrn S. ändert hier nichts mehr.

    Die, welche leutselig über die alte „Stasi“ als Unterdrückungsapparat philosophieren, haben Stasi 2.0 unter dem Deckmantel Demokratie längst akzeptiert.

    Es ist, muss der kleine, täglich stattfindende Opportunismus sein, die Verweigerungshaltung gegen all diese abstrusen Orwellschen Gedankengänge, der zeigt:

    So nicht mehr!

    In diesem Sinne, Herr Peter Sloterdijk.
    Sie haben vollkommen Recht.
    Und wenn es nur eine Flasche Rotwein ist.

    (Ich habe meine Schuhe auch schon durch die Kontrolle geworfen.)

    Denn all dies ist getreu dem Motto:

    "Die Freiheiten, die man zu Zeiten dem Volk gestattete, sollte nichts als Probe sein, ob wohl die Ketten noch gut anliegen."
    Ludwig Börne, 1786 bis 1837

    PS:

    Und es ist ein Segen für die Menschen, das einer der Anführer dieser „Sicherheitsaffen’ bald die politische Weltbühne verlässt.
    Der von ihm angerichtete Schaden ist ohnehin nicht zu beziffern.

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    sollte man Herrn Sloterdijk `mal empfehlen, in einer x-beliebigen deutschen Großstadt montagmorgens, zwischen 6 und 7 mit S- oder U-Bahn von der
    Peripherie ins Zentrum zu fahren, den tuschelnden Gesprächen zu lauschen - das Verdrehen der Augen bei dem Wort Chef oder Chefin immer wieder zu beobachten -
    die stumpfen und völlig desillusionierten Blicke vieler anderer zu betrachten.
    Die allgegenwärtige Angst vor Jobverlust, die permanent instrumentalisiert wird - der Fall ins Bodenlose und damit der Verlust jeglicher oft in mühsamer Kleinarbeit
    geschaffener "materialisierter Sicherheit"für Familie und sich selbst - das wiegt wesentlich schwerer als der paranoide Sicherheitswahn an Flughäfen.
    Kommunikation findet eben zumeist nur noch ständespezifisch statt - horizontal, nicht vertikal - insofern wird Herr Sloterdijk wahrscheinlich primär mit dem Taxi zum Flughafen fahren und diese Erfahrung und Beobachtung wohl kaum in seinen ansonsten immer wieder lesenswerten Überlegungen verarbeiten.
    Was die Flasche Wein betrifft muss man ihm eine etwas eindimensionale Reaktionsweise konstatieren. Wenn es das Zeitfenster erlaubt, sollte man die gute Flasche nicht opfern. Ich bin zuletzt in Catania auch beim Anblick der überquellenden Container beim Check-in nochmals zurück in die Halle und wollte meinen Wein verscherbeln - mehrere Flaschen bester Nero d`Avola und Frappato, Geschenke für Familie und Freunde wie sie selbst der sizilianische Supermercato hier nicht hat. Konnte und wollte natürlich keiner kaufen. Die dachten alle, ich wäre meschugge - oder Terrorist oder so. In einer Bar eine Bellezza hinter der Theke gab mir die zwanzig Euro, die sie dabei hatte - einen Espresso gab`s dazu. Sie wird wahrscheinlich so manchen Abend mit Freunden darauf bei einem guten Glas Wein verbracht - und auf mich, den pazzo Tedesco - den verrückten Deutschen - und auf uns angestoßen haben.

    sollte man Herrn Sloterdijk `mal empfehlen, in einer x-beliebigen deutschen Großstadt montagmorgens, zwischen 6 und 7 mit S- oder U-Bahn von der
    Peripherie ins Zentrum zu fahren, den tuschelnden Gesprächen zu lauschen - das Verdrehen der Augen bei dem Wort Chef oder Chefin immer wieder zu beobachten -
    die stumpfen und völlig desillusionierten Blicke vieler anderer zu betrachten.
    Die allgegenwärtige Angst vor Jobverlust, die permanent instrumentalisiert wird - der Fall ins Bodenlose und damit der Verlust jeglicher oft in mühsamer Kleinarbeit
    geschaffener "materialisierter Sicherheit"für Familie und sich selbst - das wiegt wesentlich schwerer als der paranoide Sicherheitswahn an Flughäfen.
    Kommunikation findet eben zumeist nur noch ständespezifisch statt - horizontal, nicht vertikal - insofern wird Herr Sloterdijk wahrscheinlich primär mit dem Taxi zum Flughafen fahren und diese Erfahrung und Beobachtung wohl kaum in seinen ansonsten immer wieder lesenswerten Überlegungen verarbeiten.
    Was die Flasche Wein betrifft muss man ihm eine etwas eindimensionale Reaktionsweise konstatieren. Wenn es das Zeitfenster erlaubt, sollte man die gute Flasche nicht opfern. Ich bin zuletzt in Catania auch beim Anblick der überquellenden Container beim Check-in nochmals zurück in die Halle und wollte meinen Wein verscherbeln - mehrere Flaschen bester Nero d`Avola und Frappato, Geschenke für Familie und Freunde wie sie selbst der sizilianische Supermercato hier nicht hat. Konnte und wollte natürlich keiner kaufen. Die dachten alle, ich wäre meschugge - oder Terrorist oder so. In einer Bar eine Bellezza hinter der Theke gab mir die zwanzig Euro, die sie dabei hatte - einen Espresso gab`s dazu. Sie wird wahrscheinlich so manchen Abend mit Freunden darauf bei einem guten Glas Wein verbracht - und auf mich, den pazzo Tedesco - den verrückten Deutschen - und auf uns angestoßen haben.

  2. Sie war ihm echt egal,
    er leidet an der Freiheit,
    die ihm die Tat beschar.
    Niemand soll mehr irren,
    der Freiheit Opfer Wirren,
    Pacta sunt servanda's
    sein Attentat ist anders

  3. Ich jedenfalls unterschreibe alle Peter S.-Aussagen. Und zwar lächelnd und kopfnickend. Weil sie mir gefallen, weil er Recht hat, weil ich ihm mal in Rom die Hand schütteln durfte und weil auch ich kein "Handy" habe oder je gehabt habe. Punkt.

  4. Versetzt man sich in die Lage von Peter Sloterdijk, sofern das theoretisch überhaupt möglich ist, so muss man doch wohl feststellen, dass er aller materieller Sorgen entledigt ist und das in einer solchen Situation eine Flasche Wein guten Jahrgangs schon eine wichtige Rolle spielen kann, so dass man sie in eine Heldengeschichte einwebt.

    Man spürt, wie er dem guten Tropfen hinterher trauert, auch dieser unwürdige Plopp in den Papierkorb ist ein schönes unschönes Bild. Eigentlich sagt er: Dieser Flughafenbarbare hat weder den Wert der Flasche erkannt, noch den Wert, den ich dieser Flasche (ev. berechtiger weise) gebe. Er hat auch nicht gesehen, dass ihm diese mit einer ihm wichtigen Geste der Freundschaft überreicht wurde. Dieser Flughafenmitarbeiter vernichtet alle diese menschlichen Werte mit einer belanglosen, verachtenden Handbewegung, weil irgendwelche Vorschriften ihn dazu drängen. Ev. Könnte man diesen ganzen Akt höflicher gestalten - aber das hatte der Flughafenaffe nicht drauf, liegt ev. Auch abseits seiner Fähigkeiten.

    Vielleicht ist das der Kern der Geschichte: Dass Paragraphen die Vergewaltigung persönlicher Werte, irgendwo auch die der menschlicher Würde rücksichtslos erfordern und dass es Personen gibt, die dem Staat, der Sicherheits-Firma hier in dieser Hinsicht dienen, vielleicht sich aber auch abreagieren (können), weil sie einen schlechten Tag haben. Hätte dieser Beamte freundlicher reagiert und nicht mit dieser abwertenden Geste, wäre er wahrscheinlich nicht zum Antihelden aufgestiegen.

    Nebenbei habe ich mich allerdings gefragt, warum Peter Sloterdijk diese Flasche nicht Umstehenden gereicht hat, irgendwo war doch sicher jemand herumgestanden, der erkenntlich nicht mitflog.

    Meine Helden des Alltags sehen anders aus: Ich bewundere junge Leute, Familien, die an das Positive glauben, die heute Kinder in die Welt setzen, die ev. der Politik vertrauen, dass diese ihre (und nicht parteitaktische, lobbygesteuerte) Interessen vertritt, die, um es mal vereinfacht zu sagen, an „das Gute" glauben, die Ideale haben. Leute die sich engagieren sich für ihre und eine positive Zukunft ihrer Kinder einsetzen. Ich bewundere die Rentner und Rentnerinnen, die ganzen kleinen Arbeiter und Angestellten, die oftmals fast menschenunwürdige Situationen aushalten, sei es aus persönlichen Gründen wg. Krankheiten, oder aus finanziellen, weil ihre Rente nicht reicht und die trotzdem ihr Heldenleben zu Ende spielen ohne sich zu beklagen. Diese Helden machen meiner Einschätzung nach mindestens 50 Prozent der Bevölkerung aus. Es ist unglaublich, wieviele „Niederlagen" im Gegensatz zur wohlhabenderen Bevölkerung hier eingesteckt werden - und kein Hahn, kein Sloterdijk und auch sonst niemand der Priveligierten wird jemals nach ihnen krähen.

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    Schöne Exegese! -- und: volle Zustimmung!

    Schöne Exegese! -- und: volle Zustimmung!

  5. Lieber Elchkritiker
    Wer sagt ihnen, dass sie Recht haben und die Studenten nur manipulierte Karrieremenschen sind?
    Glauben sie ein/e 19-25 jährige(r) ist nicht in der Lage seinen bzw. ihren eigenen Lebensweg zu finden?
    Gibt es nur einen richtigen Lebenswurf-ihren?
    ich bin Studentin und durfte an der Uni eine Vielzahl von Charakteren kennen lernen: Karrieremenschen, aber auch Weltverbesserer, die später für ein schmales Gehalt unsere Gesellschaft ein bisschen verbessern wollen. Und die meisten der Studenten befinden sich zwischen diesen beiden Extremen.
    Meine Generation ist vielleicht nicht die, die sie sich erwünschten, aber das haben ihre Eltern vermutlich auch über ihre Generation gedacht.
    Denken sie mal darüber nach..

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    dafür,daß diese Studentengeneration grossteils Opfer der neuromantischen Ökonomie ist,können sich deren Eltern bzw.Vorbilder nicht entziehen
    da muss ich Ihnen recht geben,
    ein aufmucken wenn überhaupt, kommt allerdings meist aus den Reihen der sogenannten Underdogs
    den nicht so Bevorzugten dieser Gesellschaft,die man aber nicht unterschätzen sollte

    Ich beanspruche nicht Unfehlbarkeit. Ich habe nur versucht ein paar subjektive Eindrücke zu vermitteln.
    Natürlich sind die 19-25 jährigen in der Lage ihren eigenen Lebensweg zu finden. Wäre schlimm wenn nicht...
    Ich finde nur, daß unsere Gesellschaft in allen Schichten viel zu unkritisch ist und vieles, ohne zu hinterfragen oder sich für die wirklichen Ursachen zu interessieren, hinnimmt. Und da nehme ich die Studenten nicht aus. Was ja nicht heißen soll, daß es nicht auch Menschen gibt, die sich mit den Geschehnissen und ihren Hintergründen beschäftigen - so wie hier im Forum. Und ganz sicher ist mein Lebensentwurf nicht der "einzig richtige". Aber es gibt eben noch ein bißchen mehr als die beiden von Ihnen geschilderten Extreme - Karrieremensch und Weltverbesserer (für wenig Geld) - und den Rest dazwischen. Da kommt sie nämlich schon zum Vorschein, die Fixierung aufs Geld. Die Meßlatte wird auch von Ihnen anscheinend anhand materieller Werte geeicht.
    "Meine Generation ist vielleicht nicht die, die sie sich erwünschten, aber das haben ihre Eltern vermutlich auch über ihre Generation gedacht."
    Da kann ich Ihnen nur zustimmen.
    Und noch zu Sloterdijk: Ich kann seine Äußerungen, die manchmal satirisch überhöht erscheinen, belächeln, kann schmunzeln oder auch laut lachen und rufen: "Ja, recht hat er!" Aber solange darüber nur gelacht und geschmunzelt wird, bringt das gar nichts. Die Kritik von Satirikern, Komikern, Philosophen braucht zu lange um zu wirken, um eine Veränderung im Bewußtsein der Menschen herbeizuführen. Wer wirklich was verändern will, muß mehr machen als ins Kabarett gehen.

    dafür,daß diese Studentengeneration grossteils Opfer der neuromantischen Ökonomie ist,können sich deren Eltern bzw.Vorbilder nicht entziehen
    da muss ich Ihnen recht geben,
    ein aufmucken wenn überhaupt, kommt allerdings meist aus den Reihen der sogenannten Underdogs
    den nicht so Bevorzugten dieser Gesellschaft,die man aber nicht unterschätzen sollte

    Ich beanspruche nicht Unfehlbarkeit. Ich habe nur versucht ein paar subjektive Eindrücke zu vermitteln.
    Natürlich sind die 19-25 jährigen in der Lage ihren eigenen Lebensweg zu finden. Wäre schlimm wenn nicht...
    Ich finde nur, daß unsere Gesellschaft in allen Schichten viel zu unkritisch ist und vieles, ohne zu hinterfragen oder sich für die wirklichen Ursachen zu interessieren, hinnimmt. Und da nehme ich die Studenten nicht aus. Was ja nicht heißen soll, daß es nicht auch Menschen gibt, die sich mit den Geschehnissen und ihren Hintergründen beschäftigen - so wie hier im Forum. Und ganz sicher ist mein Lebensentwurf nicht der "einzig richtige". Aber es gibt eben noch ein bißchen mehr als die beiden von Ihnen geschilderten Extreme - Karrieremensch und Weltverbesserer (für wenig Geld) - und den Rest dazwischen. Da kommt sie nämlich schon zum Vorschein, die Fixierung aufs Geld. Die Meßlatte wird auch von Ihnen anscheinend anhand materieller Werte geeicht.
    "Meine Generation ist vielleicht nicht die, die sie sich erwünschten, aber das haben ihre Eltern vermutlich auch über ihre Generation gedacht."
    Da kann ich Ihnen nur zustimmen.
    Und noch zu Sloterdijk: Ich kann seine Äußerungen, die manchmal satirisch überhöht erscheinen, belächeln, kann schmunzeln oder auch laut lachen und rufen: "Ja, recht hat er!" Aber solange darüber nur gelacht und geschmunzelt wird, bringt das gar nichts. Die Kritik von Satirikern, Komikern, Philosophen braucht zu lange um zu wirken, um eine Veränderung im Bewußtsein der Menschen herbeizuführen. Wer wirklich was verändern will, muß mehr machen als ins Kabarett gehen.

  6. Es geht um den Sicherheitswahn, doch die Namen Schäuble, Schily und Zypries fallen nicht. Statt dessen debattiert die intellektuelle Elite über Sicherheitsbeamte am Flughafen. Ich stelle fest: Die mediale Gehirnwäsche war höchst erfolgreich.

  7. dafür,daß diese Studentengeneration grossteils Opfer der neuromantischen Ökonomie ist,können sich deren Eltern bzw.Vorbilder nicht entziehen
    da muss ich Ihnen recht geben,
    ein aufmucken wenn überhaupt, kommt allerdings meist aus den Reihen der sogenannten Underdogs
    den nicht so Bevorzugten dieser Gesellschaft,die man aber nicht unterschätzen sollte

    • MDNL
    • 13.12.2008 um 15:24 Uhr

    "Sloterdjik: Es gibt für Jahrzehnte und Zeitgeister keine Staatsbegräbnisse, aber wenn es sie gäbe, dann würde man jetzt ein Staatsbegräbnis erster Klasse veranstalten für diese sehr erträgliche Leichtigkeit des Seins, für dieses ganze neoliberale Frivolitätssyndrom."

    Daran glauben auch nur Sie! Diese westliche Welt ist doch viel zu verbohrt in ihre kurzsichtige Träumerei, als dass der momentane Einschnitt zu einer entscheidenden Veränderung führen könnte.

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